Netflix Originals
Daredevil Staffel 2: Elektra, Punisher & der BRAAAM-Sound

Endlich auf Netflix verfügbar: Daredevil Staffel 2. Wieso kaum eine andere Comic-Verfilmung zur Zeit da mithalten kann und wieso wir Helden lieben!
von Jessica Mancuso am 7. April 2016

Auch im März ließ Netflix keine Wünsche offen, was Neuerscheinungen angeht. Seit dem 18.3. ist nun endlich auch Daredevil Staffel 2 draußen.

Als großer Daredevil-Fan konnte ich die zweite Staffel kaum erwarten. Natürlich habe ich sie mir auch schon komplett reingezogen.

Was euch erwartet? Der verletzliche Held Matt Murdock beschützt seine Hood Hell’s Kitchen weiter vor Kriminellen. Die Atmosphäre ist weiter angenehm düster. Die Yakuza sind noch da und zwei neue Protagonisten sind am Start: The Punisher und Elektra. Aber mal ganz von Vorne:

Nach dem Ende der 1. Staffel…

…hatte ich nur einen Gedanken: Wie soll es nach Fisk weitergehen? Der beste Kingpin aller Zeiten wurde festgenommen und mit ihm wurden die italienischen Opern verbannt, die immer für diese gewisse Atmosphäre gesorgt hatten und eine herrliche Diskrepanz zwischen der kruden Gewalt und der Leichtigkeit der Musik kreierte.

Doch ich wurde nicht enttäuscht. Der Einstieg in die 2. Staffel von Daredevil fiel zwar nicht leicht, da Fisk fehlte, doch mit dem sagenhaften Auftritt des Punishers wurde alles wieder gut gemacht.

Wer hat Angst vorm Punisher?

Alle, die klug genug sind, um zu wissen, dass er auch sie kriegen wird. Denn der Punisher, wie der Name schon sagt, ist der Bestrafer, der jeden erwischt, der Dreck am Stecken hat.

Anfangs wird er noch als durchgeknallter Killer mit kurzer Zündschnur verstanden. Mit seiner Reaktion auf den schmierigen Kinderporno-Verkäufer ändert sich der Eindruck schlagartig. Ich will nicht spoilern, aber: Aus dem wird Kleinholz gemacht. Und damit ballert sich der Punisher einen Platz in unsere Herzen frei. Wieso? Weil er ein weiterer Antiheld ist, ähnlich wie Daredevil selbst. Aber dazu kommen wir später noch.

Ein Soldat auf Kriegskurs

Mit dem Punisher erhält lautes Geballer und viel Pew Pew Einzug in die Serie, wo vorher mehr Kampfkunst dominierte. Ich persönlich mag es ja lieber körpernah: Treten, schlagen, kratzen, beißen. Waffen sind was für Weicheier. Außer du bist ein Soldat, dann sind Waffen wohl deine besten Freunde und dafür habe ich Verständnis. Und genau das ist es, was den Punisher ausmacht: seine Vorgeschichte.

Er war im Krieg, hat gedient, kam mit einem Trauma nach Hause, wo seine Frau und zwei Kinder auf ihn warteten. Eines Tages machten sie einen Ausflug in den Park, gingen mit den Kleinen zum Karussell; ein klassischer Familientag. Wären da nicht 3 verfeindete Banden, die aus dem Nichts anfangen um sich zu feuern. Dabei werden seine Frau und seine beiden Kinder getötet. Ab diesem Augenblick steht für Frank „the Punisher“ fest: Sie werden dafür bezahlen und zwar mit ihrem Leben. Damit beginnt die Jagd des Bestrafers auf die kriminellen Banden, die Hell’s Kitchen fest in ihrer Hand haben und seine Familie gekillt haben.

Aufgrund dieser Vorgeschichte erscheint der Punisher in einem neuen Licht. Plötzlich ist er nicht mehr der durchgeknallte, traumatisierte Soldat, der wahllos um sich schießt, um möglichst vielen Menschen Schmerzen zuzufügen. Sondern ein Mann, dem sein Lebensinhalt gestohlen wurde und der nun auf Rache aus ist. Und obwohl Rache meist ein mieser Ratgeber ist: In diesem einen besonderen Fall kann man nicht anders, als Frank anzufeuern und zu hoffen, dass er sie alle kaltmacht. Das Sympathisieren mit dem Antihelden beginnt.

Prickelnde Flashbacks mit Elektra

Mit Elektra wird eine weitere neue Figur vorgestellt, die in der 2. Staffel mit Daredevil gegen die Yakuza kämpft. Durch ihren ersten Auftritt wird Murdocks Vergangenheit weiter beleuchtet, die zeigt, dass die beiden sich bereits seit der Uni kennen.

Schnell wird klar, dass zwischen den beiden früher mehr lief und sie sich nicht gerade im Guten voneinander getrennt haben. Als Elektra in Hell’s Kitchen auftaucht, ist erstmal niemandem bekannt, dass sie ebenfalls wie ihr alter Unifreund nachts auf Verbrecherjagd ist. Und was das Kämpfen angeht, steht sie Daredevil in nichts nach. Ganz im Gegenteil: Wo er seinem moralischen Codex stets treu bleibt, hat sie keinerlei Probleme damit, ihre Gegner komplett auszuschalten.

Matt Murdock ist in den ersten Folgen der zweiten Staffel einfach zu oft angezogen. Alle Mädels

Elektrisierend wird es dennoch, denn die schöne Kämpferin erlaubt dem Zuschauer nun einen etwas intimeren Einblick in Matt Murdock. Denn die ersten Folgen der 2. Staffel waren für das weibliche Publikum insofern etwas enttäuschend, als dass er „einfach zu oft angezogen“ ist.

Also keine Sorge, die Klamotten kommen auch diesmal runter. Irgendwann. Im Laufe der Staffel.

Held, Antiheld, Superheld?

Möchte man Daredevil als Held kategorisieren, so liegt der Begriff des einfachen Helden erstmal auf der Hand. Unter einem einfachen Helden versteht man ganz nach dem Ursprung des modernen Heldenmythos den klassischen Soldaten, der an der Front für sein Land kämpft.

Kleiner Exkurs: 1938 erschien der erste Superman Comic. Obwohl es bereits vor ihm einige Figuren gab, die gegen das Böse kämpften, war er der Erste, der die wichtigen Helden-Merkmale aufwies, die bis heute geltend sind. Dazu gehören die Geheimidentität, die überirdischen Kräfte und das Kostüm.

Auch auf Daredevil treffen diese Kriterien zu. In meinem Fall war es bis vor kurzem sogar so, dass ich die Sache mit den Superkräften bei ihm missverstanden hatte. Seit einem Unfall mit Säure in seiner Kindheit ist Matt Murdock blind. Dass er sich im Dunklen dennoch so frei bewegen kann und seine anderen Sinne geschärft sind, hatte ich dem bloßen Zustand der Blindheit zugeschrieben, was im Nachhinein etwas naiv war. Denn tatsächlich war die Säure, die der junge Matt in die Augen bekam, eine radioaktive Säure.

Seit Spiderman wissen wir alle, was die Berührung eines Menschen mit Radioaktivität auslöst: Die Gene, der komplette DNA-Strang verändert sich und in einigen, seltenen Fällen kann man mit Spinnennetzen aus dem Handgelenk um sich spritzen. Ha! Bei Daredevil sorgte also gerade diese Tatsache für seine übermenschlichen Kräften. Klares Fazit: Daredevil ist ein Superheld. Und zwar ein klassischer, wie er im Comicbuche steht.

Den einfachen Helden bekommt man in der 2. Staffel mit dem Punisher aber auch vorgesetzt. Und vielleicht ist diese Einfachheit auch ein Grund dafür, dass man mit ihm sympathisiert. Er ist einer von uns, wenn auch ein ganz kleines bisschen aggressiver.
Aber ein Soldat als Held? Oh ja, ein Soldat als Held!

Während des Krieges boomte damals das Superheldengenre in den USA und nach dem Krieg erlebte es Einbußen. Es kommt nicht von ungefähr, dass die patriotischen Captain Americas gerade in Krisenzeiten den Globus eroberten, der nach Hoffnung und Sicherheit lechzte. Und auch wenn Europa kein Kriegsgebiet ist, so lernt auch unsere Generation seit einigen Jahren den Krieg wieder etwas näher kennen. Wenn der Terror vor der Hausschwelle steht und winkt, verschanzt sich die menschliche Psyche gern in Welten, in denen maskierte Männer und Frauen Selbstjustiz ausüben und nachts Bürgerwache spielen. Und dafür eignen sich Superhelden wie keine anderen. Denn in der Realität ist, und das muss an dieser Stelle erwähnt werden, um Selbstjustiz nicht zu verherrlichen, eine selbst ernannte Bürgerwehr, die sich bis zu den Zähnen bewaffnet, keine Lösung.

Mit dem Punisher tritt die Figur auf, die den klassischen Helden der Neuzeit perfekt verkörpert: Vom Krieg traumatisiert, auf Rache aus, ein Einzelkämpfer, der nichts mehr zu verlieren hat. Das alles macht ihn zur tickenden Zeitbombe und die gesamte 2. Staffel zu einem dynamischen, spannungsgeladenen und mit starken Emotionen durchzogenen Schauspiel.

Wenn es in der aktuellen Staffel einen Antihelden gibt, dann ist es Elektra. Ihre Motive bleiben lange Zeit verborgen. Man kann nicht nachvollziehen, wieso sie gegen die Yakuza vorgehen möchte, von der Murdock in der 1. Staffel noch dachte, er hätte sie alle aus Hell’s Kitchen vertrieben. Daher sucht Elektra Hilfe bei ihrem alten Freund, ohne zu wissen, dass auch er mittlerweile als Kämpfer durch die dunkle Stadt rennt. Man fragt sich, ob es amoröse Gefühle sind, die sie wieder zu ihm führen. Was man eben so denkt, wenn eine Ex-Freundin unangekündigt vor ihrem Ex steht. Dabei ist auch diese Figur vielschichtiger, als sie auf dem ersten Blick scheint. Um diese Einzelheiten herauszufinden, muss man die 2. Staffel schon bis zum Ende schauen.

Ein Held ist auch immer auf eine heroische Tat angewiesen. Ohne diese ist er kein Held. Demnach muss ein altruistischer Aspekt zugrunde liegen: Er erweist seine Dienste der Allgemeinheit, ist an etwas Größerem interessiert, möchte Missstände ausräumen. Demnach ist Daredevil ein Held, trotz der dusteren Szenerie und dem Nahkampf. Er hat nicht vor zu töten, ist Katholik und schützt seine Werte, wohingegen der Punisher und Elektra eher auf ihre eigene Bedürfnisse konzentriert sind: Rache. Und obwohl es nicht einfach ist, sie als Helden bis ins kleinste Detail zu kategorisieren, so bleibt Daredevil der einzige Superheld und Held im eigentlichen Sinne.

BRAAAM!

Nein, das ist kein Fehler und auch kein Platzhalter, der redaktionell übersehen wurde, sondern der Sound zu Daredevil. In der ersten Staffel hatte ich die Opern so laut betont, die Fisk immer hörte. Diese Opern kreierten diesen wunderbaren Bruch zwischen der Dunkelheit und der Gewalt und untermalten die ein oder andere blutverschmierte Szenerie mit der schwebenden Leichtigkeit des Seins. Hach. War das kunstvoll.

Aber kein Grund, den Kopf hängen zu lassen, denn nun bleibt uns wenigstens noch the Inception-Noise, welcher auch liebevoll „BRAAAM“ genannt wird. Vielleicht kennt ihr schon diesen Funfact, dass dieses Geräusch erstmals im Film Inception mit Oscargewinner (!) Leonardo Di Caprio zu hören war und seitdem gar nicht mehr aus der Filmlandschaft wegzudenken ist. Wer es noch nicht kennt, darf gerne das nachfolgende Video anklicken, um sich einen Eindruck zu diesem stark verbreiteten Lärms zu machen. Wer es kennt, dem kann ich nur eins sagen: Bei Daredevil BRAAAMT es sich wenigstens noch authentisch! Dieses kleine BRAAAM unterstreicht exakt und mit penibler Genauigkeit genau die Szenen, die bereits etwas spooky wirken und macht sie mit seinem unvergleichlichem BRAAAM noch mehr creepy. Von daher: Ich bin nicht für ein komplettes BRAAAM-Verbot, wobei es schon etwas weniger gebraucht werden könnte, aber bei Daredevil muss es bleiben.

Freund oder Feind?

Netflix hat den Daredevil-Stoff dahingehend verstärkt, als dass hier die Freundschaften mehr im Fokus stehen. So wird die Freundschaft zu seinem besten Freund Foggy von Anfang an in den Vordergrund gerückt: sie eröffnen die Kanzlei Nelson & Murdock.

Diese Freundschaft wird durch Murdocks nächtliche Auftritte auf die Probe gestellt, da Foggy sich einerseits Sorgen um ihn macht und auf der anderen Seite immer wieder mitbekommt, dass sein bester Freund ihm Dinge verheimlicht; ihn nicht an alles in seinem Leben teilhaben lässt.

Seit der ersten Staffel wird ebenfalls die Freundschaft zu Karen Page, der Sekretärin der kleinen Kanzlei, geschlossen, die mit den beiden Anwälten mehr als bloß das Büro teilt. Zwar weiß sie bis Ende der 2. Staffel nicht, dass Matt sich hinter Daredevil verbirgt, doch macht sie sich zunehmend Sorgen um ihn, da sie merkt, dass er ihr gegenüber etwas verheimlicht. Als es zwischen den beiden anfängt zu knistern, stürzt sich Page lieber in den Fall des Punishers, als sich weiterhin den Kopf darüber zu zerbrechen, wie genau Matt sich kaputt macht.

Immer häufiger taucht er stark lädiert und mit blauen Flecken im Gesicht auf der Arbeit auf; sie vermutet, was am nächsten liegt: Er wird eine Alkoholsucht oder schlimmeres vor ihr verbergen. Anders sind die nächtlichen Aus- und Unfälle für sie nicht erklärbar. Und so nimmt sie Abstand von ihm.

Doch Matt hat noch einen Adjutanten, der ihm zur Seite steht und für ihn Ende der ersten Staffel das Kostüm des Daredevils mit den roten Hörnern kreierte. Auch in dieser Staffel steht er dem Helden mit seinem handwerklichen Können zur Seite und händigt ihm vor dem finalen Kampf seine Waffe aus, endlich! Wo Daredevil im Comic seinen Blindenstock ausfahren und anschließend als Peitsche benutzen kann, bekommt er bei Netflix einen Schlagstock zu seiner Ausrüstung. Dieser kann ebenfalls ausgefahren werden, sodass ein Draht freigelegt wird, mit dem man, wie es scheint, wunderbar würgen und kloppen kann.

Dieser Adjutant fungiert hier als Helfer, der ebenfalls für Elektra eine Schutzweste bereitlegt und seine Dienste ausschließlich für den Teufel aus Hell’s Kitchen bereitstellt.
Ich bin gespannt, wie es in der 3. Staffel Daredevil weitergehen wird, bzw. wie viele Helfer sich ihm anschließen werden und wie groß der Kreis der Menschen sein wird, die ihm mit Equipment und Schutz zur Seite stehen werden. Erinnert man sich beispielsweise an Smallville zurück, der Serie über die Jugend von Superman, so waren es am Anfang nur seine Eltern, die von seinen Superkräften wussten, und am Ende hatte sich ein ganzes Team um ihn geschart.

Spoiler zum Ende der 2. Staffel

Anmerkung von Jan: Ich lese hier Kontrolle, lese nun aber nicht weiter. Will Daredevil nämlich selbst noch schauen und habe nichtmal die erste Staffel fertig. Also, wenn ab hier Fehler im Text sind: Pech! :)

Anmerkung von Jazz: Jan übertreibt maßlos :p

 

 

 

 

In dieser krisenhaften Situation, in der die engsten Vertrauten sich von Matt abwenden, findet er in dem Punisher, der ihn liebevoll »Roter« nennt, einen Gleichgesinnten. Erst möchte es sich Matt nicht eingestehen, dass zwischen ihm und dem »Bestrafer« Ähnlichkeiten existieren; und doch sind sich die beiden näher, als man anfangs vermuten würde. Spätestens nachdem Nelson & Murdock seinen Fall vor Gericht übernehmen und gerade Karen versucht, den Mann hinter dem Punisher zu entdecken, ist Frank nicht mehr alleine gegen Alle. Und so kommt es, dass im Finale der 2. Staffel gerade der Punisher an Daredevils Seite kämpft und seinen Krieg in Hell’s Kitchen mit ausführt. Im Grunde haben beide denselben Feind und das wird auch Matt bewusst, als in der letzten Folge der 2. Staffel auch er einen Mann umbringt, der kurz vorher Elektra abgestochen hatte. Plötzlich zählt sein Credo »nur verletzen, nicht töten« gar nichts mehr und er scheint erleichtert zu sein, als hinter ihm die Kugeln des Punishers ertönen, die einige seiner Feinde treffen, während er gegen den Boss der Hand kämpft. Als er ihn endlich in der Mangel hat, lässt er ihn kaltblütig vom Dach stürzen. Die vielleicht bestgespielte Szene der ganzen Staffel, absolute Gänsehaut!

Elekra, die sich schützend vor Daredevil warf, um das Messer abzufangen, das ihm galt, kämpfte vorher ebenfalls an Matts Seite gegen die Hand. Im finalen Kampf sind alle drei Helden versammelt und kämpfen miteinander statt gegeneinander. Am Ende wollten sie nämlich doch das Gleiche, egal wie sehr sich der Einzelne gegen Vergleiche sträubte. Drei aus unterschiedlichsten Gründen zerrüttete Figuren, die sich in nichts nachstehen und zusammen das Ruder umdrehen. Für sie selbst aber auch für die Allgemeinheit.
Und Fisk? Auch Fisk ist wieder mit dabei!

Das war mein Kommentar zur 2. Staffel Daredevil auf Netflix und ich denke, es ist deutlich genug herausgekommen, dass diese Serie absolut empfehlenswert ist. Nicht nur, weil Superhelden einfach toll sind und Netflix das Genre der Comicverfilmungen zumindest für mich wiederbelebt hat, sondern auch, weil nur die besten Filme und Serien es schaffen, die eigenen Werte und Moralvorstellungen ins Wanken zu bringen. Du sollst nicht töten – aber was, wenn der Andere angefangen hat…? In diesem Sinne: bleibt sauber und lasst die Superhelden den Dreck erledigen.