Vor neun Jahren wurde das erste iPhone veröffentlicht
Das Apple iPhone, der Riesen-Flop – So kann man sich irren

Vor ziemlich genau neun Jahren erschien das bereits Anfang 2007 angekündigte erste Apple iPhone. Es gab viele Lobeshymnen und begeisterte Kritiken, aber es gab auch zahlreiche Stimmen, die einen katastrophalen Flop auf Apple zurauschen sahen. Zeit, einmal zurückzublicken.

Zwei Sachen stehen mal unumstößlich fest:

  1. Das iPhone ist das bekannteste Smartphone der Welt und hat die Welt des mobilen Telefonierens seit 2007 tatsächlich revolutioniert
  2. Hinterher weiß man’s immer besser!

Was beides miteinander zu tun hat? Ich hol mal ein bisschen aus: Nachdem es die Gerüchte um ein Mobiltelefon von Apple schon lange gab, stellte Steve Jobs auf der Macworld-Konferenz Anfang 2007 dann tatsächlich das erste iPhone vor. Bei dem Event war es natürlich viel umjubelt und auch die Presse stimmte zumeist begeisterte Lobeshymnen an. Heute wissen wir natürlich längst, dass Apple mit diesem Device nicht nur einen ganzen Markt komplett umgekrempelt und revolutioniert hat, sondern auch, dass sich das Unternehmen aus Cupertino dank dieses Smartphones unermesslich reich geworfen ist.

Dennoch gab es im Jahr 2007 zahlreiche Stimmen, die deutlich weniger begeistert waren von dem, was Apple da aus dem Hut gezaubert hatte. Formfaktor, Preis, das Fehlen der Tastatur – es gab so manchen Kritikpunkt, wobei sich viele davon später natürlich in Luft auflösen sollten. Vor ziemlich genau neun Jahren kam das Ur-iPhone in den USA in den Handel – Grund genug, mal auf ein paar der kritischen Stimmen aus jener Zeit zu blicken. Darunter finden sich übrigens auch welche, die mittlerweile im Smartphone-Business keinerlei Rolle mehr spielen und damals noch über das iPhone lachten.

steve-jobs-iphone-first-generation

500 Dollar für ein Telefon mit einem Mobilfunkvertrag?

Fangen wir doch vielleicht direkt mal mit der legendärsten der falschen Einschätzungen an: Steve Ballmer, Microsoft-Urgestein und immer schon  Abteilung Attacke des Unternehmens aus Redmond, hat sich besonders abfällig über das iPhone geäußert.

There’s no chance that the iPhone is going to get any significant market share. No chance. It’s a $500 subsidized item. They may make a lot of money. But if you actually take a look at the 1.3 billion phones that get sold, I’d prefer to have our software in 60 percent or 70 percent or 80 percent of them, than I would to have 2 percent or 3 percent, which is what Apple might get Steve Ballmer, Microsoft

Im Interview lachte er Apple aus – weil es ein Smartphone ohne Tastatur ist, weil es trotz Mobilfunkvertrag noch 500 Dollar kosten sollte und weil er eben auch Windows-Handsets so massiv im Vorteil sah. Wie ich oben schon schrieb: Hinterher weiß man es immer besser, aber selten in seiner Karriere sollte Ballmer so massiv daneben gelegen haben wie in diesem Fall – kein Wunder also, dass ihm dieser Fauxpas auch heute noch gerne aufs Brot geschmiert wird:

Right now we’re selling millions and millions an millions of phones a year, Apple is selling zero phones a year Steve Ballmer, Microsoft

Lassen wir jetzt mal die Häme angesichts der aktuellen Verkaufszahlen von Windows-Smartphones mal beiseite und wenden uns einem Unternehmen zu, welches 2007 eine (wenn nicht die) Smartphone-Macht war: Nokia! Die Finnen dominierten den Markt seinerzeit nach Belieben und auch da brauchen wir uns schon lange nicht mehr fragen, ob sie dem iPhone auch nur irgendetwas entgegenzusetzen haben. Kari Tuuti, damals Firmensprecher bei Nokia, sprach 2007 mit Spiegel Online und sagte auf die Frage, ob ihm der Einstieg Apples in den Handy-Markt Angst bereiten würde:

Überhaupt nicht. Apple bestätigt damit nur die Strategie von Nokia, die wir seit Jahren verfolgen. Wir glauben, dass derartige vernetzte Multimediageräte jene Geräte ablösen werden, die nur eine einzige Funktion haben. Wir beobachten ein großes Wachstum in diesem Markt. Ich bin sicher, dass es Platz genug für viele Wettbewerber darin gibt. Kari Tuuti, Nokia

Damals war man auch deswegen so entspannt, weil man sich gut aufgestellt sah für einen Markt, in den Apple erst ein knappes Jahr später einsteigen würde. Wie schnell man den Vorsprung verdaddelt hat, wissen wir bekanntlich heute alle. Im Bereich Multimedia-Phones hatte Nokia mit 40 Millionen verkauften Geräten einen Marktanteil von 50 Prozent inne, auf insgesamt 70 Millionen verkaufte Musik-Handys war man ebenso stolz, dass man das iPhone zwar als ernste Konkurrenz ansah, sich aber im Leben nicht ausmalen konnte, dass iPhone oder iPod Nokia wirklich gefährlich werden konnte bei der Jagd auf Marktanteile. Eine weitere falsche Einschätzung seinerzeit:

Was die Bedienung betrifft, möchte ich aber betonen, dass Nokia unter allen Handyherstellern als derjenige mit der einfachsten Benutzerführung gilt. Das User-Interface wird als sehr gut eingeschätzt. Kari Tuuti, Nokia

…und die Presse?

Aber nicht nur die Industrie – und da vor allem die Konkurrenten – waren damit beschäftigt, das iPhone klein zu reden. Auch in den Medien gab es trotz all der positiven Resonanz immer wieder laute Stimmen, die Apple hier einen Flop unterjubeln wollten. Der Spiegel sprach mitunter sogar vom Krüppel-iPhone, wobei das nicht die dortige Meinung zum Gerät widerspiegelte, sondern sich auf US-Journalisten bezog, die schwer enttäuscht von Apple waren. Bei Gizmodo riet man seinerzeit sogar explizit vom Kauf des iPhone ab, weil Programme von Drittherstellern auf dem Gerät nicht liefen und somit wichtige Features nicht genutzt werden konnten, die auf Konkurrenz-Smartphones problemlos funktionierten.

Kauft das iPhone nicht! Ich bin fertig mit diesem Gerät, bis darauf wieder Programme von Drittanbietern laufen. Brian Lam, Gizmodo

Auch auf deutschen Blogs gab es Meinungen, die zumindest vom verfrühten Kauf des iPhone abrieten, wobei die Palette der Gründe vom hohen Preis über die eingesetzten Patente, das geschlossene System bis zum fehlenden UMTS reichten. Bei Macworld haute man nach dem damaligen Update des Betriebssystems in die gleiche Kerbe wie Gizmodo:

When it comes right down to it, what makes me sad is that my iPhone is actually, in many ways, less useful today than it was yesterday. And no, before you ask, that’s not because my iPhone was among the many that have been “bricked” because I unlocked it with third-party software. But what I did have on my iPhone was a handful of third-party applications that are now pining for the fjords after iPhone update 1.1.1. Dan Moren, Macworld

Bei Wired hat man den Vergleich von 9to5mac zwischen dem Hack und offiziellem Update mal grafisch aufbereitet, was damals so aussah:

apple_features

Natürlich sind auch hier die Zeiten lange vorbei, in denen die Rede davon war, dass Apple mit seinem iPhone Software-technisch hintendran hängt gegenüber der Konkurrenz. Bei Bloomberg war man schon vor der Frage nach diesen Software-Unzulänglichkeiten der Meinung, dass das iPhone eh nur ein Nischenprodukt für eine Handvoll Nerds wäre und sich weder Motorola noch Nokia fürchten müssten:

The iPhone is nothing more than a luxury bauble that will appeal to a few gadget freaks. In terms of its impact on the industry, the iPhone is less relevant. Matthew Lynn, Bloomberg

In der New York Times hingegen schimpfte man über den nicht auswechselbaren Akku, weil das bedeutete, dass man tatsächlich das Gerät an Apple schicken musste, wenn es der Akku nicht mehr tat. Auch damals schon schwer vorstellbar, nicht nur ein paar Stunden, sondern gleich Tage oder Wochen ohne sein geliebtes Smartphone zu sein. Ebenfalls in der New York Times war zwar von einem innovativen Gerät die Rede, allerdings mahnte man auch davor, dass das iPhone “Nichts für jedermann” wäre und die meisten Features zudem eh schon von anderen Handsets bekannt wären.

Auch der britische Guardian hatte so seine Schwierigkeiten mit dem iPhone. Man konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ein Smartphone ohne 3G-Funktionalität ein Renner werden würde und zudem berief man sich auf Studien, nach denen eine Kombination von Telefon, Music- und Video-Player wenig gefragt wäre:

Apple’s much-anticipated iPhone, which goes on sale in the US today, will struggle to break into the mainstream because of a lack of a 3G connection and low demand for converged devices, according to research. Jemima Kiss The Guardian

In einem Spiegel-Interview äußerte sich vor neun Jahren auch CNET-Expertin Molly Wood über das iPhone und wirkte vor allem aufgrund der Display-Technologie skeptisch:

Es hat einen Touchscreen und nutzt Techniken, die zuvor noch niemand eingesetzt hat. Das Display nimmt praktisch die gesamte Oberfläche ein. Es könnte permanent mit Fingerabdrücken bedeckt sein, es könnte auch leicht zerbrechen. Molly Wood, CNET

Ja, Smartphone-Displays können zerbrechen, wobei ich das Gefühl habe, dass ich deutlich mehr Samsung-Smartphones mit “Spiderman-App” im täglichen Einsatz sehe als gesplitterte iPhone-Panels. Generell lässt sich wohl festhalten, dass man rückblickend jetzt sehr amüsiert auf diese Fehleinschätzungen blicken kann. Auch wir hier – damals noch als Netbooknews.de – haben natürlich schon mal komplett daneben gegriffen mit unseren Einschätzungen über neue Hardware, aber das gehört eben wohl auch dazu, wenn man sich aus dem Fenster lehnt und eine Prognose abgibt.

Sascha ist dafür bekannt, gerne mal heftig auszuteilen, hat dafür aber auch ebenso gerne schon mal das Büßergewand übergestreift, wenn er sich dann selbst einen Bock geschossen hat. Gerade das Thema Apple ist hier immer ein heiß Umstrittenes, wenn ihr mal einen Blick in unsere Kommentare werft. Immer wieder werden wir als Apple-Hater hingestellt, aber Sascha selbst hat immer wieder gern Apple-Hardware im Einsatz und die Produkte entsprechend abgefeiert. So oder so: Ich fand es eine spannende Idee, mal zurückzublicken, was vor neun Jahren so über das Ur-iPhone geschrieben wurde mit dem Wissen, was daraus werden sollte.

Die Häme angesichts dieser Fehleinschätzungen spare ich mir, da wir halt sicher auch mal wieder daneben liegen werden in Zukunft – unterhaltsam war es dennoch, oder was meint ihr? Gratulation jedenfalls zum neunten Geburtstag dieses ikonischen Handsets – und natürlich ebenfalls Gratulation zum großen Erfolg, mit dem man sehr viele der Kritiker sehr schnell mundtot bekommen hat.

via BGR