Kommentare
Kommentar

Der Musik-Streaming-Boom: Die Technologie ist nicht der Feind

Die Musikindustrie atmet auf: Dank Streaming wächst der Musikmarkt deutlich, die Einnahmen sprudeln. Viele Musiker hingegen sind weniger begeistert, aber die Technik ist sicher nicht der Schuldige.

von Carsten Drees am 8. April 2019

Während ich diese Zeilen schreibe, lasse ich mich von Musik berieseln, die Spotify mir kredenzt hat, also zumindest indirekt. Ich höre nämlich eine eigene Playlist, in der einige meiner eigenen Favoriten sind, aber auch sehr viele Songs, die ich dadurch kennen gelernt habe, weil ich in kuratierte Listen reingeschnuppert habe.

Das erkläre ich deswegen, weil in diesen Zeiten manchmal der Eindruck entsteht, dass es zwischen all dem am Fließband produzierten Rap- und Dance-Kram kaum noch Musik gibt, die es sich zu hören lohnt. Aber das ist natürlich Quatsch! Es wird immer gute, neue Musik geben und dank den entsprechenden Technologien sind wir auch in der Lage, immer mehr hörenswerte Künstler zu entdecken, über die wir bislang einfach noch nicht gestolpert sind.

Erst jüngst habe ich mich zum Beispiel an der aktuellen Nummer Eins der deutschen Charts abgearbeitet — Capital Bra mit seinem herzergreifend langweiligen und uninspirierten Cover eines alten Modern Talking-Hits. “Cherry Lady” klingt nicht nur schlimmer als das Original, sondert deutet einen qualitativen Verfall in unseren Charts an, aber das ist jetzt nur meine persönliche Meinung und soll darüber hinaus in diesem Artikel nicht das Thema sein.

Vielmehr möchte ich eigentlich eine Lanze für das Streamen von Musik brechen. Ja, ich weiß: Vor zwei Jahren hab ich hier auch ziemlich provokant die Frage gestellt, ob Streaming die Musik kaputt macht. In dem Beitrag ging es auch darum, dass eh schon große Künstler wie Ed Sheeran immer noch dominanter werden und unbekannte Künstler es schwieriger haben, ein größeres Publikum auf sich aufmerksam zu machen.

Aber Streaming bietet auch so unendlich viele Möglichkeiten — uns Abonnenten natürlich, aber eben auch den Künstlern. Ich kann heute eben viel einfacher Musik veröffentlichen und dadurch zumindest theoretisch die Grundlage dafür schaffen, von vielen Menschen gehört zu werden. Ich hab es schon mehrfach hier auf dem Blog erwähnt, dass ich sehr viele weniger bekannte Künstler kenne, mit denen man sich privat auch immer wieder über Streaming unterhält.

Es gibt nicht wenige, die das Streaming pauschal verteufeln — schlicht aus dem Grund, weil finanziell nichts dabei rumkommt. Ich befinde mich in diesen Gesprächen immer zwischen so ziemlich allen Stühlen. Weil ich es a) nicht so pauschal sehe und weil ich b) selbstverständlich als Konsument schlicht nicht klagen kann, bei über 40 Millionen Tracks, die man mir für lächerliche 10 Euro im Monat anbietet.

Die Branche boomt – dank Streaming

Schützenhilfe bekomme ich argumentativ von jetzt veröffentlichten Zahlen, nachdem der Musikmarkt weiter kräftig wächst. Ihr erinnert euch, dass ab der Jahrtausendwende “dank” Napster und Co und dem Boom der illegalen MP3-Downloads die Märkte komplett eingebrochen sind. Diese Zeiten sind erfreulicherweise vorbei, denn die Industrie freut sich mittlerweile im vierten aufeinanderfolgenden Jahr hintereinander über steigende Zahlen.

Wie der Branchenverband IFPI vor wenigen Tagen mitteilte, ist der weltweite Umsatz im Jahr 2018 um 9,7 Prozent auf 19,1 Milliarden Dollar, gestiegen. Die IFPI ermittelt diese Zahlen bereits seit 1997 und niemals zuvor in dieser Spanne ist der Markt stärker gewachsen wie eben im letzten Jahr.  Und ihr könnt es vermutlich schon ahnen: Der Hauptgrund dafür ist das Musik-Streaming bzw. die kostenpflichtigen Abos der Nutzer.

Mittlerweile 47 Prozent des kompletten Umsatzes stammt nämlich aus dem Streaming und die Branche erwartet, dass im Jahr 2019 erstmals die Marke von 50 Prozent übertroffen wird. Von diesen 47 Prozent entfällt der Löwenanteil von 37 Prozent auf die Premium-Accounts, immerhin 10 Prozent kommen aber durch Werbung innerhalb der kostenlosen Angebote.

Währenddessen geht es der guten, alten CD gehörig an den Kragen, auch das zuletzt (wieder) boomende Vinyl kann mit den Streaming-Angeboten nicht mithalten. Immerhin noch etwa ein Viertel der Einnahmen stammt aus dem Verkauf von physischen Tonträgern. Weltweit sanken die Umsätze bei Platten und CDs um 10,1 Prozent, bei den Downloads ging es sogar um über 20 Prozent nach unten, so dass das Streaming als der große Gewinner dasteht.

Bevor der große Download-Boom um die illegalen MP3s losging — im Jahr 2001 — erzielte die Musikbranche übrigens global einen Umsatz von 23,9 Milliarden US-Dollar. Angesichts der oben erwähnten etwa 19 Milliarden ist die Industrie also noch nicht wieder zurück in diesen Gefilden, aber doch auf einem sehr guten Weg.

Das bringt mich zu einem weiteren Argument pro Spotify bzw. entkräftet viele Kritiker von Spotify, Apple Music, Deezer und ähnlichen Angeboten. Immer wieder nämlich reden wir — oft zurecht — darüber, dass Musiker mit Streaming nur Peanuts einnehmen. Wenn man kein Superstar ist, bringt einen das schlimmstenfalls in echte Existenznot, so dass es schwieriger wird, von seiner Kunst leben zu können.

Wenn jedoch ein Markt stetig weiter wächst und mehr Geld einspielt: Wieso kommt es dann bei den Künstlern nicht an? Das ist genau der Punkt, auf den ich hinaus möchte: Es geht hier nämlich nicht um eine schlimme Technologie, die den Musikmarkt zerstört (was es eventuell qualitativ bewirkt, besprechen wir ein anderes mal). Vielmehr haben wir ein Problem, welches wir aus vielen anderen Branchen auch kennen: Es wird einfach nicht gerecht verteilt! Das ist jetzt eventuell eine steile These, aber zumindest eine, die für mich so offensichtlich ist wie der berühmte Elefant, der im Raum steht.

Vor allem Spotify wird immer als Buhmann der Branche herangezogen, aber Fakt ist doch auch, dass das schwedische Unternehmen im letzten Quartal des Jahres 2018 erstmals überhaupt schwarze Zahlen schrieb — und voraussichtlich in diesem Jahr dank verschiedener Investitionen wieder zurückkehrt in die roten Zahlen. Bei Spotify landet also eine Menge Kohle, aber eben dennoch nicht so viel, dass man stabil im Plus landet.

Nach wie vor denke ich auch, dass 10 Euro einfach nicht angemessen sind und ein Preis von 20 Euro für das, was man geboten bekommt, deutlich fairer werde — also vorausgesetzt, dass der zusätzliche Zehner auch komplett auf die Musiker verteilt wird und nicht irgendwo zwischen Konsument und Künstler verdampft.

Auch zum Thema: 

Streaming am Beispiel Zoë Keating: Das verdient man mit Spotify, Deezer und Co

Unterm Strich müssen wir festhalten, dass Streaming den Markt finanziell nicht ruiniert, sondern eher das Gegenteil davon: Es hält den Musikmarkt sogar am Leben! Der Schlüssel, nachdem verteilt wird bzw. die Kohle, die auf dem Weg zum Künstler in anderen Kassen landet, macht mir nach wie vor Kummer. Aber es wäre ebenfalls, der Technologie die Schuld in die Schuhe zu schieben. Das ist übrigens sowieso immer der falsche Weg meines Erachtens. Die Technik ermöglicht uns so unendlich viel — es ist nur die Frage, wie sie genutzt wird und wer sich an ihr bereichert. Die Branche jedenfalls ist so quicklebendig wie schon lange nicht mehr und auch Streaming-Hasser können sich nicht davor verschließen, dass es dieser Technologie geschuldet ist.

via heise.de