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Das Huawei-Dilemma: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos

Von allen Seiten prasselt es derzeit auf Huawei und Huawei-Kunden ein. Viele Unternehmen legen ihre Partnerschaften auf Eis, dennoch bleibt ein Rest Hoffnung.

von Carsten Drees am 23. Mai 2019

Mein lieber Schwan, was ist da nur los? Dass die Lage zwischen China und den Vereinigten Staaten von Amerika schon mal günstiger war, haut niemanden mehr vom Hocker — aber das, was da jetzt jüngst seitens der USA angezettelt wurde und was derzeit hauptsächlich Huawei das Leben schwer macht, stellt eine komplett neue Stufe der Eskalation dar.

Die Lage ist ernst …

Da war zunächst der Google-Hammer: Wollen US-Unternehmen Handel mit chinesischen Konzernen treiben, die auf Donald Trumps Black List stehen, brauchen sie explizit Genehmigungen dafür. Das bedeutet konkret für Google, dass man weder Android auf Huawei-Devices updaten wird, noch auf neuen Geräten Software wie Google Play, Google Maps oder Gmail finden wird. Man hat Huawei diesbezüglich eine Gnadenfrist von 90 Tagen eingeräumt, damit man sich organisieren kann und andere Lösungen findet.

Aber da hört es noch lange nicht auf: Es wird auch Unternehmen auf die Finger geklopft, die zwar nicht aus den USA stammen, aber Technologien nutzen, die zumindest zum Teil aus den Vereinigten Staaten stammen. Infineon (Deutschland) und ARM (Großbritannien/Japan) haben bereits auf die Bremse getreten, dazu gesellen sich noch US-Unternehmen wie Qualcomm, Intel und viele mehr.

Es kommt einem ein bisschen so vor, als steht der liebe Herr aus dem Nachbarhaus, den man immer so gut leiden konnte, plötzlich unter Verdacht, ein Kindermörder zu sein. Der Verdacht muss nicht stimmen, aber trotzdem will auf einmal niemand mehr mit ihm reden. So ähnlich geht es jetzt auch Huawei: Der Konzern gerät zwischen die riesigen Handels-Mühlen der USA und China und reihenweise lassen Unternehmen die Chinesen fallen wie die berüchtigte heiße Kartoffel.

… aber nicht hoffnungslos

Dabei kann aktuell niemand sagen, wohin die Reise geht. Kommt es ganz dicke, wird künftig weiterer Hard- und Software-Support ausbleiben, weitere Unternehmen kündigen sich bereits an. Denkt allein nur an die Apps des US-Konzerns Facebook und stellt euch vor, wenn ihr weder Facebook, noch den Messenger, Instagram oder WhatsApp auf Huawei-Geräten vorfinden würdet.

Aber ich will hier nicht nur schwarzmalen, sondern euch auch erklären, wieso ich immer noch die leise Hoffnung habe, dass es in absehbarer Zeit zu einer deutlichen Entspannung kommen kann. Wir haben es — bei den Smartphones im Speziellen, aber auch generell bei Technik-Produkten — in den seltensten Fällen mit Produkten zu tun, die hundertprozentig aus einer einzigen Nation stammen. Dazu reicht ja auch allein schon der Blick auf ARM: Das Unternehmen gehört mittlerweile zur japanischen Softbank, nutzt aber auch Technologien, die aus den USA stammen. Apple lässt u.a. in China seine iPhones zusammenschrauben, verbaut koreanische Displays, sehr viele Smartphones setzen auf Sony-Kamera-Module aus Japan.

Alles hängt also in diesem Markt sehr stark mit allem zusammen und obwohl das auch in einer totalen Katastrophe enden könnte, wenn der US-Präsident weiter so unvernünftig agiert, lässt mich das hoffen. Die letzten Tage haben gezeigt, dass mit einer unsinnigen, in den USA getroffenen Entscheidung ein global agierender Konzern wie Huawei plötzlich mit dem Rücken zur Wand stehen kann und um seine Zukunft bangen muss.

Wir haben aber auch gesehen, dass reihenweise Tech-Unternehmen an der Börse einknickten. Kein Wunder, wenn Huawei ein Großkunde solcher Firmen ist und denen ohne das chinesische Unternehmen ein großer Teil ihres Geschäfts wegbricht. Es ist vermutlich eine riskante Wette, aber ich gehe davon aus, dass die Situation, wie sie sich gerade darstellt, nicht für lange so vorherrschen wird. Weil es aktuell nur Verlierer gibt: Huawei und China sowieso, aber auch die US-Unternehmen und nicht zuletzt auch die US-Regierung, wenn sie dem Volk erklären muss, wieso der Dow Jones möglicherweise in die Knie gezwungen wird.

Deshalb kann ich mir nichts anderes vorstellen als eine Annäherung zwischen China und den USA im derzeit herrschenden Handelskrieg. Im besten Falle einigen sich beide auf Augenhöhe und finden einen Kompromiss, mit dem beide gut leben können, oder eine der Nationen muss zähneknirschend ein wenig einknicken, um sein Gesicht nicht komplett zu verlieren und die eigene Wirtschaft nicht zu ruinieren.

Somit wird man sich wieder an einen Tisch setzen müssen und egal, wie die Einigung unterm Strich aussehen wird: Beide Länder werden es als grandiosen Erfolg verkaufen — und die Unternehmen arbeiten weiter wie gehabt und können global agieren. Ich hoffe inständig darauf, dass beide Regierungen vernünftig genug sind — ansonsten mag ich mir gar nicht ausmalen, welche weiteren Schritte sich die Nationen in diesem Handelskrieg noch ausdenken. Was denkt ihr, wie die Geschichte ausgehen wird?