Die Story von den Schweden, dem Postillon und der Erlaubnis für Sex

2018 wird in Schweden ein neues Gesetz in Kraft treten, welches das Sexualstrafrecht verschärft und regelt, dass vor dem Sex Einvernehmen herrscht. Wegen dieses Gesetzes kämpft nun der Postillon gegen die Windmühlen des Qualitätsjournalismus - scheinbar vergeblich. 
von Carsten Drees am 20. Dezember 2017

Wenn eine Schlagzeile, über die man online stolpert, fast zu kurios klingt, um wahr zu sein, dann hat sich dafür folgender (oder ein ähnlich aufgebauter) Satz eingebürgert: „Ich dachte erst, das wäre der Postillon“. Unabhängig davon, dass immer noch erstaunlich wenige Menschen in der Lage zu sein scheinen, tatsächlich Postillon statt „Postillion“ zu schreiben, ist die Satire-Seite von Stefan Sichermann nicht nur sensationell erfolgreich, sondern auch zu einem Synonym für jegliche absurde Headline geworden.

Eine Überschrift wie Schweden: Männer müssen Sex-Genehmigung bei Frauen einholen klingt verdächtig nach dem Postillon, ist aber völlig ernst gemeint. Die Augsburger Allgemeine titelt damit und setzt sich im von André Anwar verfassten Artikel mit einem kommenden Gesetz aus Schweden auseinander. In diesem Gesetz soll geregelt werden, dass Menschen beim Sex stets einvernehmlich handeln und es genötigten bzw. vergewaltigten Personen leichter gemacht wird, Zuwiderhandlungen anzuzeigen.

Der Beitrag in der Augsburger Allgemeine klingt herrlich abstrus und so verwundert es nicht, dass er a) viral gegangen ist und b) andere Medien wie der Focus sich auf diese Quelle stürzen, um eigene Artikel zu veröffentlichen.

Nach den Headlines könnt ihr euch jetzt überlegen, ob es nun Männer sind, die sich bei Frauen die Sex-Erlaubnis einholen müssen, wie es die Augsburger titelt, oder ob es doch eher generell Schweden trifft, wie die Überschrift des erfahrungsgemäß seriösen Focus glauben lässt.

Worum geht es generell bei diesem Gesetz? Gerade in Schweden scheint die #metoo-Kampagne hohe Wellen geschlagen zu haben. Hoch genug, dass sich die schwedische Regierung zu einem neuen Gesetzentwurf genötigt sah, der das Sexualstrafrecht verschärfen soll. Es geht darum, dass gelegentlich Sexualpartner bei nicht einvernehmlichen Sex aus verschiedensten Gründen vorher keinen Protest in Form eines ausgesprochenen „Nein“ formulieren oder anderweitig anzeigen, dass sie nicht dazu bereit sind.

Soll im Klartext heißen, dass eine Vergewaltigung oder ein sexueller Übergriff auch vorliegen kann, wenn das Opfer dieser Aktion nicht zuvor ausdrücklich anzeigt, dass sie nicht möchte. Daher soll im Vorfeld beidseitiges (oder wie viele auch immer) Einvernehmen herrschen darüber, dass es in der Folge zu sexuellen Aktivitäten kommt. The Local in Schweden formuliert das wie folgt:

If a person has not agreed in words or by their clear actions that they are willing to engage in sexual activity, then forcing or coercing them into a sexual act will be illegal.

Sinngemäß übersetzt heißt das: Wenn es keine mündliche Zusage oder eine offensichtliche Geste/Handlungsweise gibt, die vermuten lässt, dass der Mensch zu sexuellen Aktivitäten bereit ist, dürft ihr diese Person eben auch nicht zum Sex drängen oder gar nötigen.

In meinen Augen sagt einem das schon der gesunde Menschenverstand, aber in Schweden möchte man diese Bedingung eben gesetzlich geregelt wissen. Wie das künftig vor Gericht aussehen wird, mag ich mir nicht ausmalen, wenn nämlich Aussage gegen Aussage steht und der Mann (bzw. die übergriffige Person) belegen muss, dass es über den Sex ein einvernehmliche Meinung herrschte. Das Geschlecht spielt dabei übrigens keinerlei Rolle, denn das Gesetz soll unabhängig gelten, egal ob es um Aktivitäten zwischen Mann und Frau geht oder um gleichgeschlechtlichen Sex und es spielt auch keine Rolle, welches Geschlecht hier aktiv und passiv ist oder ob sich das Paar erst frisch kennen lernt oder vielleicht bereits in einer Ehe lebt.

Darum — also um den tatsächlichen Gesetzentwurf — soll es hier jetzt aber nicht gehen, sondern darum, dass die Variante der Augsburger Allgemeine ein etwas verzerrtes (wohlwollend ausgedrückt) Bild der Geschichte zeichnet. Dazu kommt noch, dass der selbe Autor diese Story exakt so auch noch in der Braunschweiger Zeitung, in den Stuttgarter Nachrichten, in der Augsburger Allgemeinen und in der NOZ untergebracht hat.

Liest man diese Beiträge, könnte man zu dem Schluss kommen, dass jeder Mann künftig vorher seine Freundin oder Ehefrau ausdrücklich um Erlaubnis bitten müsste, andernfalls gälte er bereits als Vergewaltiger. Ist natürlich so nicht gedacht und ursprünglich eben auch nicht so formuliert. Dass der Focus daraus dann seine Story bastelt, wundert hier sicher niemanden, aber auch die Welt, der Stern, das ZDF und viele mehr übernehmen die Idee und verbreiten den Kram damit.

Noch absurder wird die ganze Nummer dadurch, dass der Autor Anwar auf eine besonders seriöse Quelle zurückgreift — im Artikel heißt es:

Es obliegt dem Mann, die Frau aktiv um Erlaubnis zu bitten. Sonst droht eine Verurteilung wegen Vergewaltigung. Auch, wenn es zu keiner Auseinandersetzung, Gewalt oder anderweitiger Bedrohung vor oder beim Sex kam. Eine mündliche Genehmigung soll ausreichen. Wer aber sicher gehen will, sollte sich etwas Schriftliches geben lassen, kommentierten Schweden in Internetforen.

Faktencheck: „Der Postillon“ to the rescue

Wieso bringe ich nun aber in der Artikel-Überschrift den Postillon unter? Nur, weil die Headline, um die es geht, so verdächtig nach Satire klingt? Nein, sicher nicht. Vielmehr geht es darum, dass die Satire-Seite seit gestern einen einsamen Kampf kämpft, indem sie die vermeintlich seriösen Qualitätsmedien darauf hinweist, dass da faktisch die falsche Information vermittelt wird.

So nach und nach haben immer mehr Menschen davon Wind bekommen, das da eine ganz merkwürdige Nummer läuft, die weder mit „Qualität“ noch „Journalismus“ sonderlich viel gemein hat. So schreiben die geschätzten Kollegen Thomas Knüwer und Mario Sixtus bei Twitter:

Das ist also der Status Quo im Jahr 2017: Ausgerechnet die Satire-Seite „Der Postillon“ muss den Fakten-Checker spielen, weil diejenigen, die diese Fakten abzuklopfen haben, daran augenscheinlich nicht mehr primär interessiert sind. Fehler unterlaufen jedem und auch wir sind klassischen Fake-News schon auf den Leim gegangen und durften Lehrgeld zahlen.

Wenn der Postillon aber seit gestern darauf hinweist, die Medien selbst anschreibt und selbst jetzt nur in den wenigsten Fällen Korrekturen vorgenommen werden, dann ist das einfach eine komplett andere Kiste und zeigt für mein Empfinden ein erschreckendes Bild dessen, wo wir uns medial gerade befinden. Müssen wir uns über die Lügen des Donald Trump noch wirklich echauffieren, wenn wir auch hierzulande nicht mehr zunächst Fakten verpflichtet sind und dann erst Klickzahlen?

Danke an Stefan jedenfalls, der nicht nur genauer hingeschaut hat, wo alle anderen simpel abgeschrieben haben und zudem einiges an Energie und auch Zeit in die Geschichte gesteckt hat. Ich würde mich freuen, wenn „Der Postillon“ auch dieses Feld künftig vielleicht einfach mal öfter beackert. Seiten wie Übermedien oder das Bildblog würden diese Unterstützung sicher ebenfalls zu schätzen wissen.

PS: Selbst die schwedische Botschaft reagiert flotter als die meisten deutschen Medien und hat nun nochmal auf seinen offiziellen Text zum Gesetzentwurf hingewiesen und sich explizit beim Postillon bedankt. Folgt ihr dem Link, könnt ihr übrigens selbst nachlesen, wie es die Regierung tatsächlich formuliert hat.