Der Anschlag von Manchester: „Lieber“ Attentäter!

...beim Konzert von Ariana Grande in Manchester hast Du viele Menschen mit in den Tod gerissen. Ich bin traurig, schockiert, wütend und verwirrt - ich wüsste gerne, was in Köpfen wie Deinem vor sich geht.

Ich hab es mal so gelernt, dass man einen persönlichen Brief mit einer Anrede wie „Lieber“ anfängt. In der Headline habe ich das aber in Anführungszeichen gesetzt, weil Du augenscheinlich nicht sehr lieb warst. „Sehr geehrter“ konnte ich natürlich auch nicht schreiben nach so einer ehrlosen Tat und „Hallo“ oder „Hey“ wäre mir zu lapidar gewesen.

So viel also zunächst mal zur Form. Eigentlich will ich aber natürlich nicht über Konventionen reden und eigentlich auch keine Höflichkeiten austauschen. Im Grunde weiß ich auch, dass ich mit jemandem wie Dir im Normalfall eh nicht diskutieren möchte. Aber ich gebe zu, dass ich angesichts so einer schrecklichen Tat neugierig bin, was jemanden dazu bringt und wieso ein Attentäter glaubt, dass er damit sogar das Richtige tut.

Was ist passiert? Gestern gab der US-Star Ariana Grande ein Konzert in der Manchester Arena vor vielen Tausend teils sehr jungen Fans. Direkt nach dem Konzert, als die Besucher dabei waren, die Location zu verlassen, sprengte sich nach derzeitigem Wissensstand ein Selbstmordattentäter im Foyer der Arena in die Luft und riss – Stand jetzt – 22 Menschen in den Tod, 59 weitere Menschen wurden teils schwer verletzt. Aktuell geht die Polizei von einem terroristischen Anschlag eines Einzeltäters aus, wirkliches Wissen über den oder die Täter fehlen aber noch – auch, wenn das Muster zu den bisherigen IS-Anschlägen passt.

Deutsche Sicherheitskreise gehen von einem islamistischen Hintergrund aus, nachdem erst kürzlich explizit zu Anschlägen in Konzerthallen aufgerufen wurde.

Eigentlich ist es egal, ob es einen islamistischen Hintergrund gibt oder nicht bei einer so menschenverachtenden Tat wie Deiner, aber es zeichnet sich ab, dass es wieder einmal eine religiös motivierte Tat war. Und genau da komme ich ins Straucheln: Was soll das für eine Religion sein, bei der es nicht um Nächstenliebe geht, sondern darum, vermeintlich Ungläubige brutalst zu eliminieren?

Ariana Grande – selbst gerade einmal 23 Jahre alt – ist vor allen bei Kids und Teenagern schwer angesagt. Ich bin immer noch dabei, mich in Dich hineinzudenken, in diese Ideologie, in die Struktur einer terroristischen Organisation. Bei der Planung geht es wohl am wenigsten um Dich selbst – Du bist nur ein kleines Würstchen, welches entweder Befehlsempfänger war oder vielleicht nur wieder nachträglich vor den IS-Karren gespannt wid (immer davon ausgehend, dass es tatsächlich ein islamistisch motivierter Anschlag war).

Ich denke mir jetzt also, wie diese Planung vonstatten gehen könnte: Wie ermittelt man, welche Stadt in welchem Land „fällig“ ist? Wie kommt man auf den jeweiligen Künstler? Spielt das eine Rolle, wer da auf der Bühne stand? Irgendwas in mir wünscht sich, dass Ariana einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war und Du bzw. Deine Hintermänner/Befehlsgeber nicht explizit einen Künstler ausgewählt haben, der besonders bei Kindern beliebt war. Ich weiß gerade nicht, ob die Tour fortgesetzt wird und ganz sicher weiß ich auch nicht, wie es jetzt wohl in diesem 23-jährigen Mädchen aussieht, welches nichts möchte, als Menschen Freude zu bereiten mit ihrer Kunst.

Aber so oder so: Du warst da, hast Dich mit Deinem improvisierten Sprengsatz unters Volk gemischt. Du WUSSTEST, dass Du wissentlich auch Kinder mit Dir in den Tod reißen wirst, denn sie sind da direkt um Dich herum gewesen. Welche Religion kann sowas von seinen Gläubigen wollen? Wie verblendet muss man sein zu denken, dass so etwas für eine gute Sache passiert und somit durch den eigenen Glauben legitimiert ist? Und was denkt man in den letzten Minuten? Denkt man daran, welche Belohnung im Paradies wartet? Denkt man daran, dass man es diesen Ungläubigen so richtig zeigen wird? Geht man vielleicht bewusst in eine Menschentraube mit besonders vielen Kindern, weil man größtmögliches Leid anrichten möchte? Oder ist es viel profaner und man stellt sich absichtlich zu dem Typen, der einen eben so blöd angeglotzt hat oder einen dummen Spruch gemacht hat?

Ich würde es so gerne verstehen, was in so einer Birne vor sich geht. Bei der Planung, bei der Ausführung und auch bei dem bloßen Gedankengang, dass das Ermorden von Menschen auch nur einen einzigen positiven Effekt auf irgendwen oder irgendwas haben könnte.

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Du wirst mir diese Fragen nicht mehr beantworten können. Du bist aber auch ganz sicher nicht in irgendeinem Paradies gelandet – Rettungskräfte haben Deine armseligen Reste vermutlich noch in der Nacht vom Hallenboden der Manchester Arena zusammengefegt. Ich persönlich glaube an keinen Gott und hab keinen Schimmer, was nach dem irdischen Leben auf uns wartet. Vermutlich ist da einfach nichts mehr – es wird einfach dunkel um einen und dann ist alles vorbei. Um Dich tut es mir dabei nicht leid, aber um die anderen Toten. Sie waren Söhne und Töchter, Väter und Mütter und sie waren vor allen Dingen eins: Unschuldig!

Ich glaube, ich komme jetzt langsam zum Schluss, denn sonst laufe ich Gefahr, noch wirklich ausfallend zu werden. Wer weiß, vielleicht war es auch gar kein islamistisch motivierter Anschlag – in diesem Fall warst Du einfach nur ein krankes Arschloch, was die Sache auch nicht wirklich besser macht. So oder so nehme ich Dir diesen Anschlag persönlich übel: Derzeit nehme ich sehr viele Konzerte meiner Lieblings-Band Depeche Mode mit. Auch in Manchester habe ich diese Band vor vielen Jahren bereits gesehen und auf der aktuellen Tour sind viele Konzert-Locations der Band dieselben, in der Ariana auf ihrer Europa-Tour ebenfalls Station macht.

Gestern bereits machte die Nachricht die Runde, dass die Depeche Mode-Konzerte in Deutschland unter verschärften Bedingungen durchgeführt werden und man sich auf ausgiebigere Kontrollen sowie damit verbundene Wartezeiten einrichten muss.

Unser Ziel ist es, die Kultur als wesentliches Merkmal einer freien und offenen Gesellschaft nicht einschränken zu lassen und unser gewohntes Leben so weit wie möglich aufrecht zu erhalten. Marek Lieberberg, Geschäftsführer von Live Nation in Deutschland

Ein paar Minuten meines Lebens schenke ich gerne her für mehr Sicherheit, aber dass Du zunächst Menschen in den Tod schickst und das nur, um weiteren Menschen Angst zu machen – das geht entschieden zu weit.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass dieser Plan scheitert und niemand sich durch diese abscheuliche Tat davon abhalten lässt, weiter auf Stadtfeste, Märkte, Konzerte etc zu gehen. Samstag werde ich Depeche Mode auf der Festwiese in Leipzig feiern zusammen mit vielen tausend Fans und jeder Menge positiv Verrückten. Sicher wird in dem ein oder anderen Kopf Manchester zeitweilig präsent sein, aber dennoch: Wir werden feiern, werden lachen und werden die Band, die Musik und das Leben zelebrieren – darauf kannst Du Deinen feigen Hintern verwetten! Du kannst nicht gewinnen, Terror kann nicht gewinnen – das verspreche ich Dir!

Ohne auch nur einen Ansatz von Respekt und mit größtmöglicher Verachtung,

Dein Carsten

 

PS: Der von mir hochgeschätzte Micky Beisenherz musste sich auf Facebook eingestehen, dass er mittlerweile ziemlich abgestumpft auf derlei Meldungen reagiert. Ich kann das im Ansatz nachvollziehen, denn viel zu viele Krisenherde – Israel und Palästina, Syrien, Jemen und und und – vermelden viel zu oft Schreckliches, bei dem auch ich zugegebenermaßen anders reagiere, als es angemessen wäre.

Dennoch sind diese Geschichten wie das Attentat in Manchester für mich etwas, bei dem dieses Abstumpfen nicht einsetzt – niemals einsetzen wird. Ob es die Nähe ist, die präsentere Berichterstattung oder ein größerer Bezug zu den Opfern oder dem Anschlagsort – ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass hier ganz bewusst Kinder getötet wurden und dieser Kloß im Hals will seit letzter Nacht einfach nicht mehr weggehen.

Ich möchte mich auch einfach nicht daran gewöhnen, dass Menschen bestürzte Postings veröffentlichen, ihre Profilbilder einfärben und Facebook für Orte in meiner Nähe sein Sicherheits-Feature aktiviert. Hoffe, ihr seht es mir daher nach, wenn ich hier ein Tech-Blog für No-Tech-Content missbrauche, um all das aufzuschreiben, was ich unbedingt loswerden musste.