Kommentar
Der Fall Relotius: Die Populisten feiern, der Rest ist erschüttert

Ein preisgekrönter Journalist hat für den Spiegel wahre Meisterwerke abgeliefert. Der Haken: Vieles war schlicht ausgedacht. Damit tritt er seinen Kollegen, den Lesern und einer ganzen Industrie übel in den Hintern.
von Carsten Drees am 20. Dezember 2018

Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, antworte ich unterschiedlich: Mal sage ich, dass ich Redakteur bin oder Blogger, mal erzähle ich nebulös, dass ich Sachen ins Internet schreibe und manchmal nenne ich mich selbst sogar Geschichten-Erzähler. Letzteres meine ich dann auch tatsächlich so, weil es mir Spaß macht, mich in eine Story reinzulesen, mir Fakten, verschiedene Positionen und Quellen zusammenzusuchen und all das für Mobile Geeks zu einer schlüssigen Geschichte zusammenzurühren.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: “Geschichte” meint hier natürlich keine Fiktion, sondern Stories wie die vom BatKid, das San Francisco rettete, der Dancing Man oder die creepy “Dear David”-Story. In solchen Artikeln kann man mal etwas anders schreiben, muss eben nicht nur technische Daten runterbeten, was meinen Arbeitsalltag natürlich abwechslungsreicher gestaltet.

Wieso erzähle ich euch das? Weil die Nation gerade — völlig berechtigt — in Aufruhr versetzt wurde durch einen Journalisten des Spiegel, der eben auch so ein Geschichten-Erzähler ist, allerdings auf einem ganz anderen Niveau, als es mir möglich wäre. Die Rede ist von Claas Relotius, der so unglaublich gut schreibt und mit seinen Reportagen so punktgenau unseren Nerv trifft, dass sich kein Mensch darüber wundert, dass er mit Preisen für seine Arbeit förmlich überschüttet wurde.

Der klitzekleine Haken an der ganzen Nummer: Wie wir jetzt wissen, hat er sich vieles, was in diesen Texten geschrieben steht, einfach aus den fraglos talentierten Fingern gesaugt. Ganze Erzählstränge, Protagonisten, Zitate und vieles mehr — einfach ausgedacht. Relotius hat für viele hochrangige Blätter geschrieben, in den letzten Jahren für den Spiegel über 50 dicke Stories veröffentlicht und genau dort wurde er jetzt auch entlarvt.

Wie so oft, wenn man sich in seine Betrügereien hineinsteigert, wurde auch Relotius leichtsinnig und erfand auch für seine letzte Story diverse Details, obwohl er dieses Mal mit einem Co-Autor — Juan Moreno — zusammenarbeitete. Diesem erschienen einige Dinge sehr merkwürdig, so dass er selbst recherchierte, über diverse nicht passende Informationen stolperte und den Stein somit ins Rollen brachte.

Ich möchte das jetzt nicht im Detail alles nochmal aufarbeiten — das hat der Spiegel nämlich in nahezu vorbildlicher Manier selbst übernommen. Egal, was ihr sagt: Ich habe da einen Heidenrespekt vor, dass der Spiegel diese eigene Blamage so aufwendig aufgearbeitet und veröffentlicht hat. Wenn ihr euch ins Thema noch einlesen möchtet, sei euch dieser Text empfohlen, es sind dort aber auch noch weitere Beiträge zum Fall Relotius verlinkt.

Der Untergang des journalistischen Abendlandes?

Ich möchte also nicht den ganzen Fall nochmal Revue passieren lassen, eigentlich möchte ich auch gar nicht vorwurfsvoll hinterfragen, wie der Journalist durch so viele Kontrollinstanzen kommen konnte mit seinen Märchen. Ich kann mir nämlich vorstellen, dass Du an irgendeinem Punkt gar nicht die Möglichkeit hast, jeden Satz auf Fakten zu überprüfen. Wenn in dem Text steht, dass das Mädchen in Aleppos Straßen herummarschierte und dabei ein Lied gesungen hat, wirst Du das niemals verifizieren können. Zudem war Claas Relotius — bis jetzt halt — eine wahre Journalismus-Lichtgestalt, bei der man aufgrund wirklich toller Arbeiten niemand auf den Gedanken gekommen wäre, dass wir es hier mit Fakes zu tun haben.

Der Vollständigkeit halber will ich noch dazu sagen, dass er mittlerweile selbst eingeräumt hat, in einigen Geschichten gelogen zu haben, aber eben lange nicht in allen. Vermutlich ist er also tatsächlich der brillante Journalist, für den er jahrelang gehalten wurde — nur eben einer mit einem Hang dazu, es hin und wieder mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Klar, dass auch eine Handvoll Lügen-Geschichten auf seine komplette Arbeit abstrahlen und jetzt jeder Satz, jedes Detail, jedes Zitat hinterfragt wird.

Und genau das ist der Punkt, auf den ich hinaus will: Er hat nicht nur seine eigene Karriere ruiniert. Wir können an diesem Punkt nicht einfach dem Spiegel sowohl tröstend als auch respektvoll auf die Schulter klopfen und sagen: “Schöne Scheiße, die euch da passiert ist, aber Hut ab, wie ihr damit umgeht” oder ähnliches. Die “Mund abwischen, weitermachen”-Nummer funktioniert in diesem Fall nämlich nicht.

Warum nicht? Weil wir in Zeiten leben, in denen ein US-Präsident mit seinen Lügen-Geschichten durchkommt, während jede noch so wahre Story angezweifelt wird, egal wie plausibel und wie Fakten-unterfüttert sie daherkommt. Populisten machen uns das Leben schwer, genau so, wie sie es sich selbst furchtbar einfach machen. Sie präsentieren die ganz einfachen Lösungen, die selbstverständlich nur in der Fantasie funktionieren. Alles, was andere sagen und machen, stellt man kritisch auf den Prüfstand und nimmt es dabei mit den Fakten generell auch nicht so ganz genau.

Wenn also die Weltpresse sich bei einem Thema unisono zu Wort meldet und es nicht ins Weltbild dieser Populisten passt, werden einfach mal wieder die “Systemmedien” angezweifelt. Der kleine Mann soll in Sicherheit gewogen werden usw — ihr kennt ja diese Sprüche. Was das mit Relotius zu tun hat? Er hat all diesen Lautsprechern und Fakten-Verweigerern jetzt die Büchse der Pandora geöffnet.

Egal, was der Spiegel künftig berichtet, das Hamburger Blatt wird sich jedes Mal wieder aufs Neue mit Vorwürfen auseinandersetzen müssen, dass diese Geschichte doch bestimmt auch wieder nur gelogen ist. Rechnet damit, dass der Fall Relotius wieder und wieder in den Kommentarspalten unter Spiegel-Texten auf Facebook bemüht wird. Und das wird natürlich nicht nur auf den Spiegel begrenzt der Fall sein, sondern auch alle anderen Magazine und Zeitungen treffen.

“Endlich” hat man den Beweis für das, was man ja die ganze Zeit schon geahnt hatte: Die spielen uns was vor, schönen die Geschichten oder erfinden sie gar komplett. Schon jetzt kommt man gegen solche Menschen weder argumentativ noch mit verifizierten Quellen an, künftig dürfte das nochmal deutlich schwieriger werden.

Daran ändert sich auch nichts, wenn wir davon ausgehen, dass der Mann tatsächlich nur ein schwarzes Schaf unter sehr vielen tatsächlich richtig gut arbeitenden, ehrlichen Kollegen ist und der Spiegel den Fall vorbildlich aufgedeckt hat. Das ist so viel Wasser auf die Mühlen von AfD und Co, dass die Flügel mehr an einen Ventilator als an eine Mühle erinnern dürften.

Irgendwo habe ich vorhin gelesen, dass wir doch ein wenig Vertrauen haben sollten in uns selbst. Dass wir weder über weitere solcher Fälle stolpern werden, noch argumentativ tatsächlich ins Hintertreffen geraten werden. Dass die Branche das Talent hat, sich aus sich selbst heraus zu erneuern und zu reinigen, so dass die Populisten gar keine neuen Möglichkeiten finden, an denen sie ansetzen können.

Vielleicht stimmt das sogar und ehrlich gesagt ist es bei denen ja auch tatsächlich egal, ob eine Geschichte stimmt oder nicht — im eigenen Kosmos gilt ja sowieso nur die eigene Wahrheit. Dennoch ist es Futter für genau dieses Klientel und jeder von uns, der in Diskussionen versucht, mit Argumenten gegen Hetzer, Klimawandel-Abstreiter oder Holocaust-Leugner vorzugehen, wird feststellen müssen, dass der Fall Relotius uns allen das Leben schwerer macht.

Auch künftig wird man nie wirklich davor gefeit sein, dass eine Kontrollinstanz einer Redaktion tatsächlich jede Lüge, jedes falsche Zitat und jede erfundene Ortsangabe entlarven kann. Das gab es nie und das wird es auch nie geben — leider. Aber vermutlich wird man jetzt genauer hinschauen und es zumindest vermeintlichen Nachahmern schwieriger machen, mit so massiven Betrügereien durchzukommen.

Es ist dennoch eine traurige Geschichte. Das war mir gestern klar, als ich die ersten Artikel zum Thema gelesen habe, aber das wird mir erst heute so richtig bewusst, nachdem ich feststellen musste, wie damit jetzt schon in den sozialen Medien umgegangen wird. Jeder Schreiberling — egal, ob beim Spiegel, beim Stern, bei der Süddeutschen oder auch ein kleiner Blogger wie ich — wird jetzt erst mal darunter leiden müssen, dass ein ja tatsächlich äußerst begabter Journalist in Hamburg verbrannte Erde hinterlassen hat.