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Das Greta-Prinzip

Man ist für sie oder gegen sie, dazwischen geht so ziemlich nichts. Die Rede ist natürlich von Greta Thunberg. Ich nutze diesen Umstand nun für meine soziale Hygiene und nenne es das "Greta-Prinzip".

von Carsten Drees am 27. September 2019

Ich sitze hier gerade vorm Rechner, weiß ungefähr, was ich sagen möchte bzw. welche Stoßrichtung dieser Beitrag bekommen wird. Und ehrlich gesagt muss ich ein wenig schmunzeln bei dem Gedanken, dass ich noch keine Zeile des Inhalts geschrieben habe und dennoch davon ausgehen darf, dass allein die Headline und das Foto wieder so viele Menschen triggern, dass sie bereits Schaum vorm Mund haben, bevor sie auch nur den ersten Satz meines Beitrags gelesen haben.

Ja, so ist das mit dem Medienkonsum im Jahre 2019: Erwähne bloß den Namen einer Person — und unzählige Menschen gehen unmittelbar auf die Barrikaden. Es scheint fast ein verdammtes Wunder zu sein, dass sich so viele Menschen in den sozialen Medien lautstark über Greta Thunberg äußern können, weil man ihnen angesichts der Tonalität unterstellen möchte, dass sie ständig mit geballten Fäusten vorm Rechner oder Smartphone sitzen, was das Tippen von Kommentaren deutlich erschweren sollte.

Das gilt übrigens auch für andere Charaktere, die man — meiner Meinung nach — sehr kritisch betrachten sollte, beispielsweise Donald Trump, Boris Johnson oder Bernd (hihi) Höcke, um mal nur drei Namen zu nennen. Jeden einzelnen davon finde ich verabscheuungswürdig und ich merke bei mir selbst, dass mich diese Gestalten nerven, bevor sie den Mund aufmachen. Dennoch muss ich mich zwingen zu differenzieren zwischen dem, was sie tatsächlich machen und sagen und dem, was darüber hinausgeht. Beispiel: Ich kann gleichzeitig AfD-Fraktions-Boss Gauland richtig scheiße finden und es ebenso verurteilen, wenn man ihm die Klamotten klaut, während er schwimmen geht. Aber das nur am Rand, denn ich wollte ja eigentlich über Greta Thunberg reden.

Es brauchte nicht erst eine “Fridays for Hubraum”-Gruppe, um zu erkennen, dass es selten (oder noch nie?) in den sozialen Medien eine dermaßen gehasste Person wie die 16-jährige Schwedin gab. Ich muss jetzt keine der Beleidigungen und keine der an den Haaren herbei gezogenen Anschuldigungen und Verschwörungstheorien nennen — ihr wisst ja selbst gut genug, was derzeit bei Twitter und Facebook los ist. Sie polarisiert wie kaum ein anderer Mensch auf diesem Planeten, zumindest uns Deutsche, wie es scheint. Sehr viele mögen sie, sehr viele hassen sie — und dazwischen tummeln sich ein paar wenige, die das irgendwie noch differenziert betrachtet bekommen, scheint mir.

Das Greta-Prinzip

Man sollte ja versuchen, in allem irgendwie was Positives zu sehen und für sich persönlich irgendwas herauszuziehen. Das versuche ich auch immer wieder zu beherzigen und so ist aus diesem ganzen Greta-Gebashe für mich tatsächlich auch was Positives herausgesprungen: Die Idioten werden zwar nicht weniger, aber ich kann sie besser sehen. Es ist wie so oft im Leben: Dass, was ihr über eine Person äußert, sagt unendlich mehr über euch aus als über die Person.

Mit dem “Greta-Prinzip” kann ich jetzt also meine Freundesliste auf Facebook so gestalten, dass ich den Unrat relativ schnell loswerde. Das funktioniert auf zwei Arten:

  • Leute entfreunden mich, weil ich mich als Pro-Greta und Pro-FridaysForFuture positioniere – gerne wortlos und nach vielen Jahren Freundschaft
  • Ich entfreunde Leute, die sich in der Debatte wiederholt und signifikant im Ton vergreifen

Die Art und Weise, wie man mit Menschen redet oder wie man über Menschen redet, ist für mich ein perfekter Arschloch-Indikator. Die Grenzen sind aber oft ziemlich schwammig. Jemand kann bei einem beliebigen Thema immer mal übers Ziel hinausschießen, egal ob es um Politik, Ernährung oder Gesellschaftliches geht, oder auch um profane Dinge wie Musik und Sport. Davon spreche ich mich selbst ausdrücklich auch nicht frei logischerweise. Deswegen entfreunde ich also natürlich noch lange keinen Menschen, weil er mal an einem schlechten Tag freidreht.

Ich entfreunde ihn auch nicht, wenn er politisch anders tickt, selbst wenn er sich rechts von mir positioniert — bis zu einem gewissen Grad. Wenn man das Gefühl hat, dass man Menschen erreichen kann und sie trotz anderer Meinung noch mit einem diskutieren möchten, dann halte ich das aus, selbst wenn jemand sein Kreuz bei der AfD macht. Dass es hier aber nur eine sehr kleine Menge Menschen gibt, versteht sich von selbst.

Wo ich aber einen ganz klaren Strich ziehe: Wenn ihr wiederholt ungerechtfertigt hetzt, egal gegen wen. Und aktuell funktioniert das Erkennen dieser Hetze nirgends so sauber wie bei Greta Thunberg. Bei politischen Themen geht es immer kontrovers zu, das versteht sich von selbst. Dass da konträre Meinungen aufeinander treffen, liegt also in der Natur der Sache. Beim Klimawandel ist das aber für mich komplett anders: Da sollte man einhellig der Meinung sein, dass es irgendwie nicht komplett Scheiße ist, etwas für den Planeten und damit etwas für uns alle zu tun. Mindestens dieser gemeinsame Nenner sollte eigentlich alle sieben Milliarden Menschen miteinander verbinden.

Es geht dabei auch erst mal nicht um die verschiedenen Nuancen und es geht auch sicher nicht darum, eine Bewegung wie FridaysForFuture in den Himmel zu heben oder gar eine Greta Thunberg zu ikonisieren. Ich habe den größten Respekt davor, was sie initiiert hat, das macht sie aber nicht automatisch zur Heiligen. Auch ich finde, dass einzelne Protagonisten bei FFF mal übers Ziel hinausschießen. So finde ich es in höchstem Maße peinlich, wenn Klima-Aktivisten einen Mann in seinem Geländewagen stellen, mit Schild vor der Karre posieren und diesen Mann damit an einen Pranger stellen. Das ist ein deutlicher Schritt über eine rote Linie, die nicht übertreten werden darf.

Ich stelle mir bereits jetzt die Frage, was zuerst passiert: Wird ein hasserfüllter SUV-Fahrer die Nerven verlieren und mit seiner Karre irgendwann in Demonstrierende reinballern? Oder werden überambitionierte und ebenso hassverblendete Klima-Aktivisten gewalttätig gegen SUV-Fahrer oder gegen Autofahrer im Allgemeinen? Man hat derzeit das Gefühl, dass sich die Dinge rasend schnell zuspitzen und jemand früher oder später die Nerven verlieren wird. Bei dieser Gewaltspirale liefert dann eine solche Aktion massig Munition für die andere Seite und alles wird sich noch schneller hochschaukeln.

Aber wieder zurück zu Greta und wie wir mit ihr umgehen. Egal, was sie sagt und egal, wie man zu ihr steht und egal, was man von FridaysForFuture hält: Sie bleibt ein sechzehnjähriges Mädchen, mit dem man verdammt nochmal so umzugehen hat, wie man auch mit anderen Menschen diesen Alters umgeht und was der gesunde Menschenverstand gebietet.

Von mir aus findet, dass sie überzieht mit ihren Forderungen oder Anklagen gegenüber Politikern.

Von mir aus findet, dass der Klimawandel nicht so dominant besprochen werden sollte, wie das derzeit geschieht.

Von mir aus gebt euch die intellektuelle Blöße und ihr dumme Namen wie “Gretl” oder “Greta Thunfisch”.

Von mir aus findet auch, dass man ihre Beweggründe, ihre Motivation und vermeintliche Köpfe hinter ihr hinterfragen sollte. Das sind alles nicht meine Gedanken zu Greta, aber das ertrage ich alles.

Was ich aber eben nicht ertrage:

  • Wenn Hater in ihrem Wahn Morddrohungen gegen sie aussprechen
  • Wenn sie als Behinderte abgestempelt wird
  • Wenn sie aufgrund ihres Alters oder Aussehens oder Geschlechts diskriminiert wird
  • Wenn sie beschimpft wird

Das hat nichts mit Ansichten zum Klimawandel zu tun und das hat nichts mit der Person Greta Thunberg zu tun. Das hat ausschließlich was damit zu tun, ob man sich anderen Menschen gegenüber wie ein Arschloch benimmt und dann am besten auch noch mit seiner Arschlochhaftigkeit prahlt. Man beschimpft als Erwachsener kein minderjähriges Mädchen,  man äußert keine Vergewaltigungs- oder sonstige Gewaltfantasien und man macht sich nicht über sie lustig. 

Genau da greift dann mein persönliches “Greta-Prinzip”. Haltet euch an die einfachsten Regeln der Kommunikation und ihr könnt tun, was ihr wollt — ihr könnt den menschgemachten Klimawandel leugnen, könnt Mario Barth und Trump gut finden und ihr könnt auch beknackte Pro-SUV-Memes posten. Das werde ich alles für komplett behämmert erachten, aber das halte ich ebenso aus wie andere Meinungen, über die man in einem normalen Ton diskutiert.

Aber verlasst diese Ebene, benehmt euch wie die sprichwörtliche Axt im Walde und übertretet somit die oben aufgezeigten Grenzen — und ich kann euch nicht in meinem Dunstkreis gebrauchen. Ich wiederhole es sicherheitshalber nochmal: Es geht dabei nicht darum, wie man sich bei der Klimadebatte positioniert oder wie viel man von Greta Thunberg/FFF hält. Es geht lediglich darum, dass ich ein kleines bisschen Respekt einfordere im Umgang mit anderen Menschen. Ich will kein hämisches Gelächter unter ernsten Nachrichten sehen, will keine Fotos von “lustigen” Fuck-you-Greta-Aufklebern im News Feed haben und ich will das Gefühl haben, dass mein Diskussionspartner seine Wut und sein Denken in geordnete Bahnen lenken kann, so dass sich seine Kritik gegen ein Thema, eine bestimmte Art Politik usw. richtet — und nicht gegen ein sechzehnjähriges Mädchen.

Ich fürchte, ich könnte noch stundenlang darüber schreiben, wie verrückt mich der Umgang untereinander derzeit wütend und auch traurig und müde macht. Stattdessen werde ich jetzt aber durch die sozialen Medien streifen und vermutlich meine Freundesliste dabei nochmal flott durchfeudeln und ausdünnen. Das ist für mich ein Akt der sozialen Hygiene. Ich muss das machen, damit ich a) mir selbst im Spiegel in die Augen sehen kann und b) damit ich die wirklich wichtigen Dinge und die wichtigen Leute wieder besser sehen kann — so ganz ohne den Hass- und Häme-Müll.

Falls jemand jetzt anmerken möchte, dass man über den Tellerrand schauen muss, statt sich wohlig in seiner Blase einzurichten: Ja, dessen bin ich mir tagtäglich bewusst. Deswegen diskutiere ich ja auch gern kontrovers, halte andere Meinungen aus und freue mich auch über neue Denkansätze, die mich meine eigenen Ansichten überdenken lassen könnten. Nach wie vor treffe ich an so vielen Orten im Netz auf Menschen, die die Welt anders sehen als ich. Aber ich brauche nicht mehr diese hasserfüllten und verblendeten Subjekte in meinem direkten Freundeskreis, die mir lediglich Zeit, Nerven und Energie stehlen.

 

Artikelbild: Greta Thunberg (Facebook-Seite)