Strassenverkehr China / Shanghai
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Der Chinese sagt Dir, was Du in Deinem Auto brauchst

von Jan Gleitsmann am 9. Juni 2015

Ich durfte Sascha unlängst auf Einladung von Audi nach Shanghai zur CES Asia 2015 begleiten. Der CES Asia Zusammenfassung von Sascha habe ich nichts hinzuzufügen. Audi hatte aber unter anderem für die mitgereisten Journalisten, so auch für uns, ein kleines Rahmenprogramm zusammengestellt. Unter anderen waren wir bei einem Audi-Händler in Shanghai zu Gast, wo uns die Führungsriege von Audi in China einen Einblick in das Geschäft gewährt hat. Was sich erst locker als Frontalberieselung bei Kaffee und Keksen anschickte, hatte es dann doch aber ganz schön in sich. Fand ich zumindest.

China hat unlängst Deutschland als stärksten Audi-Markt abgelöst. Soll heissen, Audi verkauft mehr Modelle aus dem Kompaktsegment in China als irgendwo anders auf der Welt. Waren es in der Vergangenheit eher die großen Fahrzeuge, die von den wohlhabenden Chinesen gekauft wurden, so zieht mittlerweile die Mittelklasse und vor allem auch das Kompaktsegment stark an. Statt also nur noch A6, A7 und A8 finden immer mehr A3 und Q3 in China Abnehmer. Diese Entwicklung hilft vor allem dem Umsatzergebnis von Audi, nicht aber den Arbeitnehmern in Deutschland bzw. Europa, denn alles was sich gut verkaufen lässt, wird dann auch gleich dort gebaut. So hat man mittlerweile auch die Produktion der A3 und Q3 Familie in China etabliert. Mit dem Nebeneffekt, dass ein in Europa produzierter und nach China importierter A1 nicht wesentlich preiswerter ist als ein in China gebauter A3.

Der durchschnittliche Audi-Käufer in Deutschland ist 53 Jahre alt. In Amerika ist er mit 51 Jahren auch nicht wesentlich jünger. In China hingegen beträgt das Durchschnittsalter der Audi-Kunden gerade mal 36 Jahre. Da macht es dann für Audi selbstredend doppelt Sinn, die Kräfte im chinesischen Forschungs- und Entwicklungszentrum aufzustocken. Natürlich ist es cleverer, innovative und technische Themen mit den jungen Chinesen auszutesten, als in Deutschland eine Kundenklinik zum Thema “Gestensteuerung” im Altersheim abzuhalten.

Wenn das Gros meiner potentiellen Kundschaft in China sitzt und auch noch jung und gierig nach Neuem ist, dann würde ich mich als Autohersteller auch bequemen und die Bedürfnisse dieser Zielgruppe sehr ernst nehmen. Die Zeiten, dass wir aus China vornehmlich Billigraubkopien von wasauchimmer beziehen werden, neigen sich ganz offensichtlich dem Ende. Vielmehr sehen wir wohl einer Zeitrechnung entgegen, in welcher der chinesische Konsument deutlich mehr Mitbestimmung an der Gestaltung des globalen Kosumguts bekommt. In diesem Fall der Gestaltung der Audis.

Ein Kollege raunte mir während der Präsentation zu, dass dies ja nicht so dramatisch wäre, für den europäischen Markt würde man ja eigene Lösungen entwickeln. Ich bin da eher skeptisch. Die Hersteller verfolgen ja eben alle das Prinzip “Weltauto” um die Gewinnmargen bei der Produktion zu maximieren. Europäische Einzellösungen sehe ich da eher weniger, wenn sie denn nicht gesetzlich vorgegeben sind.

Ich finde die Entwicklung übrigens alles andere als erschreckend. Spannend wäre ein weit besseres Attribut. Gerade in Sachen Effizienz ist die chinesische Führung gerade dabei neue Richtlinien zu etablieren. Nicht mehr als 5 Liter soll ein Auto später verbrauchen dürfen. Da muss Audi noch heftig an seiner Flotte schrauben und die Entwicklung der e-trons, wie die Ingolstädter ihre Plug-in Hybrids nennen, vorantreiben. Und das kann uns ja auch nur zu Gute kommen. Sieht man mal von den Avant- als Kombi-Modellen ab, wird Audi noch in diesem Jahr sein Rollout in China so weit vorantreiben, dass sämtliche Modelle aus dem Portfolio auch im Land der Mitte verfügbar sein werden. Inklusive der sportlichen RS-Modelle.

Shanghai soll mittlerweile um die 22 Millionen Einwohner haben. Ein echtes Verkehrschaos konnte ich aber längst noch nicht ausmachen – allenfalls eine für mich sehr gewöhnungsbedürftige Fahrweise der Einheimischen. Die aber sogar gesetzlich begründet ist. Wenn Dich ein Fahrzeug rammt und vor der A-Säule trifft, bist Du Schuld. Trifft Dich der Gegner hinter der A-Säule, ist er Schuld an dem Unfall. Gut, bei uns in Deutschland nennt sich sowas Reißverschlussverfahren, funktioniert aber auch nicht immer und ganz unter uns, die chinesische Lösung hat auch durchaus etwas sportliches. Wer indes in Shanghai sehnsüchtig nach plakativen Fahrradfahrern Ausschau hält, muss eine Menge Geduld mitbringen. Das Klischee ist längst überholt. Der Chinese ist unlängst auf das Mofa umgestiegen – mit der Besonderheit, dass dieses elektrisch angetrieben wird. Auch hier scheinen sie uns Europäern mittlerweile einen Schritt voraus.

2015 Audi R8 e-tron piloted driving

Der Verkehr auf Chinas Strassen wiederum zeigt aber schon ganz deutlich zwei Punkte: In China lassen sich noch ein Menge Autos verkaufen, noch ist Platz vorhanden. Und es empfiehlt sich auch durchaus bei der Weiterentwicklung vom pilotierten Fahren sehr viel im chinesischen Verkehr zu testen. Zumindest fühlte sich die Fahrweise in China noch mal ne Schippe aufregender an, als das, was ich bislang in Paris oder Rom erleben durfte .. besser: musste. Wenn das pilotierte Fahren also in Shanghai funktioniert, sollte es wohl auch auf der restlichen Welt funktionieren. So liest sich dann auch der Mitfahrbericht der Kollegin Janine Ziemann vom Tagesspiegel im chinesischen Bruder Kong Ming des von mir pilotiert gefahrenen Audi A7 Jack deutlich spannender als meine kleine Geschichte hier auf MobileGeeks.

Audi war ja mitunter für die Keynote am Vorabend der CES Asia verantwortlich. Da haben die Ingolstädter dann als “Weltneuheit” den Audi R8 e-tron piloted driving vorgestellt. Was für ein Unfug! habe ich erst gedacht. Dann aber, macht so ein Auto sogar ansatzweise Sinn. Zumindest in China. Denn um aus Shanghai heraus zukommen, braucht man ja mittlerweile ein Weilchen. Da will man doch seine Energie nicht im Stop-n-Go-Verkehr verbrauchen.