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Dieter Nuhr: Sorry, Freunde – aber das müssen wir aushalten können

Dieter Nuhr ätzt gegen Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Kids und kassiert dafür einen veritablen Shitstorm. Ich mag ihn nicht besonders - die Art der Kritik an ihm in großen Teilen aber auch nicht.

von Carsten Drees am 30. September 2019

Ich möchte mir fast auf die Zunge beißen, weil ich mich jetzt anschicke, Dieter Nuhr zu verteidigen. Daher schicke ich vorweg, dass ich ihn vor Jahren sehr unterhaltsam fand, mittlerweile aber nur noch schwer ertragen kann. Falls ich mich in Nuhr-Sendungen verlaufe, dann nur mit der Hoffnung verbunden, dass seine Moderationen erträglich kurz sind und man sich dann an seinen Gästen erfreuen kann.

Aber: Was ich jetzt teilweise zu lesen bekomme, nachdem er sich (gewohnt unlustig) an Fridays For Future und Greta Thunberg abgearbeitet hat, geht mir dann doch entschieden zu weit. Traurig ist, dass er in so eine “… das wird man doch wohl noch sagen dürfen”-Populisten-Blase gekippt ist und damit genau das Klientel bedient, welches mir in den sozialen Medien am meisten den Nerv und Energie raubt. Dennoch muss man Humor aushalten können — selbst, wenn man ihn nicht teilt und selbst, wenn er eklatant weit von tatsächlichen Fakten entfernt ist.

Damit wir alle wissen, worüber wir hier reden, schaut am besten mal kurz rein, wie er sich in seiner Sendung geäußert hat:

Ihr habt in dem Thread nicht nur die Videos sehen können, wegen denen Dieter Nuhr jetzt diesen Shitstorm erntet, sondern auch ein Gefühl dafür bekommen, wie es kommentiert wird.

Fachlich brauchen wir über den Beitrag Nuhrs echt nicht diskutieren. Es ist unlustig, aber das ist mein subjektiver Eindruck — Geschmäcker sind ja glücklicherweise unterschiedlich. Es ist unnötig hämisch gegen die Fridays-For-Future-Bewegung in meinen Augen. Weil seine Gags sich auf vermeintliche Ansichten und Forderung der Bewegung beruft, die es so gar nicht gibt. Mir sind zumindest bei den Demos keine “Wir dürfen nicht mehr heizen”-Schilder aufgefallen.

Ich ärgere mich auch ein wenig über diejenigen, die sagen, dass Satire bekanntlich alles dürfe. Es ärgert mich deswegen, weil ich Satire eher so verstehe, dass man sich scharfzüngig gegen “die da oben” richtet. Gegen Regierende, gegen das Establishment, gegen die Industrie. Es ist natürlich nicht verboten, Witze über Kinder oder Jugendliche zu machen, aber es ist sicher auch keine wirkliche Satire, wenn sich ein Mann hinstellt und im Grunde nur die schlechten, in übelstem Deutsch verfassten Memes von schlichten Gemütern bei Facebook abschöpft.

Was mich aber jetzt noch mehr ärgert: Das Fass, welches hier wegen einer mässigen Nuhr-Performance mit schlechten Gags gemacht wird. Ich hab es schon öfter geäußert: Es ist nicht verboten, etwas, was man richtig beschissen findet, einfach mal nur richtig beschissen zu finden (sorry für die Wortwahl mal wieder), ohne dass man danach dann in den sozialen Medien eskaliert.

Die Beschimpfungen, die Dieter Nuhr heute — hauptsächlich auf Twitter — einstecken muss, sind deutlich übler als alles, was er über Greta Thunberg und über die Klima-AktivistInnen gesagt hat. Das Hashtag #nuhr ist tatsächlich in den deutschen Twitter-Trends gewesen und neben Beschimpfungen gegen ihn gab es natürlich die obligatorische Forderung, dass dieser keine Sendung im TV haben dürfte, selbstverständlich mit der dazu passenden “Dafür soll ich GEZ zahlen”-Echauffiererei.

Wann haben wir das verlernt, dass wir einfach mal schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, dass jemand einen richtig unlustigen Gag gemacht hat — und dann einfach weiter scrollen, umschalten, den Witz vergessen, irgendwas in der Art?

Ich fürchte, dass Viele, die meinen Artikel über das Greta-Prinzip gemocht haben,  jetzt schwer enttäuscht sind, dass ich eine Lanze für Nuhr breche. Aber nochmal: Es geht nicht um Greta Thunberg, es geht nicht ums Thema Klima und es geht auch nicht um Comedians, die so lustig sind wie Brechdurchfall. Es geht darum, dass er im gesetzlichen Rahmen sagen darf, was er will. Dass Leute das sogar noch lustig finden dürfen. Dass wir anderen das nicht unbedingt verstehen, dennoch aber tolerieren müssen.

Mit dem wohligen Gefühl, sich auf der “richtigen” Seite zu befinden, lullen wir uns manches mal selbst so sehr ein, dass uns der Wertekompass hin und wieder ein bisschen verzieht. Dann werden wir nachlässiger und erlauben uns verbale Verfehlungen, für die wir die Gegenseite augenblicklich anzählen würden.

Wenn ich hier wieder und wieder einfordere, dass wir fairer miteinander umgehen, uns wieder mehr zuhören und ein gewisses Niveau bei Diskussionen nicht unterschreiten sollten, dann gehört diese Seite der Medaille nun mal auch dazu. Wir müssen also auch einen Dieter Nuhr aushalten, egal wie sehr die MarioBarthisierung bei ihm fortschreitet und das auch dann, wenn seine Gags so flach sind, dass sie die ersten sind, die dran glauben müssen, wenn der Meeresspiegel dank des Klimawandels ansteigt.

Zu dieser Wahrheit gehört natürlich auch, dass wir das, was er da auf der Bühne veranstaltet, auch kritisieren dürfen. Wir dürfen sagen, wie erbärmlich wir das finden und auch, was wir von Leuten halten, die das tatsächlich witzig finden. Aber lasst es uns bitte in einem Ton sagen, der angemessen ist und lasst uns nicht sofort Auftrittsverbote einfordern, wenn uns die Gags nicht passen.