Autopresse

Dieselskandal: schleichendes Entsetzen unter den Autojournalisten

von Robert Basic am 10. Oktober 2018

Seitdem 2015 die Story mit VW in den USA wie ein Bombe platzte, lässt uns hierzulande das Thema nicht mehr los. Ein Aufreger jagt den nächsten. Von Geldstrafen, Einfahrverboten, immer neuen Betrügereien, Verhaftungen, Hausdurchsuchungen bis hin zu „wir machen alles besser und arbeiten das offen ab“ zu „wir sagen gar nichts mehr“. Ergebnis? Nach innen? Manch ein Hersteller verweigert standhaft TV-Interviews mit Vorständen. Als wären es Rotzbengel, die halt Gummibärchen geklaut haben. Aber nicht für hunderttausende Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, die selber nicht einmal einen Bleistift klauen dürfen, ohne sofort entlassen zu werden. Die sie mindestens ebenso enttäuscht haben, wie die Interessenten, Käufer und Stammkunden. Dabei sind die Compliance-Werke und „wir machen die Welt besser“-Broschüren kilometerlang, ebenso könnte man die Geldscheine in Kilometerlänge abzählen, die das alles gekostet hat, nett und sauber zu erscheinen.

Was ist mit denen, die im guten Glauben eine im Grunde genommen geile, gute, nützliche oder einfach nur billige Maschine gekauft haben? Ok, wenn sie sauber obendrauf ist, prima. Auch wenn das die allermeisten nur am Rande interessiert, wenn sie sich ein Auto leisten. Hauptsache die Mühle fährt. Jetzt dürfen sich einige erzwungenermaßen den Kopf machen, wie sie ihre Kinder zur Schule fahren, dann weiter zum Job kommen und später den Einkauf mal so nebenbei erledigen. Mit der U-Bahn dann oder einer Euro 6d temp Karre, die locker 30.000 in Cash kostet. Stichwort Dieselfahrverbot. Stichwort Wertverlust. Stichwort Softwareupdates. Stichwort Verunsicherung.

Populismus on: Wisst ihr eigentlich, was die versammelte Vorstandsmannschaft aller drei deutschen Autokonzerne verdient hat? Nur für 2017? Genau 123.807.927 Euro. BMW, Daimler und VW zusammen. Die Anwartschaft auf die Pension lasse ich außen vor. Der VW Vorstand hat von 2014 bis 2017 exakt 223.042.420 Euro eingestrichen. Die der anderen Hersteller würde ich auch aufsummieren, nur habe ich mir nicht deren Geschäftsberichte bis dato dazu angeschaut. Keine Firma in der Disziplin Vierradbau ist sauber. Was die Vorstände der Autokonzerne ein Auto kostet? Nichts! Die Autos werden mitsamt Fahrer gestellt. Selbst wenn sie sich einen 30.000 Euro Pkw leisten müssten, ist der mit einem umgerechneten Tagesgehalt von 11.000 Euro (nicht türkische Lira) in drei Tagen mit links bezahlt. Halt, die Umtauschprämie? Ok, dann eben nach 2,5 Tagen. Populismus off.

Der Vertrauensbruch zwischen Medien und Herstellern

Die ganze Arie betrifft nicht nur die Politik bis in die höchsten Staatsämter. Es betrifft nicht nur die Richterschaft. Es betrifft nicht nur die Kunden. Es betrifft auch die Medien, von klassischer Presse bis hin zu den Bloggern. Inklusive die US-Autoblogger, die Deutsche fragen, warum the germans Schrottautos verkaufen, wenn sogar schon CEOs verhaftet werden?

Jüngst kam die Story mit Audi & Südkorea heraus, die Fahrgestellnummern getürkt hatten. Eigentlich eine alte Story, als bereits vor ein bis zwei Jahren mysteriöserweise von doppelten Nummern berichtet wurde. Da wusste noch niemand etwas mit anzufangen. Ihr erinnert euch vielleicht? Bei mir gab es die Antwort, es müsse sich um IT-Probleme handeln, nachdem ich gefragt hatte, wie das bitteschön passieren konnte, wo doch die internen SAP-Systeme mit dem schrillsten Alarm anschlagen müssten.

Bei Don Dahlmann – ein bekannter und langjähriger Autojournalist, zugleich auch Blogger und für Mobilegeeks neuerdings auch Podcaster – brachte es nun das Fass vollends zum Überlaufen. Er hat auf Facebook seinen Kater in Worte gekleidet, die ich hier komplett zitieren möchte. Liest euch unbedingt auf Facebook die Kommentare dazu durch, wo weitere Journalisten und Blogger zu Wort kommen. Sandra Schink zitiere ich anschließend, die als Journalistin und Nerd-Versteherin ebenso betroffen ist. Beide Kommentare sind höchst aufschlussreich, für welches inneres und anhaltendes Entsetzen die Autohersteller gesorgt haben. Auch und eben unter den Medienmachern.

Don Dahlmann

Ich habe mir in den letzten Monaten vermehrt Gedanken über meine Arbeit als Journalist in Verbindung mit der Autoindustrie gemacht. Ich habe mit den Herstellern naturgemäß viel zu tun, vor allem mit den einheimischen Autobauern. Allerdings lag mein Fokus schon länger mehr auf der Digitalisierung der Industrie, weniger auf den altbekannten Produkten. Aber im Zuge des Diesel-Skandals und vor allem nach der Meldung gestern (siehe Audi Meldung weiter unten), haben sich meine Gedanken weiter verdüstert.

Es kommt halt alles scheibchenweise. Erst waren es ein paar Diesel, dann fast die gesamte Diesel Motorenpalette. Erst war es nur ein kurzer Zeitraum in dem betrogen wurde, dann stellt man fest, dass es seit 2009 bekannt war, dass man die Abgaswerte in bestimmten Ländern nur mit Mühe schaffen würde. Knapp zehn Jahre also, sechs davon hat man einfach weiter gemacht.

Als Journalist fühle ich mich da schlecht. Wie oft war ich auf Fahrveranstaltungen, auf denen ein Konzern einen neuen Motor vorgestellt hat, der soundso viel Prozent mehr Leistung bei weniger Emission haben sollte. Ich habe ein paar mal nachgefragt, wie das geht – immer mehr Leistung, immer weniger Verbrauch. Die Antworten waren lang und kompliziert, man verhedderte sich in diversen Fachbegriffen, für die man ein Maschinenbaustudium und zwanzig Jahre Erfahrung in der Motorentwicklung benötigt. Also habe ich mich auf die Aussage verlassen.

Zwischen Autoindustrie und Journalisten gibt es ein enges Verhältnis. Gezwungenermaßen. Denn die Menge der Akteure ist überschaubar, man trifft sich mehrfach im Jahr. Es entwickelt sich auch ein Vertrauen in die Industrie selber, die ja eigentlich keinen Grund hat zu lügen.

Es schien undenkbar, dass die Industrie bei ihrem wichtigsten Produkt, dem Motor, so was machen würde. Nicht beim Kern, nicht bei einem Produkt, dass dutzendfach überprüft wird, auch durch diverse Medien. Dass das System aus Kontrollen funktioniert, darauf habe ich mich als jemand, der kein Motoringenieur ist, verlassen.

Nicht, dass die Autoindustrie ein Verein bibeltreuer Christen wäre. Korruption gab es, politische Einflussnahme, gegenseitiges Abwerben, Ideenklau usw. Aber das sind Dinge, die man überall findet und mit dem Produkt als solches nichts zu tun haben. Die Produkte der Autoindustrie, so dachte ich, sind doch keine zusammengepanschte Suppen, wo jemand wegen ein paar Zehntel Cent bedenkliche chemische Zusätze rein ballert. Dafür sind die Margen in der Industrie zu groß um wegen ein paar Euro so einen Blödsinn zu betrieben. Da lag ich wohl gründlich falsch.

Den PR-Kollegen der Unternehmen, die die Dinge verbreitet haben (verbreiten mussten), mache ich im übrigen überhaupt keine Vorwürfe. Die wussten vermutlich noch weniger, als wir Journalisten. Aber es fühlt sich, auch nach einiger Zeit, unschön an, wie man bei den Terminen belogen wurde. Auch von Leuten, die am Tisch saßen und die mit Sicherheit wissen mussten, was los war. Die Gespräche mit führenden Vorständen und Entwicklern, die jetzt teilweise nicht mehr bei den Unternehmen arbeiten, nur mal so als Beispiel.

Der nun entstandene Vertrauensbruch dürfte hart zu kitten sein. Zumindest bei mir. Aber vielleicht ist das auch gut so.

Sandra Schink

Ich bin ja erst wenige Jahre in diesem Autozirkus, und als 2015 mit Wucht der Dieselskandal ans Licht kam, hat mich das tatsächlich entsetzt. Nicht nur, weil ich mich in meinem Glauben an immer grüner werdende Motoren betrogen gefühlt habe, sondern auch und vor allem, weil ich es (bis heute) ungeheuerlich fand, dass deutsche Autobauer auf so unfassbare Art das bis dato hervorragende Allgemein-Image der Deutschen Wertarbeit und des deutschen Ingenieurtums aufs Spiel gesetzt haben. Der Image-Schaden für Deutschland ist viel größer und betrifft nicht nur ein paar Motor-Ingenieure in ihrem kleinen Werkslabor.

2015 war ich aber auch noch überzeugt, dass es den VWlern und Audianern bewusst war, wie ungeheuerlich das ist, und dass sofort und umgehend was getan werden muss, gründlich, transparent und in die richtige Richtung, um dieses Image-Schaden wieder auszugleichen. Das hatte ich damals auch adressiert.

Inzwischen gibt es für mich zwei Welten: Einmal jene, in der vor allem Audi die Forschung und Entwicklung für alternative Antriebe vorangetrieben hat und jetzt mit Elan die Elektro-Serien rausbringt.

Und einmal jene, in der bei jeder neuen Fahrveranstaltung jenseits der e-trons immer noch die traditionellen Motoren schöner und besser geredet werden, die von dem Skandal mutmaßlich mitbetroffen sind. Ich sage mutmaßlich, weil es mir da geht wie Dir, Don: Was weiß ich schon von Motoren? Der letzte Motor, den ich in Einzelteile zerlegt habe, war ein 1.0l-Motor aus meinem C-Kadett, irgendwann Ende der 80er. Wie soll ich seriös beurteilen können, was Ingenieure mir mit dem Brustton der Überzeugung in unendlicher Detailverliebtheit vermitteln? Das ist heute Raketenwissenschaft.

Zumal ich immer noch nicht daran glauben möchte, dass alle Bescheid wussten und wissen, und viele immer noch Überzeugungstäter sind.

Andererseits hat sich in den letzten Jahren ganz viel bewegt. Ich trauere sehr darum, dass der g-tron scheinbar kein Thema mehr ist (hätte den Übergang zu anderen Alternativen sowohl für Verbrenner-Hersteller als auch -Zulieferer leichter gemacht, und die Infrastruktur wäre schneller auszubauen), und dass nichts konkretes mehr über die Entwicklung des h-trons zu erfahren ist, weil ich einfach nicht daran glauben will, dass Elektromobilität alleine der Weisheit letzter Schluss sein soll.

Aber mir ist auch klar, dass Dinosaurier zu groß sind, um sich schnell zu bewegen und mehrere Wege auf einmal einschlagen zu können. Ich sehe auch, dass mit Eifer und Überzeugung alternative Wege eingeschlagen werden. Und dass wir eben über nur wenige Jahre reden, weil Tesla und der Dieselskandal die Dinos zur Bewegung gezwungen haben.

Jeder, der mal in einem etwas größeren und älteren Unternehmen gearbeitet hat weiß, wie schwer es ist, dort ein Ruder herumzureißen. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass alles daran getan wird, um das gute alte deutsche Wertarbeitsimage wieder herzustellen.

Trotzdem bleibt bei jedem Fahrevent für ein Fahrzeug mit Verbrenner-Motor ein unangenehmer Beigeschmack, der auch nicht mehr wegzubekommen ist…

Ich denke, es ist wichtig, dass wir genau das auch thematisieren. Die Ingenieursleistung deutscher Autobauer ist immer noch hervorragend, und das niederzureden hilft weder Branche noch Käufern.

Aber wir sollten immer wieder klar adressieren, dass wir den Betrug nicht mittragen können und einiges passieren muss, damit wir als Medienleute wieder so vertrauen können, dass wir dieses Vertrauen an Leser weitergeben können.

Titelbild von Nikko Macaspac