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Diesel-Skandal – kennste, kennste? Hört auf, Populisten zuzuhören!

Mario Barth deckt auf. So heißt ein RTL-Format, bei dem der Name Programm sein soll - glauben auch die Zuschauer. Am Beispiel der Grenzwerte für Diesel erkennen wir aber, dass hier nur Stimmung gemacht werden soll.

von Carsten Drees am 21. März 2019

Ja, es gibt ihn, diesen Moment: Irgendwann tauchte ein Mann namens Mario Barth in einer TV-Show auf (ich glaube, es war TV Total), erzählt ein paar Witze – und ich lachte. Heute weiß man nicht, ob man sich dafür einfach schämen möchte, sich selbst ins Maul boxen will oder schlicht akzeptiert, dass auch so jemand mal ‘nen veritablen Lacher gebracht hat.

Seitdem hat es der Kollege weit gebracht. Obwohl ihn sehr viele nicht mögen, macht er dickste Stadien voll und hat auf RTL bereits diverse Shows bekommen. Nur Comedian reicht ihm aber nicht, daher wird er bereits seit längerem mit seiner Sendung “Mario Barth deckt auf” auch als Erklärbär aktiv und erklärt einfacher strukturierten Leuten die Welt.

“Erklären” ist dabei aber etwas zu hoch ins Regal gegriffen, denn es geht hier nicht um Aufklärung, sondern um gepflegtes Pöbeln knapp unter Stammtischniveau. In bester “wir sind so klug und die anderen sind so dumm”-Manier ist Barth für RTL längst zur Personifizierung des “das wird man ja noch sagen dürfen” geworden. Das ging mir bereits vor drei Jahren mächtig auf die Klötze, als der Aufdecker Barth nämlich ganz investigativ herausfand, dass die Demonstranten gegen Trump in Wirklichkeit gar nicht existieren.

Das macht mich jetzt schon wieder so unsagbar wütend! Mario Barth, die Pfeife, "deckt auf", dass Süddeutsche Zeitung und…

Gepostet von Carsten Drees am Samstag, 12. November 2016

Ich möchte nicht darüber reden, dass ich ihn bzw. seine Gags lahm finde und staune, dass darüber so viele Leute lachen können. Das ist eine Frage des Geschmacks und des unterschiedlichen Humorverständnisses – muss jeder selbst wissen, was ihn amüsiert. Was mich aber tatsächlich verrückt macht: Der hat eine so riesige Fanbase, die er mit seinem Mist beeinflusst und RTL baut ihm auch noch zusätzlich die ganz große Bühne auf, damit er ganz bewusst Unwahrheiten unter ein Volk streuen kann, das augenscheinlich nicht dazu in der Lage ist, diesen Schwindel zu erkennen und das Gesagte für bare Münze nimmt.

Der jüngste Streich in der letzten Woche: Barth äußerte sich zur Diesel-Krise bzw. mehr um die Messwerte und deren Aussagekraft. Wie gewohnt, schlägt er sich da — zumindest gefühlt — auf die Seite des “kleinen Mannes” und erklärt spottend, wie unangemessen die ganze Debatte um Grenzwerte ist. Die Stoßrichtung: Ist eh alles halb so wild! Um das zu beweisen, lässt er selbst messen und zwar bei alltäglichen Dingen: Sowohl Kerzen (75 µg/m3), ein Gasherd (118 µg/m3) und eine Zigarre (400 µg/m3) übertreten bei diesen eigenen Messungen deutlichst den zulässigen Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter. Daraus leitet er natürlich ab, dass Fahrverbote kompletter Quatsch sind — wieso sollte man auch das Autofahren verbieten, wenn das Rauchen einer Zigarre oder das Kochen am Herd so viel gefährlicher sind?

Er wiederholt dabei natürlich all die fehlerhaften Scheinargumente, die wir so zigfach in den letzten Wochen und Monaten vernommen haben und klar — auch der längst als mit Fehlern gespickte und als Humbug entlarvte Bericht der Lungenärzte ist ein Thema. Barth amüsiert sich so königlich darüber, dass die da in Berlin und Brüssel allesamt so dämlich sind und er nun endlich die “Wahrheit” erzählen kann. Er lässt schließlich auch Experten — inklusive Lungenarzt Dr. Köhler — zu Wort kommen, um seinen Standpunkt zu untermauern.

Ich möchte nicht ins Detail gehen und Punkt für Punkt seiner fehlerhaften Reportage nochmal wiederholen, stattdessen verweise ich auf dieses Video, welches sehr interessant die Show von Barth mit der Sendung “Die Anstalt” mixt. Die hatte nämlich einen Tag vor der Ausstrahlung der RTL-Nummer ebenfalls exakt dieses Thema im Programm und hat sich naturgemäß anders damit auseinandergesetzt als der Comedian. Seht selbst:

Es ist doch nur Comedy…

Während ich diesen Artikel schreibe, werde ich schon wieder wütend und das hängt mit Mario Barth und seiner erbärmlichen Show zusammen, aber auch mit dem, was ich beim Medienmagazin DWDL zum Thema gelesen habe. Dort hat man nämlich mal mit RTL Kontakt aufgenommen und hinterfragt, wieso man Barth dort solche Unwahrheiten erzählen lässt.

Wenn man dann die RTL-Aussagen liest, klappt einem ganz flott die Kinnlade runter. RTL versteht das Format eben nicht als investigative Show, die Missstände aufklärt, sondern als einfaches Comedy-Format. Das Gruselige ist dabei, dass das die Macher bei RTL wissen, Mario Barth weiß es auch — aber die Zuschauer eben nicht.

Die nehmen all das, was da berichtet wird für bare Münze und gehen davon aus, dass da ein Team recherchiert hat und nun einen tatsächlichen Missstand erklärt und geraderückt. Noch schlimmer wird es dadurch, dass RTL auf Nachfrage von DWDL selbst behauptet, dass man auf die Kontroverse zwischen den verschiedenen Sichtweisen zur Diesel-Frage hinweisen möchte. Schließlich wird nicht kontrovers diskutiert oder auf verschiedene Sichtweisen hingewiesen. Stattdessen wird ein einziger Standpunkt vertreten und zudem wissentlich ein nachweislich falscher.

Ich halte das nicht nur für schlechtes Fernsehen, sondern darüber hinaus für brandgefährlich. Mario Barth hat sich durch sein Tun schon lange als jemand geoutet, der sich in Sachen populistische, auf einfache Aussagen heruntergebrochene Statements nicht hinter der AfD verstecken muss.

Genau dieses Klientel wird damit bedient, zudem aber auch all die “normalen” RTL-Zuschauer, die dem Irrglauben erlegen sind, dass sie hier tatsächliche Verfehlungen von Industrie, Politik und Behörden entlarvt bekommen auf mehr oder minder humorige Weise. Wer so was tut, zündelt ganz bewusst, wobei mir die Motivation nicht ganz klar ist. Müsste ich raten, würde ich darauf tippen, dass man auf diese Art all die “endlich sagt es mal einer”-Menschen abholen möchte, die auch zuhauf die Kommentarspalten auf Facebook bevölkern.

Hey famous: Stop making people stupid!

Ihr kennt doch den Spruch: “Stop making stupid people famous” – also etwa übersetzt sowas wie: “Hört auf, dumme Menschen berühmt zu machen”.  In diesem Fall müsste man diesen Satz ein wenig umbauen: “Berühmte Menschen sollten aufhören, andere Menschen dumm zu machen”.

Das gilt für Mario Barth, das gilt für die AfD und das gilt für so viele andere, die sehr viel Meinung und deutlich weniger Ahnung haben von dem, was sie erzählen (oder es durchaus besser wissen, aber dennoch Unsinn erzählen). Mario Barth soll Leute zum Lachen bringen, damit hab ich gar kein Problem, ich muss es mir ja schließlich nicht anschauen. Aber er sollte tunlichst vermeiden so zu tun, als wäre er ein Experte für Themen wie beispielsweise die Messwerte von Diesel-Abgasen.

Damit führt man wissentlich seine Zuschauer in die Irre und wenn schon Mario Barth damit keine Probleme hat, dann sollte wenigstens RTL dort intervenieren. “Mario Barth deckt auf” wird natürlich extern produziert, dennoch sollten die entscheidenden Köpfe bei RTL a) darauf achten, dass Journalismus und Humor nicht in dieser Art und Weise vermischt wird und b) Leuten wie Barth auch mal auf die Finger klopfen, wenn ganz bewusst Lügenmärchen über den Sender gehen.

Es will mir einfach nicht in den Kopf gehen, wieso so viele Promis, Sender, Politiker etc. dieses Populismus-Spielchen mitmachen. Ist die Geilheit auf Erfolg, auf Einschaltquoten und auf Schulterklopfer tatsächlich so ausgeprägt? Mich macht es wütend, traurig und ja, mittlerweile auch ein bisschen desillusioniert, wenn ich sehe, dass von mir geschätzte (und sicher nicht verblödete) Menschen diese Show sehen und das Gezeigte dann auch für bare Münze nehmen. Ganz ernsthaft, Freunde: Ich halte diese Nummer mit den Messwerten für unglaublich komplex und ja, auch für schwierig. Allein schon, weil die Messwerte in unterschiedlichen Ländern unterschiedlich ermittelt werden und somit wenig vergleichbar sind. Aber gerade deswegen müssen wir uns mit den tatsächlich vorhandenen Problemen auseinandersetzen und dürfen da nicht so ein peinliches Kaspertheater raus machen, nur damit ein Herr Barth ein paar Mann zum Lachen bringen kann.