Kommentar
Der pöbelnde Mob fühlt sich sicher im Netz – das ist nur die halbe Wahrheit

Im Internet wird munter gepöbelt, gehasst, beschimpft. Die vermeintliche Distanz im Netz macht's möglich. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, fürchte ich. 

Braucht ihr zur Einleitung ein aktuelles Beispiel, wenn ich ankündige, über pöbelnde Menschen im Internet zu schreiben? Nein, dachte ich mir. Mittlerweile ist es egal, worüber wir diskutieren: Trump, Erdogan, Terror, Bundestagswahl – diese politischen Themen sind für den streitlustigen Internetnutzer eh schon gesetzt.

Das Lästern, Polemisieren und Schimpfen, das Aufspielen, Echauffieren und Androhen von Gewalt beschränkt sich aber nicht nur auf die Politik. Bestes Streitpotenzial liefern auch die Themen Apple vs. Android, Vegan vs Nicht-Vegan, Tierschutz oder — wo heute die Bundesliga wieder losgeht — sogar der geliebte oder gehasste Fußball-Club.

Keine Bange: Ich möchte nicht noch einen weiteren Artikel über die Diskussionskultur auf Facebook verfassen — Neues könnte man aktuell diesem Thema sowieso nicht entlocken, fürchte ich. Ebenso will ich auch nicht wieder auf der Plattform einhacken und kritisieren, dass bei all den zu beanstandenden Postings der unzähligen Streithähne zu wenig gelöscht würde.

Insider packt aus: Das passiert bei Facebook, wenn ihr ein Bild oder Profil meldet

Dieses Mal möchte ich eher über eine andere Sache reden, die mir immer wieder und schon seit langem stets häufiger begegnet:

„Das würdest Du mir unter vier Augen niemals so sagen“

Dass sich das, was wir im Internet wahrnehmen, oftmals signifikant von der Realität unterscheidet, ist ja nichts Neues: Schon in den Neunzigern musste man mitunter schmerzhaft feststellen, dass beim Treffen mit der Chat-Freundin „Kuschelmaus75*“ weder die Vokabel „Kuschel“ noch „Maus“ mit dem Gegenüber assoziiert werden konnte und die „75“ auf Kuschelmaus‘ eigenen Rekord beim Burger-Essen zurückzuführen sein dürfte.

Bevor mir jetzt jemand „Fat Shaming“ vorwirft: Die meisten wissen ja, dass der Autor dieser Zeilen auch nicht gerade grazil ist und mich stört es nicht, dass Menschen beleibt sind, sondern lediglich, dass Menschen online oft was anderes darstellen wollen, als sie offline tatsächlich sind. Darum soll es in diesem Beitrag aber gar nicht gehen, sondern vielmehr um die Differenz zwischen unserem Verhalten im Netz und unserem Verhalten in der „echten Welt“.

Da bin ich dann jetzt wieder bei der eben erwähnten Ankündigung dessen, was mir in Kommentaren immer wieder auffällt: Gerade, wenn es emotionaler zu Werke geht, findet sich oft jemand unter den Kommentatoren, der in die Runde wirft, dass ein Streit niemals so ausgeartet wäre, wenn man sich nicht virtuell bei Facebook begegnet wäre, sondern beispielsweise bei einem Bier in der Kneipe.

Stimmt das denn so? „Jein“, möchte ich am ehesten antworten. Fakt ist, dass gerade das geschriebene Wort in den Kommentarspalten oder auch in Chats jede Menge Raum für Spekulationen und Missverständnisse bietet. Missverständnisse, die man im netten Schwatz unter vier Augen schnell ausräumen könnte, oder besser noch: Missverständnisse, zu denen es im real Life gar nicht erst gekommen wäre, weil man Mimik und Gestik berücksichtigen könnte.

Trotzdem glaube ich mittlerweile, dass die Antwort heutzutage nicht mehr so einfach zu beantworten ist, daher auch mein „Jein“. Sprechen wir hier über zwei Menschen, die sich kennen? Ja, dann ist das wohl in der Tat so und man kann einem Disput unter vier Augen viel eher aus dem Weg gehen als online.

Kennen sich die Menschen aber nicht, fürchte ich mittlerweile, dass sich die Dinge anders verhalten. Man geht viel zu leicht davon aus, dass uns die Anonymität des Internets und die vermeintliche Distanz zum Gegenüber Dinge aussprechen lässt, die in der Realität undenkbar wären.

Von toten Delfinen und Rettungswagen

Ich erkläre euch, was ich meine: Mittlerweile fürchte ich nämlich, dass die Art und Weise, wie viele Menschen im Netz miteinander umgehen, auch auf die Realität abfärbt. Es gibt Menschen, die mittlerweile Straftaten wie Vergewaltigungen live ins Netz streamen.

Menschen, die Sanitätern und anderen Helfern lieber filmend im Weg stehen, statt sie ihre Arbeit machen zu lassen.

Menschen, die ein Delfin-Baby finden und es nicht retten, sondern für Selfies weiterreichen, bis das Tier stirbt (siehe Artikelbild).

Menschen, die bei einem Anschlag wie jetzt in Barcelona den Schwerstverletzten nicht etwa erste Hilfe leisten, sondern lieber Fotos und Videos anfertigen, die den Nachrichtensendern später das Leben leichter machen bei ihrer stundenlangen Live-Berichterstattung.

Das sind jetzt nur eine Handvoll Beispiele — ich wette, wenn ihr kurz überlegt, fallen euch ähnliche Beispiele ein. Klar: Arschlöcher hat es immer schon gegeben und wird es immer geben. Aber ich befürchte, dass diese Verrohung, die wir online schon lange beobachten, auch vor der Offline-Welt nicht Halt macht.

Nehmt allein die Menschen bei z.B. den Pegida-Demos, die in der Lage sind, gleichzeitig zu beteuern, friedliche Spaziergänger zu sein und gegenüber berichtenden Reportern übergriffig zu werden. Für mein Empfinden findet sowas alles deutlich häufiger statt als noch vor fünf oder zehn Jahren.

Raus aus der Filterblase und rein in die echte Welt

Ich kann nicht in die Köpfe der Menschen sehen, kann daher also auch nicht nachvollziehen, wieso man gegen Flüchtlinge hetzen oder generell Andersdenkende grundlos beschimpfen kann. Was ich hingegen nachvollziehen kann: Dass jeder Idiot mit jeder noch so absurden Idee im Netz jemanden finden kann, der seiner Meinung ist. Die übliche Filterblasen-Problematik eben: Finde ich genug Leute, die alle so denken wie ich, kann eine Meldung noch so abstrus und die Quelle noch so zweifelhaft sein — ich nehme sie für voll, weil ich mit vielen anderen in meiner Blase sitze und scheinbar alle diese Meldung abnicken.

Eigentlich ist es absurd zu glauben, dass dieses Filterblasen-Denken nur online stattfindet. Wenn ich der Meinung bin, dass Flüchtlinge mir mein Geld, meinen Job oder irgendwas anderes wegnehmen könnten und ich das online auch so kommuniziere, dann wird dieses Denken langfristig nicht nur im Netz stattfinden, sondern auch in meinem Kopf sein, wenn mir einer dieser Menschen auf der Straße begegnet.

Deswegen wird noch lange nicht jeder übergriffig, aber ich fürchte, dass durch das Netz und durch die eigene Filterblase einfach die Wahrscheinlichkeit steigt, schlimmstenfalls auch Gewalt anzuwenden. Die Filterblase, aber auch der Geltungsdrang bestimmter Individuen gekoppelt mit den technischen Möglichkeiten — all das lässt mich glauben, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist und wir befürchten müssen, dass uns diese Arschloch-Attacken künftig auch offline immer öfter begegnen werden.

Geht also alles den Bach runter?

Trotz dieser zweifellos unschönen Entwicklung habe ich natürlich Hoffnung, dass die „Guten“ immer noch deutlich in der Überzahl sind. Online wie offline müssen wir uns eben nur mit den veränderten Umständen abfinden und können dann darauf reagieren. Beiträge, die die Menschheit als obsolet erachten und Leute, die spürbar jeden Tag auf das fällige Ende der Welt hoffen, kann ich nicht ernst nehmen.

Wieso? Weil es einfach viel zu viele gute Menschen gibt, zu viele positive Dinge passieren und die Hoffnung bekanntlich ja eh zuletzt stirbt. Immer noch glaube ich daran, dass der Menschheit signifikante Änderungen und Paradigmenwechsel bevorstehen, die uns vermutlich noch ein paar haarige Jahre bescheren werden. Ich glaube aber eben auch daran, dass die Welt danach eine bessere sein wird und in dem Zusammenhang nehme ich es auch lächelnd in Kauf, als „naiv“ bezeichnet zu werden.

Zunächst einmal fürchte ich aber eben, dass all das, was uns online manchmal den Glauben an die Menschheit raubt, uns auch offline erwarten wird. Der pöbelnde Mob fühlt sich sicher im Netz – das wird auch weiter so bleiben. Dennoch ist es für mein Empfinden nur die halbe Wahrheit, da die Hemmungen auch in der realen Welt immer öfter fallen werden.

Seht ihr das auch so oder gar noch negativer? Oder glaubt ihr, dass ich mit meinen Gedanken daneben liege? Dann erklärt mir eure Meinung gern in den Comments.

 

*Name ist natürlich ausgedacht, beim Schreiben des Artikels sind zudem keine Kuschelmäuse zu Schaden gekommen.