Das passiert, wenn man einem Online-Betrüger einfach mal Geld schickt

Oft genug wird vor Online-Betrügern gewarnt, die euch das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Aber was passiert, wenn man das Spiel ganz bewusst mal mitspielt? Hinter mancher Betrügerei verbirgt sich vielleicht auch einfach nur ein Schicksal - und ein spannender Mensch.

Ich bin’s mal wieder — der Emo-Blogger eures Vertrauens ;) Ich sag das direkt vorab, weil ich von euch weiß, dass bei solchen Artikeln die Reaktionen sehr unterschiedlich ausfallen. Viele finden es in Ordnung, dass man mal an Technik und Hardware vorbei andere Themen behandelt, vielen anderen wiederum gehe ich damit auf die Nerven und sie sind der Meinung, sowas gehört nicht in ein Tech-Blog, noch anderen wiederum bin ich vermutlich auch einfach zu gutgläubig und optimistisch.

Also, worum geht es? Um Scammer! An allen Ecken und Enden stolpern wir im Netz über Betrüger. Wir bekommen Phishing-Mails, treffen auf Social Bots, Fake-Profile und und und. In diesem konkreten Fall geht es um Scammer, wie sie vielleicht viele von uns persönlich schon bei Facebook erlebt haben.

Dank des geschätzten Kai Thrun bin ich auf die Story von PetaPixel aufmerksam geworden. Dort findet ihr die Geschichte des Fotografen Adam Grumbo, der auf Facebook von einer vermeintlich heißen Frau aus den Vereinigten Staaten angeschrieben wurde. An diesem Punkt können wir uns alle mal überlegen, was wir gemacht hätten. Erfahrungsgemäß hätte ich gar nicht erst geantwortet und das Profil der vermeintlichen heißen Dame bei Facebook gemeldet.

Adam hat einen anderen Ansatz gewählt: Er wollte einfach mal herausfinden, mit wem er es hier zu tun hat, nachdem sich herausstellte, dass Tobi aus Nigeria ihm diese attraktive Frau eher mittel-authentisch vorspielte. Der Mensch gab also zu, jemand anders zu sein — wie gesagt: In Wirklichkeit schrieb dort Tobi aus Nigeria. Die beiden Männer schrieben ein wenig und natürlich stellte sich heraus, dass Tobi verzweifelt versucht, an Geld zu kommen. Der Fotograf erinnerte sich an eine Geschichte aus dem letzten Jahr.

Kleiner Exkurs: By D Grace of God

Dort war es der YouTuber Ben Taylor aus Salt Lake City, der ebenfalls Kontakt zu einem wildfremden Menschen aus Afrika aufnahm. Der Mann aus Liberia wollte ebenfalls Hilfe – am besten Geld oder technisches Gerät, welches er dort zu Geld machen könne. Ihr könnt die ganze Geschichte auf YouTube verfolgen. Es gibt einige Ups und Downs in der “Beziehung” zwischen den beiden Männern, aber die Story endet damit, dass ein Buch mit Fotos aus Liberia erscheint, welches dem afrikanischen Mann einige Tausend Dollar einbringt – Geld, für das man dort jahrelang schuften müsste. Bei YouTube könnt ihr euch die ganze Nummer reinziehen in über 20 kurzen Video-Häppchen. Hier geht es zur entsprechenden Playlist, hier zur Crowdfunding-Kampagne.

Aber weiter im Text: Der Fotograf aus den Vereinigten Staaten hatte also Bens Story im Hinterkopf, als ihm sein ursprünglich mit betrügerischen Absichten ausgestattetes Gegenüber seine Not klagte. Er erzählte ihm von dieser Liberia-Geschichte und sagte, dass er sich ebenfalls über ein paar Fotos freuen würde. Fotos von der Gegend, in der der Nigerianer wohnt, vom Marktplatz, wie er so lebt, etc. Als Gegenleistung würde er ihm 100 US-Dollar senden. Er könne davon Lebensmittel kaufen und vielleicht auch dokumentieren, was er dort kocht.

Also tat Adam genau das: Er schickte tatsächlich einem Scammer 100 Dollar nach Nigeria – also eigentlich der Klassiker unter den Dummheiten, die man online treiben kann. Was tat Tobi daraufhin? Genau — er schickte Bilder und Videos aus seiner Heimat. Eine Gelegenheit für Adam und uns alle, einen Blick in eine Welt zu werfen, die sich so komplett von unserer unterscheidet. Ich möchte jetzt nicht heucheln, dass es die besten Fotos oder Videos der Welt sind, aber dennoch sind die Bilder aus Nigeria ein Beleg dafür, dass nicht jeder Mensch zwangsläufig ein Arschloch sein muss, auch wenn er sich aus niederen Beweggründen bei uns meldet.

Nicht falsch verstehen: Vermutlich gibt es genügend miese Typen, die sich über jeden kaputtlachen würden, der ihnen einfach so diese 100 Dollar schickt und sich nie wieder bei ihm melden. Für Tobi ist dieses Geld und der Kontakt zu dem Fotografen aus den USA aber eine riesige Chance. Er kämpft in Nigeria ums nackte Überleben, möchte gerne Elektrotechniker werden und studiert daher derzeit.

Adam hat sich in der Folge weitere Schritte überlegt, wie er Tobi helfen kann. Er kann ihm natürlich keinen Vollzeitjob bieten, aber zumindest für gelegentlich Foto-Jobs sollte es reichen. Auf GoFundMe probiert es Adam nun also auch mit einer Crowdfunding-Kampagne. Auf diese Weise möchte er versuchen, so viel Geld wie möglich zusammenbekommen. 1 000 Dollar hat er als Ziel angegeben, bereits nach drei Tagen sind es aber bereits über 1 300 US-Dollar geworden!

Mit diesem Geld soll es Tobi ermöglicht werden, weiter sein College besuchen zu können und die notwendigen Bücher zu kaufen. Außerdem soll ein Stromaggregat angeschafft werden, damit Tobi sein Handy aufladen kann und es ihm ermöglicht wird, auch noch die Nase in die Bücher zu stecken, nachdem die Sonne untergegangen ist. Da er mit vier anderen Studenten zusammenwohnt, profitieren diese natürlich ebenfalls von dem Aggregat.

In einem Land, in dem mehr als doppelt so viele Menschen leben wie in Deutschland und zwei Drittel davon in bitterer Armut, ist das natürlich nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Das ändert aber nichts daran, dass es Tobi, seiner Familie und seinen Mitstudenten aufgrund der Initiative eines Mannes besser geht, der eben nicht so wie alle anderen auf einen Scammer reagierte.

Der oben erwähnte Ben Taylor ist übrigens schon einen Schritt weiter und wird seinen neuen Freund sogar in dessen Heimat Liberia besuchen. Ein Sponsor hat ihm sämtliche Reisekosten finanziert, so dass er dort nicht nur seinen Zögling Joel treffen kann, sondern darüber hinaus auch noch über 3 000 Dollar im Gepäck hat, welches vor Ort in Schulprojekte fließen soll.

Das sind zwei Geschichten, die mir heute echt gut getan haben. Gut getan deshalb, weil mich das an Tagen wie heute wirklich auffrisst, wie Menschen miteinander umgehen, gerade online. Mich regt eine Politik auf, die Flüchtlingsursachen bekämpfen möchte und dennoch milliardenschwere Waffen-Exporte zulassen. Mich desillusionieren diese vielen Menschen, die gegen andere Menschen hetzen und in jedem Flüchtling einen Angriff aufs eigene Leben sehen.

Mich machen Menschen wie Trump (oder so ziemlich jeden in der AfD) wütend, die glauben, dass man in einer global miteinander verbundenen Welt vorankommen kann, indem man sich von anderen Nationen abschottet. Nationen, die man viele Jahre lang ausgebeutet hat. Nationen wie Liberia und Nigera, in denen es nun zumindest einigen Menschen besser geht, weil zwei Menschen Initiative ergriffen haben.

Ich überlege jetzt, was ich bei einer solchen Gelegenheit nächstes mal tun werde. Vermutlich werde ich bei meinem Glück irgendeinem Betrüger Geld schicken, der die Kohle dann versäuft und mich vermutlich später von seinen Kumpels noch zusammenkloppen lässt. Aber vielleicht trifft man ja ebenfalls auf so einen Joel oder Tobi, der nur aus Verzweiflung diesen Weg jenseits der Legalität wählt und dem man einen anderen Weg aufzeigen und ermöglichen kann.

Lasst mich wissen, wie ihr handeln würdet, wenn sich für euch ein Dialog wie der oben beschriebene ergibt. Ich werde derweil mal diese ganzen Spam-Vögelchen im Auge behalten, die mich so des öfteren anschreiben. Sobald ich mich anschicke, ebenfalls ein Buch mit Impressionen aus Afrika oder etwas ähnliches zu veröffentlichen, lasse ich es euch wissen, versprochen ;)

Ach ja: Hier zum Abschluss natürlich noch das Video, in welchem Adam seine Geschichte erzählt und dazu noch das Video, in dem sich Tobi für den Support bedankt.

PS: Danke an Kai, der immer für solche Stories ein offenes Ohr (und Herz) hat und mich auf die Geschichte aufmerksam gemacht hat :)