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Das Phänomen FaceApp: harmloser Spaß oder gefährlicher Daten-Dieb?

FaceAPP feiert in diesen Tagen das App-Comeback des Jahres. Gefühlt jeder Zweite postet Bilder, die ihn besonders alt oder jung zeigen, immer mehr Leute warnen aber auch vor der App. Ist die Skepsis berechtigt?

von Carsten Drees am 18. Juli 2019

Es ist wie eine Seuche: Egal, ob man bei Facebook schaut, bei Twitter, bei WhatsApp oder Instagram: Überall begegne ich meinen Online-Kontakten, die auf einmal dramatisch gealtert zu sein scheinen. Worum es geht? Klar doch: Um die FaceApp, die es für Android und iOS gibt.

FaceApp - AI Face Editor
FaceApp - AI Face Editor
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Preis: Kostenlos+
  • FaceApp - AI Face Editor Screenshot
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FaceApp
FaceApp
Entwickler: FaceApp Inc
Preis: Kostenlos+

FaceApp ist eine Anwendung, die mit der Hilfe von künstlicher Intelligenz Fotos erfassen und verändern kann. Ihr könnt so beispielsweise (wie im Artikelbild gruseligst demonstriert) eine ältere Version von euch erschaffen. Ebenso könnt ihr euch auch jünger machen oder gar das Geschlecht wechseln, die Haarfarben und Frisuren wechseln und einiges mehr.

Weiter sind noch ein paar Features an Bord, die ihr von anderen Foto-Apps auch kennt: Filter, andere Hintergründe etc. Und wie ich oben bereits schrieb: Derzeit ist ein unglaublicher Hype entfacht und man kann vor allem den Opa- und Oma-Fotos seiner Freunde so gut wie gar nicht entkommen.

Das ist insofern ungewöhnlich, als wir es hier wahrlich nicht mit einer neuen App zu tun haben. FaceApp, übrigens eine russische App, sorgte bereits 2017 für Furore mit etwas knapperem Funktionsumfang, aber damals auch schon KI-gestützt.

Es ist wohl Promis und Influencern zu verdanken, dass FaceApp jetzt so ein mächtiges Comeback feiern kann und zumindest meinem Gefühl nach jetzt noch deutlich heftiger viral geht als vor zwei Jahren. Sei es drum: Es greifen jetzt wieder die üblichen Mechanismen im Netz, wie wir es von so ziemlich jeder viralen Nummer kennen: Erst fangen alle an, es den Early Adopters nachzutun, bis die ganzen News Feeds förmlich überschwappen, dann kommt die Fraktion derjenigen, die Witze über den Trend machen oder ihn pauschal scheiße finden, zum Schluss steigen dann auch noch die Mahner mit ein, die Sicherheitsbedenken oder ähnliches äußern.

Voller Stolz kann ich behaupten, dass ich über die zwei Jahre betrachtet jede dieser drei Wellen mitgemacht habe ;-) Ich will euch jetzt auch gar nicht den Spaß vermiesen, auch wenn ich wieder einen griesgrämigen Tweet dazu rausgehauen hab. Von mir aus soll aber ruhig jeder Fotos von sich ins Netz stellen, die ihn jung, alt, im anderen Geschlecht oder sonst wie zeigen.

Dennoch möchte ich aber darauf hinweisen, dass derzeit sehr viel Kritik an der App geäußert wird und dabei geht es vornehmlich um Sicherheitsbedenken. Sehr eifrig werden Artikel wie der von Forbes oder auch der von der SZ geteilt, meistens mit mahnenden Worten, diese Anwendung bloß nicht zu nutzen. Dass diese Warnungen mich übrigens besonders häufig über Facebook erreichen, macht die Geschichte eigentlich schon wieder witzig.

Konkret stoßen sich viele Kritiker an den AGB, in denen sich Folgendes finden lässt bezüglich der Berechtigungen:

Sie gewähren FaceApp eine unbefristete, unwiderrufliche, nicht exklusive, gebührenfreie, weltweite, voll bezahlte, übertragbare, unterlizenzierbare Lizenz zur Nutzung, Vervielfältigung, Änderung, Anpassung, Veröffentlichung, Übersetzung, Erstellung abgeleiteter Werke aus Ihren Benutzerinhalten und allen Namen, Benutzernamen oder Ähnlichkeiten, die in Verbindung mit Ihren Benutzerinhalten in allen Medienformaten und Kanälen, die jetzt oder später bekannt sind, ohne Vergütung an Sie weitergegeben werden. Wenn Sie Benutzerinhalte auf oder über unsere Dienste posten oder anderweitig freigeben, verstehen Sie, dass Ihre Benutzerinhalte und alle damit verbundenen Informationen (wie Ihr [Benutzername], Standort oder Profilbild) für die Öffentlichkeit sichtbar sind.

Wenn man das erst mal sacken lässt, muss man sagen, dass das schon eine Menge ist, die Wireless Lab aus St. Petersburg da von euch haben möchte. Kein Wunder also, dass die USA, wo man auf die Russen eh nicht so richtig gut zu sprechen ist, direkt freidrehen und sogar das FBI jetzt auf die App angesetzt haben, um die Gefahrenlage zu beleuchten.

Auch in Deutschland warnen Datenschützer und kritisieren, dass da neben massig Metadaten auch alles an Bildern in die Cloud geschaufelt wird, was auf eurem Smartphone aufzutreiben ist. Aber ist es wirklich das Drama, was da jetzt von so vielen beschworen wird? Zunächst mal könnte man es als Indiz werten, wenn zahlreiche Tech-Seiten über die App berichten und ihr dort jeweils Bilder der Autoren findet — Bilder, die mit eben jener FaceApp gemacht wurden. Wäre die App tatsächlich der Satan, würden diese Blogger und Redakteure vermutlich keine Fotos auf diese Weise veredeln lassen, oder?

Wichtig ist auch, dass eben nicht alle eure Fotos in irgendeiner russischen Cloud landen. Hochgeladen werden explizit die Bilder, die ihr auswählt aus eurer Galerie bzw. diejenigen, die ihr innerhalb der App knipst. Es werden also nicht pauschal komplette Galerien in die Cloud geschaufelt. Der Sicherheitsexperte Will Strafach hat das mal persönlich überprüft, ob da hinter den Kulissen, also ohne euer Wissen, doch mehr passiert, als es die Entwickler der App zugeben. Seine Antwort: Nope, ihm ist in der Hinsicht überhaupt nichts aufgefallen!

Die Bilder, die dort landen, werden tatsächlich für einen kurzen Zeitraum gespeichert. Laut Entwickler Yaroslav Goncharov müssen die gar nicht zwingend in der Cloud landen, könnten sogar auch lokal bearbeitet werden. Dass es doch geschieht, hat damit zu tun, dass es dort deutlich schneller geht und aus Traffic-Gründen. So wird verhindert, dass Nutzer, die mehrere Filter anwenden, das selbe Bild nochmal und nochmal hochladen.

Goncharov erklärt in einer Stellungnahme, die ihr bei TechCrunch findet, dass die Bilder in der Regel auch nach 48 Stunden verschwunden seien. Dass das “in der Regel” so sein soll und dass es ausgerechnet der Erfinder der App ist, der uns das verspricht, wird die Skeptiker natürlich nicht gerade beruhigen. Man könne auch über den Support beantragen, dass Bilder gelöscht werden. Dummerweise ist das Team derzeit von dem Run auf die App so überrascht worden, dass die entsprechenden Kapazitäten fehlen und das Team nur sehr zäh reagiert. Einen Workaround nennt der Russe auch: Über den Weg “Settings->Support->Report a bug” könnt ihr die Geschichte beschleunigen.

In seiner Stellungnahme sagt der Mann, der vorher bei Yandex gearbeitet hat, dass die übermittelten Daten keinen Rückschluss auf den User zulassen, zumal 99 Prozent der Nutzer eh ohne Login arbeiten. Zudem würden keine Daten an Dritte verkauft und zu guter letzt werden nur Nutzermetriken überhaupt auf die FaceApp-Server in Russland gepackt — alle anderen Daten, also die Bilder selbst, landen entweder auf Amazon-Servern in den USA oder aber bei Google-Servern in Irland bzw. Singapur.

Quatsch nicht so lange – ist es nun gefährlich oder nicht?

Ich erwähnte es oben schon: Wieso regen sich gerade auf Facebook Leute über FaceApp auf? Im Gegensatz zur Russen-App wissen wir bei Facebook schon, dass Mark Zuckerberg uns mehrfach angeschwindelt hat, die Plattform in mehrere Datenskandale verwickelt war und zudem auch mit seinen AGB nicht gerade kundenfreundlich daher kommt. Wenn wir dort Fotos hochladen, sind die abgebildeten Personen manchmal direkt markiert, so gut funktioniert die künstliche Intelligenz auch auf Facebook bereits.

Wenn ihr also wissen wollt, ob das Nutzen von FaceApp gefährlich oder unbedenklich ist: Ja, es ist gefährlich — genau so gefährlich, als wenn ihr Fotos in eure Facebook- oder Instagram-Stories postet, Bilder bei Facebook veröffentlicht oder bei Twitter oder im WhatsApp-Status oder sonst wo in irgendeiner Foto-App für Android oder iOS.

FaceApp möchte jede Menge Berechtigungen von euch, aber es ist — verglichen mit ähnlichen Apps — eben auch nicht ungewöhnlich. Dessen müsst ihr euch generell bewusst sein, wenn ihr Bilder ins Netz packt oder sonst wo Daten preisgebt. Daten sind der Preis, wenn ihr Fotos in irgendeine Anwendung oder in soziale Medien packt, wenn ihr lustige Name-Tests auf Facebook macht usw.  Schaut übrigens gerne mal auf das Facebook-Posting von Hakan, wenn ihr euch bei der Installation unsicher seid:

Wusstet Ihr schon, alles über Face app?"Entwickelt wird die App von der russischen Firma Wireless Lab aus Sankt…

Gepostet von Hakan Cengiz am Mittwoch, 17. Juli 2019

Genau das ist das Risiko und eine russische App ist da nicht schlimmer als all die Anwendungen aus den USA, die ihr gerne und oft und bereitwillig einsetzt. Also wenn es nach mir geht: Kümmert euch drum, dass ihr bei installierten Apps (generell, nicht nur bei der FaceApp) nicht unnötig viele Berechtigungen zulasst und dann: Feuer Frei! Technisch gesehen ist die Face-App wirklich großartig, die Resultate sehen sehr oft tatsächlich verblüffend aus.

So, genug geschrieben — ich erwarte jetzt den Herrn Pallenberg zu Besuch und werde heute Abend versuchen, durch den Genuss von gerstenhaltigen Kaltgetränken meinem “Älter”-Bild noch ein wenig ähnlicher zu werden, auf dem ich aussehe wie eine versoffene Version von Bud Spencer.

via heise.de