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Im Fokus: DHL

DHL: Ideen für die letzte Meile

Bei der Eröffnung des DHL Innovation Center in Chicago war auch die berüchtigte "letzte Meile" immer wieder ein Thema. Logisch, dass sich auch DHL mit dieser Thematik beschäftigt und dort auch einige Ideen und Visionen hat.

von Carsten Drees am 18. September 2019

Die letzte Meile! Man kann nicht über Logistik (der Zukunft) reden, ohne auch über die sogenannte “Last Mile” zu sprechen. Wie schon beim Verkehr generell und der Frage “wie komme ich von A nach B” interessiert auch die Speditionen, wie man auf dem Weg von A nach B das letzte Stück absolvieren soll.

Spätestens, seit der Internet-Handel Jahr für Jahr neue Verkaufsrekorde aufstellt und immer mehr Menschen ihre Kleidung, Technik, aber auch Lebensmittel online kaufen, spiegelt sich das auch auf den Verkehr in den Innenstädten wider. Aktuell wirkt es auf mich so, als seien die Speditionen flächendeckend überfordert damit, uns unsere Produkte pünktlich und heil zuzustellen. Seit ich hier im Home-Office arbeite, stelle ich immer öfter fest, dass es leider kaum hilfreich ist, den ganzen Tag im Haus zu sein. Anstelle der erwarteten Lieferungen finden sich vielmehr die üblichen “Kunde wurde nicht angetroffen”-Meldungen.

Dafür kann es natürlich viele Gründe geben und nicht immer sind die Speditionen hauptverantwortlich. Aber so oder so: DHL und seine vielen Konkurrenten werden sich überlegen müssen, wie man künftig seine Auslieferungen besser organisiert, den Service und den Komfort verbessert und sich auch auf neue Situationen einstellt — beispielsweise Innenstädte mit noch weniger Parkmöglichkeiten.

Als ich bei DHL in Chicago zu Besuch war, wurde sehr wenig über logistische Verfehlungen gesprochen. Das liegt bei einem Firmen-Event natürlich sowieso in der Natur der Sache und selbstverständlich kann mir auch ein CEO für die US-Logistik nicht erklären, woran die Paketzustellung in Deutschland im einzelnen scheitert. Ich hab aber auch mit Journalisten-Kollegen gesprochen und die Meinung war einhellig: Selbst, wenn nicht immer alles glatt läuft, ist DHL in Deutschland sowas wie der Einäugige unter den Blinden. Weniger provokant ausgedrückt: Auch bei Deutsche Post DHL gibt es immer wieder mal Probleme, aber das Unternehmen arbeitet zuverlässiger als die Konkurrenten.

Das ist natürlich auch wieder nur eine subjektive Wahrnehmung, aber diese Probleme bei der Zustellung bekommen wir hier jetzt auch nicht gelöst. Wenden wir uns also daher lieber den Ideen zu, mit denen man bei DHL glaubt, dass die letzte Meile bewältigt am effektivsten bewältigt werden kann.

Der StreetScooter

Dieser elektronisch angetriebene gelbe Flitzer ist eine Erfolgsgeschichte aus Deutschland. In den USA habe ich in den Tagen vor Ort keinen Vortrag gehört und keine Präsentation und kein Image-Video gesehen, in welchem dieser StreetScooter nicht prominent zu sehen war. Das Unternehmen ist zu recht stolz auf diesen Erfolg und auch bei der Eröffnung des Innovation Centers in Chicago verwies man vor den geladenen Gästen darauf, dass auf deutschen Straßen mittlerweile 10.000 Street Scooter im Einsatz sind und jüngst beim Merkel-Besuch in China ein fetter Deal eingestielt wurde, der den Street Scooter auch auf die Straßen Chinas bringt. Unser Mark hat sich so ein Fahrzeug schon im Rahmen der Bosch Mobility Experience vor zwei Jahren anschauen können, hier ist sein Video:

Gegenüber herkömmlichen Fahrzeugen ist der StreetScooter sparsam, preisgünstig und wirtschaftlich. In diesem Bereich ist die Deutsche Post bzw. DHL also tatsächlich bestens aufgestellt und schafft es sogar, neue Kunden für sein Gefährt zu finden. Auf die Frage, ob man sich damit nicht ein Eigentor schießt, wenn man die Teile auch für die Konkurrenz anbietet, reagierte das Unternehmen entspannt. Man ist der Meinung, dass man durchaus erst mal mit jedem sprechen könne.

Die Liefer-Drohne – nur ein Nischenprodukt

Fast genau so präsent in Chicago wie der StreetScooter: Die DHL-Drohne! Kaum etwas wurde bei unserer Führung durchs Innovation Center so oft fotografiert wie das Fluggerät im ikonischen rot-gelb. Auch hier gilt wieder: Bei Präsentationen und in Videos, auch beim Ausblick auf die Zukunft spielte diese Drohne stets eine Rolle.

Klar, dieses Thema beschäftigt derzeit viele Unternehmen und eine Paketlieferung per Drohne ist natürlich auch spektakulärer als der olle Briefträger, der seit Jahr und Tag bei euch auf der Matte steht. Spannend dabei aber: Zu keiner Sekunde ließ man uns denken, dass diese Lieferungen per Drohne eine tatsächlich entscheidende Rolle im Konzept des Unternehmens spielt. Es sind andere Dinge — der Einsatz von künstlicher Intelligenz, Kommissionier-Roboter, AR- und VR-Innovationen — die das Unternehmen fit für die Zukunft machen. Die Drohne ist lediglich da, um auch für eine sehr kleine Nische die perfekte Lösung im Portfolio zu haben.

Bei DPDHL weiß man also absolut, dass wir weder in zehn noch in zwanzig Jahren durch Innenstädte latschen, in denen unzählige Liefer-Drohnen durch die Luft sausen. Aber für entlegene Orte, beispielsweise in schwer zugänglichen Bergregionen könnte diese Option für dringende Lieferungen absolut eine Option sein. DHL nutzt die Strahlkraft eines Quad-Copters also nicht etwa, um uns zu suggerieren, dass das der Lieferweg der Zukunft ist, sondern zeigt an: Egal, wo ihr wohnt, was ihr bestellt und wie schnell es da sein muss — wir haben da was für euch”.

Mag sein, dass andere Unternehmen wie Amazon hier ein wenig anders denken, aber allein aus logistischer und rechtlicher Sicht betrachtet können wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass Liefer-Drohnen-Schwärme irgendwann unsere Himmel verdunkeln. Überlegt euch allein, wie viel Volumen so ein StreetScooter befördern kann und wie viele Drohnen dafür nötig wären und ihr erkennt spätestens dann, wie wenig wirtschaftlich das wäre.

DHL-Studie: Strategien für die letzte Meile

Ende letzten Jahres hat DHL die Ergebnisse einer gemeinsamen Studie mit Euromonitor (hier findet ihr das komplette White Paper) veröffentlicht, die sich explizit mit dieser letzten Meile in Ballungsgebieten beschäftigt, über die wir hier heute reden. Vier grundlegende Trends konnten dort herausgearbeitet werden:

  • die lokalisierte Lieferung
  • flexible Zustellnetze
  • die saisonale Logistik
  • neue Technologien

Die sogenannte letzte Meile entwickelt sich zu dem entscheidenden Faktor der E-Commerce-Lieferkette. Die Unternehmen werden gezielte Strategien entwickeln müssen, um in diesem Bereich wettbewerbsfähig zu bleiben. Das gilt nicht nur für den Transport an sich, sondern auch für das gesamte Bestandsmanagement. Nur dann ist sichergestellt, dass die richtigen Artikel zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. DHL entwickelt maßgeschneiderte Lösungen, die E-Commerce-Unternehmen helfen sollen, ihre Endkunden schnell und effektiv zu erreichen – zum Beispiel durch maschinelles Lernen, eine bessere Routenführung in den Städten und eine stärkere Automatisierung der Zustellnetze. Katja Busch, Chief Commercial Officer von DHL

Sowohl die Kostenfaktoren, die Auswirkungen auf den Service als auch der organisatorische Aufwand sind bei jedem dieser vier genannten Punkte gesondert zu betrachten, weil sie deutlich voneinander abweichen. Als ein Beispiel für veränderte Herausforderungen nannte man u.a. die saisonalen Herausforderungen. Früher war man auf Peaks im Weihnachtsgeschäft eingestellt. Heute haben wir Aktionen wie den Black Friday oder die Cyber-Monday-Woche und damit unendlich viele Händler, die just an diesen Tagen Angebote ohne Ende raushauen — und wir Käufer schlagen ebenso ohne Ende zu und wollen unsere Produkte natürlich dann auch so schnell und zuverlässig wie möglich haben.

Bei den Lösungen geht es daher auch nicht nur darum, wie man ein Produkt schnellstmöglich von A nach B transportiert, sondern auch, wie man vielleicht im Vorfeld gewährleisten kann, dass entsprechende Lagerbestände bei den Händlern besser getrackt werden können, bzw. wie man die Lagerverwaltung generell neu organisieren kann.

Unternehmen wie DHL müssen künftig also dreierlei hinbekommen: Sie müssen zunächst mal natürlich auf sich selbst schauen. Wie schule ich mein Personal, welche Technologien nutze ich, wie verbessere ich meinen Service und vieles mehr. Gleichzeitig muss man aber auch mit den Städten sprechen, weil Themen wie umweltfreundliche und nachhaltige Logistik nicht nur die Unternehmen betreffen, sondern von Städteplanern entsprechend berücksichtigt werden müssen bei ihrer Planung. Zuletzt, wie oben angesprochen, muss man mit den Kunden — in diesem Fall den Händlern — sprechen, um mit ihnen gemeinsam möglichst sinnige Lösungen zu erarbeiten, wie man auch in kurzen Peaks beispielsweise am “Black Friday” gewährleisten kann, dass die Lagerprognosen möglichst präzise sind.

Was mir ein bisschen gefehlt hat

Das liest sich in der Studie super, aber spiegelt nicht ganz das wider, was ich in Chicago mitbekommen habe. Dort wurde wirklich auf so viele Punkte Rücksicht genommen bei der Verbesserung des eigenen Services, viele Faktoren blieben für mich aber dennoch unerwähnt. Mir fehlte es, dass man mir einen tatsächlichen Ansatz liefert, wie man das höhere Aufkommen an Paketen in der Praxis bewältigen möchte. Egal, ob die Unternehmen selbst ausliefern oder durch Subunternehmer: Der Service und die Arbeitsbedingungen lassen zu wünschen übrig.

Das bedeutet, dass hier deutlich nachgebessert werden muss. Ich muss nicht nur dafür sorgen, dass eine Route effizienter wird oder ein Mitarbeiter besser bezahlt und besser geschult ist. Ich muss auch zusehen, dass ich genügend Personal bereitstelle. Ich kann noch so gut geschult sein und den modernsten StreetScooter unterm Hintern haben: Wenn in der Filiale 400 Pakete liefern und ich selbst mit den ganz schnellen Schuhen nur 200 am Tag ausliefern kann, wird es nix mit der Zuverlässigkeit.

In diesem Zusammenhang ist mir auch aufgefallen, dass DHL immer wieder drauf hinweist, dass man überall effektiver und effizienter wird, dabei aber kein Personal einzusparen gedenkt. Ich sehe hier ein Missverhältnis: In den Häusern der Supply Chain kann man bei stabilem Personaleinsatz deutlich produktiver werden mittels neuer Technologien, bei der Auslieferung auf der Straße langt der vorhandene Personaleinsatz aber selbst mit neuen Technologien nicht im Ansatz.

Generell fehlte mir vor Ort auch der Blick auf die Gesellschaft und auf den Wandel, den wir in den Innenstädten zu erwarten haben. Die Studie zeigt, dass man das bei DHL auch im Blick hat, in den kurz- und mittelfristigen Strategien scheint es dabei dennoch nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Gerade ein Weltkonzern sollte hier seine Verantwortung für die Gesellschaft prominenter im Blick haben, wenn ihr mich fragt. Denn wenn wir über die letzte Meile reden, geht es nun mal nicht nur darum, mit welchem Vehikel das Paket irgendwo ankommt, sondern auch darum, dass die Städte in wenigen Jahren ein ganz anderes Gesicht haben könnten.