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Das Vivo Apex 2019 beweist: Die Smartphone-Zukunft ist öde

Von einigen Kritikern wird das gerade vorgestellte Vivo Apex 2019 als wegweisendes Smartphone gefeiert. Die Medaille hat - vor allem für die Industrie - aber auch eine Kehrseite.

von Carsten Drees am 24. Januar 2019

Ihr habt es gemerkt: Wir schreiben deutlich weniger über Smartphones, als wir es noch vor zwei, drei Jahren getan haben. Das hängt sehr stark damit zusammen, dass es größtenteils sehr langweilig ist, immer und immer wieder über nur unmerklich verbesserte Hardware zu berichten. Selbst die Platzhirsche wie Apple, Samsung und Huawei liefern uns manches Mal eben keine Smartphone-Revolution mehr, sondern bestenfalls sinnig verbesserte Devices, die kleine Verbesserungen gegenüber den Vorgängern darstellen.

Das ist auch gar nicht mal als Vorwurf an die Industrie gedacht. Was sollen die schließlich auch tun? Samsung hat seine Edge-Design-Idee konsequent weitergedacht und mit dem Galaxy S8 so annähernd perfektioniert, dass es schlicht unsinnig wäre, im Folgejahr zu viel zu verändern.

Samsung Galaxy S8 im Test: So fühlt sich die Zukunft an

Und was macht die Konkurrenz daraufhin? Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten, die Erfolg versprechen: Entweder hat man selbst ein grandioses Design-Konzept, welchem man mit neuen Modellen treu bleiben wird — oder man schaut sich bei Samsung etwas ab.

Das ist nur ein Beispiel von vielen, denn mit Display-Technologien, Lade-Techniken, Kamera-Sensoren, Anschlüssen, Speichergrößen etc. verhält es sich ganz genau so. Mal prescht der eine vor, mal der andere — aber je besser die Idee ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass im kommenden Jahr die Konkurrenz gleichzieht. Das ist absolut richtig so, denn auf diese Weise kommen wir Endverbraucher unabhängig vom Hersteller zu immer stärkeren Geräten.

Der Haken an der ganzen Nummer: Smartphones werden auf diese Weise aber auch immer beliebiger. Selbst, wenn ihr Foto-Fanatiker seid und beim Smartphone-Kauf besonders tief in die Tasche greift, um eines der mit besonders guten Kameras ausgestatteten Spitzenmodelle zu gönnen, habt ihr mittlerweile eine große Auswahl — es gibt einfach nicht das eine Smartphone mit Weltklasse-Cam, sondern eine Handvoll herausragender Handsets mit tollem Shooter.

Wer — so wie ich — aber eh nur hier und da mal ein Foto auf einer Party oder einem Konzert macht, oder wenn er sich an einer besonders schönen Location befindet, der ist schon mit viel weniger gut bedient. Konntet ihr die Mittelklasse-Smartphones vor sieben, acht Jahren bezüglich ihrer Kameras komplett in die Tonne treten, liefern die durch die Bank heute souverän ab. Dabei ist es egal, ob ihr zu den großen Marken greift, oder euch bei Aldi einen Schnapper an Land zieht.

Was machen wir auch schon groß mit unseren Smartphones, was die Hardware an ihre Grenzen treibt? Ein paar Fotos, ein bisschen Zeit mit Daddeln totschlagen an der Haltestelle, Instagram, Facebook und die Messenger checken, vielleicht noch eine Fitness-App, Google Maps oder ähnliches. Für all das gibt es nicht fünf oder zehn günstige Smartphones, die man mit gutem Gewissen kaufen kann, sondern Hunderte.

Das Vivo Apex 2019 – die Smartphone-Blaupause für 2020?

Das bringt mich jetzt so langsam zu dem Smartphone, welches in China nun vorgestellt wurde: Das Vivo Apex 2019 — ein wirklich spannendes und stark ausgestattetes Smartphone mit einer Besonderheit: Es verzichtet auf sämtliche Anschlüsse und Hardware-Tasten. Es gibt also nicht nur keinen Port mehr für euren Kopfhörer, sondern auch keinen Slot für Speicher- oder SIM-Karte, keinen Power-Button und so weiter.

Snapdragon 855, 12 GB Arbeitsspeicher und 256 GB interner Speicher — das sind die Eckdaten, die bislang bekannt sind. Dazu ist es noch das allererste 5G-Smartphone des Unternehmens und setzt ausschließlich auf eine eSIM. Der Unibody besteht aus Glas und wird nun eben nicht mehr durch Buttons oder Slots gestört.

Das Display, von dem wir zum jetzigen Zeitpunkt die Auflösung noch nicht kennen, ist auch für den Sound zuständig, ersetzt also auch die regulären Speaker, die somit ebenfalls wegfallen. Wie ihr euch denken könnt, ist auch kein Button für den Fingerabdrucksensor an Bord — dieser Sensor wurde ebenfalls unters Display verlegt.

Somit stört vorne nichts den Gesamteindruck des Panels: Kein fetter Rand, keine Buttons, keine Speaker und ja: Auch keine Notch! Hier macht es sich Vivo nämlich besonders einfach und  verzichtet schlicht auf eine Cam.

Auch für Selfies müsst ihr euch also der Dual-Kamera auf der Rückseite bedienen. Das klingt für mich jetzt erst mal umständlich und auch nicht besonders fortschrittlich, dass man darauf hoffen soll, dass sich das eigene Antlitz ausreichend deutlich in der Glas-Rückseite spiegelt.

Egal, ob ihr jetzt das Fehlen der Selfie-Cam merkwürdig findet, oder bedauert, dass ihr keinen Power-Button, keinen SIM-Karten-Slot oder sonst was vorfindet: In den meisten Fällen kompensiert die Technik das Fehlen dieser Elemente, so dass ihr keinesfalls ein rudimentäres Endgerät am Start habt mit dem Vivo Apex 2019, sondern ein wirklich stark ausgestattetes Handset.

Mit diesem Konzept ist das Unternehmen damit sogar noch nicht mal das erste am Markt, denn nur einen Tag davor hat Meizu mit dem Meizu Zero ein ganz ähnlich angelegtes Konzept präsentiert. Und ihr könnt es euch vermutlich denken: Diese beiden Smartphones werden auch beileibe nicht die letzten bleiben, die auf Anschlüsse und Buttons verzichten.

So, wie sich die Notch (leider) durchgesetzt hat und von sehr vielen Anbietern derzeit präferiert wird, werden wir künftig auch immer mehr Smartphones sehen, auf denen ihr vorne nichts mehr vorfindet außer einem Display und auf der Rückseite nichts außer einer Kamera und gegebenenfalls Lade-Kontakten.

Das liegt in der Natur der Sache: Wieso soll ich einen Sensor verbauen, der unsere Fingerabdrücke erkennt, wenn ich den ins Display integrieren kann? Wieso Lautsprecher, wenn sie nicht mehr nötig sind und wieso Platz für eine SIM-Karte lassen, wenn eh die eSIM der kommende, heiße Scheiß ist?

Somit können diese Konzepte aus China die perfekte Blaupause sein für kommende Smartphones und ich bin ganz sicher, dass von Cupertino bis Südkorea die Konkurrenz ganz genau hinschaut, was sich da in China derzeit tut. Wie so oft bei technischen Neuerungen auf dem Smartphone-Markt können wir davon vieles natürlich begrüßen, einiges sogar herbeisehnen, aber es gibt eben auch eine Kehrseite dieser Innovations-Medaille und die dürfte vor allem der Industrie nicht schmecken.

Hier kommt das Smartphone-Einerlei

Schon heute ist es nämlich äußerst schwierig, sich optisch oder auch funktionell von der Konkurrenz abzuheben. Oben schrieb ich schon, dass auch günstigere Smartphones technisch gesehen so viel auf der Pfanne haben, dass man nicht zu den Flaggschiffen greifen muss. Optisch ist es noch dramatischer, wie ähnlich sich die Hardware der unterschiedlichsten Anbieter mittlerweile geworden ist.

Wenn jetzt noch die Notch, die Anschlüsse und die Hardware-Buttons wegfallen, dürfen wir davon ausgehen, dass sich alle kommenden Smartphones, von Design-Kleinigkeiten abgesehen, sehr, sehr ähnlich sehen dürften. Das ist logisch, denn was sollen die Unternehmen auch machen? Dreieckige Displays verbauen oder Smartphones in Würfelform? Eben!

Smartphones mit faltbaren Displays können dieses Design-Einerlei zwar auflockern, dürften aber — zumindest in den nächsten Jahren — erst mal nur ein Nischenpublikum bedienen. Somit laufen wir gerade einer Smartphone-Zukunft entgegen, die zwar massig bärenstarke und auch schöne Hardware verspricht, in der es aber nur noch äußerst wenige Alleinstellungsmerkmale geben dürfte.

Vermutlich werden die jeweiligen Ökosysteme der Unternehmen damit noch entscheidender werden, aber speziell Android-Phones werden dennoch alle im selben Haifischbecken umher treiben. Die Zeiten, in denen Anbieter wie Apple oder Samsung mit einzelnen Modelle mit weitem Vorsprung den Markt dominieren konnten, dürften damit langsam dem Ende entgegen gehen. Das mag der Industrie deutlich weniger gefallen als uns Nutzern, aber ich fürchte, genau auf dieses Szenario treiben die Smartphone-Hersteller sehenden Auges zu.

Falls ihr das aber anders bewertet, belehrt mich gerne eines Besseren und nennt mir in den Comments eure Argumente. Ich persönlich fürchte jedenfalls, dass der Markt in drei, vier Jahren noch deutlich eintöniger sein wird, als es heute schon der Fall ist.

via Phonearena, Turn On und GIGA