Das Musik-Album ist im Eimer (Untertitel: Yay, Die Ärzte auf Spotify)

Das Musik-Album stirbt langsam. Allein in den USA wurden im ersten Halbjahr 25 Prozent weniger Alben (Download, CD, Vinyl) verkauft als im Vorjahr. Ein unschöner Trend!
von Carsten Drees am 16. November 2018

Eine wilde Welt ist das gerade: Diesel-Fahrverbote auf der A40 werden beschlossen, Seehofer kündigt (mal wieder) seinen Rücktritt an, die “Mannschaft” weiß nach einem schlimmen Jahr plötzlich wieder, wie es geht, das Ende der Lindenstraße wird angekündigt und — last but not least: Hurra, die beste Band der Welt kann ab heute endlich gestreamt werden. Während ich diese Zeilen ins WordPress-Backend hämmere, läuft dementsprechend auch Spotify bei mir heiß. Ich freue mich gerade wie ein Kind und genieße die alten Nummern der Fun-Punker genau so wie am ersten Tag.

Die Ärzte liegen also bis auf weiteres auf meinem virtuellen Plattenteller und ich höre mich jetzt von Debil an durch alle Alben der Jungs aus Berlin. Fühlt sich auch gerade tatsächlich ein bisschen so an wie damals, als ich wie so ein random Scheißtyp mit meiner Teenager Liebe vorm Plattenspieler gesessen habe. Aktuell läuft “Im Schatten der Ärzte” und die Vorfreude auf die Konzerte im nächsten Jahr wächst spürbar und das mit jedem Song. Wer ebenfalls Bock auf die Band hat, findet sie heute überall, wo ihr Musik streamen könnt, also neben Spotify auch auf Deezer oder Apple Music.

BELAFARINROD. Die Ärzte sind jetzt auf Spotify.https://spoti.fi/DieÄrzte

Gepostet von Spotify am Donnerstag, 15. November 2018

Gleichzeitig muss ich aber auch feststellen, dass ich zu einer aussterbenden Art gehöre und damit komme ich zum eigentlichen Thema des Beitrags. Nein, damit meine ich nicht, dass ich einer von den Leuten bin, die auch die ältesten Ärzte-Songs auswendig mitgröhlen können, auch wenn man sie teils viele Jahre nicht mehr gehört hat. Vielmehr meine ich, dass ich einer derjenigen bin, die überhaupt noch komplette Alben hören.

Ganz sicher werde ich mir jetzt auch meine eigene “Best of Die Ärzte”-Playlist zusammenschubsen, aber ich liebe es eben auch nach wie vor, ein Album von vorne bis hinten durchzuhören. Während gerade im Charts-Sektor Alben oft nur eine lose Ansammlung austauschbarer Songs sind, haben sich Künstler früher eben stets wirklich Gedanken zur Reihenfolge gemacht: Welche Nummer ist der perfekte Opener und welche ist der richtige Rausschmeißer am Schluss? Wie bekommt man eine vernünftige Dynamik in die Platte, so dass man auch als Fan diesen Spannungsbogen erkennen kann? All das fragen sich bestimmt auch noch einige Bands in der heutigen Zeit, aber mir scheint, dass es immer weniger Leute interessiert.

Das Album stirbt und aufmerksam wurde ich jetzt wieder darauf, als der Rolling Stone in seinem Artikel The Album Is in Deep Trouble – and the Music Business Probably Can’t Save it darüber schrieb. Dort ist zu lesen, wie eklatant die Verkaufszahlen für Alben aktuell abschmieren. Die RIAA (Recording Industry Association of America) hat nämlich Zahlen für das erste Halbjahr 2018 veröffentlicht und die sehen — zumindest mit Blick auf Alben — nicht sonderlich toll aus. Während der Umsatz mit Musik in den Vereinigten Staaten generell anstieg (um etwa 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 4,6 Milliarden US-Dollar), knickten die Alben-Verkäufe weiter ein.

Auf dem Diagramm der RIAA könnt ihr sehen, dass der Löwenanteil des Umsatzes mit Streaming erwirtschaftet wird, nämlich 75 Prozent. Digitale Downloads machen 12 Prozent aus und lediglich zehn Prozent bleiben für physische Tonträger. Das sind zunächst mal Dinge von denen wir erst mal noch nicht auf den potenziellen Tod der Alben schließen können, denn schließlich könnt ihr komplette Alben ja auch streamen bzw. digital kaufen.

Bemerkenswert ist aber dennoch, dass die Alben-Verkäufe im Vergleich zum ersten Halbjahr 2017 um satte 25,8 Prozent eingebrochen sind, was die digitalen Downloads ausdrücklich mit einschließt. Bestätigt sich der Trend auch für den Rest des Jahres — wovon zweifellos auszugehen ist — werden im Jahr 2018 nur noch halb so viele Alben verkauft, wie es noch im Jahr 2015 der Fall war.

Das ist meiner Meinung nach schon ein kleines bisschen ein Abgesang auf den Longplayer. Denn auch, wenn natürlich im Gegenzug von Jahr zu Jahr mehr gestreamt wird, ändern sich die Hörgewohnheiten der Musik-Fans. Man geht immer mehr dazu über, sich eigene Playlisten zu basteln, anderen Playlisten zu folgen und eben nicht mehr ein Album wieder und wieder von vorne bis hinten durchzuhören. Es geht also nicht nur darum, kein gutes Haar an der Musikbranche zu lassen, wir müssen uns durchaus auch an die eigene Nase packen.

Die Übersicht der RIAA: Womit wird in den USA Umsatz gemacht?

Auf die Änderungen reagieren nicht nur die Entscheider in der Industrie, sondern immer mehr auch die Künstler selbst. Wenn der ein oder andere Popstar (vor allem Rapper) dazu übergeht, die Alben einfach deutlich länger zu machen, also viel mehr Songs draufzupacken, dann ist die Erklärung dafür nicht etwa der größere kreative Output an sich, sondern mehr mit den Streaming-Mechanismen. Früher wurde einfach ein verkaufter Longplayer auch als eine Einheit gezählt. Da war es egal, ob sich darauf nun zehn oder zwanzig Songs befinden.

Das sieht heute anders aus, wo man in die Berechnung der Charts auch die Streams mit einfließen lassen muss. In den USA ist das für die Billboard-Charts so, dass 1.500 Streams genau so bewertet werden wie eine verkaufte Einheit. Kein Wunder also, dass Rap-Giganten wie Drake plötzlich auch mal 25 Songs auf ein einziges Album stopfen.

Ich will Drake auch nicht zu nahe treten, aber ich glaube einfach nicht, dass man das Niveau über 25 Songs genau so hoch halten kann, als wenn sich stattdessen 12 oder 13 Tracks auf dem Album befinden würden. Apropos Drake: Er, aber auch andere Künstler wie Eminem oder der mittlerweile komplett durchgeknallte Kanye West haben ihre physischen Tonträger erst in die Läden gebracht, nachdem ihre neuen Alben schon längst auf den Streaming-Plattformen verfügbar waren.

Dummerweise ist das Musik-Genre Rap weltweit das dominierende und das bedeutet, dass sich all das, was in diesem Genre bewährt, auch mitentscheidend ist dafür, wie sich der ganze Markt bewegt. Das wird sich darauf auswirken, dass Künstler einfach viel mehr Sachen veröffentlichen — entweder in Form von längeren Alben und/oder einfach öfter Alben rausbringen.

Dabei muss ich auch gerade an etwas denken, was Casper im Mit Verachtung-Podcast zu Drangsal sagte (übrigens ein Podcast, den ich euch wärmstens empfehlen will!). Während der noch sehr junge Max Gruber aka Drangsal immer schon ein bisschen old-school unterwegs ist (gerade, was seine musikalischen Vorbilder und Inspirationen angeht), sieht Casper den Markt mehr aus seinem Rap-Blickwinkel. Dort zeichnet sich seiner Meinung nach ab, dass Künstler immer öfter jedes Jahr ein Album auf den Markt schmeißen, während Drangsal der Meinung ist, dass man für ein gutes Album durchaus 2-4 Jahre brauchen kann/soll.

Egal aber, ob ein Act jetzt alle 12 Monate ein neues Album auf den Markt wirft — was meiner Meinung nach ziemlicher Quark ist — oder schlicht Longplayer mit 20+ Tracks veröffentlicht: So oder so wird sich das nicht positiv auf die Lebensdauer eines Albums auswirken, weil meiner Meinung nach die Qualität zwangsläufig darunter leidet.

Noch ein Grund, der dafür spricht, dass die klassischen Longplayer langsam aussterben? Die schier erdrückende Verfügbarkeit von Musik. Es ist eben ein Unterschied, ob ich als Teenager zu meinen 20 Alben ein 21. hinzukaufe und das dann logischerweise erst mal rauf und runter höre, oder ob ich mittlerweile auf Spotify und Co ständig 40 Millionen Songs zur Verfügung habe und Woche für Woche mit neuen Veröffentlichungen kaputt geschmissen werde. Dazu gehört auch, dass ihr nicht nur zuhause ständig all die Lieder abgreifen könnt. Damals hattet ihr eine Cassette im Walkman, wenn ihr unterwegs wart, heute könnt ihr von Westerland bis Nazareth überall ständig alles hören, was euch gerade in den Sinn kommt.

Ihr merkt schon, dass da so ein wenig Wehmut mitschwingt und ich fürchte tatsächlich, dass weder Künstler, noch die Industrie und schon gar nicht wir Musik-Fans das Rad der Zeit für immer zurückdrehen können, egal wie oft wir Musik-Fans “Bitte Bitte” sagen. Ich habe euch schon oft genug erzählt, dass ich großer Streaming-Fan bin und das alles wird sich auch nicht mehr ändern, dennoch glaube ich ebenso, dass uns die richtigen und nachhaltigen Modelle noch fehlen.

Die Industrie hat sich vom — ich nenne es mal — “Napster-Schock” erst nach Jahren erholen können, in der sie hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken lag, mittlerweile aber endlich Wege gefunden hat, wie man dafür sorgen kann, dass es dennoch in der Kasse klingelt. Ich fürchte aber nach wie vor, dass hier die Nachhaltigkeit fehlt, die Großen wie Weihnachtsgänse mit Streams und Geld gestopft werden, während immer mehr Kleine kaputt gehen und ihre Leidenschaft an den Nagel hängen müssen.

Stand jetzt sieht es für mich so aus, als denkt die Musikindustrie da in eine komplett falsche Richtung, weil sich die Label keinen Gefallen damit tun, wenn es nur noch zehn Riesen-Künstler auf der Welt gibt und Millionen kleinere Acts über kurz oder lang nur noch sowas wie Beifang sind, die man irgendwie auch mit herumschleppt aus Label-Sicht.

Klingt wirklich deprimierend so weit, sehe ich ein, aber ich werde jetzt dennoch nicht wie ein kleines Mädchen heulen — noch ist schließlich nicht alles zu spät. Ich hoffe immer noch darauf, dass die fetten Labels sich besinnen und erkennen, was sie der Musikwelt antun, wenn sie die Alben als die perfekteste Darreichungsform für Musik weiter abwerten. Zugegeben: Die Ärzte haben sich lange tapfer gegen das Streaming gewehrt und somit ist es sicher nicht das positivste Zeichen, wenn sie jetzt nachgeben, egal wie sehr ich mich persönlich über ihre Songs auf Spotify freue.

Dennoch: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, auch wenn ich nicht so der Optimist bin. Und egal, was ihr macht — ich werde natürlich auch weiterhin meine geliebte Musik in Alben-Form genießen. Mach Dir also keinen Kopf, liebes Musikalbum: Ohne Dich wird bei mir kein Tag vergehen und ich werde nie an den Punkt gelangen, an dem ich zum letzten Mal ein komplettes Album gehört habe und mir stattdessen nur noch Playlists reinziehe. Ich würde Dich sonst auch sehr vermissen, Baby.

Als Zeichen meines guten Willens werde ich gleich, wenn ich wieder alleine in der Nacht in Dortmunds Straßen unterwegs bin, das ein oder andere “Die Ärzte”-Album genießen und ich tippe mal, dass auch mein Schlaflied später von der besten Band der Welt kommt. Was sagt ihr? Kommt für uns die Zeit, in der wir die klassischen Alben nicht mehr brauchen oder sie schlicht nicht mehr kaufen können? Schreibt es uns in die Comments und wenn euch langweilig ist oder euer Radio brennt, abonniert doch meine Spotify-Playlist mit allen “Die Ärzte”-Songs, die ich hier im Text untergebracht habe. ;)


Ist das alles? Nein, natürlich nicht. Ich hab bereits mehrfach kritische Töne angeschlagen, was die Entwicklung bei der Musik angeht. Hier könnt ihr weiterlesen: