Kommentare

Die Corona-WG: Corona, meine Depression und ich

Das Coronavirus belastet derzeit alles und jeden, nicht nur die Infizierten. Jeder geht unterschiedlich damit um und kommt anders damit zurecht. Für Menschen mit psychischen Leiden kann es besonders unangenehm sein.

von Carsten Drees am 24. März 2020

Ich hab schon viele Bedrohungen der Menschheit durch- und überstanden: Pandemien wie SARS, Vogel- oder Schweinegrippe schafften es nicht in nennenswertem Rahmen nach Deutschland. Dennoch beschäftigte man sich seinerzeit gedanklich auch damit, ob da mal ein Virus auftreten wird, welches große Teile der Menschheit einfach ausrotten könnte.

Das war glücklicherweise nicht der Fall. Auch bei Ebola-Meldungen aus Afrika zuckte ich oft zusammen, ohne dass man hier im Land wirklich was davon merkte. Wir haben auch Tschernobyl, sauren Regen und das Waldsterben hinter uns lassen können und daher beunruhigte mich das Wissen um die Existenz eines neuartigen Coronavirus zwar, ich sah dem dennoch irgendwie entspannt entgegen.

Einige Wochen später bin ich deutlich beunruhigter. Mittlerweile haben sich die in China vor allem in Wuhan aufgetretenen Fälle zu einer stabilen Pandemie ausgewachsen, die längst die Gesundheitssysteme vieler Nationen erschüttert und dabei auch Wirtschaftsmächte wie Deutschland, die USA und viele weitere vor massive Probleme stellt.

Probleme, die so riesig sind, dass jeder einzelne Bürger damit leben muss, dass signifikant in sein eigenes Leben eingegriffen wird. Ich muss euch das jetzt nicht alles nochmal runterbeten, inwieweit wir alle betroffen sind, ihr hört es selbst ständig und rund um die Uhr. Die Quintessenz aus all den Maßnahmen: Wir sitzen mit unseren schnuckeligen Hintern zuhause. Manche, weil sie unanständig schnell durch Corona ihren Job verloren haben oder weil ihre Unternehmen temporär dicht machen müssen.

Manch andere gehen zwar noch zur Arbeit, dürfen aber in ihrer Freizeit nur noch sehr eingeschränkt die Bude verlassen. Außerdem sind da diejenigen, die kurzfristig auf Home-Office umstellen müssen bzw. können und nun erstmals diese ich-bin-zuhause-und-trotzdem-auf-der-Arbeit-Erfahrung machen. Zu guter letzt sind dann da auch noch Leute wie ich — also diejenigen, die eh Home-Office machen.

In den letzten Tagen höre oder lese ich daher immer wieder Sätze wie: “Für Dich ist das ja alles nichts Neues, Du kennst das ja gar nicht anders.” Jau, stimmt — Home-Office kenne ich. Wie es sich aber anfühlt, wenn man dringlichst dazu aufgefordert wird, das Haus nicht zu verlassen, so dass man sich beim Spazieren im Park fast schon ein wenig schuldig fühlt, man draußen nur noch sehr wenige Menschen und Autos auf den Straßen sieht und viele Geschäfte, Bars, Restaurants usw. geschlossen sind — das kenne ich nicht und ich fürchte, daran gewöhne ich mich auch nicht so schnell.

Ein neuer Gast in der Depri-WG

Ich hab jetzt hier eine Weile gesessen und nach einer pfiffigen Überleitung oder Formulierung gesucht, aber letzten Endes glaube ich, ich komme besser direkt auf den Punkt. Aus meinen psychischen Problemen habe ich ja selbst hier auf dem Blog keinen Hehl gemacht und eh immer mal wieder ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert.

Ich habe Depressionen, die mich mal mehr und mal weniger stark beeinträchtigen. Das äußert sich manchmal so, dass es einer immensen Kraftanstrengung bedarf, überhaupt den Weg aus dem Bett zu finden. Manches mal sitzt man auf der Couch, quält sich durch die tausend Stimmen im Kopf, die Dir mal sagen, was Du alles zu tun hast und mal, was Du alles nicht kannst — und wenn man gefühlt einen Augenblick später bei nächster Gelegenheit auf die Uhr blickt, sind plötzlich acht Stunden vergangen und man möchte sich ins Maul boxen, weil man in all dieser Zeit keine Artikel geschrieben hat, nicht einkaufen war, nicht das Geschirr gespült hat — und manchmal nicht einmal geschafft hat zu duschen.

Das ist meine Ausgangssituation hier. Ich lebe in meiner schnuckeligen Depri-WG. Meine WG-Partner sind meine Depression, die Stimmen im Kopf und Netflix. Seit einigen Wochen ist mit Covid-19 ein Neuankömmling hinzugekommen, der zwar nicht physisch anwesend ist, aber immer gegenwärtig ist wie der berühmte Elefant im Raum.

An meinem Arbeitsablauf ändert sich im Grunde nichts. Ich versuche so wie immer meine Arbeit bestmöglich zu erledigen. Sollte ja auch eigentlich nicht schwierig sein — schließlich arbeite ich am selben Ort wie immer. Dennoch ist alles anders, weil das drumherum ein anderes ist. Ich tue mich generell schwer damit, Strukturen in meinen Tag zu bekommen. Ich esse zu unterschiedlichen Zeiten, kaufe zu unterschiedlichen Zeiten ein usw. Die einzige Konstante neben meiner Arbeit ist im Grunde die Zeit, die ich mir jeden Tag blocke, um auf meine täglichen 12.000 Schritte zu kommen.

Dafür marschiere ich hier durch die City, gehe mal in diesen, mal in jenen Park, probiere unterschiedliche Strecken aus und versuche, mir möglichst den Kopf freizupusten. An Tagen, an denen ich das nicht schaffe — weil ich krank bin oder weil der innere Schweinehund einfach stärker ist — merke ich, wie sich auch mein psychischer Zustand verschlechtert. Wieder nicht in Bewegung gewesen, wieder das Schritte-Ziel nicht geschafft, wieder kein bisschen frische Luft abbekommen.

Klappt das zwei, drei Tage hintereinander nicht, laufe ich Gefahr, in ein Loch zu fallen. Je weniger ich rauskomme, desto mieser geht es mir und je mieser es mir geht, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass ich den Arsch hochkriege und das Haus verlasse — ein Teufelskreislauf. Ich klettere auch jedes mal wieder aus diesen Löchern raus, keine Bange. Aber es ist schwer und wird zunehmend anstrengender und braucht zudem manchmal seine Zeit. Daher möchte ich sowas von vornherein vermeiden. Aktuell sieht es in NRW so aus, dass ich mich frei bewegen kann, wann und wo ich will. Das schränkt mich also in dem Sinne erst mal nicht ein, solange ich Abstand von anderen Menschen halte und allein oder maximal zu zweit unterwegs bin.

Aber ich bin natürlich auch in den sozialen Medien unterwegs, so wie sonst auch und lese da immer häufiger Forderungen wie “AUSGANGSSPERRE! SOFORT!! MANCHE KAPIEREN ES JA SONST NICHT!” Forderungen dieser Art, gerade von Menschen, die einem nicht am Arsch vorbeigehen, sind für mich wie Stiche ins Herz. Dabei verstehe ich euren Zorn auf Menschen, die sich nicht an die Regeln halten. Dennoch: Es wäre für mich ein Dilemma, wenn es dazu käme und ja, der bloße Gedanke daran, hier festzusitzen und das Haus maximal nur noch zum Einkaufen verlassen zu dürfen, macht mir eine Heidenangst.

Als Argument für die Ausgangssperre werden dann Corona-Parties und vollgestopfte Plätze angeführt, die es im ganzen Land geben soll. Aber das ist doch Quatsch. Natürlich hast Du diese Deppen irgendwo, aber der größtmögliche Teil der Bevölkerung hält sich doch längst an die Regeln.

Wenn ich rausgehe, sehe ich die Kaninchen im Park, die sich sonst nur nachts raustrauen, ähnlich wie die Mäuse in der Fußgängerzone. Ich sehe Tauben gemächlich Straßenkreuzungen in Beschlag nehmen und ich sehe deutlich weniger Autos und Fußgänger als jemals zuvor in dieser Stadt. Wenn ich alleine durch einen Park gehe und mich niemandem nähere, dann erhöhe ich die Corona-Gefahr ziemlich genau um den Faktor Null — für alles nicht den Regeln entsprechende gibt es längst einen Strafenkatalog, nachdem man Geld- oder sogar Gefängnisstrafen aufgebrummt bekommen kann. Aus diesem Grund braucht es nach meinem Empfinden keine Ausgangssperre.

Bevor ihr mir jetzt mit Links zu Artikeln kommt, die feiernde People zeigen. Ja, natürlich gibt es das. Italien zeigt, dass Idioten selbst bei so einer Sperre noch aus dem Haus gehen und sich unvernünftig verhalten — und die vielen Vernünftigen halten sich wie gesagt eh schon längst an die Regeln. Meldungen darüber, dass Einzelne die Regeln brechen, bilden aber nicht das ab, was die Mehrheit tut. In den lokalen Nachrichten lest ihr schließlich auch von dem schlimmen Verkehrsunfall im Ort, nicht von all den anderen, die wieder einmal problemlos und unfallfrei nach Hause gekommen sind.

So leer ist in diesen Tagen die Dortmunder Fußgängerzone

Zusammen allein

Das ist aber nicht der einzige Gedanke, der mir in Corona-Zeiten zu schaffen macht. Auch in normalen Zeiten bin ich mir dessen bewusst, dass ihr Familien habt, mit dem Partner oder der Partnerin zusammenwohnt oder mit Freunden in einer WG. Es gibt die verschiedensten Gründe, wieso es auch euch alle hart treffen kann, dass wir uns momentan nicht so bewegen dürfen, wie wir wollen.

Aber ganz viele Menschen sind dann eben zuhause dennoch nicht allein. Vielleicht erfahrt ihr gerade zum ersten Mal, wie es ist, zuhause zu arbeiten und zwischendurch einfach mal eine halbe Stunde mit den Kids spielen zu können. Oder wie schön es ist, wenn euer Partner einfach mal mit einem Kaffee oder einen Snack für euch um die Ecke kommt.

Ich habe das alles nicht, habe dafür aber Social Media und Millionen Belege dafür, wie das Leben gerade in anderen Wohnzimmern und Home-Offices aussieht. Ihr berichtet von kuscheligen Netflix-Abenden zu zweit, von euren Kids, die jetzt per Skype unterrichtet werden und ihre Hausaufgaben per WhatsApp oder Mail geschickt bekommen. Ich sehe euch gemeinsam frühstücken oder auch, wie ihr euch gemeinsam langweilt.

Ich sehe auch unzählige Screenshots von privaten Videokonferenzen, bei denen ihr euch mit euren Freunden unterhaltet. Andere erzählen davon, dass sie anderen Menschen durch diese stärkere Nutzung von Telefon, Messenger und Video-Tools wieder näher kommen, obwohl man sie nicht persönlich treffen kann.

“Ja, aber kannst Du doch auch alles machen.” Nein, sorry — kann ich nicht. Ganz viele Sachen funktionieren einfach für mich nicht so wie für andere, zumindest nicht planbar. Es gibt eine Handvoll Menschen, bei denen ich mich zusammenreiße und mit denen ich per Sprachnachrichten usw. im Kontakt bin. Ansonsten ignoriere ich Chats, Mails und Anrufe noch gekonnter als sowieso schon. Mir ist bewusst, dass dieses Verhalten Leute vor den Kopf stößt, aber das macht es für mich nicht veränderbar. Ich muss mit dieser unschönen Gewohnheit leben und ihr somit traurigerweise auch.

Weiter beobachte ich in den sozialen Medien, dass ihr manchmal sogar Vorteile durch die Veränderungen habt: “Durchs Home-Office schaffe ich plötzlich viel mehr im Haushalt als sonst”. Ja, kann ich nachvollziehen. Ich bin dummerweise derjenige, der generell schon nichts auf die Kette bekommt im Haushalt. Eigentlich müsste ich gerade im Vorteil sein, weil sich für mich im Ablauf eben nichts ändert. Aber stattdessen schaue ich euch dabei zu, wie ihr einfach deutlich besser mit der Situation umgeht, als ich es je könnte.

Ich schaue durch Instagram in die wundervoll eingerichteten Wohnzimmer eurer schönen Häuser und sehe dabei zu, wie Leben eigentlich funktioniert. Ihr sitzt beim Abendbrot, beim Gesellschaftsspiel, beim Netflixen, spielt mit euren Kids oder lümmelt euch auch einfach mal nur faul auf der Couch in einem blitzsauber aufgeräumten Wohnzimmer. Ich sehe euch dabei zu, wie ihr total kreativ die Langeweile bekämpft und fröhlich den Tag bewältigt und euch den Problemen zusammen als Familie oder als Paar stellt. Das sind generell für mich immer irgendwie Arschtritte, weil dieses Leben einfach so weit weg von meinem ist, in diesen Krisenzeiten tun diese Arschtritte aber noch mehr weh als gewöhnlich.

Bei allem, was ich hier schreibe, ist euch hoffentlich klar, dass nichts davon auch nur im Ansatz ein Vorwurf sein soll. Ihr sollt euch genau so verhalten und ihr sollt es gern auch genau so kommunizieren. Derjenige, der in dieser ganzen Nummer neben der Spur läuft, bin schließlich ich und das ist mir auch durchaus bewusst.

Was will er uns damit eigentlich sagen?

Ich habe jetzt sehr viel selbstmitleidiges Geschwurbel von mir gegeben. Ich möchte aber kein Mitleid von euch. Im Gegenteil: Mitleid macht die Situation für mich nur noch schlimmer. Wie in den letzten Wochen auch, versuche ich mich mit den neuen Gegebenheiten zu arrangieren. Ich werde weiter meine Arbeit machen, werde weiter — solange es erlaubt ist — an die frische Luft gehen. Nebenher werde ich als Folge meiner Nachrichten- und Informations-Sucht weiterhin viele Pressekonferenzen und Berichte zum Thema verfolgen, werde mir die Corona-Dashboards Tag für Tag ansehen, die längst für mich sowas wie der gruseligste Medaillenspiegel der Welt geworden sind mit ihren Zahlen von Infizierten und Toten, fein säuberlich nach Ländern sortiert.

Das sind alles Dinge, die ich mit mir selbst ausmachen werde und die ich auch irgendwie bewältigt bekomme. Von euch möchte ich lediglich, dass ihr das auf dem Schirm habt, dass es Menschen wie mich gibt, für die sich die Situation derzeit nochmal anders darstellt. Es gibt Menschen, denen geht es noch deutlich beschissener als mir. Die haben Essstörungen und müssen damit klar kommen, dass sie auf einmal viel mehr Lebensmittel im Hause haben als es in ihrer Situation angebracht ist. Menschen, die mit Panikstörungen zu kämpfen haben und denen es ernsthafte Probleme bereitet, dass sich viele Dinge plötzlich ändern und simpelste Prozesse wie Einkaufen ganz anders ablaufen, als es einem in die eigene Struktur passt.

Ja, wir haben alle unsere Päckchen zu tragen und alle unsere Schwierigkeiten. Gesundheitlich. Gesellschaftlich. Wirtschaftlich. Existenzen sind bedroht, Karrieren ungewiss, Viele bekommen es nicht bewältigt, mit ihren Leuten so ungewohnt eng auf eng zu hocken. In so einer Krise wird es dann schwer, auch noch Gedanken an andere und deren Probleme zu verschwenden, kann ich absolut nachvollziehen. Aber vielleicht habt ihr ja dennoch die Möglichkeit, ein wenig auf die Menschen zu achten, die zu all diesen Problemen auch noch psychisch vorbelastet in die Corona-Krise geschlittert sind. Berücksichtigt das bitte, wenn ihr das nächste mal nach einer totalen Ausgangssperre ruft.

Wenn ihr Menschen trefft — egal, ob als Passanten im Park, im Supermarkt vorm Nudelregal oder die Kassiererin an der Kasse, versucht im Hinterkopf zu behalten, dass jeder von ihnen so eine Person sein könnte, die psychisch angeschlagen ist. Es ist eine üble Zeit und wir kommen da nur alle zusammen wieder raus. Mit diesem mal wieder viel zu lang geratenen Text möchte ich nur darauf hinweisen, dass es unter uns eben sehr viele Menschen gibt, denen die Krise noch mehr zusetzen kann als anderen und dass unsere Solidarität, unsere Empathie und unser Anstand gerade deswegen noch mehr gefragt ist als sowieso schon.

Passt auf euch auf, passt auf eure Lieben und eure Mitmenschen auf — und bleibt bitte gesund!

Ach, und weil ich es gerade sehe: Lest bitte zum selben Thema unbedingt auch den Beitrag der wunderbaren und unanständig talentierten Kathrin Weßling im Zeit-Magazin!