Das Serien-Dilemma: Lieber alles auf einmal – oder eine Folge pro Woche? [Umfrage]

Immer her damit - das ist meine Devise beim Konsum von TV-Serien. "The Boys" erscheint aber plötzlich wieder wöchentlich - Folge für Folge. Das sorgt für viel Unmut, bei mir hingegen vielleicht für ein Umdenken.

von Carsten Drees am 11. September 2020

Kleiner Disclaimer vorweg: Die Serie “The Boys” ist zwar hier das Beispiel, aber ich werde nicht spoilern, versprochen. 

 

Als “The Boys” letztes Jahr an den Start ging, war ich gar nicht von Anfang an dabei. Ich hab zwar mitbekommen, dass auf Amazon Prime eine neue Superhelden-Serie startet, aber anscheinend war ich mit anderen Serien oder sonst was beschäftigt. Als ich dann ein paar Monate später einstieg, war ich von der ersten Sekunde an begeistert

“The Boys” ist herrlich überzogen, unanständig viel Splatter und alles in allem eine schöne Persiflage auf alle Avengers und Justice Leagues dieser Welt, weil die Helden hier mal nicht perfekte Wohltäter sind, sondern mitunter richtige — sagen wir, wie es ist — Arschlöcher. An einem Wochenende habe ich dementsprechend flott alle acht Folgen der Staffel durchgesuchtet. Meine Begeisterung war also kürzlich groß, als der Startschuss für die zweite Staffel fiel.

Ich machte mich also wieder auf ein, zwei gemütliche TV-Nächte bereit und schaute mir die ersten neuen Folgen der Staffel an, die wieder auf acht Episoden ausgelegt ist. Und — was soll ich sagen: Nach drei Folgen war Schicht! Ich mache erst ein dummes Gesicht und anschließend den Fernseher aus und dann schaue ich im Netz, was da Phase ist.

Und ja, tatsächlich hat Amazon Prime eine andere Strategie für die zweite Staffel erdacht bzw. ist wohl eher das “The Boys”-Mastermind Eric Kripke der Übeltäter. Kripke ist bei mir persönlich seit “Supernatural” sowieso im God-Mode unterwegs und dem verzeihe ich eh so ziemlich alles — also auch das, was aus meiner Sicht ein Fauxpas ist: Die ersten drei Folgen gab es zum Staffel-Start, die restlichen fünf gibt es Woche für Woche, jeden Freitag eine neue.

Binge Watching – das jüngste Grundrecht?

Während ich auf der Amazon-Seite herumsurfe, um dort eventuell Kripkes Adresse herauszufinden und ihm für diesen Woche-für-Woche-Mist seinen eigenen Helden “Homelander” auf den erfolgsverwöhnten Hals zu hetzen, stoße ich auf Rezensionen zur Serie, darunter erstaunlich viele negative. Ich bin also nicht der Einzige, der wenig begeistert ist von dieser “erst anfixen, dann nicht liefern”-Strategie (Okay, ich gebe es zu: Ich habe nicht nach Kripkes Adresse gesucht, sondern ein starkes Opinion Piece von Hendrik Busch auf moviepilot.de gelesen).

Und genau an dem Punkt hab ich dann mit dem Umdenken begonnen. Für mich war die Möglichkeit, eine Serie komplett durchzuglotzen, sowas wie ein neues Grundrecht. Etwas, was uns Serien-Fans einfach zusteht, alles andere sind Relikte aus grauer TV-Vorzeit. Aber der Blick auf die pöbelnde Masse brachte mich ins Grübeln. Dort finden sich Fans der Serie, die auch die bisherigen Folgen der zweiten Staffel feiern und logischerweise gibt es auch Kritiker, die damit gar nichts anfangen können.

Das ist legitim, schließlich sind auch Serien Geschmackssache und gerade bei Comic-Umsetzungen wird besonders kritisch hingeschaut. Was ich aber nicht verstehen kann: Menschen, die die Serie wirklich mögen und ihr dennoch einen von fünf Sternen verpassen — eben wegen der Veröffentlichungs-Politik. Als Beispiel habe ich hier diese Rezension eines “Douglas Heferman” herausgepickt:

“Eins vorweg, die Serie ist Top. Die neue Staffel fängt zwar ein wenig schleppend an, dafür nimmt sie ab Folge 3 doch an Fahrt auf und ich hoffe dass es dann so rasant weiter geht. Ich bin ein riesen Fan dieser Serie, denn sie ist endlich mal eine Abwechslung in der heutigen Superheldenwelt.
Trotzdem gebe ich hier nur 1 Stern, da ich diese Veröffentlichungspolitik von Amazon absolut nicht unterstütze. Das hat mit Streaming im Jahre 2020 nichts zu tun. Wenn Amazon diesen Weg in Zukunft weiter gehen will, dann Gute Nacht !!”

 

Unabhängig davon, was man davon hält, wenn eine Serie eine Folge pro Woche veröffentlicht, verabscheue ich diese Art der Rezensionen. Unabhängig vom Thema ist es immer Irrsinn, ein Produkt für etwas abzustrafen, was mit dem eigentlichen Produkt so gar nichts zu tun hat. Wir kennen ja solche Shitstorms, bei denen plötzlich ein Film, ein Game, ein Buch oder sonst was dafür abgestraft wird, weil ein Unternehmen nicht so handelt, wie man das möchte, oder ein Autor sich mit einer unpopulären Meinung zu Wort gemeldet hat. Übrigens sind auch die US-Fans wenig happy mit der Veröfffentlichungs-Strategie.

Was passiert, wenn das Schule macht? Angenommen, sehr viele enttäuschte Fans wie Kollege Hefferman oben handeln so. Dann steht da irgendwann eine Bewertung von vielleicht 1-2 Sternen, was für Amazon der Grund sein könnte, die Reißleine zu ziehen. Allein schon deswegen ist es kompletter Unsinn, etwas, was man sehr mag, aus anderen Gründen runterzuvoten.

“Binge im Zuckerrausch”

Aber hier geht es ja nicht um Sinn und Unsinn von Rezensionen, sondern um die Veröffentlichungs-Politik bei Serien und da hat tatsächlich der Beitrag auf moviepilot.de bei mir ein paar Knöpfe gedrückt, die mich ein wenig umdenken lassen. Im Februar habe ich noch ein flammendes Plädoyer für Binge Watching veröffentlicht.

Jede Woche eine neue Folge – ich möchte das nicht mehr!

In Teilen sehe ich das auch nach wie vor so, weil ich möglichst unabhängig sein möchte bei meinem Serien-Konsum. Ich will also bestimmen, wann ich eine Folge schaue. Die Frage ist allerdings, ob ich das nicht auch kann, wenn ich nur eine Folge pro Woche geboten bekomme. Immerhin bestimme ich auch darüber, wann ich diese Folge schaue. Ich muss mich also auch hier nicht an Sendezeiten halten und wenn ich mag, kann ich auch einfach fünf Wochen warten und dann alles in einem Rutsch glotzen.

Es gibt aber ganz andere Gründe, wieso man sich vom bingen vielleicht wieder ein wenig losreißen sollte und Eric Kripke persönlich hat dazu neulich in einem Interview beim Collider Stellung bezogen und die Idee dahinter erklärt:

Wir hatten das Gefühl, wenn wir es auf einen Schlag veröffentlichen, wird das ein Binge im Zuckerrausch.. Ich denke, etwas Erwartung tut den Fans gut, ich denke, es verbessert die Erfahrung. Eric Kripke

Er spricht da einen sehr wichtigen Punkt an. Ich nehme mir nicht eine Handvoll Chips aus der Tüte und pack sie wieder weg — oder nur ein Stück Schokolade von einer ganzen Tafel. Ich fresse den ganzen Mist auf einmal und sitze dann da mit Bauchschmerzen und ärgere mich, dass alles weg ist. Gilt übrigens auch für Popcorn im Kino:

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Hahahaha 😂 Viel zu gut, ums langsam zu essen!

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Ich möchte auch nochmal aus dem oben verlinkten Artikel zitieren. Hendrik schreibt dort:

“Mit der wöchentlichen Ausstrahlung einzelner Happen drückt Amazon auf die Bremse, sodass selbst der langsamste Zuschauer mithalten kann und wieder aufschließen kann. Streamingdienste, nicht nur Amazon, verstehen allmählich, dass das “Alles sofort”-Prinzip am Anfang vielleicht ganz cool war, aber Hype-unfreundlich ist. Und alle wollen den Hype, möglichst lange. Auch Disney+ schießt teure Event-Serien wie The Mandalorian wöchentlich raus, bei den MCU-Serien ist das ähnlich geplant.”

 

Auch so ein Punkt, den ich bei aller Begeisterung für Amazon Prime, Netflix usw absolut nachvollziehen kann: Früher hat man sich über die TV-Highlights später unterhalten — auf dem Schulhof, auf der Arbeit und ja, auch auf Facebook oder Twitter. All das verschwindet zusehends, weil jeder dank der steten Verfügbarkeit sein eigenes Tempo auswählt.

Nochmal: Ich liebe es, dass ich unabhängig von Sendezeiten alles glotzen kann, was ich möchte. Aber die Veröffentlichung pro Woche bietet tatsächlich die beiden genannten Vorteile:

  • Ich hab schlicht länger was von einer Serie und kann die Inhalte länger/besser sacken lassen
  • Ich kann mich besser mit anderen über das Gesehene austauschen

Jetzt stehe ich hier also, grüble über die perfekte Veröffentlichungs-Strategie und denke auch über die Nachhaltigkeit dieser Serien nach. Wenn ich eine Staffel an einem Wochenende durchbinge, falle ich wieder in so ein Loch und muss bestenfalls ein Jahr auf die nächste Staffel warten. Aber gerade bei Netflix wird aus allen Rohren mit neuen Serien geschossen, so dass man sich überlegen kann, ob es wirklich um anhaltenden Erfolg einzelner Serien geht — oder ob Netflix lieber auf Masse setzt, um den Abonnenten und vor allem den Noch-nicht-Abonnenten was zu bieten. Viele Serien kommen nicht über eine dritte oder vierte Staffel hinaus, weil das für Netflix und Co einfach weniger lukrativ ist im Vergleich zu einer ganz neuen Serie.

All das lässt mich jetzt überlegen, ob ich wieder gechillter mit meinem Serien-Konsum umgehen soll und die Woche-für-Woche-Strategie als eine positive anerkenne, oder ob ich doch lieber wie bisher weiterglotzen möchte. Vermutlich liegt die Wahrheit ziemlich in der Mitte. Zumindest ältere Staffeln kann ich ja nach wie vor am Stück sehen und mir bricht in der Tat kein Zacken aus der Krone, wenn ich nun einmal in der Woche ein 60-Minuten-Date mit “The Boys” habe.

Spannend ist die Idee von Kripke allemal, Serien auf diese Weise wieder mehr Gewicht zu verleihen bzw. eine andere Wertigkeit. Ich werde das für mich also künftig berücksichtigen und mich mit “Ich will alles! Jetzt!!!11!”-Geschrei zurückhalten. Aber wie sieht es bei euch aus? Sagt mir mal in dieser kurzen Abstimmung, wie ihr das seht:

 

PS: In der zweiten Staffel ist der Charakter Butcher ja zeitweise untergetaucht. Als Zuschauer weiß man in dem Moment nicht, wo er zwischenzeitlich war bzw. was er getrieben hat. Auch hier geht man jetzt einen ungewöhnlichen Weg und veröffentlicht einfach zwischendurch ein Kurzfilmchen, welches die Geschehnisse erläutert. Auch etwas, was man nicht so effektiv machen könnte, wenn alles ständig verfügbar wäre.