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Das Internet – der beste Ort der Welt (1)

Das Internet: Ein Meer von Fake-News, Hass, Hetze und Mobbing. Aber es geht auch anders - hier sind ein paar schöne Beispiele dafür.

von Carsten Drees am 9. August 2019

Das Internet ist ein Sündenpfuhl, eine riesige, digitale Kloake und ein Schmelztiegel, in dem sich alles zu versammeln scheint, was irgendwie verachtenswert erscheint. Wir erleben Shitstorms, werden mit Fake-News zugeballert, stolpern tagtäglich über Hassrede und Verhetzung. Wir beobachten, wie Menschen gemobbt werden, wie sachliche Diskussionen kaum noch möglich scheinen und wie generell eine Verrohung der Gesellschaft festzustellen ist.

Ja, stimmt: Viel deprimierender kann man einen Artikel nicht anfangen. Aber zum Glück gibt es hier auch eine positive Nachricht: Das oben Beschriebene zeigt nur eine Seite der Medaille. Es gibt auch unendlich viel Positives, was wir dem Internet verdanken. Es gibt so viel zu lernen, zu sehen, zu staunen und zu lachen.

Das ändert vielleicht nichts daran, dass die Headline vom “besten Ort der Welt” maßlos übertrieben ist. Schließlich gibt es zweifellos bessere Orte: Auf einer Party/einem Festival/einem Konzert mit Deinen besten Freunden zum Beispiel. Oder wachend am Bett des eigenen Nachwuchs oder in den Armen des Partners oder der Partnerin.

Aber kommt: Das Internet ist nichtsdestotrotz auch ein großartiger Ort, wenn man nur einen Blick für die tollen Dinge des Lebens hat. Manchmal ist man unschuldig, dass man einige dieser tollen Dinge verpasst, weil “das Internet” eben unüberschaubar riesig ist und uns nicht jeder interessante Link erreicht. Mit dieser neuen Reihe auf unserem Blog möchte ich zumindest dafür sorgen, dass ihr einiges von dem zu sehen bekommt, was mich in den letzten Tagen positiv überrascht, begeistert oder auch zu Tränen gerührt hat oder staunen ließ.

Ich habe mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht, wie oft und wie regelmäßig ich diese Reihe fortsetzen werde. Ich fange einfach mal am heutigen Freitag an und schaue, ob ich sie wöchentlich oder alle 14 Tage fortgesetzt bekomme – quasi als leichten Einstieg ins nahende Wochenende.

Hier sind meine heutigen drei Beispiele für ein tolles Internet:

Caenhill Countryside Centre

Das Caenhill Countryside Centre im Süden Englands (nahe Bristol) arbeitet mit Gemeinden zusammen, um Kindern und Jugendlichen Landwirtschaft und Gartenbau schmackhaft zu machen, indem dort Kurse und praktische Erfahrungen auf einem Bauernhof angeboten werden.

Die Charity-Organisation lässt also junge Menschen Erfahrungen sammeln, die man auf einem Bauernhof machen kann. Interessierte lernen dort, wie man mit Tieren umgeht, wie man die Natur schützt, mit landwirtschaftlichen Maschinen umgeht, lernen zudem was über Kultur und die landschaftlichen Gegebenheiten der Region und vieles mehr.

Aufgefallen ist mir das Projekt aber nicht, weil sie versuchen, jungen Menschen Wissen zu vermitteln und eine mögliche Zukunft aufzuzeigen, sondern weil in den sozialen Medien großartige Videos geteilt werden, auf denen ihr die ganzen tierischen Hofbewohner bestaunen könnt. Das sind ganz kurze Clips auf Facebook, in denen ihr einzelne Protagonisten wie Cuthbbert die Gans zu sehen bekommt. Einmal am Tag ist “Farm Rush Hour”, da werden die Tiere jeden Morgen aus dem Stall gelassen. Keine Ahnung, was es mit euch macht — mich bringt das jedenfalls immer wieder gut drauf, wenn ich sehe, wie die Viecher da fröhlich nach draußen marschieren ;)

Greetings and good morning or night it’s Sunday rush hour #rushhour #farmrushhour #sundayrushhour

Gepostet von Caenhill Countryside Centre am Samstag, 3. August 2019

NVIDIA GauGAN

Über NVIDIAs neue Software GauGAN haben wir bereits mehrfach berichtet. Zuletzt deswegen, weil man sie jetzt auch online kostenlos nutzen kann. Das Schreiben des letzten Artikels über GauGAN hat mich lediglich ein paar Minuten gekostet. Dennoch dauerte es Stunden, bis der Beitrag veröffentlicht wurde, weil ich auf der Seite ewig mit der Software beschäftigt war, die ich nach wie vor einfach atemberaubend finde.

Nochmal ganz kurz erklärt, was dort passiert: Ihr malt ganz simpel eine Landschaft auf dem Bildschirm. Eine Farbe steht für Sand, eine für Meer, eine für Wolken usw. Dann wird das blitzschnell von der künstlichen Intelligenz umgerechnet und ihr erhaltet eine Landschaft, die nicht wirklich existiert, sondern gerade von euch geschaffen wurde. Wenn ihr ein positives Beispiel dafür sucht ,was künstliche Intelligenz kann — hier ist es. Auf dem folgenden Bild seht ihr drei Beispiele von mir. Links das Debakel, was ich jeweils binnen Sekunden produziert habe — rechts dann das, was die KI daraus errechnet:

Arolsen Archives

War das bei euch auch früher so, dass ihr eure Großeltern nicht nur mit Opa und Oma angesprochen habt, sondern zusätzlich auch noch den Ort angehängt habt, an dem sie wohnen? Für Kinder funktioniert es halt nicht anders, wenn man die verschiedenen Großeltern nicht durcheinander bringen möchte ;) Der Vater meiner Mama war “Oppa Sölde” — weil man im Ruhrpott eben “Oppa” statt “Opa” sagt und weil er im Dortmunder Stadtteil Sölde gelebt hat.

Er ist schon lange tot, er starb, als ich gerade ein junger Teenager war. Meine Oma mütterlicherseits hab ich hingegen nie kennen gelernt. Sie starb, als meine Mama selbst noch ein kleines Kind war. Ich kenne nur sehr wenige Fotos von ihr und selbst meine Mama hatte ja kaum Erinnerungen an sie. Mittlerweile ist meine Mama ja auch schon seit über zehn Jahren tot, aber es beschäftigt mich natürlich immer noch und ich denke sehr viel an sie.

Neulich schrieb mich dann meine Cousine an und schickte mir einen Link zu den Arolsen Archives. Die Organisation sagt über sich:

Schicksale klären und Vermisste suchen: Das war über Jahrzehnte die zentrale Aufgabe der Arolsen Archives. Bis heute beantworten wir jährlich Anfragen zu rund 20.000 NS-Verfolgten. Wichtiger denn je sind unsere Angebote für Forschung und Bildung, um das Wissen über die Nazi-Verbrechen in die heutige Gesellschaft zu bringen. Dazu gehört auch ein umfangreiches Online-Archiv. Als internationales Zentrum über NS-Verfolgung sehen wir es als unsere Aufgabe, zu Debatten rund um Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Zeit, politische Verfolgung und Rassismus beizutragen.

Ich erkläre euch, was das mit meinem Großvater zu tun hat. Er ist Pole gewesen und geriet in Gefangenschaft der Deutschen, landete über diesem Umweg im Ruhrgebiet und blieb sein ganzes Leben lang dort. Meine Cousine betreibt Ahnenforschung und ist über My Heritage auf dieses riesige Archiv gestoßen.

Auf My Heritage könnt ihr euren Familienstammbaum anlegen und pflegen, dabei eben auch in sehr vielen Dokumenten suchen und euch mit anderen zusammentun, die über irgendwelche Ecken mit euch verwandt sind. Das ist natürlich kein wirklich neues Angebot, sondern existiert schon seit vielen Jahren.

Dennoch bin ich durch den Link meiner Cousine erstmals auf das Arolsen Archive gestoßen und dort konkret auf viele Dokumente meiner Familie. Dort erfahre ich sehr viel über die Herkunft und den Verbleib meines Großvaters damals und ich hab auch ein Foto meiner Mama in diesen Dokumenten gefunden. Ich kenne nur sehr wenige Kinderbilder von ihr und ich glaub, so jung wie auf diesem habe ich sie noch nie zuvor gesehen. Ihr seht auf dem Foto meine Großmutter, eine meiner Tanten und ganz rechts meine Mama.

In den Dokumenten befinden sich auch noch weitere Bilder und ich muss zugeben, dass ich bei der Durchsicht geheult hab. Geheult, weil die Erinnerung an meine Mama eben immer noch schmerzt. Geheult, weil ich meine Großmutter nie kennen gelernt habe. Geheult, weil so viele Erinnerungen an meine Familie plötzlich wieder da waren. Geheult, weil man sich anhand der Dokumente vorzustellen versucht, wie schwer es mein Großvater damals gehabt haben muss und was die Nazis ihm und seiner Familie angetan haben.

Trotzdem — oder gerade deswegen — ist dieses Archiv eine wundervolle Sache für jeden, der sich dafür interessiert, welches Schicksal sich hinter der Geschichte der eigenen Familie verbirgt, gerade in Kombination mit Seiten wie Heritage oder Ancestry.


Das waren meine heutigen drei Gründe dafür, wieso das Internet ein so großartiger Ort ist. Wenn ihr auch über solche Beispiele stolpert, die etwas so Positives in euch auslösen und ihr findet, dass sie in diese Reihe passen, dann teilt es mir gerne per Mail mit.

 

Artikelbild von Pete Linforth auf Pixabay