Smart City

“Das Auto muss in Zukunft eine sehr viel geringere Rolle spielen”

Wie sollte die Smart City von morgen aussehen? Mit schönen hochmodernen Autos und alles wird einem an die Haustür gebracht? Fast, denn zur intelligenten Stadt, gehört auch ein intelligenter Umgang mit der Umwelt. Wie man es schafft, dass Menschen vom komfortablen Auto zum öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen, zeigt sich beispielsweise bei der App IncenTrip.

von Vera Bauer am 31. Oktober 2018

Mit dem wachsenden Interesse an Smart Cities und schnelleren Transportmöglichkeiten, müssen wir uns fragen: Wie können wir trotzdem noch für einen Ausgleich zwischen Mobilität und Umwelt schaffen? Ich hatte schon in mehreren meiner News darauf aufmerksam gemacht, dass eine Zukunft, in der jeder Hinz und Kunz ein Auto besitzen, überhaupt nicht smart ist. Viel mehr, legen wir unserem Planeten dann eine noch schwerer Bürde auf, als es ohnehin schon der Fall ist.

Mehr Autos führen zu größeren Straßen, die wiederum viel mehr Platz einnehmen und so die Natur nach und nach in den Hintergrund drängen. Um die Zukunft der Mobilität wirklich smart zu gestalten, sind wohl Carsharing und öffentliche Transportmittel die Lösung. Doch Autofahren ist in vielen Ländern, auch hier in Deutschland, einfach bequemer als sich in einen Zug mit massig vielen anderen Personen zu setzen. Und dann muss man auch noch umsteigen und warten und… Gähn! Da hat doch keiner wirklich Lust drauf.

Um den Leuten öffentliche Transportmittel schmackhaft zu machen, kommt nun der Trend von “Belohnungsapps” auf. So gamifiziert eine neue App von Forschern der University of Maryland das Pendlerleben und bringt so einen spielerischen Anteil ein. Mit anderen Worten: Pendler werden mit Punkten und sogar Geldpreisen, wie Amazon-Geschenkkarten für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Fahrgemeinschaften belohnt.

Die App nennt sich IncenTrip und wurde genau dafür konzipiert. Sie verwendet Echtzeitdaten der Verkehrslage, um die Reisezeiten für verschiedene Verkehrsmittel vorherzusagen und Pendlern so die schnellste Möglichkeit anzubieten, um von A nach B zu kommen. Sie ist also nicht nur Belohnungs-, sondern auch eine Reiseapp, mit der man seine Routen planen kann.

Der Nutzer sammelt dabei sognannte Eco-Punkte, die je nach Streckenmeter und Wahl des Verkehrsmittels verteilt werden. Für eine Strecke von 15 Kilometer bekomme ich mit dem Auto nur 4 Eco-Punkte. Die doppelte Strecke bringt mir mit dem Zug allerdings 35 Eco-Punkte ein, was natürlich deutlich macht, dass diese Art der Reise wesentlich umweltfreundlicher ist, aber auch länger dauert. In Zukunft soll die App außerdem eine künstliche Intelligenz nutzen, um die Reisegewohnheiten des Nutzers zu analysieren und seine Pendlerfahrten noch effizienter zu gestalten.

 

Das Fahrverhalten wird durchgehend analysiert. Die App gibt Tipps, um weniger Geld in Sprit zu versenken. Es gibt nicht nur Noten für die gesammelten Eco-Punkte, sondern auch verschiedene Ränge, gemessen daran, wieviel man bisher für die Umwelt getan hat. Um schlussendlich eine 25 Euro Amazon-Karte oder ähnliches zu bekommen, braucht es aber schon eine Weile. Ihr habt ja gesehen, wieviel Punkte es für welche Strecken gibt. Eine Geschenkkarte gibt es erst ab 2500 Punkte. Oder man spart auf ein Essen im eigenen Lieblingslokal, das funktioniert nämlich auch.

Die Entwickler hoffen, dass die Belohnungen jedem Einzelnen mehr Anreiz dazu geben wird, Fahrgemeinschaften zu bilden oder mit dem Zug zu fahren. IncenTrip wurde im Frühjahr in den gängigen Appstores veröffentlicht und zählt nun schon 35.000 registrierte Nutzer. Man würde den Pool gerne erweitern, doch bisher ist die App nur für den Einsatz in den Regionen Washington und Baltimore konzipiert. Da aber das Ziel darin besteht, die Verkehrsüberlastung zu verringern, will man die Nutzung erweitern, denn man sieht viel Potenzial in der App.

Auch in Columbus, Ohio, wird eine All-in-One-Transit-App entwickelt. Man will eine “Mobility as a Service”-Plattform bieten, in dem Benutzer Transitoptionen wie Netflix abonnieren können. Dann zahlen sie einmal im Monat eine gewisse Gebühr und können das öffentliche Verkehrsmittel nutzen – im Prinzip, wie eine Monatskarte hier bei uns in Deutschland.

Beide Initiativen gehen davon aus, dass sich die Anzahl der Einzelfahrten mit Autos reduziert, wenn den Menschen nur genug Anreiz gegeben wird, andere Formen der Mobilität zu nutzen. Doch mit dem Auto zu konkurrieren ist nicht leicht. Vor allem, weil es immer mehr auf Komfort ausgerichtet wird. Fahrzeuge werden hipper, schneller, größer – da braucht man im Gegenzug auch hochwertige öffentliche Verkehrsmittel sowie Fahrrad- und Fußgängerinfrastruktur, um dagegen anzukommen.

Wer jetzt jedoch das Argument des Elektroautos bringt, das ja so viel umweltfreundlicher wäre – packt die schwingende Keule gleich mal wieder weg. Umweltexperten sehen auch Elektroautos kritisch. Zwar belasten sie während der Nutzung kaum das Klima, dafür aber braucht die Herstellung der großen Batterien sehr viele und seltene Rohstoffe.

Am Wuppertaler Institut für Klima Umwelt und Energie vertritt man die Meinung:

“Wir brauchen ein Hin zu öffentlichen Verkehrsmitteln, zu stärkerem Rad- und Fußverkehr in den Städten. Das heißt, das Auto muss in den Mobilitätskonzepten der Zukunft eine sehr viel geringere Rolle spielen als das heute der Fall ist.” Uwe Schneidewind

Angesichts der vielen Umweltprobleme durch den Straßenverkehr sollten also andere Mobilitätskonzepte für die Zukunft im Vordergrund stehen. Hoffentlich können diese Apps dazu beitragen, dass mehr Menschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und so unsere Umwelt geschützt wird.

Hier in Deutschland gibt es übrigens keine derartigen Bemühungen. Mal abgesehen davon, dass die Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs auch eher optimierungsbedürftig sind, gibt es weder motivierende Apps noch ein Regierungsprogramm, welches eine Umstellung der Mobilität unterstützt. Es braucht ein gutes öffentliches Angebot von Bus und Bahn, Car-Sharing und die leichte, flexible Nutzung aller Verkehrsmittel, zum Beispiel übers Handy. Man weiß zwar, dass was getan werden muss – die nötige Kleinarbeit fehlt jedoch.

via: mobilitylab