Don Dahlmann
Das Auto zum Ausdrucken – oder die deutsche Industrie verschläft den Wandel

Die Zukunft stammt aus dem 3D-Drucker und rollt schon über die Strassen. 3D-Drucker sind für die Automobil-Industrie gefährlicher, als Tesla, Ölkrise und China zusammen genommen.

Es geht der deutschen Automobilindustrie gut. Sehr gut sogar. Und VW ist der König unter den deutschen Herstellen. Umsatz gesteigert, mehr Autos verkauft als jemals zu vor. In Deutschland belegen Autos aus dem VW-Konzern die Plätze 1, 2, 3, 6 und 9 der Zulassungsstatistik im Monat März. Von der deutschen Automobilindustrie hängen knapp 3 Millionen Arbeitsplätze ab. Und das sind nur die Firmen, die als direkte Zulieferer für die Industrie arbeiten. Die Firmen, die wiederum die Zulieferer beliefern, sind da nicht mal mitgezählt. Deutsche Autos gelten als die besten der Welt, die Industrie als eine der innovativsten und schlagkräftigsten. Und doch rumort es. Dass Ferdinand Piech seinen alten Wegbegleiter Martin Winterkorn, den er selber als Chef des VW-Konzern etabliert hat, los werden wollte, mag viel mit internen und persönlichen Problemen zu tun gehabt haben. Aber die rüde Aktion brachte zumindest auch zu Tage, dass gerade VW in Sachen Innovation auf ein Schrankwand-großes Problem zusteuert. Wer glaubt, die deutsche Auto Industrie werde von der technologischen Disruption verschont, sollte sich vielleicht mal genauer umschauen.

2013-tesla-model-s-wallpaper-pictureDer erste Warnschuss kam von Tesla. Elon Musk, ein, zumindest für die Auto Industrie, Nobody mit etwas Geld. der mit der Herstellung von Autos bisher in seinem Leben nichts zu tun hatte, mischt plötzlich mit seinem Elektro-Autos die Szene auf. In Deutschland hat Tesla im März 2015 immerhin  211 Autos verkauft. Damit liegt man auf Platz 31, knapp hinter Jaguar (503), Alfa Romeo (327), aber vor Lexus, Maserati, Lancia, Infiniti, oder Chrysler. Für ein Unternehmen, dass genau ein Modell im Angebot hat, das dann auch mehr als 70.000 Euro kostet, ist das ziemlich beeindruckend. Der Tesla S kann alles besser, was deutsche E-Autos so können. Und man verkauft mehr Autos, als BMW mit dem i8.

Aber man kann Tesla immer noch als Exoten betrachten, ein Auto, dass eine kleine Nische besetzt. Und wie oft gilt vielleicht auch hier, dass, wenn der Druck des Marktes mal hoch genug ist, die schwerfällige  Industrie zwar langsam, aber dann mit ihrer geballten Macht reagieren wird. Tesla droht durchaus das Schicksal so vieler kleiner, Inhaber geführter Hersteller, denen irgendwann die Luft ausgeht.

Doch dann gibt es eine Firma namens „Local Motors“. Nie gehört? Das kann gut sein, das Unternehmen hat bisher nicht mal eine Fertigung auf die Beine gestellt. Doch was „Local Motors“ auszeichnet, ist der konsequente Versuch die gesamte Herstellungskette zu revolutionieren. Statt Blech und teuerer Presswerke, die Hallen belegen, so groß wie mehrere Fußballfelder, setzt „Local Motors“ auf den 3D-Drucker. Zugegeben, das … nun ja… Auto sieht jetzt noch etwas gewöhnungsbedürftig aus.

Ganze drei Tage benötigt „Local Motors“ um ein fertiges Auto herzustellen. Inklusive aller Sonderwünsche des Käufers. 3D-Drucker sind mittlerweile derartig fortschrittlich, dass sie in kürzester Zeit Autos in Serie produzieren können. Der Drucker passt in eine Garage, die Rohmasse, immerhin noch mit Kohlefaser verstärkt, ist günstig zu bekommen. Was man braucht ist Fantasie, ein wenig Zeit und einen Hang zum Basteln.

„Local Motors“ ist ein Synonym dafür, was der Automobil Industrie weltweit blüht. Wenn 3D-Drucker noch kostengünstiger werden, wenn plötzlich Investoren sehen, dass in Metropolen gar keine SUVs und Kombis mehr die Verkaufsschlager sind, sondern „Google Cars“ die man per Knopfdruck bestellen kann und deren Herstellungskosten weit unter jenen eines „normalen“ Autos liegen, dann wird sehr viel Geld in eine komplett neue Branche fließen. Und da Investorengeld in den USA lockerer sitzt, als in Deutschland, braucht man nicht viel Fantasie um sich vorstellen zu können, dass es einen riesigen Markt für solche Autos weltweit geben wird.

AU150130Zweifellos ist das technische Know-How in Deutschland mindestens genauso so groß wie in den USA. Aber die deutschen Hersteller haben sich in den letzten Jahren (wie auch andere) eine riesigen Überbau an Fabriken zugelegt. Fabriken, die man in dieser Form in 10 oder 15 Jahren vielleicht gar nicht mehr benötigen wird, weil 3D-Drucker die Arbeit übernehmen werden. Audi hat sich immerhin den ersten 3D-Drucker, der Metall verarbeitet, zugelegt und testet diesen seit dem letzten Sommer in Ingolstadt. Das nebenstehende Foto zeigt ein Werkstück aus dem Printer, ein Modell eines Planetengetriebes. Der 3D-Drucker fertigt im Laserschmelz-Verfahren Bauteile aus Metall, die aufgrund ihrer komplexen Geometrien mit konventionellen Verfahren kaum oder nicht herstellbar wären. Das Modell wird nicht zusammen gesetzt, es wird genauso gedruckt, wie es da steht.

Martin Breme, Leiter Audi Werkzeugbau, legte in einem Gespräch die Vorteile auf den Tisch. „Wir können damit die Teile schneller herstellen, kostengünstiger herstellen. Beim 3D-Drucker gibt es keinen Abfall, wie beim einem normalen Presswerk.“ Auch er geht davon aus, dass der gesamte Herstellungsprozess eines Autos komplett auf den Kopf gestellt wird.

Aber was bedeutet das konkret? Wenn man davon ausgeht, dass der 3D-Druck im Laserschmelzverfahren für Metall und Verbundstoffe schon jetzt so weit ist, dass man komplette Autos und teilweise Motoren damit herstellen kann, erkennt man, dass große Fertigungen damit überflüssig werden. Und damit auch alle Arbeitsplätze, die damit zusammenhängen, auch und vor allem in der Zulieferindustrie.

Es bedeutet auch, dass die Herstellung eines Fahrzeugs nicht mehr allein in den Händen der Industrie liegen. Kleinserienhersteller werden mit billigen Alternativen zunächst am unteren Rand der Autohersteller nagen, was vor allem Hersteller von Kleinwagen wie Fiat, Renault usw. treffen wird. Aber auch in der Mittel- und Oberklasse wird es eine Revolution geben. Wenn Tesla seine Fertigung auf 3D-Druck umstellt und den Tesla S plötzlich statt für 40.000 statt für 70.000 Euro anbietet, dann werden alle Hersteller massiv unter Druck geraten. Und bisher hat die deutsche Automobil Industrie keine Antwort auf diese Disruption. Wenn das Thema „Elektromobilität“ und der müde Umgang der deutschen Industrie damit eine Blaupause für einen Wandel in der Fertigung ist, dann stehen die Herstellern in den nächsten Jahren vor einem regelrechten Sturm.