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Der 8. Mai 2020 – ein besonderer Tag

Der 8. Mai ist der Tag, an dem der 2. Weltkrieg offiziell in Deutschland endete und somit ein sehr wichtiger Tag für Deutschland. Die Corona-Krise sorgt dafür, dass der Stellenwert eines so besonderen Tag nochmal erhöht wird.

von Carsten Drees am 8. Mai 2020

Heute ist der 8. Mai – es jährt sich der Tag der Befreiung, der Tag, an dem Deutschland kapitulierte und somit der 2. Weltkrieg auf deutschem und europäischem Boden beendet wurde. Es wird oft davon gesprochen, dass sich an diesem Tag auch das generelle Ende des zweiten Weltkriegs jährt, aber das stimmt natürlich nicht — der endete erst Monate und zwei Atombomben später am 2. September mit der Kapitulation Japans.

Für uns Deutsche ist aber dieser 8. Mai ausschlaggebend. Es war der Tag der Kapitulation Deutschlands, also des offiziellen Eingeständnisses dessen, was eh schon jeder wusste: Wir hatten den Krieg verloren. Es ist aber eben nicht nur einfach eine Niederlage, sondern gleichzeitig das Ende des Nationalsozialismus und damit des düstersten Kapitels deutscher Geschichte.

Die anderen beteiligten Nationen feierten dieses Ereignis schon lange als “Tag der Befreiung”, in Deutschland dauerte dieses Verständnis ein wenig länger, was sich erst änderte, als der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 diese Worte sprach:

Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Richard von Weizsäcker (1920-2015), ehemaliger Bundespräsident

Lest euch — falls ihr die Rede nicht kennen solltet oder nicht mehr im Hinterkopf habt — ruhig mal den kompletten, lohnens- und erinnernswerten Text im originalen Wortlaut an. Für mich ist in der Rede die wichtigste Erkenntnis, dass es sich nicht ausschließt, dass mit diesem geschichtsträchtigen Tag für viele Deutsche eine furchtbare Zeit anbrach und wir ihm dennoch als “Tag der Befreiung” gedenken können.

Viele kamen in Kriegsgefangenschaft, wurden vertrieben, waren ohne Arbeit, ohne Heim und ohne Hoffnung, dass man in diesem Land so bald wieder ein menschenwürdiges Leben würde führen können. Dennoch war es eben genau dieser Tag, der dieses düsterste deutsche Kapitel zuschlug . Ein Kapitel, an dessen Ende über 60 Millionen Tote zu beklagen waren.

Das Hitler-Regime hat den Holocaust zu verantworten und damit unsagbare Verbrechen am jüdischen Volk. Das Regime tötete aber auch — völlig unabhängig von den Kriegsopfern — viele Landsleute, weil sie homosexuell waren, weil sie Juden halfen oder weil sie geistig behindert waren. Es ist also wichtig, niemals aus dem Blick zu verlieren, dass am 8. Mai nicht “nur” ein Krieg verloren wurde, sondern eben der Schlussstrich unter all diesem Übel gezogen wurde.

Dass so ein Schlussstrich nicht bedeutet, dass wir da auch gedanklich einen Haken dran machen können — wir wissen es alle. Vor allem, wenn wir Rechts-Populisten haben, die im Bundestag sowie allen Landtagen sitzen und deren Fraktionschef Gauland davon spricht, dass man den 8. Mai “nicht zum Glückstag für Deutschland machen” könne und dieser Tag der “Tag der absoluten Niederlage, ein Tag des Verlustes von großen Teilen Deutschlands und des Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit” sei.

Gestaltungsmöglichkeit — auf den Trichter muss man auch erst einmal kommen. Wie hätten denn Nazis dieses Land wohl weiter gestaltet? Man möchte es sich nicht ausmalen und ebenso wenig möchte man sich vorstellen, dass AfD und noch rechtere Elemente jemals das Sagen in diesem Land erlangen könnten.

Allein schon aus diesem Grund sollte der 8. Mai tatsächlich ein bundesweiter Feiertag sein, so wie es auch die Holocaust-Überlebende Esther Bejarano mit ihrer Petition fordert, die aktuell schon von 100.000 Menschen unterschrieben wurde. Es geht dabei auch nicht darum, einen Feiertag zu schaffen, an dem man sich vormacht, dass am 8. Mai 1945 alle Deutschen glücklich gewesen wären. Es geht viel mehr darum, dieses Datum als Gedenken zu nutzen.

Ebenjener Gauland, der diesen Tag ambivalent sieht, sprach ja bekanntlich von den Jahren des Hitler-Regimes auch von einem “Fliegenschiss” der Geschichte und ja: So ziemlich alles, was die Protagonisten dieser Partei sagen und tun, bestärkt mich in der Gewissheit, dass wir Tage brauchen, die uns kollektiv daran erinnern lassen, zu was Deutsche fähig waren und was Deutsche zuließen.

Ich muss euch nicht nochmal die ganzen Daten von Anschlägen, Übergriffen und Morden aufzählen, nicht noch mehr rhetorische Verfehlungen der AfD zitieren oder auf die ganzen “irgendwann ist auch mal gut”-Kommentare in sozialen Medien verweisen. Ihr kennt das alles selbst zur Genüge und es geht auch nicht darum, uns selbst eine kollektive Mitschuld an einem Weltkrieg zu geben. Es geht nicht um Mitschuld, es geht um Schuldverständnis und dieses Verständnis dessen, wer sich da wie in welchem Maße im Namen des deutschen Volkes schuldig gemacht hat, hat ganz sicher kein Verfallsdatum.

Der 8. Mai 2020, ein besonderer besonderer Tag

Ein besonderer Tag — so weit waren wir ja schon. Der 8. Mai war 1945 ein außergewöhnlicher Tag und er war es auch in jedem einzelnen Jahr danach bis heute und er wird es auch weiterhin sein. Der 8. Mai 2020 dürfte aber aus all diesen Tagen dennoch als ein besonderer hervorstechen, weil er in die Zeit der Corona-Pandemie fällt.

Was Covid-19 damit zu tun hat? Sehr viel, glaube ich, wenn ich mich umschaue. Wir leben in einer Ausnahmesituation. Viele Deutsche sind zwangsweise in Kurzarbeit, haben vielleicht sogar ihren Job verloren. Wir dürfen uns nicht so versammeln, wie wir es möchten, müssen auf Konzerte, Parties, Kneipenabende und vieles mehr verzichten. Existenzen sind bedroht, die Konjunktur macht komplett die Grätsche, Kinder verstehen nicht, wieso sie so lange nicht in die Kita dürfen.

In dieser Ausnahmesituation ist es hauptsächlich das Internet, welches ganz erstaunliche Gestalten ans Licht spült. Ich mag jetzt nicht nochmal all die veganen Köche, DSDS-Juroren oder Popstars-Vortänzer zitieren oder auch nur namentlich erwähnen. Ihr wisst eh, wer die sind und ich mag ihnen nicht den Gefallen tun, ihre Popularität zusätzlich zu befeuern. Mit krudesten Verschwörungstheorien und fernab jeglicher Realität vergiften solche Menschen derzeit das Klima im Netz und tragen diesen negativen Spirit raus auf die “Hygiene”-Demos, die zur Zeit gerne organisiert werden.

Demonstrationen, die ein weites Spektrum an Menschen zusammenbringen. Hier finden sich Leute sowohl vom äußerst rechten als auch äußerst linken Rand wieder, Esoteriker, Prepper, Verschwörungstheoretiker, selbstverständlich Impfgegner und schlussendlich auch Menschen, die sich nicht in diesen Gruppierungen wiederfinden und schlicht verunsichert und besorgt sind.

Da ist die Rede davon, dass in wenigen Tagen eine “Impfpflicht” eingeführt wird und dass Menschen, die gegen diese Impfung sind, Grundrechte abgesprochen werden. Es gipfelte für mich in den letzten Tagen in einem Bild, auf dem ein Stern zu sehen ist, der ganz offensichtlich dem Judenstern nachempfunden ist, in welchem statt “Jude” aber “Impfung” zu lesen ist.

Ernsthaft? Ist man sich tatsächlich nicht zu blöde, so eine unendlich antisemitische Relativierung aus Angst vor einer nicht einmal existenten Impfung zu bemühen? Ganz ehrlich: Es wird viel gejammert in diesen Tagen und mit Blick auf entgangene Einnahmen, zerstörte Karrieren und verlorene Jobs zu recht.

Was ich aber nicht nachvollziehen kann: Wenn gejammert wird, weil man diese vermeintlich nutzlosen Masken tragen muss, Einschränkungen bei Einkäufen hat und mal eine Weile nicht in großen Gruppen saufend im Park sitzen darf. Da wird von Unverhältnismäßigkeit geredet, alles infrage gestellt, was führende Virologen oder Politiker erzählen und immer wieder die Abschaffung der Grundrechte und der Demokratie skandiert.

Man darf alles diskutieren, gerade angesichts widersprüchlicher Regelungen in unterschiedlichen Bundesländern. Man sieht ja schließlich auch bei Politikern in einer ungewohnten Situation eine steile Lernkurve. Aber wieso wird von immer mehr Menschen so getan, als führe die Regierung derzeit einen Kampf gegen das eigene Volk? Abschaffung der Demokratie, weil ihr eure Masken im Supermarkt aufsetzen sollt? Meine Fresse, geht es nicht noch eine Nummer größer?

Vor Wochen dominierte das Thema Hamsterkäufe die Nachrichtenlage in Deutschland. Wir sprachen über fehlendes Klopapier. Jetzt stellt euch vor, dass es nicht das Klopapier ist, welches Mangelware ist, sondern nahezu jedes Lebensmittel! Stellt euch vor, dass ihr nicht wegen einer Pandemie zuhause bleiben müsstet, sondern euch in Kellern verkriecht, weil auf die Häuser gebombt wird! Stellt euch vor, dass ihr nicht eine Maske zum Schutz tragen würdet, sondern einen Stern, der euch als Mensch zweiter Klasse kennzeichnet! Stellt euch vor, dass ihr bei einer nicht-genehmigten Versammlung kein Bußgeld bekommt, sondern eine Kugel in den Kopf!

Wie vernagelt, wie fern der Realität, wie verbittert, wie uninformiert, wie dumm, wie ignorant muss man sein, um all das Leiden, welches am 8. Mai des Jahres 1945 beendet wurde, auch nur im Ansatz mit der derzeitigen Situation vergleichen zu wollen?

Und was geht in den Köpfen von Leuten vor, die unsere Regierung als Volksverräter beschimpft, die Medien als Lügenpresse hinstellen und allen Ernstes von sich selbst behaupten, “das Volk” sein zu wollen?

Stehen wir an einem Wendepunkt?

Dieser 8. Mai 2020 ist ein ganz besonderer, weil wir die Chance haben, ihn inmitten dieser Pandemie zu einem Wendepunkt zu machen. Indem wir die heutigen und die damaligen Ereignisse in das richtige Verhältnis setzen, können wir erkennen, wie viel besser es uns in dieser Lage aktuell geht, als es allen Betroffenen unter den Nazis ging. Und von diesem Punkt ausgehend können wir dann auch deutlicher erkennen, wie gut es uns eigentlich geht, wenn nicht gerade eine Pandemie den Planeten in eine Krise stürzt.

Vielleicht hören dann ein paar Empörte auf, Geflüchtete dazu aufzufordern, doch lieber ihr Land aufzubauen, wenn man sie daran erinnern kann, dass sie ja selbst schon bei einem temporären Toilettenpapier-Engpass Nasenbluten vor Aufregung bekommen und die Demokratie gefährdet sehen.

Ihr seht, ich gebe auch angesichts einer ganz erstaunlichen Deppen-Dichte die Hoffnung nicht auf, dass wir dennoch gestärkt und besser fokussiert aus der Krise hervorgehen können. Selbst, wenn wir uns wirtschaftlich aus einer denkbar unschönen Talsohle freikämpfen müssen, können wir aber doch festhalten, dass heute — 75 Jahre nach dem Tag der Befreiung — unser Land ein friedliebendes und in Frieden lebendes ist, inmitten eines friedlichen Europas. Europa war auch ein wichtiger Stützpfeiler der Rede, die unser aktueller Bundespräsident Steinmeier aus dem heutigen Anlass hielt. Deshalb möchte ich auch an diesem besonderen Tag mit einem Zitat seiner Rede enden und mit der Erkenntnis, dass wir damals befreit wurden — und uns heute immer wieder selbst befreien müssen, um uns diesen Frieden zu bewahren.

“Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.” Ich glaube: Wir müssen Richard von Weizsäckers berühmten Satz heute neu und anders lesen. Damals war dieser Satz ein Meilenstein im Ringen mit unserer Vergangenheit. Heute aber muss er sich auch an unsere Zukunft richten. “Befreiung” ist nämlich niemals abgeschlossen, und sie ist nichts, was wir nur passiv erfahren, sondern sie fordert uns aktiv, jeden Tag aufs Neue. Damals wurden wir befreit. Heute müssen wir uns selbst befreien! Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident