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Don Dahlmann

Der gläserne Pilot – Wie Versicherungen Autofahrer überwachen

Autos sammeln Daten und zwar nicht zu knapp. Und dieser Datenschatz will gehoben werden. Die ersten, die schon damit Geschäfte machen, sind Versicherungen.

von Don Dahlmann am 8. April 2015

Ein leises „Ping“ kündigt eine neue Mail an.

Von: Ihre Autoversicherung

An: Don Dahlmann

Betreff: Erhöhung ihrer Beiträge

Sehr geehrter Herr Dahlmann,

nach Durchsicht der aus Ihrem Fahrzeug erhobenen Daten mussten wir einen Verstoß gegen §14.3 der AGB der Versicherungsbestimmungen feststellen. Es ergaben sich mehrfach Verstösse gegen die STVO, darunter waren:

Sieben Verstösse gegen vor Ort geltende Geschwindigkeitsbeschränkungen, darunter fünf in „Zone 30“ Begrenzungen

Ein Verstoss gegen eine temporäre Geschwindigkeitsbegrenzung innerhalb einer Baustelle auf der A4

Ein Verstoss gegen die von Ihnen gemachte Angabe „Fahrzeug parkt in einer Garage“.

Ein Verstoss wegen erhöhter Kurvengeschwindigkeit.

Weitere Verstösse finden Sie im beigefügten pdf.

Daraus ergibt sich eine Erhöhung ihrer Beiträge um 12.34 Euro auf 134,90 Euro/Monat. Ihr Schadensfreiheitrabatt ist davon nicht betroffen.

Sie können gegen diese Erhöhung schriftlich Widerspruch einlegen.

Bitte beachten Sie, dass wir bei weiteren Verstössen gegen die Versicherungsbedingungen sofort eine unbefristete Kündigung aussprechen können die weitere Kosten nach sich zieht.

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Autoversicherung

Kling bescheuert? Oder sehr weit hergeholt? Ist es nicht. Unter dem hübschen und sehr deutschen Begriff “Telematik-Tarife“ bieten mittlerweile einige Versicherungen Tarife an, deren Preis sich auch danach richtet, wie vorbildlich der Fahrer an die Strassenverkehrsordnung hält. Neben „Generali“ bieten AIG oder auch die Sparkasse einen solchen Tarif an. Die Daten werden dabei von einer „BlackBox“ gesammelt und mittels eines SIM-Moduls auf die Server der Versicherer übertragen. Eine weitere Variante ist es, dass man eine App mit der Blackbox per Bluetooth verbindet.

Der Scorewert und die Daten

Die Daten landen somit zunächst erst bei einem Mobilfunkprovider, der der Mittler zwischen der Fahrer und seiner Versicherung ist. Die Daten sollen vom Provider anonymisiert gespeichert und ausgelesen werden. Der Mittler ermittelt, nach Vorgaben der Versicherung, einen Scorewert und übermittelt diesen samt einer für den Mittler anonymen Identifikationsnummer an der Versicherer. Der kann dann mittels der Nummer erkennen, wer der Versicherungsnehmer ist. Obiges, natürlich ausgedachtes, Beispiel sollte also nicht vorkommen, aber es gibt Unterschiede, wie die Daten und in welcher Menge übermittelt werden. Es steht jeder Versicherung frei die AGB so anzulegen, dass sie auch kompletten Zugriff darauf haben. Ob das dann durch das Datenschutzgesetz abgedeckt ist, werden Gerichte entscheiden müssen.

Die Versicherungsunternehmen preisen die neuen Tarife an. Natürlich über die Möglichkeit, ein bisschen Geld zu sparen. Wie viel Rabatt ein Anbieter gibt, wenn man sich sklavisch an alle Regeln hält, ist auch unterschiedlich. In den USA und UK, wo es derartige Angebote schon länger gibt, sind es bis zu 30%, in Deutschland, bisher, maximal 5%. Viel spart man also nicht, wenn man seine Daten freigibt.

Ein anderes, durchaus interessantes Modell, ist die „Pay as you drive“ Variante. Im Moment ist so, dass Vielfahrer und Wenigfahrer gleich behandelt werden. Man zahlt ungefähr (je nach Wohnort und Rabatt) eine ähnliche Summe in die Versicherungskasse. Das „Pay as you drive“ Konzept sieht vor, dass man nur nach gefahrenen Kilometern bezahlt, was für Fahrer, die selten unterwegs sind, eine echte Ersparnis bringen kann. Allerdings richtet sich der Preis auch danach, wo man unterwegs ist. In Städten passieren mehr Unfälle als auf einsamen Landstrassen und danach richtet sich dann auch der Preis. Praktisch, oder?

Deine Daten gehören uns. Alle.

Elke Weidenbach, Versicherungsexpertin bei der Verbraucherzentrale NRW, meint dazu nur lakonisch “Jeder Verbraucher sollte bedenken, dass er damit absolut unter Kontrolle ist.“. Und zwar auf unbestimmte Zeit. Denn es gibt noch keine gesetzliche Regelung, wie lange die Versicherungsunternehmen die Daten speichern dürfen. Sijox, ein Ableger von Signal Iduna, preist zum Beispiel die eigene App zur Überwachung auf einer Webseite sehr hübsch an, vermeidet aber jegliche Angabe darüber, wie lange die Daten gesichert werden. Und wer denn da alles mitliest. Ist die Überwachung mittels einer eigenen BlackBox schon eher schwierig, wird die Datenschutzlage bei einer App geradezu katastrophal. Das die Daten per Bluetooth im Auto übertragen werden, ist auch so eine Sache. Ich kann als Kunde nur beten, dass die Daten verschlüsselt gesendet werden.

sijoxUnd was so alles ausgelesen wird. Das Beispiel „Sijox“ zeigt, was da geht. Da wird die „Bremskraft“ ebenso gemessen, wie die Kurvengeschwindigkeit oder die Beschleunigung. Kavalierstart an der Ampel? Das kostet Punkte. Und wie genau die Versicherung eigentlich wissen kann, wann genau eine Kurvengeschwindigkeit zu hoch ist, und wann nicht, ist auch interessant. Das geht eigentlich nur mittels metergenauen GPS-Tracking, was die „Sijox“ App angeblich nicht macht. Bestraft wird man offenbar auch, wenn man zu oft zu stark bremst. Was ein Witz ist.

Normalerweise würde man davon ausgehen, dass derartige Angebote für die meisten Kunden uninteressant sind. Aber dem ist nicht so. Eine Studie von hnw consulting aus dem Jahr 2013 weist immer 46% interessierte Autofahrer nach. Andere Studien, allerdings von der Versicherungswirtschaft, sehen ein Interesse an einem Telematik Tarif bei zu 70% aller Autofahrer.

Neben dem Problem mit dem Datenschutz, der Vollüberwachung und der Datensicherheit (Server, Bluetooth usw.) verursachen diese Tarife aber noch weiteres, ebenfalls größeres Problem. Sie heben den Solidaritäts Gedanken der Versicherungen komplett auf. Die Tarife sind ja auch deswegen günstig, weil man im Schadensfall für jemand anderen quasi mitbezahlt. Passiert mir etwas, springen die anderen Versicherungskunden ein. Der Anbieter achtet darauf, dass es zu keinem Betrug usw. kommt.

„Pay as you drive“ oder Telematik-Tarife heben das Solidaritätsprinzip und die Unschuldsvermutung auf. Die Konsequenz ist, dass der Versicherer irgendwann darauf bestehen kann, dass ich eine Black Box in mein Auto einbaue, weil nur so nachgewiesen kann, dass ich der Solidargemeinschaft keinen Schaden zufüge. Wer da nicht teilnehmen möchte, sucht sich entweder eine neue Versicherung, oder zahlt eben drastisch mehr, als in anderen Tarifen. Ob meine Weigerung etwas damit zu tun hat, dass ich einfach keine Daten übermitteln möchte, spielt dabei keine Rolle. Der Verdacht ist, dass ich zu schnell fahre und in den Augen der Versicherung unverantwortlich handele.

Telematik Tarife müssen verboten werden

Lassen sich diese Telematik Angebot noch verbieten? Der Gesetzgeber sieht da bisher nichts vor, es ist in allem Belangen Neuland, was man da betritt. Wenn man aber gleichzeitig sieht, dass es mittlerweile schon Krankenversicherungen gibt, die auf Grund von übermittelten Fitness-Daten die Tarife bestimmen, kann man sich vorstellen, was in Zukunft passiert. Habe ich meine Auto- und Krankenversicherung bei einem Unternehmen, kann meine Fahrweise auch Einfluss auf meine Tarife in der Krankenkasse haben. Vielleicht fahre ich ja zu schnell, da werden dann gleich die Prämien für Auto- und Krankenversicherung angehoben.

Im Moment gleicht die rechtliche Situation für Autofahrer dem Wilden Westen in dem Sheriff gleichzeitig auch der Richter ist. Das kann so nicht Bestand haben, die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen einerseits das Solidaritätsprinzip aufrecht erhalten, andererseits die Unschuldsvermutung schützen. Sonst landen wir in einer Gesellschaft, wo auf ein statistisches Mittel basierende Scorewerte, die von Unternehmen in nicht nachvollziehbarer Art und Weise ermittelt werden, unser Leben diktiert. Und das nicht nur beim Autofahren.