Liebe Meinungsforscher, Analysten und Korrespondenten: Schämt euch

Der Wahlsieg von Donald Trump offenbart auf erschreckende Weise, wie schlecht es um die Deutungshoheit der Medien, die Fähigkeiten von Daten-Analysten und die Kompetenz von Meinungsforschern bestellt ist. Getreu den Mottos "Traue keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast" und "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?" wirken die heutigen Erklärungsversuche allenfalls hilflos und erbärmlich. [Kommentar]

Donald Trump wird der 45. Präsident der Vereinigten Staaten und regiert in wenigen Wochen über rund 325 Millionen US-Amerikaner, sofern nicht ein paar Millionen davon nach Kanada auswandern oder von Elon Musk auf den Mars geschossen werden. Wer sich zum Ende der langen Wahlnacht und im Laufe des heutigen Tages durch die Fernsehsender switchte, sah vor allem eines: stotternde, um Erklärungen ringende, völlig überforderte Demoskopen und Korrespondenten, deren Prognosen und Analysen sich gerade wie der Pups eines Einhorns in Luft auflösten.

Alle Meinungsforschungsinstitute und Demoskopen hatten die zwar unbeliebte, aber im Zwiespalt zwischen Pest und Cholera doch zumindest rational überlegene Hillary Clinton als Siegerin gesehen. Hierzulande durfte in den vergangenen Wochen jeder – vom Botschafter bis zum abgewrackten Comedian – mit einem möglichst breit gequakten Kaugummi-Akzent seinen Senf zu dem Thema abgeben. Und alle waren sich einig: gewinnen wird der Möchtegern mit dem Namen einer gescheiterten Existenz aus Entenhausen die Nummer auf keinen Fall.

Quelle: nytimes.com
Quelle: nytimes.com

Heute Nacht sind nicht nur die Hoffnungen vieler Menschen auf eine bezahlbare Gesundheitsversorgung oder auf ein friedliches Miteinander verschiedener Nationalitäten und Religionen gestorben. Was wir spätestens seit dem heutigen Tage ebenfalls beerdigen können ist der Glaube an Daten und Prognosen, die uns jahrzehntelang die Welt erklären wollten.

Mit einem immer noch verstörten Blick zurück gleicht das, was uns die Demoskopen – und, ihnen teils folgend oder vorauseilend, die meisten Medien – in den vergangenen Monaten an Statistiken und Analysen geboten haben einem Totalversagen. Die vierte Gewalt, die momentan mit einem eu-weiten Leistungsschutzrecht ihre Daseinsberechtigung zementieren will, hatte schon im Zuge des Brexit einen fulminanten Griff ins Klo hingelegt. Spätestens jetzt, mit Trumps Sieg, darf man jede vielleicht irgendwann einmal vorhandene “Deutungshoheit” der Medien getrost hinterfragen.

Wer im Laufe des Tages Einsicht oder gar eine Entschuldigung für die grandiosen Fehleinschätzungen erwartete, wurde (selbstverständlich) enttäuscht. Stattdessen wurde getreu dem Motto “Was interessiert mich mein eigenes Geschwätz von gestern” mit dem zittrigen Finger auf Andere gezeigt, die noch wenige Minuten vor Öffnung der Wahllokale den tiefen Sturz des goldblonden Prolls prognostizierten.

Liebe Data Scientists und Auslandskorrespondenten, liebe selbsternannte Welterklärer und lokalredaktionenschließende Verleger, liebe Politik- und Sozialwissenschaftler: trollt euch, schämt euch. Wenn ihr am heutigen Tage irgendetwas richtig machen wollt, dann nehmt euch wenigstens ein Beispiel am Analysten des Nachrichtensenders NBC, Mike Murphy. Der hatte im Laufe des frühen Morgens wenigstens die Cojones einzugestehen, dass er – und nicht irgendwelche anderen – völlig falsch gelegen hat.

Tut uns für den Rest der Woche bitte einen Gefallen: Spart euch bitte eure jämmerlichen Erklärungsversuche über männliche, weiße, aber zugleich schüchterne Umfrageteilnehmer, die erst in der Wahlkabine ihre wahre Meinung äußern.

PS: den fast 300.000 völlig verblödeten Menschen, die allein in Florida Gary Johnson, Jill Stein, Darrell Castle oder Rocky De La Fuente gewählt haben sei gesagt: das Universum lacht heute über euch.