Ene, mene, muh - raus bist Du
Digitale Revolution: Telekom-Chef Höttges für bedingungsloses Grundeinkommen

Wir stehen vor einer digitalen Disruption, die den Arbeitsmarkt im Verwaltungs- und Dienstleistungsbereich komplett zerlegen wird. Bankangestellte, Steuerberater, Taxifahrer, Produktionsmitarbeiter, Einzelhandelsverkäufer und Versicherungsvertreter wird es in zehn, maximal in zwanzig Jahren nicht mehr geben. Doch weder unsere Gesellschaft noch unsere Steuer- und Sozialsysteme sind auf diese rasante Entwicklung vorbereitet. Wer wie Deutschland heute Reformen in anderen Ländern anmahnt, sollte schnellstens die Baustellen im eigenen Land angehen - sonst droht ein böses Erwachen.

Update, 29. Dezember 2015
Casi hat heute einen feinen Artikel geteilt, in welchem die in diesem Beitrag erwähnte Notwendigkeit einer konsequenten Gewinnbesteuerung von „Maschinen“ und digitalisierten Arbeitsabläufen sowie die Abkopplung der Sozialversicherungssysteme von der menschlichen Arbeit ebenfalls aufgegriffen wird.

Der Anlass: ein Interview mit Timotheus Höttges, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom. Der geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert mittelfristig eine Berücksichtigung gänzlich unkonventioneller Lösungen, bis hin zum bedingslosen Grundeinkommen.

Wir müssen unsere Gesellschaft absichern. Deswegen die Idee des Grundeinkommens. (…) Es könnte eine Lösung sein – nicht heute, nicht morgen, aber in einer Gesellschaft, die sich durch die Digitalisierung grundlegend verändert hat. Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender Deutsche Telekom

und weiter

Wenn Produktivität zukünftig vor allem an Maschinen und die Auswertung von Daten gekoppelt ist, könnte die Besteuerung stärker auf den darauf beruhenden Gewinnen aufbauen und weniger auf der Einkommensteuer des Einzelnen Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender Deutsche Telekom

Mehr dazu bei zeit.de

Original-Artikel vom 13. Juli 2015

Bankkaufmann, Steuerberater, Verkäufer, Versicherungsvertreter – Jobs, die es in 20 Jahren nicht mehr gibt

Ihr habt die Schule beendet, genießt jetzt die Sommerferien und im Spätsommer beginnt ihr eine Ausbildung oder ein Studium? Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt das Alles schon hinter euch, seid Ende zwanzig, Anfang dreißig und wollt jetzt richtig Gas geben? Viel Erfolg! Ihr seid Mitte vierzig, habt die letzten zwanzig oder dreißig glorreichen Jahre noch vor euch – und seid vielleicht schon Eltern der erstgenannten, die jetzt in den Beruf starten wollen?

Dann müssen wir jetzt miteinander reden. Es könnte nämlich sein, dass ihr alle ganz schnell eure bisherigen beruflichen Pläne überdenken solltet und nochmal kurz den dicken roten Reset-Button drücken müsst. Wir stehen nämlich ziemlich kurz vor einer Roboterisierungs- und Computerisierungs-Revolution, die in den nächsten zwanzig Jahren den gesamten Arbeitsmarkt auf Dauer verändern wird, mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen. Wenn wir jetzt nicht reagieren – im kleinen wie im großen Rahmen – dann gibt das ein ganz böses Erwachen . Nicht nur für die unmittelbar Betroffenen, sondern für jeden von uns. Die Lösungen liegen eigentlich auf der Hand, man müsste nur endlich mit der Umsetzung beginnen.

So, das erste Drittel der Leser ist ausgestiegen, als sie im vorherigen Absatz „zwanzig Jahre“ gelesen haben. Das klingt für Viele einfach wie Science Fiction, so weit weg, so unwichtig im Vergleich zu Problemen, die manch einer im Hier und Jetzt zu bewältigen hat. Aber zwanzig Jahre, das sind nur 1.040 Sonntage, 5 Legislaturperioden, fünf Jahre weniger als die Zeitspanne, die seit der Deutschen Wiedervereinigung verstrichen ist – und fast jeder von uns weiß, was seitdem alles passiert ist. Vor zwanzig Jahren wütete immer noch der Bosnienkrieg, die Pflegeversicherung wurde eingeführt, die EU einigt sich auf den Euro als gemeinsame Währung – merkt ihr, wie kurz zwanzig Jahre sind und welche Auswirkungen damalige Ereignisse und „damals“ getroffene Entscheidungen bis zum heutigen Tage haben? Vor zehn Jahren, 2005, waren „wir“ plötzlich Papst, George Bush wurde zum zweiten Mal US-Präsident, das Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) wurde eingeführt und CDU und SPD einigen sich auf eine Große Koalition.

Ihr braucht jetzt für den Rest des Beitrags ein bisschen eigene Phantasie. Ich werde nicht für alles ein passendes Beispiel finden und Vieles, was tatsächlich in 20 Jahren sein wird, kann ich mir auch gar nicht vorstellen. Mit anderen Worten: ich weiß nicht, ob wir tatsächlich zusammen mit menschenähnlichen Robotern über die Straße spazieren oder ob fahrerlose elektrobetriebene Taxen lautlos an uns vorbeigleiten – aber es ist zumindest nicht so unwahrscheinlich, wie es sich heute noch anhört. Und die wirklich wichtige Änderung, die uns alle betrifft, findet in einem ganz anderen Bereich statt: eurer eigenen Arbeit.

97 Prozent aller Bankangestellten verlieren Arbeistplatz

Ein Bankangestellter wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 97% in den nächsten 20 Jahren durch einen Computer bzw. Algorithmus ersetzt. Quelle: sueddeutsche.de

Ich hasse es, hier den Reiter der Apokalypse zu geben, aber in den nächsten zwanzig Jahren wird – statistisch gesehen, auf der Grundlage seriöser Prognosen – fast die Hälfte von euch ihren mehr oder weniger sicher geglaubten Arbeitsplatz verlieren. Und je nachdem, wie alt oder wie unflexibel ihr dann seid, werdet ihr keinen neuen Job bekommen. Wenn ihr heute die falsche Entscheidung trefft, steht ihr in spätestens zwanzig Jahren – mit Haus, Partner und heranwachsenden Kindern – vielleicht vor dem Nichts.

Euren Job werden Roboter und Algorithmen erledigen – und zwar in Berufen, die bisher noch ziemlich unbehelligt die bereits vollzogenen Veränderungen der letzten 20 Jahre überdauert haben. Alles, was sich zukünftig in irgendeiner Art automatisieren lässt, steht längst auf dem Prüfstand und viele sitzen schon auf einem Schleudersitz, ohne es zu ahnen.

Was wir bisher erlebt haben, ist in weiten Teilen „nur“ eine schrittweise und rückblickend relativ langsame und moderate Automatisierung von Produktionsprozessen. Jedes Kind weiß nach vier oder fünf Sendungen mit der Maus, dass die meisten Autos heute in hochmodernen Produktionshallen zu einem erheblichen Teil von Robotern gefertigt werden. Das führt oftmals – auch das ist den meisten Menschen heute klar – zu einem „Verlust“ von Arbeitsplätzen innerhalb der jeweiligen Branche.

Diese Umstellung auf automatisierte Produktionsabläufe ist ebenso ein elementarer Bestandteil bei der Verlagerung von Produktionsstätten in steuerlich oder logistisch attraktivere Regionen oder Länder. Wenn die Ausbildung und Qualifikation von Mitarbeitern vor Ort nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und der Roboter in Deutschland genauso „geschickt“ und ebenso „schlau“ wie der Roboter irgendwo anders auf der Welt ist – dann wird das Ding eben da hingesetzt, wo andere Faktoren den Ausschlag geben.

Was aber nun folgen wird, ist eine wesentlich schneller ablaufende, wesentlich radikalere und wesentlich umfangreichere Computerisierung des Dienstleistungsbereichs. Dieser Sektor wird seit den 70ern – also seit der fortschreitenden De-Industrialisierung – politisch und gesellschaftlich quasi als letztes „rettendes Auffangbecken“ für die Zahl der Arbeitsplätze betrachtet, die in ehemals sehr personalintensiven Industrien existierten. Zu diesem Dienstleistungsbereich zählen – mal mehr, mal weniger „nah“ – der gesamte Handel, Banken, Versicherungen, die Bereiche Transport, Lagerung und Logistik, aber auch öffentliche und private Verwaltungen.

Es betrifft Viele von uns: Anteil der Beschäftigung im wissensintensiven Dienstleistungsbereich an der Gesamtbeschäftigung
Es betrifft Viele von uns: Anteil der Beschäftigung im wissensintensiven Dienstleistungsbereich an der Gesamtbeschäftigung
Anzahl der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor
Anzahl der Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor

Noch immer gehen die meisten Menschen davon aus, das bisher existierende Jobs in dieser Dienstleistungsgesellschaft weitgehend „rationalisierungsresistent“ sind. Diese Denkweise basiert z.T. auf der Annahme, dass viele dieser Dienstleistungen eine nur von Menschen zu erbringende „Qualifikation“ und „Intelligenz“ erfordern. Besonders Menschen in beratenden Berufen schlussfolgern aus ihrer u.U. mehrjährigen Ausbildung, dass ihr Wissen – und somit ihr Wissensvorsprung gegenüber anderen Menschen – automatisch einen Schutz des Arbeitsplatzes mit sich bringt.

Solange man lediglich in Konkurrenz zu anderen Menschen auf diesem Planeten steht, trifft dies tatsächlich weitgehend zu. Nicht ohne Grund predigen Politiker landauf und landab, dass Deutschland mehr in die Bildung investieren müsse, um auch international im (Achtung, Buzzword) „Globalen Wettbewerb“ bestehen zu können.

Dieser Bildungs- und somit Wissensvorsprung löst sich aber in der Sekunde in Luft auf, in der jetzt noch beratungs- und somit arbeits- und zeitintensive Tätigkeiten standardisiert und dann zwangsläufig auch automatisiert werden. Den Faktor „Intelligenz“ übernehmen dann intelligent programmierte Algorithmen, die in Echtzeit – vermutlich aber sogar schon vorausschauend – die ehemals einem Menschen vorbehaltenen Schlussfolgerungen und Entscheidungsprozesse durchführen.

Kunden die diesen Artikel gekauft haben …

Jeder, der schon einmal etwas bei Amazon bestellt hat, kennt den Satz „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch …“. Dieser Satz ist mittlerweile ein Synonym für die Beratungstätigkeit eines Algorithmus. Schiebt jetzt schnell den Gedanken beiseite, dass die von Amazon vorgeschlagenen Produkte in vielen Fällen völlig irrelevant sind – Algorithmen wie der von Amazon werden in den kommenden Jahren qualitativ extrem gut werden.

Sie werden z.B. eine soziale Komponente enthalten, also berücksichtigen können, was eure ebenfalls bei Amazon angemeldeten „Freunde“ gekauft haben. Sie werden euer Alter und euer Geschlecht in die Berechnung einfließen lassen, oder euer von Amazon kalkuliertes Rest-Budget für Technik-Gadgets im laufenden Monat. Der Algorithmus wird wissen, dass euer vor vier Jahren gekaufter Flachbildfernseher langsam die Biege macht und dass eure Frau (die Dame mit dem gleichen Nachnamen unter der gleichen Adresse) in vier Wochen Geburtstag hat. Vermutlich wird der Algorithmus euch sogar einen ganz individuellen – besseren oder schlechteren – Preis anzeigen als anderen Menschen, basierend auf irgendeinem geheimen Scoring. Kurzum: dieser Algorithmus wird auf kurz oder lang all‘ das wissen, was vor 40 Jahren nur der Dorf-Friseur wusste – eine ganz spezielle Art von „Sozialer Intelligenz“.

Algorithmen ersetzen Arbeitsplaetze

Mit diesem Wissen wird dieser Algorithmus – so spooky das auch klingen mag – eine wesentlich bessere und individuellere Beratungsleistung erbringen als jeder Einzelhändler vor Ort. Der mag zwar „netter“ sein und ihr kennt ihn vielleicht schon aus Kindheitstagen, aber über kurz oder lang wird das bei der Kaufentscheidung keine Rolle mehr spielen. Nicht, wenn mehrere Faktoren zusammentreffen.

Di Ba Di Ba Du …

Das oben geschilderte Beispiel lässt sich mit ein wenig Phantasie auf jeden nur erdenklichen Bereich übertragen, in dem mehr oder weniger simple Entscheidungsprozesse durchgeführt werden. Schon heute dürften zwanzig, dreißig, fünfzig oder vielleicht sogar siebzig Prozent aller Geschäftsabläufe in einer Bank mehr oder weniger vollständig auf einem Algorithmus basieren. Entscheidungsspielräume für den „normalen“ Bank-Mitarbeiter außerhalb streng definierter Grenzen gibt es kaum noch – was dann wiederum den Bank-Mitarbeiter mittelfristig überflüssig macht. Transaktionsgeschäfte an internationalen Börsenplätzen, „Real-Time-Trading“ oder Risiko-Analysen – das alles basiert bereits heute zu einem erheblichen Teil auf Algorithmen, die nach rein mathematischen Regeln ablaufen. Wenn ihr da als Mittvierziger immer noch Michael Douglas als Gordon Gecko im Sinn habt – vergesst es, das ist ein Hollywood-Dinosaurier, mehr nicht.

Der Engineering Bottleneck

Was den Berufen im Dienstleistungsbereich momentan noch ein wenig Zeit verschafft ist der sogenannte Engineering Bottleneck. Dieser „Flaschenhals“ muss als Sinnbild für ein paar Probleme herhalten, vor denen die Programmierer von Algorithmen heute noch stehen. So benötigt man beispielsweise für „echte“ oder möglichst „menschliche“ Entscheidungen ein gewisses Mindestmaß an emotionaler Intelligenz. Sofern also – was noch nicht einmal immer gewollt ist – emotionale Faktoren wie z.B. die gesellschaftliche Verträglichkeit oder Akzeptanz in einer Entscheidung berücksichtigt werden sollen, dann muss das einem Algorithmus heute noch beigebracht werden. Dieses „Beibringen“ selbst ist ein weiteres Problem, denn eigentlich existiert längst die Zielvorgabe, dass ein Algorithmus (oder ein Roboter) wichtige Dinge selbst lernen soll, weitgehend ohne menschliche Hilfe, allein auf der Grundlage von Erfahrungen bzw. Wahrnehmungen.

Diesem Flaschenhals gegenüber steht das einigen Lesern vielleicht bekannte Mooresche Gesetz, das von einer Kapazitäts-und somit „Fähigkeits“-Verdopplung komplexer Rechenoperationen alle 1 bis 2 Jahre ausgeht – also 10 bis 20 Verdopplungen, basierend auf der jeweils letzten Verdopplung, in den nächsten 20 Jahren.

Der Stand der Dinge

Uns mag es vielleicht so vorkommen, als sei dieser „technologische Flaschenhals“ noch für lange Zeit sehr, sehr eng, aber dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil: momentan entwickeln sich parallel zueinander mehrere signifikante Bereiche, die schon sehr bald einen großen Teil des Arbeitsmarkts im Dienstleistungsbereich sprichwörtlich wegfegen werden. „Big Data“ ist ein Schlagwort, das in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, also die Kapazität und Fähigkeit, große und komplexe Datenbestände zu erfassen, zu speichern, zu filtern, zu visualisieren und zu transferieren – in einer adäquaten Geschwindigkeit.

Der Einzelhandel beschäftigt knapp drei Millionen Mitarbeiter und stellt damit in Deutschland jeden zwölften Arbeitsplatz zur Verfügung. Drei Viertel der Mitarbeiter sind Frauen. www.einzelhandel.de

Wer sich die o.g. Bereiche Banken, Versicherungen oder Handel in Erinnerung ruft kann sich vielleicht vorstellen, welche komplexen Datenmengen hier täglich anfallen. Wenn ein Computer-Algorithmus in der Lage ist, diese Datenmengen zentral, schnell und effizient zu verarbeiten und daraus täglich optimierte Entscheidungen abzuleiten, dann hat das extreme Auswirkungen.

Stellt euch z.B. vor, dass der komplette Bestellprozess aller örtlichen Supermärkte zukünftig nicht mehr von den jeweiligen Filialleitern, sondern nur noch von einem vernetzten Computersystem abgewickelt wird. Oder dass Kassensysteme vollautomatisiert den Inhalt eures Einkaufswagens scannen und sich nach dem Bezahlen per NFC-Chip eine Schleuse zum Verlassen des Supermarkts öffnet. Stellt euch vielleicht einfach einen Supermarkt ohne Mitarbeiter vor. Oder denkt euch den Supermarkt gleich ganz weg, denn vielleicht liefern euch lastentaugliche Quadrokopter, selbstfahrende Elektro-Autos oder aber Roboter-Mulis wie das im Video gezeigte Vieh von Boston Dynamics eure Tagesration an Kalorien und Knabbereien direkt nach Hause.

So ein Teil könnte in 10 oder 20 Jahren weniger kosten als ein Moped, etwas aufgehübscht neben euch an der Ampel stehen und Essen oder Päckchen ausliefern

Ähnlich große und komplexe Datenmengen wie im Handel fallen bei Banken und Versicherungen an. Diese Daten und die damit in Verbindung stehenden Arbeitsabläufe und administrativen Aufgaben werden heute noch zu einem erheblichen Teil von Mitarbeitern in tausenden von Bank-Filialen und Versicherungsbüros erledigt. Allein die Deutsche Bank besitzt fast 3.000 Geschäftsstellen und beschäftigt dort fast 100.000 Mitarbeiter. Wenn die aktuellen Prognosen stimmen, dann werden 97% der „normalen“ Bankangestellten in diesen Filialen in zwanzig Jahren ihren Job an einen Computeralgorithmus verloren haben – sechzig-, siebzig-, achtzigtausend Menschen, allein in Deutschland, bei nur einer einzigen Bank.

Bereits seit 2004 nimmt die Zahl der inländischen Bankfilialen kontinuierlich ab, von 47.835 auf 38.225 im Jahr 2013. Das entspricht einem Rückgang von 20%, in nur neun Jahren – und ohne die o. skizierten tiefgreifenden Änderungen, die jetzt erst noch folgen werden. Unterdessen liegt der Anteil der Online-Banking-Nutzer mittlerweile bei (immer noch erst) circa 54%. Das entspricht im gleichen Zeitraum, vice versa, einer Zunahme von 20%. In der Altersgruppe der heute 30- bis 39-jährigen steigt der Anteil schon sprunghaft auf derzeit 78% an.

Eine logische Schlussfolgerung ist, dass heute 60- oder 70-jährige noch regelmäßig Filialen besuchen, dies aber als 80- oder 90-Jährige nicht mehr tun werden. Die heute 30- bis 39-jährigen bleiben jedoch beim Online-Banking, der Anteil steigt damit insgesamt und dementsprechend werden Filialen geschlossen, weil sie einfach überflüssig werden. Hinzu kommt selbstverständlich die zunehmende Vernetzung der Banken untereinander, auch international und auch in bisher nicht vernetzten Geschäftsbereichen.

statistic_id3942_umfrage-zur-nutzung-von-online-banking-in-deutschland-bis-2014

Dieses letzte Beispiel macht deutlich, dass hier gerade mehrere Entwicklungen parallel ablaufen: ein demografischer Wandel, zusammen mit einer extrem schnell fortschreitenden digitalen Entwicklung, getoppt von einem gewinnorientierten Unternehmen, das selbstverständlich Kosten minimieren möchte – das sind die explosiven Mischungen, die am Ende immer – wirklich immer – auf den Arbeitsmarkt durchschlagen. Historisch betrachtet gab es ein vergleichbares Zusammentreffen mehrerer Faktoren bereits früher, z.B. im Zuge der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert.

Die gesellschaftliche Dimension

Wir tendieren als Menschen irgendwie dazu, solche Entwicklungen zu ignorieren oder darauf zu warten, dass irgendjemand – z.B. „die Politik“ – schon einen Plan in der Schublade hat, der uns alle „retten“ wird. 20 Jahre, 5 Legislaturperioden. Zudem gehen wir in einer dem Menschen eigenen Hybris davon aus, dass es zuallererst „die anderen“ treffen wird, bevor es uns erwischt. Hierzulande wägen wir uns zudem in einer in diesem Zusammenhang relevanten sozialen Absicherung. Im Falle einer Arbeitslosigkeit soll – so zumindest die Theorie – ein Versicherungssystem greifen, das wenigstens übergangsweise eine Sicherung der bisherigen Existenz ermöglicht.

Das Problem ist, dass nun ein weiterer Faktor ins Spiel kommt. Unser gesamtes Sozialversicherungssystem und weite Teile unseres Steuersystems basieren auf dem Prinzip, dass ein erheblicher Teil der Abgaben an den Staat an den einzelnen Menschen, seinen Arbeitsplatz und sein Einkommen gekoppelt sind.

Wenn uns nun aber Roboter und Algorithmen in der Arbeitswelt ersetzen und tatsächlich branchenübergreifend hundertausende oder sogar Millionen von Arbeitsplätzen verschwinden – wer bezahlt dann in so einem System die Steuern, Rentenbeiträge und Sozialversicherungsabgaben?

statistic_id189922_umsatz-der-branche-wirtschaftspruefung-steuerberatung-und-buchfuehrung-bis-2011

Um auch hier ein möglichst praktisches Beispiel zu geben: In der Branche Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung und Buchführung wurden im Jahr 2011 in Deutschland 25,9 Milliarden Euro umgesetzt, siehe oben. Wenn nun – so lauten die Prognosen – 99% aller Steuerberater, 98% aller Angestellten in der Buchhaltung und 94% aller Wirtschaftsprüfer in den nächsten 20 Jahren ihre Arbeit in dieser Branche verlieren, ein gleichwertiger Umsatz aber weiterhin computerisiert erwirtschaftet wird, dann werden – nach der jetzigen Steuern- und Abgabenmethode – plötzlich mehrere Milliarden Euro an den Sozialsystemen „vorbei“ erwirtschaftet. Allein in diesem relativ kleinen Bereich.

Bleibt es bei dem jetzigen Renten-, Steuer- und Abgabensystem, ist die Antwort auf die Frage nach dem zukünftigen Zahlmeister recht simpel: der Rest, der seinen Arbeitsplatz behält, zahlt. Dies wiederum bedeutet, rein rechnerisch: höhere Abgaben für alle, weniger Netto vom Brutto. Und spätestens dann setzt erfahrungsgemäß eine volkswirtschaftliche Abwärtsspirale ein, die zum Verlust von Arbeitsplätzen in theoretisch gar nicht technologisch gefährdeten Bereichen führen könnte. Als Beispiel: wenn der Staat auf Grund sinkender Einnahmen Etats im Bildungsbereich oder bei der Polizei reduzieren muss, dann sind diese eigentlich eher sicheren Berufe ebenfalls in Gefahr.

Logisch wäre also, dass wir uns nicht nur individuell auf diese neue, unweigerlich kommende Revolution vorbereiten, sondern auch als Gesellschaft. Wenn uns also Roboter und Algorithmen in der Arbeitswelt ersetzen, dann müssen diese Roboter und Algorithmen – statt bisher sogar steuerlich „absetzbar“ zu sein – ganz im Gegenteil zukünftig eben Steuern und Abgaben an die Gesellschaft zahlen. Wir müss(t)en es als Gesellschaft bis zu einem kritischen Wendepunkt in ziemlich naher Zukunft schaffen, das gesamte – oder wenigstens einen erheblichen Teil des Steuer- und Abgabensystem vom Einkommen, vielleicht sogar von der Arbeitstätigkeit des einzelnen Menschen abzukoppeln. Frank Rieger vom CCC hat diese Theorie einer dann stattdessen fälligen „Robotersteuer“ bereits 2012 formuliert. Geschehen ist seitdem nichts, fast eine Legislaturperiode, tatenlos verstrichen.

Ein weiterer notwendiger Schritt wäre, dass wir eine konsequente Besteuerung aller Gewinne am Ort der Transaktion überdenken, z.B. über eine signifikant höhere Umsatzsteuer. Wenn eine Dienstleistung „in Deutschland“ erbracht wird, dann muss sie auch hierzulande – oder meinetwegen bis dahin auf europäischer Ebene – versteuert werden. Denn die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung wird in vielen Bereichen mehr oder weniger zwangsläufig dazu führen, dass Deutschland zwar als Absatzmarkt immer noch interessant bleibt, ein rein digital dienstleistendes Unternehmen aber örtlich völlig ungebunden irgendwo auf der Welt sitzen kann und dort – wenn überhaupt – seine Einnahmen versteuern wird.

Schaffen wir die o.e. Abkopplung des Steuersystems von der menschlichen Arbeit und den Zugriff auf digital erwirtschaftete Gewinne nicht und reiten stattdessen weiterhin nur auf unserer Der-Wirtschaft-geht-es-gut-wie-nie-Welle, dann könnten wir selbst hierzulande am eigenen Leib genau das erleben, was wir gerade mit – wahlweise – Entsetzen, Mitgefühl, Solidarität, Kopfschütteln, Häme oder Arroganz in Griechenland beobachten.

Einen Staat, der notwendige steuerliche und soziale Reformen versäumt hat, und einen stetig wachsenden Teil der Bevölkerung und Wirtschaft, der nichts mehr in die Steuer- und Sozialversicherungssysteme einzahlt. Die Ursachen und Gründe für Beides mögen unterschiedlich sein, der Effekt ist der Gleiche. Wenn wir schon wie heute mit erhobenem Zeigefinger auf andere Länder zeigen und aus einer noch relativ komfortablen Situation heraus dortige Reformen anmahnen, dann sollten wir dringend aufpassen, dass wir die hierzulande ebenfalls notwendigen Reformen nicht versäumen. Frei nach dem Motto: „Wenn Du mit dem Finger auf andere zeigst, zeigen immer drei Finger auf Dich selbst.“

So … welchen Beruf habt ihr denn, was möchtet ihr mal werden? Oder seid ihr euch jetzt gar nicht mehr so sicher? Gibt es einen Plan B?

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