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Das größte Artensterben seit den Dinosauriern – und wir sind Schuld

Der Weltbiodiversitätsrat hat heute seinen globalen Bericht zum Zustand der Natur veröffentlicht und die Resultate sind erwartet fatal: Bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht.

von Carsten Drees am 6. Mai 2019

Wir — damit meine ich uns alle rund um den Planeten — haben ein “klitzekleines” Problemchen: Wir wirtschaften unsere Erde kaputt. Keine Ahnung, wie das in fünfzig oder hundert Jahren aussehen wird, aber Stand jetzt haben wir keinen Ersatz-Planeten, den wir danach ruinieren können, wenn wir die Erde zerstört haben.

Wir haben keinen Planet B

Wieso der dystopische Einstieg? Weil wir immer noch zu wenig darüber reden, was der Mensch diesem wundervollen Planeten antut. Aktuell sprechen wir erfreulich viel über die Klima-Krise — sogar so viel, dass selbst in Berlin und in anderen Regierungen langsam der Groschen fällt und erkannt wird, dass circa jetzt der letzte vernünftige Zeitpunkt ist, zu dem man handeln kann.

Dummerweise ist das aber nur eine Seite der Medaille und wir reden hier über eine Medaille, auf der beide Seiten ziemlich beschissen aussehen (entschuldigt die Ausdrucksweise). Es bringt uns nämlich leider herzlich wenig,  wenn wir aus irgendeinem Grund plötzlich in der Lage wären, die Erderwärmung bzw. den Anstieg der Erderwärmung auf ein annehmbares Niveau zu begrenzen — und wir gleichzeitig weiter dafür sorgen, dass mehr und mehr Pflanzen- und Tierarten von diesem Planeten verschwinden.

Wir müssen also, wenn wir darüber reden, was der Mensch der Erde antut, immer zwei Dinge im Blick behalten: Den durch Menschenhand gemachten Klimawandel und gleichzeitig aber auch die Biodiversität! Heute hat der Weltbiodiversitätsrat in Paris seinen globalen Bericht zum Zustand der Natur vorgestellt und bei dem kommt das Tier namens Mensch denkbar schlecht weg — oder besser gesagt: erwartet schlecht!

Denn mal ehrlich — egal, ob wir darüber reden, dass für Weidefläche, für Palmöl oder sonst was Regenwälder gerodet werden, ob wir uns darüber unterhalten, dass wir in einem un(v)erträglichen Maß die Meere leerfischen oder ob wir anmerken, dass wir unter oftmals widrigsten Bedingungen begrenzte Rohstoffe (Beispiel: Coltan für unsere Smartphones) fördern lassen: Eigentlich sind wir uns schon ziemlich dessen bewusst, dass wir uns denkbar erbärmlich benehmen, zumindest unter dem Gesichtspunkt, dass es schon schön wäre, von diesem Planeten noch etwas länger was zu haben.

Für alle anderen, denen das nicht so bewusst ist, hat jetzt der WeltbiodiversitätsratI PBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) seinen Bericht veröffentlicht, den ersten seiner Art seit 14 Jahren. Was dort zu lesen ist, zeichnet ein katastrophales Bild, nach dem etwa eine Million von acht Millionen Arten von unserem Planeten verschwinden könnten, viele davon bereits innerhalb der nächsten Jahrzehnte.

An der Erstellung dess Globalen Sachstandsberichts waren über 450 Experten (darunter 40 deutsche) beteiligt und haben über den Zeitraum von drei Jahren Tausende Studien ausgewertet. Auf der Seite des Bundesministeriums für Bildung und Forschung heißt es:

Das Artensterben ist heute mindestens Dutzende bis Hunderte Male größer als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre. 75% der Landoberfläche und 66% der Meeresfläche sind stark verändert. Über 85% der Feuchtgebiete sind verloren gegangen.

Oder noch drastischer formuliert: Das Artensterben erreicht Ausmaße, die vergleichbar sind mit dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren. Besonders betroffen nach dem jetzt veröffentlichten Bericht sind Amphibien wie Frösche und Kröten: Über 40 Prozent der erfassten über 6.700 Arten sind mittelfristig vom Aussterben bedroht, fast ein Viertel davon sogar akut.

Ähnlich schlecht sieht es für riffbildende Korallen aus, hier sind von 845 Arten fast 30 Prozent bedroht. Bei den Pflanzen hingegen trifft es vor allem die Palmfarne, von denen gar 60 Prozent bedroht sind. Die Wissenschaftler sprechen davon, dass man für über 500.000 Arten konstatieren kann, dass sie langfristig keine Chance zum Überleben haben, weil wir ihnen jetzt schon so immens die Lebensräume beschnitten haben.

Die Goldkröte – offiziell seit 2004 ausgestorben.
Bild von WikiImages auf Pixabay

Bei unseren zwei großen Krisen besteht zudem das Problem, dass wir manchmal an der einen Schraube drehen können, und es dann bei der jeweils anderen Krise noch schlimmer machen. Als Beispiel nehmt die Raps- und Maisfelder, die zwar mithelfen, den CO2-Ausstoß zu senken, dabei aber eben sehr viel kostbare Fläche beanspruchen, die dann vielen Arten wiederum fehlen.

Deshalb wollen der Weltbiodiversitätsrat und der Weltklimarat künftig enger zusammenarbeiten. Das ist auch bitter nötig: Allein von 1980 bis zum Jahr 2000, also in gerade einmal 20 Jahren, wurden 100 Millionen Hektar (!!) intakter Wald gerodet, was ungefähr der dreifachen Größe Deutschlands entspricht. Wir holen so viel Fisch aus den Meeren, dass bereits 2015 ein Drittel aller Arten als überfischt galten.

Jetzt könnt ihr all das hier Geschriebene abtun als das Gefasel eines Öko-Spinners und erklären, dass es doch niemandem wirklich weh tue, wenn irgendwo ein paar Käfer- oder Insekten-Arten nicht mehr existieren. Aber leider ist es nicht so einfach. Selbst die Klima-Krise ist dagegen sogar simpel zu beheben, zumindest in der Theorie. Beim Klima wissen wir nämlich, wo wir welche Hebel ansetzen müssen, damit sich was zum Guten wendet. Bei Flora und Fauna hingegen kann man deutlich schlechter ablesen, wie sich das Verschwinden einer Art auf das ökologische Gleichgewicht auswirkt.

Obwohl das Retten dieser Arten so komplex ist, haben sich bereits 2010 insgesamt 150 UN-Staaten zu den sogenannten Aichi-Zielen bekannt. Dort wurden Ziele formuliert, die bereits nächstes Jahr erreicht werden sollten:

Bis 2020 sollen

  • der Verlust an natürlichen Lebensräumen halbiert,
  • die Überfischung der Weltmeere gestoppt sowie
  • 17 Prozent der Landfläche und 10 Prozent der Meere unter Schutz gestellt werden.

Was ist tatsächlich passiert? Zusätzlich zu den Ackern, Plantagen und Weiden, die geschaffen wurden und dadurch kostbaren Lebensraum kosten, hat sich seit 1992 auch die Fläche, die für unser Wohnen beansprucht wird, glatt verdoppelt.

Wie beim Klima-Desaster will ich auch beim Artensterben nicht den Moralapostel spielen, da ich ja selbst weiß, dass ich mehr dazu beitragen kann, dass der Planet gerettet werden kann. Aber ich möchte zumindest darauf hinweisen, dass wir — und ich blicke da besonders auf Politik und Industrie — grundlegende Dinge anstoßen müssen, damit wir diesen Karren nochmal aus dem Dreck gezogen bekommen.

Dabei geht es nicht darum, nette Worte zu finden und weitere schwammige Ziele zu formulieren, die man dann doch nicht erreicht (PS: Die oben erwähnten Aichi-Ziele werden nächstes Jahr mit Masse auch verfehlt, das ein weiteres Resultat des heute vorgestellten Berichts). Wir müssen viel rigoroser umdenken und gerade in der Politik müssen jetzt — oder besser schon gestern — die Weichen gestellt werden.

Kleiner Exkurs: Kapitalismus-Kritik

Schaue ich mir Talk-Runden an wie zum Beispiel gestern Anne Will mit einem desaströsen Michael Kretschmer, seines Zeichens Ministerpräsident von Sachsen, wird mir klar, wieso wir uns seit so vielen Jahren im Kreis drehen: Man ist nicht gewillt, Dinge wirklich anzugehen, weil die Gefahr besteht, dass sie uns wehtun könnten. So hat die CDU beispielsweise Angst, zu stark gegen die riesige Lobby der Autofahrer vorzugehen.

Viel zu oft geht es nicht um den Planeten und die wirklichen Probleme, sondern um Wähler, die man nicht verschrecken möchte, um wirtschaftliche Ziele, die man erreichen möchte und letzten Endes immer um den eigenen Hintern. Aus diesem Grund ist es auch interessant, Kevin Kühnert von der SPD zuzuhören mit seiner Kapitalismus- und Gesellschafts-Kritik.

Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem “weiter so” einfach nicht funktioniert. Wenn ich acht Stücke Torte auf dem Teller habe, dann kann ich halt nicht fünf davon fressen und freudestrahlend erklären, dass ich mich bis ans Lebensende von dieser Torte ernähren werde. Genau so sieht es mit endlichen Rohstoffen aus und ebenso auch mit Märkten. Ich kann nicht ewig wachsen als Unternehmen, wenn es immer mehr Konkurrenten gibt und immer mehr gesättigte Märkte, die mir mein Produkt nicht abnehmen.

Der Irrglaube hier ist, dass der bekannte Kapitalismus viel zu lange so gut funktioniert hat. Das hängt aber auch damit zusammen, dass man sich neue Regionen erschließen konnte, wie einst Asien oder nun Afrika. Das wird sicher noch ein paar Jahre gutgehen, aber dann ist auch da eben schicht und spätestens dann fährt auch der Kapitalismus-Karren an die Wand. Und wenn wir schon bei dem Bild mit dem Karren sind: Wenn wir doch so klug sind zu sehen, dass diese Wand vor uns unweigerlich näher kommt — wieso halten wir dann nicht an oder steuern den Karren woanders hin?

Das heißt nicht, dass alles stimmen muss, was Kühnert derzeit erzählt (wobei man das Interview auch im Kontext gelesen haben muss). Aber es heißt, dass wir ergebnisoffen in viele Richtungen überlegen müssen und auch vor radikalen Änderungen nicht zurückschrecken dürfen. Wir können nicht mehr argumentieren, dass es doch immer irgendwie gut gegangen ist bei neuen Wellen der Industrialisierung. Wir können nicht mehr argumentieren, dass wir doch schon eine Menge erreicht haben. Wir können nicht mehr argumentieren, dass es nichts bringt, wenn ein Land einen Alleingang startet und alle anderen nicht mitziehen. Und genau da komme ich wieder zurück zum eigentlichen Thema: Uns rennt an so vielen Ecken die Zeit davon und wir rasen wissentlich und debil grinsend auf diesen Abgrund zu: Gesellschaftlich, ökonomisch und eben auch, was den Umwelt- und Klimaschutz angeht.

Der heute veröffentlichte Bericht war ein erneuter Tritt in den Arsch. Ich bin gespannt, wie viele ihn spüren und wie viele entweder immer noch nichts merken oder den Tritt ganz bewusst ignorieren — und wie lange noch.

via SZ

Artikelbild von Thomas_Photos auf Pixabay