Das lange Sterben der Videotheken

Den Videotheken geht es schlecht. Mehr und mehr davon machen dicht, Schuld daran sind Dienste wie Netflix und auch illegale Angebote im Netz.

Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern, es war früh in den Achtzigern: Mein Bruder und ich verbrachten ein Wochenende bei der Verwandtschaft und meine Eltern nutzten die Freizeit — unter anderem — um unseren allerersten Videorekorder zu kaufen. Mein Vater hatte stets ein Talent dafür, Dinge immer knapp am Trend vorbei zu kaufen und dann später wortreich zu erklären, wieso seine Entscheidung vernünftig war. Auf diese Weise kam ich zu Billig-Tretern statt Adidas-Schuhen, zu einer Winz-Eisenbahn Spur N anstatt Spur H0 und zu einem Atari-Computer anstelle eines Commodore. Hin und wieder sah er es über die Jahre hinweg dann anders, zumindest wanderten irgendwann auch eine sogar recht große H0-Bahn in unseren Besitz und ein Amiga-Computer.

Kein Wunder also, dass ich ein mieses Gefühl hatte, als uns unsere Eltern abholten. Während die wissen wollten, wie unser Wochenende lief, hatte ich nur eine Frage im Kopf: Besitzen wir einen VHS-Rekorder, oder hat die Pfeife einen Betamax- oder gar Video 2000-Hobel an Land gezogen? Okay, “Pfeife” hab ich vermutlich nicht gedacht damals.

Ich traute mich auch nicht zu fragen und stürmte zuhause sofort ins Wohnzimmer. Erleichtert konnte ich einen wunderschönen VHS-Videorekorder entdecken. Das heißt, eigentlich konnte man ihn kaum sehen, da er ziemlich mit Videokassetten zugebaut war. Mein Dad — der Teufelskerl — hatte das Kunststück vollbracht, fürs Wochenende gleich bei drei Videotheken vorstellig zu werden. Das bedeutete, dass er überall das Angebot “5 Filme für nur irgendwas DM” nutzte und wir demzufolge 15 Filme zuhause rumfliegen hatten.

Rückblickend betrachtet denke ich: “Ernsthaft? Ihr habt nach zig Monaten mal ein Wochenende kindfrei und schaut dann 15 Filme?”, aber damals war ich natürlich schwer begeistert. Es brach eine wunderschöne Zeit an, in der ich wirklich jeden Scheiß aus dem TV aufnahm und mich ansonsten darüber freute, dass mein Vater in Spendierlaune blieb und wir eigentlich jedes Wochenende Filme ausliehen.

Die Autofahrten in unsere präferierte Videothek (nur noch manchmal suchten wir eine andere auf) gerieten zu reinen Familien-Events. Ich erinnere mich sogar noch gut daran, dass mein Dad ein besonders faires System erdacht hatte: Jeder von uns vieren durfte sich einen Film aussuchen, der fünfte Film sollte dann einer sein, auf den wir uns alle einigen konnten und den wir alle sehen wollten.

Das klappte in der Praxis eher so mittelgut, weil mein Dad — das Schlitzohr — meiner an Filmen weniger interessierten Mama immer wieder feinste Kriegsfilme aufschwatzte. Filme, die damals außer ihm eigentlich niemand von uns sehen wollte. Genau so machte er es dann mit dem 5. Film, der eigentlich für “uns alle” sein sollte. So kamen wir dann oft nach Hause mit einem Film, den mein Bruder sehen wollte, einen Film für mich und gleich dreien für meinen Vater.

Mir war es damals schlicht nicht möglich, immer ins Kino zu gehen, wenn ein toller Film lief. E.T., Flashdance, sowie die meisten James Bond-Filme und so manchen Bud Spencer & Terence Hill-Streifen sah ich also nicht ursprünglich auf der großen Leinwand zuerst, sondern im heimischen Wohnzimmer.

Es war ein Gefühl, dass einem die ganze Kinowelt offen stand und mit das Beste daran: Man konnte nicht nur diese Filme sehen, man konnte sie genau dann sehen, wenn man Bock hatte. Nimm das, langweiliges lineares Fernsehen mit drei Programmen!

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Wieso entführe ich euch eigentlich so ausführlich in diese Zeit, in der Videotheken wie Pilze aus dem Boden schossen und das mit einer Geschichte, die ich hier schon mal so ähnlich erzählt habe? Weil ich in den letzten Tagen und Wochen immer wieder über Artikel stoße, in denen es um das Thema Videotheken geht. Wie ihr euch denken könnt, ist es um diese Branche nicht wirklich gut bestellt.

Die Videotheken konnten lange Jahre auf die Entwicklung in der Technik bauen und so fand auch eine Evolution der Videotheken statt: Erst konnte man dort neben Videos dann auch CDs ausleihen, später kam die DVD und noch später die Blu-ray, außerdem konnten plötzlich auch Konsolen-Spiele für die gängigen Systeme ausgeliehen werden.

All das funktionierte viele Jahre ziemlich gut, aber beim Lesen der eben erwähnten Artikel fiel mir auf, dass ich vermutlich selbst schon seit weit über einem Jahrzehnt so eine Bude nicht mehr betreten habe. Als vor einigen Wochen Nicole Scott bei mir zu Besuch war, schlenderten wir in meiner Hood an der hiesigen Videotaxi-Filiale vorbei. Ich muss zugeben, dass ich den Laden irgendwie auch über Jahre schon gar nicht mehr wirklich wahrgenommen habe, aber Nicole fiel sie eben auf und sie lachte laut los: “Sowas gibt es immer noch?”

Ja, sowas gibt es immer noch, aber es wird zunehmend seltener, was nicht nur mein Gefühl bestätigt, sondern auch aktuelle Zahlen. Der Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland e.V. verkündet, dass es im letzten Jahr noch ganz 601 Videotheken bundesweit gab.

Wie ihr seht, wurden im Jahr 2015 noch 68 Millionen Filme ausgeliehen, zwei Jahre später waren es lediglich noch 31 Millionen. Auch die Nutzerzahlen und die Umsätze haben sich in dieser kurzen Zeit etwa halbiert. Allein 300 Videotheken haben zwischen 2016 und 2017 dicht gemacht, also ein Drittel der 2016 noch übrig gebliebenen 900 Filialen. Kaum vorstellbar, dass es vor etwa zehn Jahren sogar noch knapp 3.000 Filialen bundesweit gab.

Somit ist erkennbar, dass hier von einem Sterben der Videotheken gesprochen werden kann. Das kann man auch nicht erst seit diesem oder letztem Jahr beobachten, das immer stärkere Aufkommen des Internets hat den Videotheken das Leben schon viel länger schwer gemacht. Spätestens, als die ersten Flatrates kamen und mit ihnen auch eine akzeptable Geschwindigkeit bei den Downloads, wimmelte es im Netz (und somit später auch auf unseren Festplatten) von hauptsächlich illegalen Filmangeboten.

Ja, Asche über mein Haupt — auch ich habe seinerzeit massig Filme heruntergeladen und jede noch so miese Kopie eines mittelmäßigen Streifens auf einen Rohling gebrannt. Ich glaube sogar, dass ich zeitweise mehr Freizeit damit verbracht habe, Filme zu brennen, als sie zu schauen. Über die Jahre gewöhnten wir uns an legale Plattformen für Filme, wenngleich die Piraterie den Videotheken auch heute noch zu schaffen macht. Und spätestens mit dem Aufkommen der Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon Prime gab es dann den Todesstoß für die gute, alte Videothek um der Ecke. Erwähnen sollte man zudem auch noch, dass explodierende Mietpreise in den Städten den Filialen das Leben schwer machen, wie zum Beispiel der Tagesspiegel berichtet.

Das ist natürlich kein nationales Phänomen. Erst kürzlich berichtete The Verge darüber, dass in den USA die legendäre Videotheken-Kette Blockbuster fast komplett von der Landkarte getilgt wurde. Einst gab es weltweit 9.000 Filialen, jetzt existiert lediglich noch eine und die besteht auch nur noch genau aus diesem Grund — weil sie eben die allerletzte ihrer Art ist.

Die Videotheken hatten gegen das Internet nie eine Chance

Das Problem ist der technische Fortschritt, dem kannst Du als Videothekar einfach nichts entgegensetzen. Da heise.de heute auch über das Videotheken-Sterben berichtet, habe ich mir dort die Kommentare angeschaut, auf der Suche nach Pro-Argumenten für Videotheken. Einige davon gibt es wirklich, aber die ändern nichts daran, dass sie nur eine Nische bedienen.

So könnte man davon sprechen, dass eine Blu-Ray uns eine andere Bild- und vor allem auch Tonqualität bietet, als das beim Streaming der Fall ist. Andere verweisen darauf, dass das Ausleihen oft günstiger ist als online, noch andere schätzen es, dass sie in Videotheken sachkundig beraten werden oder gar in Kontakt mit anderen Menschen kommen, die ähnliche Film-Vorlieben haben wie man selbst.

Aber ganz ehrlich? Persönliche Beratung? Bessere Qualität? Das Kennenlernen von anderen Leuten mit Liebe für Filme? Das sind alles Punkte, die für den ein oder anderen von uns passen könnten, ganz sicher aber nicht für die breite Masse. Ich erinnere mich an einen bereits vier Jahre alten Artikel im Spiegel, der sich mit dem Thema beschäftigt. Auch da sah es schon übel aus für die Branche und einer der interviewten Videothekare suchte sein Heil in der Qualität der Filme. In dem Film ist damit aber nicht die technische Qualität des Mediums gemeint, sondern die Qualität des Films auf der einen Seite und die Qualität des Services auf der anderen Seite. Hier wird man also fündig, wenn man einen selteneren Film sucht jenseits der großen Blockbuster. Außerdem kann man sich als Kunde darauf verlassen, dass das Team so ziemlich jede Frage zu Filmen, Darstellern und Regisseuren beantworten können.

Genau in so einer Nische glaube ich, dass sich eine Handvoll Videotheken auch noch in den nächsten Jahren halten können. Weil es den ein oder anderen Menschen gibt, der auf diese persönliche Expertise setzt, den sozialen Kontakt dort schätzt oder ähnliches. Auch der oben erwähnte heise-Artikel zitiert übrigens einen Videothekar (Silvio Neubauer, Filmgalerie Berlin), der auf ein anspruchsvolles Film-Portfolio setzt. Logischerweise schimpft er auf die Streaming-Konkurrenz und befürchtet darüber hinaus, dass das Videotheken-Sterben auch kulturelle Folgen haben könnte.

Konkret spricht er von “langfristig schwer abschätzbaren Schäden auch im Bereich der Bildung”, weil sich die Streaming-Größen wie Netflix natürlich auf Blockbuster-Streifen und -Serien konzentrieren und künstlerisch hochwertige Filme dabei auf der Strecke bleiben könnten. Deshalb wünscht er sich, dass der Staat fördernd und schützend eingreift.

Ich sehe den Punkt, bin aber dennoch da etwas anderer Meinung: Sollte der Staat tatsächlich Fördergelder aufbringen, dann eher in den Bibliotheken des Landes, in denen das Angebot ja auch bereits längst über Bücher hinausgeht. Würde man anfangen, die verbliebenen Videotheken mit Geld zu unterstützen, wären das lediglich Subventionen, die das Sterben einer Branche nur noch ein wenig mehr hinauszögern.

Und machen wir uns nichts vor: Wenn wir damals in Videotheken gerannt sind, dann hat die große Masse das nicht getan, um den unbekannten Arthouse-Streifen zu entdecken, der im französischen Original mit Untertiteln in Suaheli zu haben ist, sondern um eben die massentauglichen Kracher auszuleihen. Ich habe mich in Videotheken auch nicht mit anderen Menschen ausgetauscht und ich habe mich auch nicht von den Angestellten dort beraten lassen. All das sind Punkte, die vielleicht auch heute noch für einige Menschen von Bedeutung sein könnten, aber weder damals noch heute war das für die überwältigende Mehrheit der Film-Fans wichtig.

Mag sein, dass das alles herzlos klingt und mit Sicherheit hängen an dieser traurigen Entwicklung menschliche Schicksale — Menschen, die oft Jahrzehnte hinter dem Tresen ihrer Videothek gestanden haben und genau in diesem Job aufgehen. Aber das ist nun mal der Lauf der Welt, Freunde. Wir werden vielen Berufen und Branchen noch bei ihrem Aussterben zusehen können in den nächsten Dekaden, die Welt der Videotheken ist dabei nur eine von vielen, von denen wir uns verabschieden müssen.