Das digitale Vermächtnis: Wohin mit all den Fotos?

Wo habt ihr eure Fotos? In klassischen Foto-Alben? Auf dem Rechner? Bei Facebook oder im Cloud-Speicher? Vielleicht habt ihr auch zwei, drei geerbte Foto-Alben der Eltern oder Großeltern im Schrank liegen - aber was für Fluten von Bildern geben wir selbst weiter an unsere Nachkommen?

Ich habe mal Inventur gemacht, extra für diesen Artikel: Ich besitze drei „richtige“ offline Foto-Alben – irgendwie war das nie wirklich mein Ding, Struktur in die gemachten Fotos zu bringen. Deshalb besitze ich auch einen großen Karton mit Fotos. Ehrlich gesagt mag ich die gerade nicht zählen, aber ich tippe mal drauf, dass es locker über 2000 Fotos sein müssten. Es wären noch mehr Bilder, aber so manches Zeitdokument ging damals unwiederbringlich verloren im dramatischen meine-Katze-pinkelt-in-einen-Karton-Unglück in den frühen Nuller-Jahren.

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Ja, in einem früheren Leben war ich manchmal Matrose – und dünn

Kleiner Disclaimer zwischendurch – damit dieser Artikel ein bisschen authentischer wird, haue ich ein paar alte Bilder hier rein. Ist sicher ein bisschen gruselig, aber da müsst ihr jetzt durch ;)

Jetzt sitze ich hier mit 2000 + x Bildern in meiner Bude – ohne Katze – und das bedeutet für mich, dass irgendwann ziemlich zähe Scan-Sessions auf mich zukommen werden, um diese Bilder auch allesamt digital verfügbar zu haben. Etwas, was ich schon ziemlich lange vor mir herschiebe und mir stets denke: Dieses Wochenende fängst Du aber mal damit an – ihr kennt das ja, wie das so ist mit den Wochenenden und dem Verplanen.

Palle Casi
Palle und ich – WM 2014

Darauf will ich heute aber gar nicht hinaus. Vielmehr will ich mich damit beschäftigen, was wir unseren Kindern und Kindeskindern vererben. Während es für uns normal ist, dass irgendwo vielleicht noch die guten, alten Foto-Alben im Schrank liegen, in denen wir bestenfalls sogar noch Schwarz-Weiß-Fotos finden, auf denen unsere Großeltern und Ur-Großeltern im zarten Kindesalter abgelichtet wurden, ist mittlerweile eine neue Generation angebrochen: Die Generation, die in der Lage ist, Fotos nicht nur digital zu schießen, sondern sie eben auch digital aufzubewahren.

Warum die Dinge heute deutlich unkomplizierter über die Bühne gehen? Im Urlaub in den Achtzigern mussten vorher Filme gekauft werden. 36 Bilder konnten pro Film geknipst werden. Habt ihr den Urlaub beendet, ging es in der Heimat in den Foto-Laden eures Vertrauens, in welchem ihr dann eure drei Filme abgegeben habt und dann ein, zwei Tage später eure round about 100 Fotos abholen konntet. Die landeten dann zuhause, nachdem man sie herumgezeigt hatte. In Foto-Alben oder – wie bei mir – in einem Karton, den man äußerst selten wieder hervorkramte. Heute hingegen haben wir ständig spitzenmäßige Kameras dabei – in unseren Smartphones!

Digitale Foto-Flut – der Status Quo

Wir halten drauf, wenn wir ein außergewöhnliches Auto auf der Straße sehen. Wir drücken auf den Auslöser bei jedem dummen Gesicht, was der Kumpel macht. Wir knipsen unzählige Bilder auf Parties, Konzerten und Veranstaltungen jeder Art. Im Normalfall limitiert uns nur der Speicherplatz auf dem Smartphone, so dass wir nochmal und nochmal abdrücken, nur um sicherzugehen, dass diese oder jene Sehenswürdigkeit nun wirklich perfekt abgelichtet wurde.

Freund und Lieblings-Karaoke-Partner Caschy und ich
Freund und Lieblings-Karaoke-Partner Caschy und ich

So kommt es, dass unglaublich große Foto-Mengen zusammenkommen. Vielleicht nicht bei jedem, aber doch bei sehr vielen von uns. Die Tech-Unternehmen stellen sich darauf ein, indem sie uns Möglichkeiten an die Hand geben, Ordnung in dieses Foto-Chaos zu bringen. Wir können – egal, ob bei OneDrive, Google Fotos oder in der Dropbox – dort nicht nur massig Bilder unterbringen. Wir haben darüber hinaus nämlich auch die Möglichkeit, dass wir uns sogar nicht einmal um die Uploads kümmern müssen. Geschossene Fotos werden auf Wunsch direkt automatisch in die Cloud geschaufelt.

Ich habe immer so eine latente Panik, dass wichtige Aufnahmen verloren gehen könnten. Deswegen hab ich Fotos nicht nur auf meinen mobilen Devices und auf meinen Rechnern, ich habe sie auf meinem NAS und in verschiedene kostenlose Wolken geschaufelt. Ich mag gar nicht zählen, wie viele es sind, aber die dagegen lächerlich wirkenden 2000 Bilder, die ich glaube, offline zu besitzen, sind im Vergleich dazu ein Witz. 2000 Fotos – die habe ich vermutlich allein in diesen ersten vier Monaten des Jahres 2016 in die Cloud gejubelt.

Ja, ich hatte Haare!
Ja, ich hatte Haare!

Ich sichere meine privaten Fotos, sichere darüber hinaus auch alles, was ich beruflich mache: Viele Fotos also zu mobilen Geräten und viele Screenshots. Außerdem laufen in die Cloud-Speicher auch die Bilder rein, die mir via Messenger oder WhatsApp geschickt werden. Wenn ihr Kontakte habt, die gern lustige Spruchbilder verschicken oder jeden anderen viralen Mist, könnt ihr euch vorstellen, was da für ein Monstrositäten-Kabinett zusammenkommt mit der Zeit.

All das findet sich dann eben beispielsweise bei Google Fotos wieder – Tausende und Abertausende Bilder.

Wie machst Du das (dann)?

Diese Frage hat vor wenigen Tagen der hochgeschätzte Karl Kratz auf Facebook gestellt. Er hat eben auch darüber nachgedacht, dass wir ganz andere Datenmengen in unseren Leben anhäufen. Und während ich mit meinen Überlegungen stets an dem Punkt ende, wo ich mir entweder denke, wann ich mal meine alten Fotos digitalisiere, oder wieso man mir über WhatsApp so viel Dreck schickt, dachte er einen Schritt weiter: Was passiert nach unserem Ableben? Wir vererben nämlich wohl in vielen Fällen keine Foto-Alben mehr mit einer überschaubaren Zahl an Bildern – wir vererben Berge von digitalen Fotos. Ich zitiere Karl aus seinem Posting:

Es ist sicher keine Kunst, im Lauf seines Lebens 50.000+ digitale Bilder anzusammeln: Hier ein Handybild, da eines mit der großen Kamera, dort bekommt man ein paar zugeschickt. Irgendwann ist das mit uns zu Ende. Von unserer vorherigen Generation haben wir ein paar Fotoalben übernommen. Unsere Kinder übernehmen eine Festplatte oder einen USB-Stick (oder ein ganz anderes Medium). Aber was übergeben wir? Wenn jemand täglich 2 Stunden lang Bilder betrachtet, braucht er weit über 30 Tage, um 50.000 Aufnahmen anzusehen. Und selbst dann hat er sich nur jeweils 5 Sekunden Zeit genommen. Karl Kratz

„Wie machst Du das (dann)“ ist also eine berechtigte Frage. Dabei geht es hauptsächlich in der Tat um diese Datenberge, aber auch darum, dass wir nicht nur viele, sondern auch schrecklich unnütze Bilder ansammeln. Besagte Virals, die keiner mehr braucht, in meinem Fall Close-Ups von bis dahin veralteten Smartphones, Screenshots, die nur damals in der Situation Sinn ergaben und vielleicht auch pikantere Bilder, die man irgendwann mal dem Herzmenschen geschickt hat, diese aber vermutlich eher ungern an seine Kinder und Kindeskinder vererben möchte.

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Mein früheres Rockstar-Leben! Laser-Beam-Bubblegum als Bandname – kann man sich eigentlich nicht ausdenken :D

2016 ist bislang ein gruseliges Jahr, in welchem uns jede Menge Menschen teils sehr überraschend verlassen haben. Das sollte jedem von uns ins Gedächtnis meißeln, dass das alles hier für uns schneller vorbei sein kann, als uns lieb ist. Während ich mich also durchaus für die Vorstellung erwärmen kann, an meinem Sterbebett meinen Liebsten eine gut sortierte Festplatte mit x Terabyte Fotos und einem „Viel Spaß, ihr Affen“ auf den Lippen in die Hände zu drücken, sieht die Realität wohl anders aus.

Ordnung ins Chaos bringen

Ich hoffe, ihr erwartet kein Patentrezept dafür, wie man diesem Problem begegnet, denn ehrlich gesagt habe ich mich damit erst in der Sekunde befasst, in der Karl diese Frage aufgebracht hat. Darüber hinaus haben wir alle unterschiedliche Software, unterschiedliche Plattformen und nicht zuletzt auch alle unterschiedliche Angewohnheiten, was das Fotografieren und Archivieren angeht.

Vielleicht könnt ihr mir aber auf die Sprünge helfen und in den Comments erklären, ob ihr

  1. euch mit dieser Problematik überhaupt schon mal befasst habt und
  2. selbst schon eine funktionierende Strategie erarbeitet habt.

Ich hab mir jedenfalls vorgenommen, mich zeitnah um die hochgeschaufelten Bilder zu bemühen. Der Kram aus den Messengern fliegt schon seit längerem bei mir noch oft an dem Tag raus, an dem er bei Google Fotos aufgelaufen ist, ebenso Screenshots, die ich für Artikel verwendet habe.

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Die P.I.M.P.S. Johannes, Caschy und ich in Las Vegas

Gibt es so einen Begriff wie Foto-Hygiene oder Daten-Hygiene? Sollte es zumindest! Wir sollten uns fragen, was von den gemachten Bildern tatsächlich langfristig aufbewahrt werden muss. Vielleicht brauche ich gar nicht 800 Fotos von meinem letzten China-Trip, sondern nur 200. Je nach Plattform solltet ihr die Möglichkeiten nutzen, die euch dort jeweils zur Archivierung angeboten werden: Legt Alben oder Kollektionen an, nutzt Schlagworte! Wie gesagt: Lasst es uns in den Kommentaren wissen, wenn ihr schon den perfekten Schlachtplan entwickelt habt.

Müssen wir gar nicht sortieren?

Einen letzten Gedanken möchte ich noch loswerden, der meiner Meinung nach nicht zu vernachlässigen ist und den ihr auch in eure Überlegungen mit einbeziehen solltet. Ich erwähnte eingangs, dass sich die Technologien stets weiter entwickeln und uns auch bezüglich der Fotos immer mehr Möglichkeiten an die Hand geben. Das gilt nicht nur dafür, wo wir die Bilder lassen, sondern auch dafür, wie wir sie betrachten und abrufen können. Stand heute finde ich digitale Foto-Alben immer noch eine tolle Idee, beispielsweise so, wie man sie bei Facebook anlegt.

Caschy Casi Palle
Caschy und Palle zu Gast bei mir – Trunkenbold-Abend

Vielleicht wird es in Zukunft aber gar nicht mehr üblich sein, Bilder selbst nach Datum oder Anlass zu sortieren, weil wir das die Künstliche Intelligenz übernehmen lassen. Schon jetzt kann Google Fotos zum Beispiel erstaunlich gut Bilder zutage fördern, indem ihr ein (nicht vorher angelegtes) Schlagwort wie „Strand“, „Berge“, „Hund“ etc eingebt oder nach Personen sucht.

Egal, ob wir jetzt über Google, Apple, Microsoft oder natürlich auch Facebook reden und viele, viele Unternehmen mehr: Die Technologien, die Inhalte in Fotos und Videos automatisch und zuverlässig erkennen, verbessern sich mit atemberaubender Rasanz. Wenn ein Smartphone in der Lage ist zu erkennen, welche Person gemeint ist, wenn ich lediglich „Papa anrufen“ ansage, dann sollte ein Algorithmus in einer Foto-Datenbank mir auch die passenden Ergebnisse liefern, wenn ich nach „Papas 50. Geburtstag“ suche oder „Italien Urlaub 1983“. Auch die Suche nach „ich mit ungefähr 30“ und ähnliche Geschichten sind keine Raketen-Wissenschaft.

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Ehrenformation der Bundesrepublik Deutschland – dafür Thumbs up von mir :D

Grenzen der künstlichen Intelligenz sehe ich aber zum Beispiel bei persönlicheren Suchen. Wie durchsuche ich 50.000 Bilder nach den „Lieblings-Fotos meiner Mama“ oder die Aufnahmen mit undefinierbarem Gekrakel meines 2-jährigen Neffen? Vielleicht gibt es auch zu einem Foto eine besondere Geschichte – wie soll eine KI mir dann zum Beispiel das Foto anzeigen, welches mir xy an einem besonderen Abend erstmals gezeigt hat oder ähnliches. Worauf ich hinaus will: Künstliche Intelligenz ist hier leider noch lange nicht die Antwort auf alle Fragen.

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Brille aus Zwiebelringen und charmanter Überbiss – hässlich? Kann ich!

Sollte dem dennoch so sein, dass unsere Foto-Sammlungen größtenteils automatisch nahezu perfekt durchsuchbar sind, dann müssen wir immer noch den ganzen Schrott aus unseren Sammlungen entfernen, würden uns immerhin aber nicht damit herumplagen müssen, was mit 50.000 oder 100.000 Bildern zu geschehen hat, die wir irgendwann mal weitergeben, wenn wir den Hintern zusammenkneifen. Ich bin jetzt jedenfalls gespannt auf eure Ansicht zu dem Thema, zu euren Ideen und Strategien – und werde mir jetzt nochmal das gute, alte Foto-Buch aus dem Regal kramen von dem coolen Las Vegas-Trip.

Denn: Egal wie ausgeprägt der Geek in uns allen ist – den ein oder anderen Foto-Schatz möchte man vielleicht doch lieber in einem Foto-Album, Foto-Buch oder in der Vitrine bzw. an der Wand betrachten.