Regenbogen-Banner vor blauem Himmel

Celebrate Pride
Das Regenbogen-Experiment: Nutzt Facebook die bunten Profilbilder als Studie?

Noch immer wimmelt es auf Facebook von bunten Profilbildern in Regenbogenfarben, mit denen sich die Nutzer solidarisch mit allen Homosexuellen erklären und die Entscheidung pro gleichgeschlechtlichen Ehen in den USA feiern. Facebook stellt das Tool fürs Einfärben der Bilder bereit - und nutzt unser Verhalten scheinbar als ein großes - legitimes - Experiment. 

In der letzten Woche hat das oberste US-Gericht das Verbot für gleichgeschlechtliche Ehen in sämtlichen Bundesstaaten aufgehoben. Was überall selbstverständlich sein sollte, aber leider erst in wenigen Ländern umgesetzt wurde, ist also nun in den Vereinigten Staaten erlaubt – gerade für ein sonst eher prüdes Land wie die USA ein absoluter Paukenschlag.

Darüber freuten sich nicht nur viele Millionen US-Amerikaner (zugegebenermaßen gibt es natürlich auch massig Konservative, für die diese Entscheidung gleichbedeutend mit dem Untergang der Welt ist), sondern auch die Menschen weltweit. Die Regenbogenfahne als weltweit etabliertes Symbol der Lesben- und Schwulenbewegung war auch auf Facebook überall präsent, denn es wurden entsprechende Bilder und Artikel geteilt und direkt nach der Entscheidung passten viele Privat-Nutzer und Seiten – auch wir – ihre Profilbilder entsprechend an.

Mobile Geeks-Maskottchen mit Regenbogen im Hintergrund

Sehr schnell hat Facebook aber selbst Unterstützung angeboten, so dass man – wollte man ein eigenes Regenbogenbild nutzen – nicht erst mit dem Bildbearbeitungsprogramm seines Vertrauens hantieren musste, sondern quasi mit „Bordmitteln“ seine Solidarität mit den Schwulen und Lesben sowie seine Freude über die US-Entscheidung bekunden konnte. Wer da noch mitziehen möchte, kann das nach wie vor auf der Celebrate Pride-Seite von Facebook tun.

In der Folge gab es das bunteste Facebook, welches ich jemals gesehen habe, denn sehr, sehr viele Menschen haben mitgemacht und über Facebooks kleines Tool ihr Profilfoto angepasst. Klar – es hat auch diejenigen gegeben, die von der Aktion genervt waren, aber vielleicht gehört zur Toleranz auch dazu, einfach mal ein paar Tage lang bunte Bilder zu ertragen. Sehr entspannt ging übrigens Arnold Schwarzenegger damit um, dass vereinzelte Zurückgebliebene mit der neuen Regelung nicht zurechtkommen:

Arnies Regenbogen-Profilbild auf Facebook

Die Regenbogen-Profilbilder – ein riesiges Facebook-Experiment?

Facebook wäre aber nicht Facebook, wenn man dem Network nicht bei jedem Schritt, dass es tut, vorwerfen würde, dass man aus Eigennutz handelt. Aber wie könnte es Facebook von Nutzen sein, dass Menschen ihre Profile einfärben? Antwort: Zum Beispiel, indem man das Verhalten seiner Nutzer akribisch genau verfolgt und auswertet. War die Regenbogen-Nummer also vielleicht nur (bzw. auch) ein großes Facebook-Experiment?

Bei wem es jetzt irgendwo klingelt, wenn er die Kombination der Wörter Facebook und Experiment liest: Schon im letzten Jahr war herausgekommen, dass Facebook für eine Studie den Newsfeed von Hunderttausenden manipuliert hatte für eine Studie. Damals wollte man so herausfinden, ob sich ein Newsfeed mit positiveren Beiträgen auch positiv auf den einzelnen Nutzer auswirkt und er dementsprechend auch derartige Postings verfasst. Dazu hatte Facebook zwei Gruppen gebildet: Die eine bekam den positiven Content verstärkt eingeblendet – die andere Hälfte der etwa knapp 700.000 Menschen bekam eher negative Beiträge verstärkt angezeigt.

The Atlantic befasst sich im Artikel Were All Those Rainbow Profile Photos Another Facebook Study? mit der Frage, ob wir es hier mit einem ähnlichen Experiment zu tun haben – immerhin haben in den ersten Stunden der Aktion bereits mehr als eine Million User den Regenbogen-Filter eingesetzt. MIT-Wissenschaftler Cesar Hidalgo warf die Frage nach dem Experiment vielleicht als Erster auf.

Cesar Hidalgo - Facebook-Posting

Ein Sprecher von Facebook äußerte sich zu der Frage und verneinte, dass hier ein Experiment ausgeführt würde – alle sehen das gleiche. Das muss (und wird) aber natürlich nicht heißen, dass Facebook nicht dennoch sehr sorgfältig analysiert, was sich auf den Profilseiten tut. Der Facebook-Sprecher William Nevius erklärte, dass der Filter ein Projekt zweier Mitarbeiter im Rahmen eines Hackathons war, das intern großen Anklang fand und von weiteren Mitarbeitern auch eifrig genutzt wurde – und pünktlich zur Entscheidung des obersten US-Gerichts hat man die Funktion dann eben für alle Nutzer scharf geschaltet. Auch bei Gizmodo.com erhielt man eine Reaktion von Facebook direkt:

This was not an experiment or test, but rather something that enables people to show their support of the LGBTQ community on Facebook. We aren’t going to use this as a way to target ads and the point of this tool is not to get information about people.

Wichtig ist – Studie oder nicht – hierbei, dass keine Facebook-Nutzer manipuliert wurden. Dass Facebook wiederum alles, was man an Daten erfassen kann, auch analysiert, sollte hier nun wahrlich niemanden ernsthaft überraschen, oder? Für all die, die in der Aktion eine schöne Möglichkeit sehen, sich solidarisch zu erklären, ist es das also auch weiterhin – uneingeschränkt. Darüber hinaus kann Facebook aber wirklich interessante Kenntnisse darüber erlangen, wie wir uns auf dem Social Network verhalten bzw. was uns zu Änderungen veranlasst. Das können die Kameraden bei Facebook auch ohne Regenbogen-Filter, aber so ist es eine weitaus größere Menge an Menschen, die mitmacht – was somit auch zu solideren Ergebnissen führt.

Über wie viele Regenbogen-Bilder muss man stolpern, damit man sein eigenes Profilbild ändert?

Durchaus spannende Fragen können gestellt und – mit Hilfe der Nutzer – vielleicht auch beantwortet werden. Was muss beispielsweise passieren, damit wir als Einzelperson reagieren und unser Profilbild ändern, sprich: Über wie viele Regenbogen-Bilder muss man stolpern, damit man sein eigenes Profilbild ändert? Daraus wird man dann ableiten können, wie unser Nutzerverhalten auch dadurch gesteuert wird, was uns unsere FB-Freunde im Newsfeed zeigen und vormachen. Weiter wäre es interessant zu wissen, wie sich beispielsweise die Akzeptanz gegenüber Schwulen und Lesben erhöht hat, es stellt sich zudem die Frage, ob stets „Celebrate Pride“ im Vordergrund stand, oder ob vielleicht so mancher Nutzer einfach nur mitmacht, weil es alle tun oder weil das Bild so schön bunt ist. Ebenfalls spannend: Wie lange hält das vor und wann ändert man sein Profilbild nach der Aktion erneut?

So oder so: Jede Menge Input für Facebook und das sogar, ohne dass man seinen Nutzern übel mitspielt. Abschließende Frage in die Runde: Habt ihr euch als Facebook-Nutzer daran beteiligt und wenn ja: Erstrahlt euer Profilfoto immer noch in bunten Farben, oder habt ihr es schon wieder geändert? Ich hab übrigens auch wieder zurück zu weniger bunt gewechselt ;)

Quelle: The Atlantic via Gizmodo.com und Stern.de

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