Sport oder kein Sport - das ist hier die Frage!
DFB-Chef spricht von „absoluter Verarmung“, findet „eSport ist kein Sport“

Der DFB-Chef Reinhard Grindel hat sich zum Thema "eSport" geäußert und ist ganz augenscheinlich kein großer Fan. Er spricht von "absoluter Verarmung" und hofft, dass Gaming niemals olympisch wird.

Was ist Sport und was nicht? Ich glaube, daran scheiden sich die Geister schon seit vielen Jahren. Ist Schießen wirklich Sport? Oder sind es Autorennen? Oder Dressur-Reiten? Die Definitionen gehen weit auseinander und logischerweise gibt es diese Diskussionen auch, wenn wir über die immer populärer werdenden eSports reden.

Was ist überhaupt Sport?

Es ist also erst einmal gar nicht so einfach zu klären, was nun überhaupt Sport ist und was nicht. 1992 hat sich Peter Röthig als einer der Autoren des sportwissenschaftlichen Lexikons an einer modernen Definition des Begriffs „Sport“ versucht:

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich Sport zu einem umgangssprachlichen, weltweit gebrauchten Begriff entwickelt. Eine präzise oder gar eindeutige begriffliche Abgrenzung lässt sich deshalb nicht vornehmen. Was im Allgemeinen unter Sport verstanden wird, ist weniger eine Frage wissenschaftlicher Dimensionsanalysen, sondern wird weit mehr vom alltagstheoretischen Gebrauch sowie von den historisch gewachsenen und tradierten Einbindungen in soziale, ökonomische, politische und rechtliche Gegebenheiten bestimmt. Darüber hinaus verändert, erweitert und differenziert das faktische Geschehen des Sporttreibens selbst das Begriffverständnis von Sport.

Es ist also gar nicht so einfach einzugrenzen, was nun Sport ist. „Alles, was eine körperliche Aktivität beinhaltet“ greift also zu kurz, selbst Sportverbände tun sich damit schwer. So erkennt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) zwar Schach als Sport an, Motorsport hingegen nicht — und das Internationale Olympische Komitee erkennt sogar das Kartenspiel Bridge als Sportart an, wenn auch nicht als olympische Disziplin.

Wollt ihr die totale Verarmung?

Wieso der Vortrag über Sport beziehungsweise über dessen Definition? Weil sich von ganz prominenter Stelle über eSport geäußert wurde — der DFB-Chef Reinhard Grindel sprach im Interview drüber und dürfte nicht als größter eSport-Fan aller Zeiten in die Geschichte eingehen.

Auf dem Bild oben seht ihr übrigens die League of Legends-Weltmeisterschaft von vor drei Jahren — dort lässt sich sehr schön erkennen, wie relevant eSport mittlerweile geworden ist und dass sich das in Dimensionen abspielt, die sich allein schon durch die bloße Menge der Zuschauer und deren Mitfiebern mit den Protagonisten nicht mehr wesentlich von „normalen“ Sport-Großveranstaltungen unterscheidet. Der Tweet unten zeigt übrigens das Finale des letzten Jahres, welches im „Vogelnest“ stattfand, also dem Olympiastadion in Beijing.

Aber zurück zu Reinhard Grindel: Der war bis 2016 für die CDU im Bundestag tätig und ist seit 2016 der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Der DFB repräsentiert mehr als 25.000 Vereine mit knapp 7 Millionen Mitgliedern und ist damit der größte nationale Sport-Fachverband der Welt. Das ist also zweifelsfrei eine mächtige Institution, demzufolge hat es natürlich Gewicht, wenn der Präsident dieses Verbandes spricht.

Das tat Reinhard Grindel jüngst im „WESER-Strand“, der Talkshow des Weser-Kurier. Dort äußerte er sich zu allerlei Themen, über privates, aber hauptsächlich natürlich über den Sport und dort im speziellen Fußball. Er wurde aber auch zum Spielen von Computer-Games generell und zu eSport im speziellen befragt und zeigte sich äußerst abgeneigt.

Ich glaube, dass die größte Konkurrenz für die Frage „Kommen Kinder und Jugendliche zu uns in die Sportvereine“ gar nicht Handball, Basketball oder andere Sportarten sind, sondern wirklich das Befassen mit digitalen Endgeräten. Und ich glaube, das ist eine absolute Verarmung.  Reinhard Grindel, Präsident des DFB

Er erklärte zudem, dass seiner Meinung nach zum Sport gehört, dass man sein Gegenüber sehen kann und dass der Sport auch eine soziale Komponente beinhaltet. Es gipfelt dann in seiner Aussage, dass eSport für ihn eben kein Sport ist und er es absurd fände, wenn eSport irgendwann olympisch würde.

Außerdem stellt er sich gegen seine Partei, denn auch die GroKo möchte künftig den eSport fördern. Im Koalitionsvertrag steht wortwörtlich:

Da E-Sport wichtige Fähigkeiten schult, die nicht nur in der digitalen Welt von Bedeutung sind, Training und Sportstrukturen erfordert, werden wir E-Sport künftig vollständig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen und bei der Schaffung einer olympischen Perspektive unterstützen.

Genau da möchte ich mich der Regierung anschließen und kann ehrlich gesagt die Aussagen des DFB-Präsidenten nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Muss ich wirklich meinen Mit- oder Gegenspieler sehen können? Wenn ich alleine Fußball, Tennis oder sonst was trainiere, allein Körbe werfe oder im Park jogge – hab ich mich dann sportlich betätigt oder nicht? Und welcher Wettkampf ist sozialer und kommunikativer: Ein PC-Game, bei dem viele Menschen miteinander spielen und per Chat oder Voice-Chat kommunizieren? Oder doch eher die Partie Schach, bei der sich zwei „Sportler“ anschweigen? Hier seht ihr übrigens das Interview, etwa bei 41.30 Minuten geht es ums Gaming:

Ich kann Grindels Bedenken im Ansatz nachvollziehen, wenn es sich generell darum dreht, dass gerade Jugendliche zu viel Zeit vor Rechnern, Smartphones und Konsolen verbringen. Natürlich muss es da ein Gleichgewicht geben und vor allem Eltern, die da ein Auge drauf haben. Aber kann ich als Kind nicht auf dem Smartphone zocken und dann dennoch draußen mit meinen Freunden spielen? Ich sehe nicht, dass sich das ausschließt.

Grindel sagt im Interview auch, dass er es nicht befürwortet, wenn eSport-Vereine gemeinnützig werden. Stattdessen sollen die Parteien lieber dafür sorgen, dass es den Vereinen und den ehrenamtlich Tätigen leichter gemacht würde. Ich wiederhole es nochmal: Der größte Sportverband der Welt haut hier auf den Putz und wir reden über Fußball – die Sportart, die so viel dominanter ist als irgendetwas anderes in unserem deutschen Sport-Universum.

Viele Sportarten werden vom Fußball schlicht erdrückt und finden gerade medial nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Natürlich muss der Breitensport, der Vereinssport vom Staat gefördert werden. Aber ich glaube, dass der Fußball genug Geld generiert, dass man damit den Amateur-Fußball auf solide Beine stellen kann. Wenn die Gelder dennoch nicht bei den Vereinen ankommen, dann muss man halt da anklopfen, wo diese Gelder versacken — bei der DFL, der UEFA und der FIFA und natürlich auch bei den großen Profi-Clubs.

Das Thema der Summen im Profi-Fußball hat nun eher nichts mit dem eSport zu tun, aber ich stoße mich daran, dass ausgerechnet der Präsident des Fußballverbandes hier so ein düsteres Bild zeichnet — und nicht vielleicht ein Präsident des Kanuverbandes oder der Verband der Tischtennisspieler. Außerdem gehört es sich meiner Meinung nach nicht, hier Vereine und Breitensport auf der einen Seite stärker fördern zu wollen und bei Vereinen, die dem Herrn Grindel nicht ins Konzept passen, eine Trennlinie zu ziehen. Mehr Förderung seitens der Politik — unbedingt, aber dann eben auch für alle zulässigen Vereine.

Ist eSport nun Sport – oder nicht?

Logisch, dass der Präsident des Dachverbands E-Sport-Bund Deutschland (ESBD) sich nach den Aussagen Grindels auch zu Wort gemeldet hat und diese Vorwürfe nicht unbeantwortet lassen möchte. Auch wenn ESBD-Präsident Hans Jagnow von „misslichen Tönen“ spricht, so ist seine Aussage deutlich diplomatischer und ausgewogener gestaltet, als es Grindel in seinem Interview gelungen ist.

Während im polnischen Katowice gerade mit über hunderttausend Besuchern eine der weltgrößten eSport-Veranstaltungen…

Posted by ESBD – eSport-Bund Deutschland on Sonntag, 4. März 2018

Die Welt verändert sich derzeit eben auch im Sport fundamental, als weiteres Beispiel sei da auch der Drohnen-Rennsport erwähnt. Ich glaube, es täte einigen Politikern und Funktionären ganz gut, da ein bisschen „open minded“ an die Sache heranzugehen und die Chancen zu erkennen, statt Dinge, die man vielleicht selbst nicht so ganz nachvollziehen kann, pauschal zu verteufeln.

Grindel sollte vielleicht auch mal bei den Bundesliga-Clubs selbst nachfragen, wie sie dieses Thema bewerten. Als Schalke-Anhänger freue ich mich darüber, das meine Blauen hier ein Vorreiter in Deutschland sind und ein professionelles eSport-Team in den Club integriert hat und auf höchsten europäischen Ebenen zu FIFA- und LoL-Wettkämpfen antritt. Auch die Bundeslgisten VfL Wolfsburg, VfB Stuttgart und RB Leipzig sind beim eSport bereits vertreten.

eSport beim Schalke 04

eSport beim RB Leipzig

eSport beim VfL Wolfsburg

eSport beim VfB Stuttgart

Und ihr?

Aber ich erzähle hier wieder viel und hab überhaupt keinen Schimmer, ob ihr es ähnlich seht, oder ob es für euch auch einen signifikanten Unterschied zwischen Sport und eSport gibt. Für mich sind die Übergänge fließend, weil ich Sport für mich als etwas definiere, was zwingend mit dem Wettbewerbsgedanken einhergeht und nicht zwingend voraussetzt, dass man sich dafür viel bewegen muss. Aber natürlich würde ich es akzeptieren, wenn ihr es komplett anders seht. Lasst uns also in unserer Umfrage wissen, ob eSport natürlich auch als Sport betrachtet werden soll, oder eben nicht.