Antike Tempelruinen in Palmyra, Syrien

Die digitalen ‘Monuments Men’: Im Kampf gegen den IS – und die Zeit

Derzeit werden Kulturschätze und Relikte vom IS mutwillig zerstört und damit auch aus der Geschichte gelöscht. Die digitalen Monuments Men und Women - beispielsweise Unternehmen wie CyArk - kämpfen mit allen Möglichkeiten der Technik dagegen an, so viel davon wie möglich zumindest virtuell zu retten und für die Ewigkeit zu bewahren.

Ganz zu Anfang dieses Artikels muss ich euch direkt ein Geständnis machen: Noch vor wenigen Jahren hatte ich ein völlig falsches Bild davon, wie die Zerstörung von Kulturgütern und historisch wertvollen Gebäuden vonstatten geht. Egal, ob es um Dresden im zweiten Weltkrieg geht oder um Jahrtausende alte Städte, die derzeit in Syrien von den Kämpfern des Islamischen Staates vernichtet werden – ich dachte, dass zerstörte Kunstschätze und Gebäude die üblichen Kollateralschäden sind, wenn in den Straßen geschossen und gebombt wird.

Ich hab mir null Gedanken darüber gemacht, dass da Menschen vielleicht ganz bewusst versuchen, älteste Relikte zu zerstören und somit versuchen, sie für alle Zeiten aus der Geschichte der Welt zu löschen. Heute wissen wir wohl so ziemlich alle, was derzeit im Einzugsgebiet des IS passiert und dass unschätzbare Relikte, Statuen und Bauten mutwillig zerstört werden. Videos wie dieses gibt es ohne Ende im Netz und ich gebe es zu, dass ich heulen könnte, wenn man sieht, wie dort mit unserer Weltgeschichte umgegangen wird – dort werden Statuen zertrümmert, die zwischen 2000 und 3000 Jahre alt sind:

Was da aktuell in Syrien und im Irak geschieht – der “Wiege der Menschheit” – passiert nicht erstmals in Kriegszeiten, aber wie gesagt: Dieser Mutwilligkeit bin ich mir noch nicht sonderlich lange bewusst. In diesem Ausmaß, wie es in der Region derzeit betrieben wird, in der sowohl der Islam, aber auch Judentum und Christentum einst zuhause waren, dürfte es so eine blinde Zerstörungswut jedoch auch noch niemals gegeben haben.

Wir sind ein Tech-Blog, haben als solches aber dennoch immer einen Blick auf die derzeitige weltpolitische Lage und berichten auch dahingehend über die Flüchtlings-Situation, beispielsweise wenn es um Hetze gegen Flüchtlinge geht. Ich bin nach wie vor felsenfest davon überzeugt, dass der in Deutschland eingeschlagene Weg – eben diesen Menschen zu helfen – der absolut richtige ist, auch wenn es alles andere als einfach ist, das bewältigt zu bekommen. Das Wichtigste muss also sein, die Menschen aus der Region zu retten – egal, ob sie geflüchtet sind, oder ob sie noch im Krisengebiet unterwegs sind. Direkt danach muss aber auch die Rettung unserer Kulturgeschichte ein Thema sein und somit nähern wir uns jetzt nach langer Einleitung endlich dem Kern dieses Artikels, in welchem es um die Menschen geht, die sich exakt dieser Rettung verschrieben haben.

Die digitalen Monuments Men und Women

Im zweiten Weltkrieg gab es die “Monuments, Fine Arts, and Archives Section” (MFA&A) –  eine Abteilung zum Schutz des Kunstguts, deren Kunstschutzoffiziere als Monuments Men bezeichnet wurden. Sie retteten Kulturschätze aus den Händen der Nazis und in Anlehnung an diese Männer (und Frauen, die es damals in dieser Abteilung auch gab) spricht man heute von den digitalen Monuments Men und Women – jenen Menschen, die sich heute damit beschäftigen, Kulturschätze zu retten, zumindest virtuell.

Es ist ein Kampf gegen die Zeit, weil die Spitzhacken und Bulldozer des IS über das Land herfallen wie eine Heuschreckenplage über fruchtbare Felder. In Zeiten, in denen allein die Ansage, nicht für den IS kämpfen zu wollen, bereits das Todesurteil für einen Mann bedeutet, ist der Erhalt von Kulturschätzen dort ein mehr als gewagtes Unterfangen. Dennoch gibt es viele Menschen und unterschiedliche Gruppierungen, die unter Einsatz modernster Technik probieren, diese Schätze zumindest in digitaler Form für alle Zeiten zu bewahren.

“Bewaffnet” mit allem, was das technische Arsenal von der Kleinbildkamera über Drohnen bis zum kostspieligsten 3D-Scanner hergibt, werden Skulpturen, Gemälde und Gebäude erfasst und digitalisiert. Das kann leider oftmals nicht verhindern, dass die tatsächlichen Bauten und Kulturgüter dennoch zerstört werden, aus der Geschichte getilgt werden sie somit aber eben nicht. Unten zeige ich euch ein Video von Faro – von denen dieser 3D Laser-Scanner stammt. Mit Preisen in einem Bereich zwischen 35.000 und 50.000 Euro ist so ein Scanner nicht gerade der Schnapper, den sich jedermann an Land ziehen kann, um dann fröhlich Gebäude scannen zu gehen. Es ist aber sowohl preislich und qualitativ als auch in seinen Ausmaßen – er passt locker ins Handgepäck – ein Riesenfortschritt, wenn es darum geht, aus Gebäuden äußerst präzise 3D-Modelle zu gestalten:

Die Nummer hat dennoch mehrere Haken: Einmal ist es der bereits erwähnte Preis – man kann eben nicht Heerscharen von Leuten mit diesen Scannern ausstatten, die dann durchs Land ziehen und Gebäude vermessen. Zudem ist es saugefährlich: Schon der Besitz eines Smartphones kann die schlimmsten Konsequenzen haben – wird man im Einzugsgebiet des IS mit einem solchen Scanner erwischt, bedeutet es das sichere Todesurteil.

In einem hochinteressanten Artikel berichtet aktuell Wired über das Non-Profit-Unternehmen CyArk, welches sich auf die Fahnen geschrieben hat, all die Kulturschätze zu retten und jedermann über den Browser frei zugänglich zu machen. Von der Smartphone-Cam bis zum oben gezeigten Scanner zählt wirklich jedes Mittel bei diesem Wettlauf mit der Zeit. Natürlicher Verfall, mutwillige Zerstörung und natürlich auch Gier (beim Raub und Verkauf von Kunstgegenständen) lassen es nicht zu, dass man auch nur eine Sekunde Zeit verliert.

CyArk operates internationally as a 501(c)3 non-profit organization with the mission of using new technologies to create a free, 3D online library of the world’s cultural heritage sites before they are lost to natural disasters, destroyed by human aggression or ravaged by the passage of time. CyArk

Im Rahmen der CyArk 500 Challenge möchte das Unternehmen binnen der nächsten fünf Jahre bereits 500 Stätten des Kulturerbes retten und hat bereits die ersten 40 – beispielsweise Pompeji, Babylon, Mt. Rushmore und den schiefen Turm von Pisa – in 3D-Modelle übertragen können. Dazu bildet man selbst aus, führt Workshops durch und bringt Interessierten die Technologien näher. Deutlich schwieriger wird das Scannen der Objekte natürlich in den bereits erwähnten Kriegs- und Krisenregionen. Hier seht ihr ein Modell des Fakhr-al-Din al-Ma’ani-Schlosses in Palmyra, welches sich aktuell auch in der Hand des Islamischen Staates befindet:

Palmyra Castle – Syria by Drones Imaging on Sketchfab

Vor wenigen Tagen erst ist in Berlin die Jahreskonferenz von CyArk über die Bühne gegangen mit vielen Experten aus aller Welt, aber auch Unterstützern aus Politik und Wirtschaft. Beruhigend, dass auch unter Politikern als auch in der Industrie ein großes Interesse daran besteht, die Schätze dieser Welt zu retten.

Project Anqa

wing_leftAktuell ist es noch ein Kampf gegen Windmühlen, der scheinbar nicht zu gewinnen ist: Immer mehr antike Stätten werden pulverisiert und die kostbaren Kulturschätze, die nicht zerstört werden, kassiert der IS ein und verhökert sie, um sich dadurch seine Ausbreitung und somit weiteres Morden finanzieren zu können.

Mit dem Project Anqa – das arabische Wort für Phönix – widmet sich CyArk nun explizit den hochgradig gefährdeten Gebäuden in diesen Regionen und stützt das Projekt auf drei Säulen: Einmal will man mit Kulturministerien zusammenarbeiten, sich so die notwendigen Genehmigungen einholen, die nötig sind, um die Arbeit vor Ort aufzunehmen (natürlich schwierig bei Stätten, die aktuell vom IS kontrolliert werden). Als Nächstes ist man auf Spenden angewiesen und wirbt daher um Unterstützung sowohl bei Institutionen, in der Industrie und bei Regierungen. Als Drittes will man die nötige Manpower auftreiben, also Teams mobilisieren, die die notwendige Technik und das Know-How haben, um die notwendigen Arbeiten vor Ort durchzuführen.

Da man unter dem Radar des IS arbeiten muss, kann man sich die Arbeit ein bisschen wie Indiana Jones vorstellen – nur, dass ihr halt nicht mit wertvollen Artefakten in die Heimat zurückkehrt, sondern mit Terabytes an Daten, die dann auf den Servern von Seagate landen, bevor sie dann als Golden Copies bei Iron Mountain gelagert werden. Sie landen dort in einem Bunker 60 Meter unter der Erde und haben dort prominente Gesellschaft: Auch Originalaufnahmen von Elvis, digitale Kopien von Spielbergs E.T. und Hitchcock-Filmen oder Musik von den Beatles – all das lagert dort, für die Nachwelt auf ewig erhalten.

Tech sei Dank

Technologie führt leider dazu, dass es immer tödlichere und mächtigere Waffen gibt, wovon u.a. der IS profitiert. Aber sie führt eben gleichzeitig auch dazu, dass Menschen in aller Welt durch das Internet immer aufgeklärter werden – und dass wir dank dieses hier beschriebenen Zusammenspiels aus neuester Kamera-Technologie, 3D Mapping-Software, Highend-Rechnern, Drohnen und vielem mehr in der Lage sind, die zerstörten Bauten auch in 100 Jahren noch betrachten zu können. Und nicht nur das: Sie werden nicht nur festgehalten, Ruinen können dadurch beispielsweise auch rekonstruiert werden und uns ein Gebäude zeigen, wie es mal vor hunderten von Jahren ausgesehen hat.

Lesenswert: senseFley Drohnen vermessen das Matterhorn

Wenn ihr mich fragt: Es ist ein Drama, welche Werte in den Krisenherden dieser Welt vernichtet werden und was für Kulturgüter, deren Werte man oft gar nicht beziffern kann. All das kann man auch nicht wirklich durch eine digitale Kopie ersetzen. Aber das, was Unternehmen wie CyArk oder auch Project Mosul da auf die Beine stellen, soll auch nicht die klassischen Museen ersetzen, sondern einfach nur den Fortbestand von Information und Kultur gewährleisten.

Technisch sind die Jungs und Mädels auf der Höhe der Zeit, so dass wir uns nicht nur darüber freuen dürfen, die sichergestellten Informationen im Browser bestaunen zu dürfen: Über kurz oder lang werden wir Stätten der frühen Hochkulturen – beispielsweise das Schloss oder die Tempelanlagen in Palmyra – dank Virtual Reality persönlich einen Besuch abstatten können. Es ist wie gesagt kein Ersatz für die tatsächlichen Gebäude – aber definitiv ein mehr als brauchbarer Ersatz und zudem ein schöner Tritt in den Hintern des IS, der zwar Gebäude zerstören und Kunstschätze verkaufen kann, die Erinnerung an Kulturen und Religionen aber niemals wieder aus den Köpfen der Menschen löschen kann.

Mehr zum Thema:

Wired

Wall Street Journal

Mother Jones