Connected Cars

Audi, BMW, Daimler & HERE – Das sollte erst der Anfang sein!

Audi, BMW und Daimler haben mit der Uebernahme von HERE gezeigt, dass man trotz aller Konkurrenz die Zukunft gemeinsam bestreiten will. Dies ist nicht nur ein Zeichen fuer die einzigartige Automobil-Industrie in Deutschland, sondern generell fuer den Standort Europa.

von Sascha Pallenberg am 3. August 2015

Die Katze ist nun also auch offiziell aus dem Sack. Was wir bereits vor Monaten gemunkelt und empfohlen haben, wird nun vollzogen. Die 3 grossen deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Daimler uebernehmen den Kartendienst HERE von Nokia und schliessen sich damit zu einer beeindruckenden und einzigartigen Allianz zusammen. Das kann, darf, muss und sollte aber erst der Anfang sein und genau darueber muessen sich die 3 Konzerne nun Gedanken machen.

Ja, die Uebernahme von HERE ist beispiellos. Immerhin tun sich hier 3 Konkurrenten zusammen und ziehen gemeinsam am Strang der Zukunft des Automobils. Haette man dies vor 2, 3 Jahren vorhergesagt, dann waere man wohl innerhalb kuerzester Zeit als Kaffeesatzleser 2.0 verschrien gewesen. Zu heftig wurde der Wettbewerb unter den Marken betrieben und gefuehrt und zu sehr glaubte man, dass man zuerst einmal seine Schaefchen ins Trockene bringen muesse. Um so erstaunlicher ist es nun zu sehen, dass trotz der Rekordverkaeufe von Audi, BMW und Daimler, man hier ein starkes Zeichen fuer die Konzerne und die Standorte Deutschland und Europa gesetzt hat. HERE hat das beste Kartenmaterial. Punkt!

In Kombination mit den automobilen Plattformen der neuen 3 Besitzer des Dienstes koennten pro Jahr um die 5 Millionen neue “Kartenerfassungs”-Mobile auf die weltweiten Verkehrsnetze losgelassen werden und das bedeutet natuerlich noch besseres und genaueres Kartenmaterial. In Kombination mit den Smartphone-Usern der HERE-App, wuerde man nicht nur zum groessten Konkurrenten von Google Maps aufsteigen, nein man wird ihn mit qualitativ wertvollem Content ueberholen und damit neue Geschaeftsfelder erschliessen koennen.

Standards muessen her

Audi, BMW, Daimler CollageDas Smart Car, Connected Car…. ach nennen wir es einfach “das Auto der Zukunft”, benoetigt mehr denn je Standards, die industrieweit gelten. Aber hier kann die Automobilbranche keine Einbahnstrasse sein, keine Blase die sich nur mit sich selbst beschaeftigt. Zu stark wird der Einfluss des Automobils auf die urbane Entwicklung und zu gross werden die Schnittmengen mit der Smart City, dem Smart Home, dem Smartphone und dem “Internet of Everything” sein. Hier muessen sich die Konzerne oeffnen, bereits bestehende Standards in ihre Entwicklungsprogramme uebernehmen (mit Advanced Telematics gibt es hier bereits ein wunderbares Beispiel in Deutschland) und Allianzen schaffen, die die Standardisierung vorantreiben. Wir koennen dieses Feld nicht abermals den US-Konzernen ueberlassen und uns dann nachher wundern, warum uns das Silicon Valley wieder vorschreibt, welche Services wir zu nutzen haben und welche nicht.

Die deutsche Automobilindustrie ist nicht nur in der Verantwortung, sie hat eine Vorbildsfuntion zu erfuellen. Ja ich moechte fast von einer Bringschuld sprechen. Wer den globalen Premiumsektor derartig dominiert und sich ueber all die Jahre ein Image aufgebaut hat, um das einen die gesamte Konkurrenz beneidet, der muss liefern. Vorangehen, Ausrufezeichen setzen und Standards entwickeln.

DIE Apple/Google/Microsoft Alternative

Aehnlich sehe ich die 3 Marken in der Pflicht wenn es darum geht, hier das Potenzial fuer eine Betriebssystem Alternative auszuschoepfen. Pro Jahr werden ueber 80 Millionen Neuwagen zugelassen. Die deutsche Industrie hat daran einen nicht unerheblichen Anteil und eine einmalige Chance hier (und damit sind wir ja eigentlich wieder beim Thema Standards) eine Alternative zu Apple, Google und Microsoft anzubieten. Natuerlich muss man hier eine entsprechende Kompatibilitaet gewaehrleisten, aber man darf sich diesen 3 Konzernen nicht unterwerfen bzw. zum froehlichen Datensammler fuer die US-Industrie werden.

Datensicherheit wird nicht nur (wieder einmal) eines der wichtigsten Themen der Zukunft sein, es ist ein USP fuer das Auto von morgen. Kunden werden auch ausserhalb der wichtigen “opt in”-Services wissen wollen, wo ihre Daten landen. Der Standort Europa ist hier ein Wettbewerbsvorteil, den man nicht unterschaetzen sollte. Insbesondere durch die Verbindungen zu Nokia und damit nach Finnland, hat man die Moeglichkeit die Daten der Kunden in einem Land “zu lagern”, welches mit die strengsten Datensicherheitsgesetze weltweit hat. Hier ist nicht die Frage, ob man sich dies zu Nutzen machen moechte, sondern eher wann man hier entsprechende Infrastrukturen schafft.

Automotive OS

Ein gemeinsames OS und Bedienstandards bitte

Beim Thema Datensicherheit koennen wir aber nicht halt machen. Die Apples, Googles und Microsofts dieser Welt bearbeiten die Automobilindustrie mit aller Macht, die ihnen zur Verfuegung steht. “Du Automobilehersteller bekommst von mir die Software, wenn wir die Daten deiner Kunden erhalten”. Und auch hier muss ich Audi, BMW und Daimler ein Lob aussprechen, denn in der Vergangenheit hat man gezeigt, wie sensibel man dieses Thema angeht. Die Apple und Google-Cars der Zukunft werden nicht in Deutschland produziert, sondern hier sehe ich eher Industrien in Frankreich, Italien, aber auch Korea und China als willige Abnehmer. Zum Teil fehlt den Herstellern einfach die Infrastruktur, um eigene Plattformen an den Markt zu bringen.

Ein gemeinsames OS muss her, welches auch konzernuebergreifende Kompatibilitaet garantiert

Was aber fuer diese Marken noch viel wichtiger ist, das ist der Imagetransfer. Ein Renault Twingo in der Apple Edition erfaehrt einen Imagetransfer aus Cupertino. Die Marke Apple wird durch eine Kooperation mit Renault nun mal nicht wirklich aufgewertet. Genau dies erhoffen sich diese Firmen aber von den Premium-Marken aus Deutschland. Denn hier leuchtet die Strahlkraft der grossen 3 bei einer Kooperation nun einmal mit gefuehlten 200 Megalux ueber den Atlantik und auch das duerfte den Konzernchefs in Deutschland bewusst sein.

Hier ist es wichtig, insbesondere in Kombination mit HERE, nun an einem eigenen OS zu arbeiten (ich weiss dass alle Hersteller an eigenen Linux-Plattformen arbeiten bzw. diese bereits im Einsatz haben), welches auch konzernuebergreifende Kompatibilitaet garantiert. Ein gemeinsamer Appstore und eine Allianz fuer die Entwicklergemeinde muss her. Die wirtschaftlichen Chancen sind hier nicht nur grandios, sie werden leider immer noch gaenzlich verschlafen. Erklaere ich in Reden auf Konferenzen immer wieder gerne, dass das Automobil “the next big thing” ist, so kann ich den dort versammelten Entwicklern aber immer noch keine Loesung aus Deutschland empfehlen, die das Prinzip des Appstores oder Play Stores aufgreift. Ein Milliardenmarkt liegt hier brach und den muss man gemeinsam erobern.

Connected Car Market

Audi, BMW und Daimler haben hier unglaubliche Moeglichkeiten und sollen diese nutzen. Ein gemeinsames OS und vor allen Dingen gemeinsame Bedienstandards wuerden dies vereinfachen und fuer entsprechende Dynamik auf diesem Markt sorgen. Die Displays der zukuenftigen Automobile sind letztendlich auch nur groessere Smartphones bzw. Tablets!

Projekt Zukunft starten. Jetzt!

Der erste, schwierigste und wichtigste Schritt ist gemacht worden. Eine beispiellose Gemeinschaft von Herstellern hat sich zusammengetan, die Chancen erkannt und zugegriffen. Wohlgemerkt bevor es ein Konkurrent aus China oder den USA getan hat, was nicht zu unterschaetzen ist. Jetzt heisst es darauf aufzubauen und von den Erfahrungen von HERE zu profitieren. Damit wir uns hier richtig verstehen und keiner Illusion hingeben… die 3 Hersteller haben sich hier bzgl. der Entwicklungsgeschwindigkeit ein Raumschiff ins Boot geholt, welches den Kessel-Flug in weniger als 12 Parsecs vollzieht. Das wird eine Herausforderung sein und auch firmenkulturelle Reibung erzeugen.

Mit HERE hat man sich ein entwicklungstechnisches Hochgeschwindigkeits-Raumschiff eingekauft, welches auch Reibung innerhalb der Firmenkulturen erzeugen wird.

Aber genau das ist wichtig. Ohne hier ein Pauschalurteil faellen zu wollen, aber ihr liebe Hersteller, ihr steckt zum Teil hier noch in den 90er Jahren fest. Mir fehlt da Gruendergeist, Garagenmentalitaet und zum Teil auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Ihr seid da gefordert und muesst die kulturellen Wandel vollziehen. Das macht man u.a. dadurch, in dem man sich frischen Wind einkauft. Davon gibt es eine ganze Menge da draussen und ich kann nur mit Nachdruck an die Verantwortlichen appellieren, hier die Startup-Szene zu beobachten. Es tut sich da eine ganze Menge und man kann sich ganz viel Knowhow einkaufen. Macht es!

Audi, BMW und Daimler haben mit HERE gezeigt, dass man trotz aller Konkurrenz die Zukunft gemeinsam bestreiten will. Dies ist nicht nur ein Zeichen fuer die einzigartige Automobil-Industrie (und natuerlich auch all ihrer Zulieferer) in Deutschland, sondern generell fuer den Standort Europa. Hier wurde die beste und wichtigste Loesung gefunden und kommt letztendlich zusammen, was zusammengehoert.

Jetzt heisst es, darauf aufzubauen und das Momentum zu nutzen!