Vinyl-Schallplatte auf Plattenspieler

Digitale Musik: Streaming hängt Downloads ab

Neue Zahlen der RIAA belegen, dass Musik-Streaming erstmals mehr Geld in die Kassen der US-Industrie gespült hat als Musik-Downloads. Wieso die Musikindustrie trotzdem wenig begeistert ist und welches Medium für die Labels überraschend mehr Geld einspielt als YouTube, erfahrt ihr im Artikel - eine Bestandsaufnahme der digitalen Musik.

Die Recording Industry Association of America, kurz RIAA, vertritt in den USA die Interessen der Musikindustrie. Wenn sie neue Zahlen veröffentlicht hat in den letzten Jahren, dann erinnerte das ganze mehr an die Bibel, genauer gesagt an das Buch Hiob, denn zumeist waren die Meldungen gelinde gesagt wenig erfreulich.

Wie viele andere Branchen musste auch die Musikindustrie erst lernen, wie man in diesen Zeiten überleben kann, in denen das Internet viele von den Geschäftsmodellen pulverisiert, die jahrzehntelang für volle Taschen gesorgt haben. Gerade auf dem Musiksektor war das ein harter und zäher Prozess, an dessen vorläufigem Ende aber ein florierender Handel mit Musik-Downloads und natürlich auch das Musik Streaming stehen.

Und damit kommen wir auch direkt zu den Zahlen, die die RIAA jetzt für den US-Markt rausgehauen hat und die auf den ersten Blick so aussehen, als könnten die Label-Bosse eigentlich die Sektkorken knallen lassen: Immerhin kann man Umsätze in Höhe von 7 Milliarden Dollar vorweisen, was einen leichten Anstieg um 0,9 Prozent bedeutet. Das ist vielleicht nicht viel, aber in einer Branche, die auch schon rückläufige Entwicklungen durchmachen musste, ist das definitiv ein Schritt in die richtige Richtung. Zudem werden in den USA mehr als zwei Drittel der Umsätze im Musikgeschäft – genauer gesagt sind es 71,2 Prozent – mittlerweile digital erwirtschaft. Soll heißen, das meiste Geld kommt tatsächlich heutzutage über Downloads und Streaming-Lizenzen rein und nur noch 28,8 Prozent über physische Tonträger.

Streaming hängt Downloads ab

Damit hätten wir jetzt eigentlich schon sowas wie ein Happy End: Digitaler Wandel abgeschlossen, Bruchlandung einer ganzen Branche vermieden. So einfach ist es aber natürlich nicht und dazu lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wie sich diese 70 Prozent zusammensetzen:

Tortendiagramm: So teilt sich der US-Musikmarkt auf

Wie ihr sehen könnt, erzielt der Bereich Streaming 34,3 Prozent der Umsätze auf dem US-Markt. Damit haben wir hier gleich zwei Premieren zu verzeichnen: Erstmals werden mit Streaming mehr Erlöse erzielt als mit Downloads und von den insgesamt 2,4 Milliarden Dollar Streaming-Einnahmen wurden erstmals über eine Milliarde Dollar über die Subscription-Services wie Apple Music und Spotify eingespielt.

RIAA Streaming-Zahlen für die USA

Auf der nächsten Grafik oben seht ihr, wie sich die 2,4 Milliarden Einnahmen beim Streaming zusammensetzen: 1,2 Milliarden etwa entfallen auf die Paid-Subscription-Dienste, also das Spotify-Abo, Tidal, Apple Music usw. 803 Millionen sind es bei den SoundExchange Distributions – unter diesem Punkt fasst die RIAA Internet-Radio generell und auch Radio-Dienste wie Pandora zusammen. Übrig bleiben 385 Millionen und die kommen rein über On-Demand Ad-Supported-Plattformen – also kostenlose Streaming-Plattformen wie das werbegestützte Spotify und vor allem YouTube.

Vinyl > YouTube

…und damit nähern wir uns nun dem Kern des Problems: Wie oben geschrieben, kommen über YouTube und Co auf dem US-Markt lediglich 385 Millionen Dollar in die Kasse. Das ist ein Haufen Kohle, klar – aber angesichts von vielen Milliarden gestreamten Songs ein höchst überschaubarer Wert. Das Dilemma wird deutlich auf dem nächsten Bild, welches den „Value Grab“ zeigt:

Ad-Supported Streams - die Schere zwischen Umsatz und Streams wird größer

Darauf können wir erkennen, dass die Zahl der gestreamten Songs binnen eines Jahres deutlich anziehen, der Umsatz diese Entwicklung aber nicht mal im Ansatz mitmacht. Der Buhmann in diesem Fall ist für die RIAA vor allem YouTube. Zwar bietet auch Spotify kostenlos Musik an und spielt dazwischen dann Werbung ein, aber eine Konversions-Rate von 25 Prozent bedeutet, dass jeder vierte Nutzer des kostenlosen Spotify früher oder später zu einem zahlenden Kunden wird – und da wird eben richtig Geld verdient.

YouTube (und die anderen Ad-Supported Streams) hingegen kann mit Hunderten Milliarden von gestreamten Songs nicht einmal mit den Vinyl-Umsätzen mithalten – 17 Millionen verkaufte Langspielplatten bedeuten einen Umsatz von 416 Millionen Dollar in den USA:

Umsatzentwicklung: Vinyl vs Ad-Supported Stream

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Das bedeutet auf der einen Seite, dass das gute, alte Vinyl seinen unglaublichen Siegeszug der letzten Jahre fortsetzen kann, die gestreamte Musik mit Werbeunterstützung hingegen der kompletten Industrie nachvollziehbar ein mächtiger Dorn im Auge ist.

Ganz nebenbei: Vinyl hängt übrigens nicht nur die oben genannten kostenlosen Streams ab, sondern tritt auch der CD mächtig in den Hintern – aktuell ist die Vinyl-Schallplatte der letzte verbliebene physische Tonträger, der überhaupt noch Zuwachsraten zu verzeichnen hat. Zum Thema Vinyl gibt es übrigens in der ZDF-Mediathek eine feine Doku, die ihr aktuell hier sehen könnt.

Wie geht es weiter?

Trotz steigender Umsätze und dem Erfolg von digitaler Musik gehen der Industrie Jahr für Jahr Millionen-Summen durch die Lappen und es steht zu befürchten, dass sich diese Entwicklung auch im Jahr 2016 fortsetzen wird. YouTube Red dürfte ein Schritt in die richtige Richtung sein und generell wird auch das Streaming auf Subscription-Basis nochmal zulegen können, das zeichnet sich bereits ab. Nichtsdestotrotz ist der Markt in einer ziemlichen Schieflage, bei der wir bislang nicht einmal berücksichtigt haben, dass auch die Ausschüttungen von Spotify und ähnlichen Diensten noch diskussionswürdig ist und nicht zuletzt auch noch geklärt werden sollte, wie viel – oder wenig – von dem ausgeschütteten Geld auch tatsächlich beim Künstler ankommt und nicht unterwegs verdunstet.

Ich schaue bei Artikeln zum Thema Musik gern zurück in die Vergangenheit und lasse die damaligen Entwicklungen noch einmal Revue passieren. Sieht man sich die Situation vor vielleicht zehn Jahren an und vergleicht sie mit heute, darf man der Industrie grundsätzlich schon gratulieren – Streaming und Downloads sind schon lange salonfähig und spielen eine Masse Geld ein. Fakt ist aber, dass wir noch lange nicht am Ziel der Reise sind und diese Transformation des Musikmarktes weiter anhält.

Es werden neue Bezahlungs-Modelle kommen, dessen bin ich mir sicher. Wie die aussehen werden und ob die dann für alle Seiten – Musikverlage, Musiker und Fans – gleich fair sein werden, bleibt abzuwarten. Daher möchte ich abschließen mit dem Fazit von Cary Sherman, seines Zeichens Chairman und CEO der RIAA. Der sieht nämlich sowohl die kommenden Aufgaben, aber auch eine strahlende Zukunft für die Musik und schreibt auf Medium:

I’m confident that music’s future is bright. The popularity of music is greater than ever. Like never before, it drives our culture and commerce. It is the throbbing heartbeat of social media and it is a must-have ingredient of any major technology platform. But reforms are necessary to level the playing field and ensure that the entire music community derives the full and fair value of our work. Cary Sherman, Chairman & CEO, RIAA

Quelle: RIAA via The Verge