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Das Coronavirus: Unsere große Chance

Auch Deutschland befindet sich dank Coronavirus in einem Chaos aus Panik, Prävention, Hamsterkäufen und Absagen. Gesellschaftlich könnte uns diese Krise aber weiterbringen - wenn wir uns entsprechend verhalten. 

von Carsten Drees am 11. März 2020

Ja, Freunde — ich kann mir vorstellen, dass euch das Thema Corona zum Halse heraushängt. Gerade, wenn man die Hoffnung hat, dem auf Plattformen wie diesem Tech-Blog entgehen zu können. Persönlich glaube ich aber, dass wir — und damit meine ich nicht uns Blogger, sondern uns alle — aktuell auch eine Verantwortung haben, dafür zu sorgen, dass wir alle miteinander möglichst glimpflich durch diese Krise kommen.

Jeder kann was tun, damit die Lage nicht unnötig schlimmer wird. Dabei denke ich in erster Linie an die vielen Hinweise, die von Experten gegeben werden und die auch die Regierung an uns weitergibt: Regelmäßiges Händewaschen, in die Armbeuge niesen, keine woanders dringender benötigten Desinfektionsmittel horten, Menschenmassen vermeiden usw.

Das wäre einfach, wenn sich jeder dran halten würde. Aber leider gibt es noch viel zu viele Menschen auch in diesem Land, die glauben, es besser zu wissen — oder die einfach grundsätzlich skeptisch sind, wenn die Regierung zu irgendwas rät. Für mich persönlich bedeutet das, dass ich mich nicht nur an die Empfehlungen halte, auf die tagtäglich mit höchster Dringlichkeit hingewiesen wird. Darüber hinaus fühle ich mich verpflichtet, auch andere Leute darauf hinzuweisen, dass man die Gefahr nicht herunterspielt, aber auch nicht in Panik verfällt und sich schlicht und ergreifend an diese paar simplen Regeln hält.

Das mache ich in meinem privaten Umfeld, beispielsweise auf Facebook. Aber ich nehme es mir auch heraus, diesen weitaus größeren Hebel zu nutzen, den mir dieses Blog bietet. Nicole lässt mich zum Glück hier sehr frei über alles schreiben, was mir am Herzen liegt und wenn man durch die Sensibilisierung für das Coronavirus und die tatsächlichen Gefahren nur eine Handvoll Menschen davon überzeugt, jetzt besonnen, aber eben dennoch vorsichtig zu sein, dann missbrauche ich dieses Tech-Blog eben sehr gerne für diesen hehren Zweck.

Meinung vs Wissen

Oft genug habe ich hier ja auch schon darüber geschrieben, wie Menschen gerade online miteinander umgehen. Hassrede ist hier ein Stichwort, die gesellschaftliche Schieflage beginnt aber viel früher, nämlich schon dann, wenn wir einfach nicht mehr in der Lage sind, vernünftig miteinander zu diskutieren. Oft wird drauf verwiesen, dass es neben Schwarz und Weiß auch noch unzählige Grautöne dazwischen gibt — nur, um dann anschließend doch ausschließlich die eigene Meinung durchdrücken zu wollen.

Das läuft leider gerade beim Coronavirus auch sehr extrem, egal wo man online mitliest. Aus 80 Millionen Bundestrainern sind fast über Nacht 80 Millionen Virologen und Ärzte geworden. Wer sich aktuell zum Beispiel die Kommentarspalten unter Beiträgen anschaut, in denen es um abgesagte Veranstaltungen geht, wird verstehen, was ich meine.

Da steht oft Meinung gegen Meinung, niemand will nachgeben. An irgendeinem Punkt muss man sich aber die Frage gefallen lassen, ob man seine Meinung gegen Fakten vertritt, die eigentlich die eigene Meinung ändern sollten. Wenn Veranstaltungen ab einer bestimmten Größe wegen des Coronavirus abgesagt werden und ein Kommentator die Gründe dafür nüchtern zusammenfasst und anerkennt, darf das Gegenargument eben nicht “Ich will aber dahin” sein.

In diesen Fällen entstehen zweifellos Schäden. Das gilt für die Location an sich, für Veranstalter, für auftretende Künstler bzw. antretende Sport-Teams, für die Gastronomie und für Hotels, für Taxifahrer und nicht zuletzt natürlich auch für die Besucher, die vielleicht eine kostspielige Anreise und Unterkunft zahlen, darüber hinaus vielleicht auch Urlaub genommen haben.

Das ist allen Seiten bewusst, darf aber bei der Entscheidung, ob eine Veranstaltung abgesagt wird, nun mal keine Rolle spielen. Und leider ist es so, dass sich von ganz vielen Menschen vehement gegen die Fakten gestellt wird. Die einen argumentieren mit ihren entstandenen Kosten, andere damit, dass “die normale Grippe viel schlimmer ist”, noch andere erklären, dass diejenigen, die Angst haben, ja auch einfach zuhause bleiben können.

All das sind keine wirklichen Argumente, sondern nur von persönlichen Befindlichkeiten geprägte Aussagen, die einfach nicht greifen. Leider lese ich immer noch so schrecklich viele von diesen uneinsichtigen Aussagen. Bei denen geht es nicht darum, wer von uns nun tatsächlich Recht hat. Es geht darum, dass es eine Faktenlage gibt und einer diese anerkennt und der andere einfach nicht.

Eine Chance für die Gesellschaft?

Aber mein Artikel heißt ja nicht “Idioten in sozialen Netzwerken – ja, es gibt sie!”, sondern “Das Coronavirus — unsere große Chance”. Und ganz ehrlich: Ich begreife diese Krise tatsächlich auch als eine Chance für uns alle. Das hängt ganz eng mit den oben angesprochenen Kommentarspalten zusammen.

Klingt komisch, aber ich erkläre es euch: Eine gewisse Menge Unbelehrbare wird es immer geben. Aber ich beobachte in diesen Tagen auch immer wieder, dass mehr und mehr Menschen sich diesen Uneinsichtigen entgegenstellen und das in meist sachlichem Ton. Ich sehe ganz viele Freunde in den sozialen Netzwerken, die eigene Beiträge zum Thema verfassen und nochmal und nochmal erklären, wieso es gerade so wichtig ist, sich an einige Regeln zu halten und die auf entsprechende, erklärende Seiten verweisen. Das sind oft Leute, die sich aus Politik und Zeitgeschehen weitestgehend raushalten, zumindest in den sozialen Medien. Aber diese Menschen erkennen eben, dass es aktuell wichtig ist, auf die Gefahren hinzuweisen, an die Vernunft und an Solidarität zu appellieren.

Das führt dazu, dass — zumindest in meiner Filterbubble, soweit ich es sehen kann — die Deutungshoheit nicht bei den Schreihälsen liegt, wie sonst so oft im Netz, sondern bei den vielen, vielen Besonnenen. Das fühlt sich wirklich gut an, dass es so viele davon gibt. So viele Menschen, die das richtige Maß zwischen Gleichgültigkeit und Panik einhalten und auch dazu aufrufen, es ihnen gleichzutun.

Schon vor ein paar Tagen schrieb ich darüber, dass Corona jenseits aller negativen Auswüchse auch ein Glücksfall für uns sein könnte. Im Wesentlichen will ich in dem Beitrag darauf hinaus, dass wir viele Dinge wissen, die wir eigentlich tun müssten, uns aber nicht dran halten. Beispiel: “Ja, eigentlich sollte ich der Umwelt zuliebe weniger fliegen”. Jetzt, wo es drauf ankommt, verzichtet man eben doch mal auf den Flieger. Entweder, weil ein Event wegen Corona abgesagt wurde und der Flug damit eh obsolet ist, weil man selbst eine Reise absagt, oder weil schlicht bestimmte Flüge nicht stattfinden in diesen Tagen.

Der Planet würde es uns zweifellos danken, dass wir derzeit deutlich weniger CO2 emittieren als sonst, aber das ist hier nicht der eigentliche Punkt. Am besten bringt es für meinen Geschmack die liebe Jessica auf den Punkt:

Schaut euch beispielsweise mal die heutige Bundespressekonferenz an. Wiederholt klärt Bundesgesundheitsminister Spahn dort über die aktuelle Lage auf, hat dabei stets Experten an seiner Seite und heute zudem auch die Bundeskanzlerin. Ich finde, dass er sich derzeit in der Tat als Krisenmanager bewährt und den richtigen Ton trifft, so auch heute wieder.

Er erklärt zum Beispiel, dass man eben nicht alles im Bund reglementieren kann oder pauschal verbieten. Vielmehr ist auch jeder Einzelne gefragt, sich vernünftig zu verhalten. Wenn ich weiß, dass der Staat so weit geht, die Absage aller Großveranstaltungen zu empfehlen, dann sollte ich eben auch von allein auf die Idee kommen, dass es vielleicht nicht sonderlich pfiffig ist, eine Veranstaltung mit 900 Personen zu besuchen in diesen Tagen.

Die Regierung fordert also gesunden Menschenverstand, Augenmaß und gibt seinem Volk da einen gewissen Vertrauensvorschuss. Sehe ich jetzt in die oben erwähnten Kommentarspalten, erkenne ich immer öfter, dass da tatsächlich viele Menschen mit Augenmaß agieren, aufeinander zugehen, sich der Gefahrenlage angemessen verhalten.

Coronavirus: Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Merkel und Gesundheitsminister Spahn

Gepostet von tagesschau am Mittwoch, 11. März 2020

In der anschließenden Debatte im Bundestag erklärte Spahn auf Anfrage eines AfD-Politikers dann, dass man schon vor Wochen tonnenweise Schutzmasken und -kleidung nach China geliefert habe, um dort in der Not zu helfen — und aktuell die Lage sogar umgekehrt ist, dass also Chinesen ähnliches Material nach Europa schicken, vor allem nach Italien derzeit. Ebenso ließ er durchblicken, dass es zwar verschärfte Regeln für den Export dieser Produkte gibt, die Regierung dabei aber die europäischen Nachbarn im Blick hat und nicht kleine Länder am ausgestreckten Arm verhungern lässt.

Ich beobachte also in diesen Tagen, dass nicht nur Privatpersonen aufeinander zugehen, aufklären, zur Besonnenheit aufrufen, sondern auch in der Politik besonnener agiert wird. Ihr könnt mir jetzt sicher jede Menge Themen zuwerfen, die das Gegenteil beweisen könnten, beispielsweise die Lage der Flüchtlinge, die in Griechenland oder an der türkischen Grenze ausharren. Aber es zeigt sich eben auch Solidarität, wie ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe und den Willen, gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Die Regierung verbietet keine Club-Besuche oder Parties und sonstige kleinere Veranstaltungen. Aber sie appelliert an uns: Alles, was zwar Spaß macht, aber gerade nicht notwendig ist, vielleicht einfach mal für ein paar Wochen bleiben zu lassen. Ich hoffe darauf, dass es diese Solidarität im Volk auch tatsächlich so gibt. Und ganz ehrlich: Ich bin ein naiver Träumer, ich weiß — aber ich hoffe insgeheim darauf, dass diese Phase, in der jeder mehr auf sich, auf seine Lieben und auf alle anderen achten muss und in der man eben nicht ins Stadion oder zum Tanzen geht, zum Nachdenken genutzt wird. Nachdenken, was wirklich wichtig ist im Leben. Nachdenken, wie wir miteinander umgehen. Nachdenken, welche Menschen man in seinem Leben hat und wie man sie schützen kann. Nachdenken, dass wir irgendwie ja doch alle gleich sind und nichts wollen als in Ruhe leben — ob wir in Deutschland, Italien oder China wohnen, ob wir unseren Spaß im Stadion wollen oder als Flüchtling an einer europäischen Grenze frieren.

Wäre es nicht wundervoll, wenn wir die Corona-Krise einigermaßen glimpflich überstehen und uns in ein paar Monaten als gewachsene Gesellschaft präsentieren, die sich nicht nur plötzlich regelmäßig die Hände waschen und auf unnötige Flüge verzichten kann, sondern auch mehr auf Solidarität als auf Populismus setzt. Statt viel zu häufig mit dem Finger auf andere zu zeigen, sollten wir unsere Hände lieber dazu nutzen, um sie unseren Mitmenschen helfend zu reichen — solange das Virus kursiert, allerdings besser nur im übertragenen Sinne ;)