Kommentar

Die Diesel-Krise: Ich werde es nie verstehen …

Heute will die Regierung im Koalitionsausschuss eine Lösung der Diesel-Krise finden und handfeste Ergebnisse erarbeiten. Ich hab nach wie vor meine Schwierigkeiten mit dem Thema.

von Carsten Drees am 1. Oktober 2018

Bevor sich die ersten Geier mit entsprechenden Kommentaren melden, hier ein kleiner Disclaimer: im ganzen Team von Mobile Geeks gibt es niemanden, der in Sachen Autos unbedarfter ist als ich. Ich habe noch nie einen PKW von A nach B bewegt, gedenke nicht ,das in nächster Zeit zu ändern und besitze demzufolge natürlich auch kein Auto.

Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht für das Thema interessiere. Gerade, wenn es darum geht, wie die Mobilität von morgen aussieht, wie Autos mit ihrer Umwelt kommunizieren werden und wie wir generell unsere Straßen gesünder und effizienter nutzen können, diskutiere ich gerne mit und sauge auch neugierig alle News in mich auf. Dennoch betrachte ich das aktuell zu recht hochkochende Thema rund um den Diesel-Skandal mit einer gewissen Distanz.

Distanz bedeutet, dass ich zwar als Anwohner in einer großen, deutschen Innenstadt logischerweise davon betroffen bin, wie sich der Verkehr auswirkt, ich persönlich aber eben nicht darüber nachdenken muss, ob ich einen älteren Diesel nicht mehr fahren darf, ob und auf welche Alternative ich ausweichen könnte, welche Kosten das mit sich bringt und so weiter.

Dennoch möchte ich mich heute hier zur Diesel-Krise äußern, weil ich ein paar grundlegende Dinge ganz offensichtlich nicht verstehe und ich wenigstens mal in die Runde fragen, ob ich da aus genannten Gründen einen schrägen Blick auf die Misere habe, oder ob es sich tatsächlich abzeichnet, dass sich Autoindustrie und Regierung in gemütlicher Koexistenz in die nächste Katastrophe reinreiten.

Koalitionsausschuss will heute die Krise beenden

Zumindest darüber, dass sich die Diesel-Fahrzeuge bzw. deren Hersteller und Besitzer in einer Krise befinden, sollte Einigkeit herrschen, oder? Freitag kamen im Kanzleramt die Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), Finanzminister Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) zusammen, arbeiteten fieberhaft an Lösungsansätzen und heute Abend dann soll der Koalitionsausschuss den Sack zumachen und einen Weg aus der Krise präsentieren können.

Die Lösung soll eine sein, die mehrere Ansätze verfolgt und natürlich kann bislang nur spekuliert werden, wie die tatsächlichen Ergebnisse aussehen. Stand jetzt soll es aber um lokal basierte Lösungen für besonders belastete Metropolen gehen, vor allem setzt die Kanzlerin aber darauf, dass “Flotten erneuert werden”, man also seitens der Industrie attraktive Angebote macht, die sich für die Autofahrer rechnen sollen, die dann von einem älteren Diesel auf ein neues Modell umsteigen.

Ernsthaft? Jahrelang wird der Diesel-Fahrer von Teilen der Industrie nach Strich und Faden verarscht und die Lösung soll sein, dass die Regierung ein Konjunkturprogramm für exakt diese Teile der Industrie auflegt? Der kleine Mann, der ganz sicher ein Auge drauf haben muss, wofür er bei größeren Ausgaben sein Geld investiert, ist über den Tisch gezogen worden, indem Hersteller wie VW eine Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit der Autos versprechen, die die Fahrzeuge dann nachweislich nicht halten.  Da tue ich mich definitiv schwer mit dem Gedanken, dass die Lösung sein soll: “Hey, verkauft doch eure alten Gurken, kauft beim gleichen Hersteller eine neue Karre – kriegste auch ein bisschen günstiger”.

Wir reden hier auf dem Blog andauernd über den Wandel, der stattfindet. Immer mehr wird auf elektrisch angetriebene Fahrzeuge gesetzt, ganz neue Innenstadt-Konzepte müssen auf den Weg gebracht werden und nicht umsonst wird an allen Ecken und Enden — auch oder sogar vor allem von Autoherstellern — an innovativen Ideen wie Car-Sharing gebastelt.

Da kann ich nicht begreifen, dass in Zeiten, in denen die Welt dank Digitalisierung eine komplett andere wird, erneut eine deutsche Regierung ein lustiges und halbgares “wir machen weiter wie gehabt” beschließen möchte. Das sage ich nicht, weil ich persönlich kein Auto nutze, oder weil ich einer Industrie ihren Umsatz nicht gönne. Das sage ich, weil ich überzeugt davon bin, dass es auch für die Wirtschaft ein fatales Signal ist. Man bremst dadurch weiter all das ab, was längst auf den Weg gebracht wurde.

Elektrische Autos sind nicht der alleinige Heilsbringer, aber Autos mit einer Ressource anzutreiben, die über kurz oder lang knapp wird, ist ganz sicher nicht der richtige Ansatz. Das mag kurzfristig den Herstellern helfen, weil sie auf diese Weise mehr Diesel-Fahrzeuge absetzen können, mittelfristig schießt man sich jedoch ins Knie.

Und wer zahlt den ganzen Mist?

Eine weitere Säule der Lösung sollen Umrüstungen sein. Hier hat sich die Regierung ja erst sehr spät bekehren lassen, dass Hardware-Nachrüstungen eine Option sind, nachdem vorher frecherweise nur von Software-Updates die Rede war. Das wird nicht bei allen Autos funktionieren, weil man nicht jeden alten Diesel nicht auf den Euro6-Standard hieven kann. Minister Scheuer ist zudem der Meinung, dass lediglich ein Drittel der 5,7 Millionen Euro5-Diesel, die auf auf deutschen Straßen unterwegs sind, nachrüstbar ist.

Sollte ein Umrüsten jedoch machbar sein, darf meiner Ansicht nach nicht darüber diskutiert werden, wer diese Umrüstung zu bezahlen hat: Natürlich muss der dafür aufkommen, der zuvor betrogen hat — der Hersteller. Das sieht übrigens auch die Politik so, die Industrie sträubt sich natürlich dagegen, das komplett zahlen zu wollen. Zumindest gibt es Signale der Hersteller, dass man sich vorstellen könnte, bis zu 80 Prozent der Kosten zu tragen. Packt noch 20 Prozent drauf und wir haben einen Deal, VW!

Was ich ebenfalls nicht ganz verstehe: Für das oben erwähnte Programm mit Prämien für Neuanschaffungen gibt eine Liste von 14 Städten, die laut Umweltbundesamt im letzten Jahr eine Belastung mit Stickstoffdioxid (NO2) von mehr als 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft vorwiesen. Diese 14 Städte lauten: München, Stuttgart, Köln, Reutlingen, Düren, Hamburg, Limburg an der Lahn, Düsseldorf, Kiel, Heilbronn, Backnang, Darmstadt, Bochum und Ludwigsburg.

Lediglich in diesen Städten und dem jeweiligen Umland sollen die attraktiven Prämien greifen, mit denen Diesel-Fahrer ihre alte Möhre ersetzen können. Wobei “ersetzen” ja eh Quatsch ist, weil es faktisch ja lediglich ein Preisnachlass ist und der Betroffene dennoch sehr viel eigenes Geld in die Hand nehmen muss.

Wieso dieser lokale Lösungsansatz? Zeichnet sich dadurch nicht bereits jetzt ab, dass wir hier statt einer langfristigen Lösung wieder nur einen Lösungs-Flickenteppich erhalten, über den man schon in wenigen Jahren wieder nachdenken muss? Und wieso darf ein Auto in weniger belasteten Gegenden weiter all das in die Luft rotzen, was in den betroffenen Gebieten nicht mehr erwünscht ist? Wieso soll ein Autofahrer im 35.000-Einwohner-Örtchen Backnang eine Umtauschprämie beim Kauf eines neuen Autos erhalten und der Autofahrer in Berlin nicht?

Das erschließt sich mir ebenso wenig wie Fahrverbote, die einzelne Straßenabschnitte betreffen und die dafür sorgen, dass der gleiche schmutzige Diesel nicht mehr durch diese Straße gurkt, sondern kilometerweite Umwege mit exakt dem selben schädlichen Ausstoß in Kauf nehmen muss.

Ich schaue gespannt auf das, was uns da heute Abend vom Koalitionsausschuss kredenzt wird, bin aber eigentlich jetzt schon fast sicher, dass es ein allenfalls halbgarer Kompromiss sein wird, der die Industrie besser aussehen lässt, als sie es angesichts der Lage verdient hätte. Ich persönlich würde mir härtere Ansagen wünschen und würde mich über eine Regierung freuen, die mal Nägel mit Köpfen macht und den Herstellern klar die Grenzen aufzeigt. Und ja: Natürlich geht es auch um viele Jobs, aber mit “Weiter so” retten wir leider weniger Arbeitsplätze, als man sich das in der Koalition vermutlich denkt.

Helft mir jetzt bitte auf die Sprünge: Ist es tatsächlich so, dass ich hier etwas übersehe, zu weit weg bin vom Thema und/oder zu hart mit den Herstellern und der Politik ins Gericht gehe? Oder ist es tatsächlich so, dass die Lobbyisten-Armee dafür sorgt, dass die deutschen Hersteller möglichst geschmeidig aus der Nummer rauskommen soll, dabei aber wenig nachhaltig gedacht wird?

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Quellen: Automobilwoche, Tagesspiegel