Das Digitale der Depression: Twittern #ausderklapse

Es ist immer noch ein Stigma. Depressiv zu sein bedeutet für so manchen einfacher gestrickten Menschen immer noch, verrückt zu sein. Aber eigentlich ist es eine sehr tiefer Traurigkeit, die einen erfasst. Nicht ständig, nicht täglich, aber es gibt gerade bei meiner Form der Depression wiederkehrende Phasen. Man kann sie unter Kontrolle bekommen mit Medikamenten. Aber eben nicht immer. Unglückliche Umstände, wenig Verständnis können zum Ausbruch führen.

So bei mir, der ich im Februar diesen Jahres freiwillig in eine psychiatrische Klinik ging. Und weil ich sich verstecken für falsch halte, entschloss ich mich, von meinen Erlebnissen zu twittern. Das Hashtag #ausderklapse war fortan mein Medium für Berichte vom alltäglichen bekloppt sein. Man hatte mir im Vorfeld geraten, das ganze geheim zu halten, um so verblüffter war ich, als so ziemlich jeder, der mich in der Klapse betreute es sehr positiv fand, wie offen ich mit dem Thema umging. Und auch auf Twitter war und ist das Feedback bis auf ganz wenige Trolle extrem positiv. Der eine oder andere hat meine Tweets als Anregung genommen, sich  mehr um sich selbst zu kümmern, andere wiederum rückmeldeten mir, dass sie jetzt ihren depressiven Freund, ihre depressive Freundin besser verstünden.

Wer übrigens glaubt, als Patient in der Psychiatrie dürfe man nicht mit der „Außenwelt“ kommunizieren, dem kann ich sagen, im Gegenteil. Selbst auf der Station, die für 8 Wochen mein zweites zuhause war, gab es für die Patienten einen kostenlosen W-Lan Zugang und jeder durfte Notebook, Tablet oder Smartphone zwischen den Therapiesitzungen benutzen. Insofern war die Psychiatrie hier moderner als die „Außenwelt“, wo immer noch kaum freies W-Lan zur Verfügung steht.

Gerade das Drama um den Absturz der Germanwings Maschine zeigte mir deutlich, dass die (digitale) Öffentlichkeit oft weit differenzierter argumentiert, als Medien und Politik. Während die Politiker populistische Forderungen nach einem  Berufsverbot für Depressive aufstellten, erlebte ich unter meinen Followern einen unglaublichen Rückhalt und Verständnis. Bauschten die Medien dieses unsagbar schlimme Unglück zu einem Allgemeinplatz auf, so erkannte die Community deutlich, dass man hier nicht von einem auf alle schliessen durfte.

Alles in allem hat mir meine offensive Kommunikation #ausderklapse ungeheuer geholfen. Ich war weniger alleine, bekam sehr wertvolle Tipps, Hinweise und Literaturempfehlungen und konnte so manche Angst vor dem stigmatisierten Thema Depression nehmen.

Ich möchte allen danken, die mich bis hierhin (Tagesklinik als Rückkehrhilfe in den Alltag) begleitet haben. Ich bin weder verrückt, noch arbeitsunfähig. Ich, und in Deutschland geschätzt jeder fünfte hat eine Erkrankung, die mit Hilfe von Medikamenten und Psychologen oft sehr gut in den Griff zu bekommen ist. Und was mir die Zeit auch auf Twitter gezeigt hat. Die digitale Gemeinde hat hier sehr viel mehr Einfühlungsvermögen, als man ihr fürderhin zutraut. Und nein und nochmals nein. Nicht jeder Depressive ist ein potentieller Mörder. Im Gegenteil, die meisten Suizide bei Depression entstehen, weil man eben niemandem mehr zur Last fallen will, sich aus der Gleichung entfernen will.

Und weil bereits Anfragen kamen. Natürlich darf jeder, der auch mal „in der Klapse“ steckt, meinen Hashtag #ausderklapse verwenden, es wäre mir sogar eine Ehre. Ich werde weiter kämpfen gegen die Stigmatisierung von Depression und für einen vernünftigen und sinnvollen Umgang mit der Krankheit. Depression ist nicht eine immer gleich verlaufende Erkrankung. Das Krankheitsbild ist vielfältig, kann sehr schwer sein, aber auch eher leicht.

Manche Depression bekommt man alleine mit Medikamenten sehr gut in den Griff, andere wiederum brauchen professionelle Unterstützung. Was aber niemand braucht sind Stigmatisierung und Totschweigen. Wer depressiv ist, braucht Hilfe, die er aber manchmal gar nicht mehr selbst einfordern kann. Deshalb sind all jene Menschen so bewundernswert, die einem depressiven Menschen die Treue halten und zur Seite stehen. Das kann oftmals ein Leben retten. Und alleine deshalb ist es schon richtig und wichtig, über Depression zu sprechen und zu schreiben.

Übrigens, es gibt sogar Apps, die depressiven Menschen helfen. Zum Beispiel ein Stimmungstagebuch, das erster Indikator für einen drohenden depressiven Schub sein kann oder eine App, die an die regelmässige Einnahme der nötigen Medikamente erinnert.