Kommentar
Der Fall Chico: Von Tierfreunden und Menschenfeinden

Ein Kampfhund beißt zwei Menschen tot und wird eingeschläfert. Vorher kämpften Menschen per Petition für das Tier und einige hielten sogar Mahnwache. Was läuft hier verkehrt? Ein Kommentar!

Das Internet ist nicht nur Spielwiese, Sündenpfuhl und mein Arbeitsplatz, sondern auch der Ort, bei dem ich immer öfter das Gefühl habe, als würde ich ein riesiges, soziales Experiment beobachten. Immer öfter sitzt man fassungslos vorm Rechner und kann nicht glauben, was den Leuten jetzt schon wieder einfällt.

Unabhängig von konkreten Beispielen sei euch da das Studieren der einschlägigen Kommentarspalten auf Facebook empfohlen. Egal, ob es Politik- oder News-Seiten sind: In den Kommentaren tun sich stets Abgründe auf. Diese Beobachtung ist sicher nicht neu, dran gewöhnen kann ich sie dennoch nicht.

Heute will ich aber ein ganz konkretes Beispiel ansprechen, weil es mittlerweile seit mehr als zwei Wochen durch die Medien geistert und ich das Gefühl habe, dass es von Tag zu Tag irrer wird. Da ihr die Headline gelesen habt, wisst ihr auch, welchen Fall ich meine: Den des eingeschläferten Stafford-Terrier-Mischlings Chico.

Falls ihr euch fragt, wieso hier jetzt schon auf dem Tech-Blog über Hunde diskutiert wird — nehmt es einfach als weiteres Puzzle-Teil dieses medialen Irrsinns. Die Story selbst dürftet ihr ja sicher auch mitbekommen haben: Ein 27-jähriger Hundehalter und seine 52-jährige, an einen Rollstuhl gefesselte Mutter werden von dem Kampfhund tot gebissen.

Später wird herauskommen, dass die Behörden hier mächtig geschlampt haben. Bereits vor sieben Jahren gab es Gutachten, die zweierlei bescheinigten:

  • Der Hund zeigt eine gesteigerte Aggressivität
  • Der 27-Jährige ist als Hundehalter ungeeignet

Als Folge aus diesen Beurteilungen soll der Mann mit seinem Hund vorstellig werden für eine finale Einschätzung, er taucht aber bei dem Termin nicht auf. Die Konsequenz daraus: Das Tier soll abgeholt werden — und das passiert aus unerfindlichen Gründen einfach nicht. Nach diesen Geschehnissen von 2011 wird eine Inspektorin des Tierschutzvereins Hannover sowohl 2014 als auch 2016 der Familie einen Besuch abstatten, nachdem sich Nachbarn über das Bellen und die Art der Haltung beschwert haben.

Auch diese Besuche bleiben ohne Konsequenz und so konnte es Anfang April dann zu der blutigen Katastrophe kommen. Es wird beschlossen, dass der Hund eingeschläfert wird und grundsätzlich könnte die Story jetzt beendet sein. Ist sie aber selbstverständlich nicht, wie wir alle wissen.

Als erstes wird eine Petition ins Leben gerufen. Um die 300.000 Menschen unterzeichnen hier und wollen für das Überleben des Hundes kämpfen. Facebook-Gruppen sprießen wie Pilze aus dem Boden, beim Aufstand in den sozialen Medien bleibt es aber nicht: Es wird versucht, sich nachts illegal Zutritt zum Tierheim zu verschaffen, um das Tier zu befreien, den für diesen Fall zuständigen Menschen flattern mittlerweile erste Morddrohungen ins Haus.

Letzten Endes wird der Hund doch eingeschläfert, nachdem schwere Kieferverletzungen festgestellt wurden. In Summe mit der Tatsache, dass man dieses aggressive Tier aufgrund seines Verhaltens nicht einfach einem neuen Halter zusprechen kann, entschließt man sich zu diesem Schritt.

Der bislang letzte Akt dieser kruden Story: Es wird tatsächlich eine Mahnwache für Chico abgehalten. Immerhin 80 Menschen kommen in Hannover zusammen, legen eine Schweigeminute ein, halten Chico-Bilder hoch und legen Blumen und Stofftiere nieder.

Für uns ist Chico unser Held, unser Freiheitskämpfer, unser Chico Guevara.

Ja, in der Tat wird der Hund als “Freiheitskämpfer” und als “Chico Guevara” bezeichnet. Und spätestens da ist ein Punkt erreicht, an dem ich mir diese Leute schnappen und schütteln will, um sie zu fragen, ob sie überhaupt noch merken, was sie da machen.

Tierfreund=Menschenfeind?

Immer häufiger stolpere ich im Netz über dieses Phänomen: Gerade unter Menschen, die man eher in AfD-Nähe verortet, findet man immer öfter diese Kombination aus Tierliebe bei gleichzeitiger Abscheu gegen Menschen. Tierschutz-Postings wechseln sich auf deren Facebook-Profilen ab mit hämisch kommentierten Meldungen angesichts im Mittelmeer ertrunkener Flüchtlinge und erstaunlich oft sind die einzigen Bilder, die man auf den Profilen zu sehen bekommt (neben einer deutschen Flagge), Bilder des vierpfötigen Familienmitglieds.

Versteht mich bitte nicht falsch: Ich will sicher keinen Tierschützern pauschal ans Bein pinkeln oder kritisieren, dass man sich für Tiere einsetzt — und erst recht will ich keine tierlieben Menschen in eine rechte Ecke schubsen. Ich begreife lediglich nicht, wie solche Menschen wie die oben beschriebenen bei Tieren diese Empathie einfordern, die sie gegenüber anderen Menschen so oft vermissen lassen.

Und noch einen zweiten Punkt bitte ich zu berücksichtigen: Ich denke auch, dass die Behörden im Fall Chico übelst geschlampt haben und es wird aufgedeckt werden müssen, was da aus welchem Grund so schief gelaufen ist. Aber es kann nicht richtig zu sein, Leuten Morddrohungen zu schicken und für alle Beteiligten die Todesstrafe zu fordern.

Ius respicit aequitatem – gleiches Recht für alleAn alle paranoiden und gesetzestreuen Blockwarts und Konsorten, die…

Gepostet von Animal-Peace am Dienstag, 17. April 2018

Ich hab mich hier auf dem Blog ja schon öfter mal über Trauer in sozialen Medien geäußert (beispielsweise hier oder hier). Wenn ich dann einfordere, dass man jeden so trauern lassen sollte, wie er mag, dann muss ich vermutlich wohl auch damit leben, wenn sich viele Leute auf Facebook finden, die um einen getöteten Kampfhund trauern. Ich muss es nicht verstehen, ich finde Chico-Profilbilder und Kerzen übertrieben, aber wer es mag, soll es halt eben machen.

Aber auf diese Gewaltandrohungen komme ich nicht klar und ganz ehrlich verstehe ich auch diese Solidarität mit einem nachweislich aggressiven Tier nicht. Chico ist nicht Schuld daran, dass er so geworden ist. Seine Halter werden zu einem guten Stück dazu beigetragen haben, dass dieses Drama passieren konnte. Dennoch begreife ich “geschieht denen ganz recht”-Postings nicht.

Ich verstehe auch nicht, wie man einfordern kann, dass “jeder eine zweite Chance verdient hat”, wenn man nicht gewillt ist, diese zweite Chance auch Menschen zu gewähren. Da sind wir wieder bei dieser Diskrepanz, dass sich ganz viele Leute in den sozialen Medien als Menschenhasser präsentieren und gleichzeitig aber auch für Tiere einstehen.

Jeder, der sich damit angesprochen fühlt und der gleichzeitig Tierschützer und Flüchtlings-Hasser ist, kann sich selbst ja mal die Frage beantworten: Wäre der Terrorist nicht auch jemand, der nach dem Ermorden einiger Menschen eine zweite Chance verdient hätte, wenn man diesem Menschen bescheinigen könnte, dass er durch den Krieg, vielleicht auch durch Einsperren und durch falsche Erziehung zu der Person geworden ist?

Und dann ist da noch eine Sache, die mir übel aufstößt in dieser Sache: Es wird immer so getan, als wäre Chico verurteilt und mit einer Strafe belegt worden. Schuld und Strafe sind aber nicht die Kategorien, in denen bei Tieren gedacht wird. Niemand schläfert einen Hund ein, weil er Schuld an einer Tat hat, sondern weil er auch in der Folge als gefährlich eingestuft wird und so weitere Unglücke verhindert werden sollen.

Zusätzlich zu diesen ganzen merkwürdigen Vorwürfen und dieser ungewöhnlichen Sympathiewelle für einen aggressiven Kampfhund haben wir es dann natürlich auch noch mit den fast schon üblichen Verschwörungstheorien zu tun. “Die da oben” wollen was vertuschen, denn in Wirklichkeit — so glauben einige — wäre man nicht davon überzeugt, dass der Hund tatsächlich in die Tat involviert wäre. Geht es noch, Leute? Was lässt euch glauben, dass man einem viele Jahre von den Behörden ignorierten Kampfhund einen Doppelmord in die Schuhe schieben will? Aber ja, vermutlich musste man die 52-jährige Rollstuhlfahrerin und ihren Sohn unbedingt aus dem Weg räumen und hat sich dann die perfide Idee mit dem Hund einfallen lassen, ich versteh’ schon!

Abschließend noch so viel: In Deutschland wird viel für den Tierschutz getan und das ist klasse. Ich selbst spende auch für Tiere und auch, wenn ich (noch) nicht davon los komme, selbst Fleisch zu konsumieren, versuche ich es mittlerweile einzudämmen. Generell ist festzustellen, dass sich immer mehr Menschen vegan oder zumindest vegetarisch ernähren und neben der eigenen Gesundheit und der Nachhaltigkeit auch das Tierwohl eine deutlich größere Rolle spielt als noch vor Jahren.

Dennoch ist das noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Soll heißen, es sterben immer noch jährlich Millionen Tiere allein in Deutschland, es gibt immer noch die Massentierhaltung und es gibt immer noch unzählige Tiere in den Tierheimen deutscher Städte, die sich ein neues Zuhause wünschen. Wäre also schön, wenn wir damit aufhören, Kampfhunde zu Märtyrern, Freiheitskämpfern oder sonst was zu erklären und Mahnwachen abzuhalten und stattdessen andere Wege finden, Tieren die notwendige Hilfe zukommen zu lassen. Und persönlich würde mich interessieren, wie viele von den Mahnwachen-Menschen zuhause beim Abendessen dann zu einem leckeren Kotelett greifen. Aber dieses “zweierlei Maß”-Fass mag ich jetzt nicht auch noch aufmachen.

Lest zum Thema auch: Mahnwache für Chico: Geht’s noch? und Bei der “Mahnwache” für den Hund, der zwei Menschen getötet hat