Kommentar zu den Ereignissen in Chemnitz
Der Facebook-Algorithmus, Geflüchtete und der rechte Mob

Wenn ihr mich fragt, ist Facebook ziemlich im Eimer. Für Deutschland gilt das teilweise auch - und ich fürchte, es gibt einen Zusammenhang.

Manchmal ist es besonders schwer, die Nachrichten zu ertragen. In diesen Tagen ist es wieder so weit. Die Nation blickt wieder einmal auf Sachsen und wenn das in den letzten Jahren der Fall war, dann war das in den allerseltensten Fällen ein positives Zeichen. Das ist es auch dieses mal leider nicht.

Was war passiert?

Nach einem Stadtfest ist in Chemnitz in der Nacht von Samstag auf Sonntag ein 35-jähriger Mann niedergestochen worden. Der Mann erlag seinen Verletzungen und in der Folge wurden sowohl ein Syrer als auch ein Iraker von der Polizei in Gewahrsam genommen. Sehr schnell berichteten sowohl Rechte als auch viele Medien, dass der Deutsche einer Frau zu Hilfe kommen wollte, die von den dringend Tatverdächtigen sexuell belästigt wurde, woraus dann die für ihn tödliche Attacke resultierte.

Der rechte Mob organisierte sich am Sonntag erstaunlich schnell, initiiert von der als rechtsextremistisch bekannten Chemnitzer Ultra-Gruppierung “Kaotic Chemnitz” und demonstrierte am Sonntag in einer Stärke von 800 bis 1000 Menschen. Am Rande dieser Veranstaltung, bei der auch viele Rechtsextreme anwesend waren, kam es zu Jagdszenen auf vermeintliche Flüchtlinge. Wer “verdächtig” aussah, wurde bei den Ausschreitungen von gewaltbereiten Rechten verfolgt.

Soweit die Faktenlage. Die Polizei war hoffnungslos überfordert, war augenscheinlich nicht auf die Größe der Veranstaltung eingestellt. Wir müssen gerade nach der “Hutbürger”-Geschichte neulich auch darüber reden, dass es innerhalb der Polizei Sachsen immer wieder erstaunliche Nachlässigkeiten gibt, wenn gegen Rechte in dem Bundesland vorgegangen werden soll. Am Sonntag hat man ebenfalls alles laufen lassen, egal ob es fremdenfeindliche Parolen waren oder das Zeigen des Hitlergrußes. In diesem Fall möchte ich die Polizei ein wenig in Schutz nehmen: Wie gesagt konnte man von dieser Art Ausschreitungen nicht ausgehen und war dementsprechend in viel zu geringer Mannschaftsstärke zugegen. Im Rahmen der dann noch vorhandenen Möglichkeiten ging die Polizei dann so vor, dass trotz aller unschönen Ereignisse im Rahmen dieser Proteste der Abend relativ glimpflich verlief.

Wieso einen Tag später bei den mittlerweile zu erwartenden Protesten ebenfalls wieder zu wenig Polizei im Einsatz war, erschließt sich mir wiederum nicht. Das muss auch an anderer Stelle geklärt werden. Mir ist jetzt erst mal wichtig, dass die Polizei die verbreiteten Gerüchte nicht bestätigte. Es war also keine belästigte Frau involviert, als es zu den Messerattacken kam. Vielmehr ist davon die Rede, dass der Auseinandersetzung bereits ein verbaler Schlagabtausch beider Parteien vorausgegangen war.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Niemand hat hier irgendwen zu verletzen oder gar zu töten, aber die Geschichte mit der belästigten Frau, der der verstorbene Mann zu Hilfe eilen wollte, stimmt schlicht nicht. Hierzu zwei Tweets der Polizei Sachsen:

Fakten: Überbewertetes Beiwerk

Was mich zusehends mehr Energie, Nerven und Zuversicht kostet, ist dann das, was nach einer solchen Aktion stattfindet. Das geht schon damit los, dass viel zu viele Medien dumm genug (oder quotengeil genug) sind, unbestätigten Mist zu veröffentlichen, obwohl die Polizei dazu auffordert, genau das nicht zu tun.

Das befeuert dann das, was auf den sozialen Netzwerken stattfindet, wobei das Attribut “sozial” immer mehr einen sehr fiesen Beigeschmack bekommt. Selbst in meinem Bekanntenkreis, in dem es nun wahrlich nicht rechtslastig zugeht, wurden Beiträge wie folgender veröffentlicht:

Der Kollege im Bild ist als Rapper mit — vorsichtig gesagt — rechten Tendenzen längst ein Begriff in der Szene und mehr als einmal auffällig geworden. Skandalös ist dabei meines Erachtens nicht, dass sich ein Schwachkopf hinsetzt und in einem Facebook-Video unbestätigte Gerüchte und Falschaussagen raushaut — das ist ja leider alles andere als eine Seltenheit auf Facebook.

Viel schlimmer finde ich eher, dass dieser Beitrag von der “endlich sagt’s mal einer”-Fraktion fast 80.000 (!) mal geteilt wird. Er geht in seinem Monolog auch noch auf den kürzlich niedergestochenen Arzt ein, bei dem wir längst wissen, dass er eben nicht “vor den Augen seines Kindes” ermordet wurde. Das macht die schreckliche Tat kein bisschen besser, zeigt aber ganz klar, dass hier ganz bewusst drauf verzichtet wird, sich an die Faktenlage zu halten. Fakten — auch für AfD-Politiker gerne mal ein Fremdwort:

Ich hab mich zu diesen Geschichten jetzt schon öfter auf dem Blog geäußert und ihr werdet festgestellt haben, dass ich zusehends ratloser und desillusionierter werde. Einfach aus dem Grund, weil weiterhin die Medien (Bild und Focus vorneweg) freudig als Brandbeschleuniger fungieren und diese einmal angestoßene Welle des Hasses, der Ausländerfeindlichkeit und der bemerkenswerten Empathie-Freiheit einfach dann nicht mehr zu stoppen ist.

Noch schlimmer finde ich aber, dass es nicht nur Medien gibt, die bereitwillig mit dem Feuer spielen, sondern ein viel zu großer Teil des Volkes nicht in der Lage ist, so einen Scheiß einfach mal nicht zu verbreiten und sich stattdessen lieber an die Fakten zu halten. Das enttäuscht mich so unsagbar, weil ich auch immer wieder eigene Freunde unter den Menschen finde, die solche Inhalte teilen und sich stets fassungslos zeigen, dass Geflüchtete sich in Deutschland so benehmen, wie es — aus der Filterblase betrachtet — für diese Leute scheint.

Apropos Filterblase: Ich möchte einmal — wirklich nur ein einziges mal — von so jemandem hören, wann genau er angefangen hat, Nachrichtenmeldungen von Straftaten zu teilen und wie er da seine Auswahl trifft. Es sterben nun wirklich viele Menschen und es gibt noch mehr Übergriffe, Belästigungen, sexuelle Straftaten. Teilt man da alles, was in dieser rechts orientierten Bubble ankommt oder pickt man sich noch einigermaßen bewusst genau diese News raus?

Da steht nun wirklich jeder in der Pflicht, sich zu informieren und auch mal eine Faktenlage abzuchecken. Anscheinend interessiert das viele Leute aber schlicht gar nicht. Fakten sind immer genau dann spannend, wenn sie die eigene Sicht auf die Dinge bestätigen und so gibt es genau zwei Arten von Nachrichten, die diese vermeintlichen Patrioten ihrer Meinung nach zu sehen bekommen:

  • Nachrichten, in denen geflüchtete Menschen Straftaten verüben
  • Fake-News

Mehr gibt es in dieser Welt wohl nicht zu sehen und ich staune immer, wie ich hier in Dortmund — also einer Stadt mit hohem Ausländer- und Migranten-Anteil — tagtäglich herumspazieren kann, ohne über marodierende, plündernde und vergewaltigende Horden zu stolpern, die unserem Abendland und deutschen Frauen an die Wäsche wollen.

Ganz klar mitschuldig: Facebook

Je mehr ich drüber nachdenke, desto mehr wird mir auch klar, dass ein großer Teil der Schuld auf das Konto von Facebook geht. Immer noch werden viel zu viele Hass-Postings nicht gelöscht, aber das ist noch längst nicht das größte Übel. Noch schlimmer ist es, dass Facebook nicht in der Lage ist, die vielen Falschmeldungen auszusortieren und das allergrößte Problem ist der Algorithmus, der darüber entscheidet, was wir im News Feed zu sehen bekommen.

Ich hab beispielsweise über 2.300 Facebook-Freunde und Facebook entscheidet, was davon ich zu sehen bekomme. Die Mechanismen kennt ihr ja selbst: Die Leute, mit denen ich mehr interagiere, bekomme ich auch verstärkt angezeigt, manch anderer fällt dadurch komplett durchs Raster. Ich möchte  also ganz sicher keine rechten Hetzer (oder egal von welcher Seite) in Schutz nehmen, aber indem Facebook diesen Filterblasen-Effekt fördert, verstärkt sich diese eingeschränkte Sicht von Tag zu Tag mehr.

Wer ein bisschen was in der Birne hat, weiß das natürlich und ist pfiffig genug, verschiedene Quellen zu checken, bevor man eine Falschmeldung auf die Reise schickt. Leider sind es aber viel zu viele Menschen, die entweder tatsächlich schlicht ausländerfeindlich sind, oder die diese Mechanismen nicht begreifen. Für die ist Facebook oft gleichbedeutend mit “dem Internet” und wenn die eben fünf mal am Tag lesen, was Flüchtlinge anstellen und nie lesen, was Rechte anstellen, dann bekommen die halt ein schräges Bild von Deutschland.

Es sind also nicht alles Nazis, die merkwürdige News und Meinungen teilen, sondern leider auch viel zu oft Leute, die die sozialen Medien und die Filterblasen-Nummer nicht ganz begriffen haben. “Leider” sage ich deswegen, weil sich aus diesem Lager eben auch die AfD-Wähler rekrutieren. Menschen, die nicht grundsätzlich Rechtsradikale sind, ein Abdriften an den rechten Rand aber mehr und mehr als das kleinere Übel erachten.

Zum Ende möchte ich den geschätzten Don Dahlmann zitieren, der sich gestern genau zu diesem Thema geäußert hat und es meines Erachtens treffend auf den Punkt bringt:

Die Probleme, die Algorithmen wie jene von Facebook schaffen, sind in einem nicht zu unterschätzenden Maße mit schuldig daran, dass große Teile der Bevölkerung so aufgehetzt sind. Mal abgesehen davon, dass die Medienkompetenz von vielen Menschen offenbar auf einem bedauernswerten Niveau angekommen ist. Filterblasen, wie die durch den FB-Algorithmus erzeugtem, sorgen aber auch dafür, dass Menschen “Lügenpresse” schreien, weil der Algorithmus nur noch eine für das eigene Meinungskonstrukt passende Realität bereitstellt. Je mehr falsche “Da hat ein Ausländer dies und das gemacht” Meldungen jemand liked, desto mehr bekommt er davon in seine Timeline gespült. Siehe auch Impfgegner, Verschwörungstheoretiker usw. Don Dahlmann

Was muss Facebook also tun? Na mindestens mal seinen komplett unbrauchbaren Algorithmus für den News Feed in den Griff bekommen. Was müssen wir tun? Fakten checken! Leute drauf hinweisen, dass sie die Fakten checken sollen. Drauf hinweisen, welche Seiten Falschnachrichten verbreiten, welche Seiten durch Hetze auffallen und vielleicht Nachrichten-Quellen nennen, mit denen man sich umfassend informieren kann.

Es kann nicht sein, dass so viele Leute nicht in der Lage sind, mal die offiziellen Tweets der zuständigen Polizei oder deren Berichte zu checken und jegliche Medienkompetenz vermissen lassen. Das müssen wir aber alle zusammen hinbekommen — diejenigen, die sich darin fit fühlen, müssen den anderen auf die Sprünge helfen. Klar, viele werden sich gar nicht helfen lassen wollen, aber wenn es Menschen sind, die ihr grundsätzlich schätzt, dann lohnt sich die Mühe, davon bin ich überzeugt.

Ach, und eins noch zum Schluss: Viel zu oft wird bei der Chemnitz-Geschichte davon erzählt, dass über die Rechten groß berichtet wird und Täter zu Opfern gemacht würden. Schließlich habe es ja einen Mord an einen Deutschen gegeben. Jau, stimmt, dass die Hetzjagden von Deutschen auf vermeintliche Flüchtlinge prominenter in den Medien auftauchen. Das hat aber damit zu tun, dass sich die Polizei um diesen Mord zu kümmern hat und wir glücklicherweise keine Nation sind, in der Selbstjustiz ein legitimes oder gar legitimiertes Mittel ist.

Es wird leider oft so getan, als wolle man unter den Tisch kehren, was an Straftaten anfällt, die von Geflüchteten oder generell Menschen mit Migrationshintergrund verübt werden. Darum geht es aber nicht, nicht mal ein bisschen. Wenn hier ein Problem mit geflüchteten Straftätern festgestellt wird — und wir haben oft genug tatsächlich Probleme, die angesprochen werden müssen — dann müssen Politik, Gerichte und Polizei dafür sorgen, dass sie abgestellt werden. Man muss sich um Integration kümmern, muss denen aufzeigen, wie man sich in der Gesellschaft zu benehmen hat und wie nicht. Aber wir haben sie nicht eigenmächtig durch die Straßen zu jagen, schon gar nicht, wenn es sich nicht mal um Verdächtige handelt, sondern einfach nur Menschen, die man aufgrund ihres Aussehens als potenziell gefährlich einstuft. Dass sich die jagenden Nazis dafür ausgerechnet für einen dunkelhäutigen Mann (ein Elternteil ist kubanischer Herkunft) in die Schlacht werfen, ist dabei nur eine grausame Pointe einer besonders unschönen Geschichte.