Zum Tag der Deutschen Einheit
Deutschland – ich wünsche Dir zum Ehrentag alles Gute!

Erneut feiern wir den Tag der Deutschen Einheit. Eine Einheit, die seit 1990 besteht und dennoch nicht bei allen angekommen zu sein scheint. Es ist trotzdem ein guter Tag. 

Es ist der 03. Oktober. Seit fast drei Jahrzehnten feiern wir Deutschen an diesem Tag die Deutsche Einheit. Die wurde am 03. Oktober 1990 vollendet, nachdem Sabine Bergmann-Pohl nach der Abstimmung im August in der Volkskammer verkünden konnte:

Die Volkskammer erklärt den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes mit der Wirkung vom 3. Oktober 1990. Sabine Bergmann-Pohl, ehemalige Präsidentin der Volkskammer

Ich selbst — damals gerade 19 Jahre alt — brauchte nicht bis zum 03. Oktober warten, denn dieser „Vollzug“ der Wiedervereinigung war für mich lange vorher schon nur eine Formsache. Eigentlich war mir nach dem Mauerfall 1989 schon klar, dass es gar nicht anders gehen würde. Damals, als ich stundenlang mit Tränen in den Augen im TV all diese Bilder der Menschen aus Ost und West verfolgte und all diese ergriffenen, vor Glück fast platzenden Menschen sah, die immer noch nicht so recht glauben wollten, was da gerade Unglaubliches passiert.

Jubelnde Deutsche vor dem Brandenburger Tor
So feiert Facebook den Tag der Deutschen Einheit

Noch heute, wenn ich diese Bilder sehe — oder den Worten Hans-Dietrich Genschers lausche, der als damaliger Außenminister den Bürgern der DDR in der Botschaft in Prag ihre Ausreise ankündigte — habe ich jedes mal wieder Tränen in den Augen.

Ich ertappe mich dabei, dass ich eigentlich einen Blog-Beitrag fertigstellen möchte und stattdessen aber einen Video-Clip nach dem nächsten schaue. Videos aus der Prager Botschaft, Videos von den Demonstrationen in der DDR, Videos vom Mauerfall und dem ersten gesamtdeutschen Silvester im wiedervereinigten Berlin. Und wieder steht mir „die Pisse inne Augen“, wie wir hier im Ruhrpott sagen.

Okay, ich gebe es zu: Ich hab mir auch ein, zwei Clips der Fußballweltmeisterschaft 1990 angeschaut. Es war damals noch ein Team mit westdeutschen Protagonisten, aber eines, welches bereits für ein Gesamtdeutschland antrat. Wenn es da einen großen Geschichtenerzähler gibt, der hinter den Kulissen in dieser Welt die Fäden zieht, dann hat er hier alles richtig gemacht: Nach den Ereignissen von 1989 und kurz vor der vollzogenen Wiedervereinigung am 03. Oktober fühlte es sich einfach richtig an, dass Deutschland in Rom den Titel wieder holen konnte.

Wir fuhren nach dem WM-Sieg nach Frankfurt, wo später die deutsche Mannschaft am Römer empfangen werden sollte. Ich glaube, es war auch dort, wo ich erstmals auf so viele Menschen aus Ostdeutschland traf wie noch nie in meinem Leben zuvor. Auch da wieder: Es fühlte sich einfach alles richtig an.

Ehrlich gesagt glaube ich das auch heute noch, nach all den Jahren und mit dem Wissen um all die Schwierigkeiten: Dass das alles einfach so zwangsläufig kommen musste, weil es einfach so sein muss und einfach richtig ist. Es darf einfach nicht sein, dass ein Land und ein Volk durch einen Krieg auseinander gerissen wird, die Geschichte hat diesen fatalen Irrtum 1990 korrigiert.

Deutschland 2017

Spulen wir jetzt 27 Jahre vor: Wir schreiben das Jahr 2017 und die Welt ist eine komplett andere als die damalige. Es scheint, als entfernen sich Nationen wie Russland und die Vereinigten Staaten von Amerika wieder voneinander. Im Weißen Haus sitzt ein Selbstdarsteller, Narzisst und Populist, der 140-Zeichen-Politik macht, sich in Diskussionen wie ein kleines Kind benimmt und ein ähnliches Empathie-Level hat wie ein Beutel Aufback-Brötchen.

Er ist aber nur einer von so vielen Populisten, Nationalisten (und Separatisten), die in viel zu vielen Ländern nach der Macht greifen. Marine Le Pen und ihr Front National in Frankreich, Geert Wilders PVV in den Niederlanden, dazu dann das Brexit-Desaster in Großbritannien. Zusammen mit dem bereits erwähnten US-Präsidenten Trump, den Regierungen in Polen und Ungarn, aber auch in der Türkei und Nordkorea zeichnet sich hier ein Bild, welches so gar nicht zu einer globalen Welt passen will.

Plötzlich sind es wieder nationalistische Gedanken und der viel zu verbreitete Glaube, dass es Ländern besser ginge, wenn man sich vom Rest abschottet. Dieser Trend hat auch Deutschland längst eingeholt: Mit PEGIDA wurde eine unselige Bewegung ins Leben gerufen, die nicht nur mit den „Wir sind das Volk“-Rufen all das mit Füßen tritt, was die Menschen damals 1989 auf sich genommen haben und wofür sie kämpften.

Schlimmer noch: In diesem Fahrwasser katapultierte sich mit der AfD eine rechts-populistische Partei in den Vordergrund, in verschiedene Landtage und kürzlich sogar auch in den Bundestag. Machen wir uns nichts vor: Sie sind immer noch nicht „das Volk“ und vertreten nur einen sehr kleinen Teil davon und sie werden weder jemanden „jagen“ oder sich „das Land zurückholen“, aber sie sind nun mal da.

Screenshot der Google-Suche: VW-Käfer und Trabi mit Deutschland-Fahnen
Auch Google gratuliert zur Deutschen Einheit

An diesem besonderen Tag für unser Land möchte ich jetzt nicht viele Worte über diese Partei verlieren, die so viele Positionen und Meinungen vertritt und zulässt, die man mit „am rechten Rand“ noch sehr wohlwollend einsortiert hätte. Vielmehr glaube ich, dass wir gerade in schwierigen Zeiten die guten Dinge sehen sollten und uns an ihnen festhalten.

Die Wiedervereinigung hat bewiesen, dass Grenzen gewaltlos eingerissen werden können. Dass man auch die größten Schwierigkeiten aus der Welt schaffen kann, wenn es beide Seiten nur wirklich wollen. Mehr Erkenntnisse braucht es doch eigentlich nicht, um sich auch in der heutigen politischen Gemengelage — international wie auch hier in Deutschland — noch einen Funken Hoffnung zu bewahren.

Wir haben die Flüchtenden 2015 ins Land gelassen, weil es in dem Moment einfach das Richtige war. Ich hadere viel mit der Kanzlerin, aber für diese Entscheidung werde ich ihr ewig Respekt zollen. Es geht dabei ums Helfen, um dieses so menschliche Bedürfnis, die Not der anderen zu lindern. Es geht ausdrücklich nicht darum, uns der eigenen Kultur zu berauben und dabei sein Land oder sein Volk zu verraten.

Gerade am Tag der Deutschen Einheit sollten wir im Blick behalten, dass auch viele Ostdeutsche ihre Heimat verließen, um im Westen ihr Glück zu suchen. Wir sollten anderen dieses Glück nicht verwehren, schon gar nicht, wenn sie aus der Not und Verzweiflung, die ein Krieg mit sich bringt, ihrem Land den Rücken kehren.

Das wiedervereinigte Deutschland ist eines, welches sich vielen Problemen stellen muss: Wir müssen klären, wieso sich so viele Deutsche abgehängt fühlen oder tatsächlich abgehängt wurden. Wir müssen in einer sich stark verändernden Welt so viele Themen anpacken — Themen wie Digitalisierung, Renten und Umwelt. Themen, die dazu beitragen, eine Gesellschaft fit für „Morgen“ zu machen.

Und bei allen Unkenrufen und der nicht selten berechtigten Kritik an der Politik sehe ich außer diesem wiedervereinigten Deutschland nicht sehr viele Nationen, die international ein solches Gewicht haben und in der Lage sind, sich den populistischen und nationalistischen Strömungen entgegenzustellen.

Wenn ich an diesem Tag an Deutschland denke, dann stelle ich all die bestehenden Baustellen einfach mal für einige Stunden zurück und freue mich darüber, dass es so gekommen ist, wie es eben gekommen ist und…

  • dass wir 80 Millionen Deutsche sind und nicht 65 plus 15 Millionen in verschiedenen deutschen Ländern.
  • dass nicht nur über drei Millionen Menschen aus Ostdeutschland ihr Glück im Westen gefunden haben, sondern auch zwei Millionen Menschen aus dem Westen in den Osten gezogen sind.
  • dass der Weltmeister von 2014 eine kunterbunte Truppe ist, die nicht nur Ost und West unter einem Dach vereint, sondern auch verschiedene Hautfarben und Religionen.
  • dass ich der Wiedervereinigung einige meiner besten Freunde verdanke, die ich ohne den Mauerfall niemals kennen gelernt hätte.

Ab morgen können wir uns wieder in den sozialen Netzwerken die Köppe einhauen, können uns fragen, wieso eine AfD im Bundestag sitzt, oder auch, was einen Menschen antreibt, 59 Menschen in Las Vegas zu erschießen. Heute aber ist bei mir Dankbarkeit und Entschleunigung angesagt. Ich werde mir noch ein paar Videos von „damals“ anschauen, werde Präsident Steinmeiers Rede hören und werde einfach mal dankbar dafür sein, dass wir kein gespaltenes Volk mehr sind und mir die Einheit so wundervolle Freunde geschenkt hat.

Ich fände es schön, wenn ihr es ebenso haltet und ihr diesen Feiertag mit eurer Familie genießt. Erzählt euren Kindern, wie ihr die Einheit damals erlebt habt. Erzählt ihnen, wie aus dem Land, welches in den Vierzigern tausende Menschen in Zügen zum Sterben nach Auschwitz brachte, dieses Land werden konnte, welches 1989 Menschen in Prag in Züge verfrachtete, die in den Westen und in die Freiheit fuhren. Erzählt ihnen, dass Deutschland heute ein weltoffenes Land ist.

Ab morgen gibt es hier wieder Tech-News und all das, was dieses Blog thematisch ausmacht. Heute aber halten wir es wie die letzten Jahre auch und vergegenwärtigen uns dessen, was dieser Feiertag für jeden Deutschen bedeuten sollte. Deshalb zitiere ich zum Abschluss Sascha Pallenberg, der dieser schöne Tradition auf unserem Blog einführte:

Vom heutigen Tag der Deutschen Einheit an werden wir an jedem 3. Oktober nur noch einen Artikel veroeffentlichen. Keine News, keine Tests, keine Videos mehr. Nur ein Artikel der an die geschichtstraechtigen Ereignisse des Jahres 1989 erinnert. Heute sind wir alle irgendwie Deutsche, aber auch genauso Taiwaner, Tibetaner, Koreaner oder gar Bewohner von Hong Kong, die wie damals unsere Landsleute in der Ex-DDR auf die Strasse gehen und friedlich fuer Demokratie und Freiheit demonstrieren. Sascha Pallenberg