Kommentar
Disruption ist geil. Ist es nicht!

Es ist eine philosophische Betrachtung, nach der in jeder Zerstörung auch der Zauber des Neuanfangs zu finden ist. Es ist auch die Geschichte vom Wirtschaftswachstum. Nach der Zerstörung beginnt eine neue Phase des Wachstums. Als Deutsche konnten wir nach dem zweiten Weltkrieg das Wirtschaftswunder erleben, den Grundstein heutigen Wohlstands, wer soll uns hinsichtlich Zerstörung und Wiederaufbau etwas vormachen? Ein Kommentar.
von Roland Panter am 23. Oktober 2017

Zugleich stehen wir in Europa den disruptiven Technologien und Geschäftsmodellen aus dem Silicon Valley recht hilflos, mit Händen in den Taschen und suchendem Blick gegenüber. Bei Wikipedia wird die Wirkung diese Art der Markteroberung wie folgt beschrieben: Eine disruptive Technologie (englisch to disrupt „unterbrechen“) ist eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt.

AirBnB hat vorgemacht wie es geht. Uber würde es auch gerne machen. Tatsächlich winkt ein großer Preis, denn es stehen große Gewinne und hohe Unternehmensbewertungen für die global operierenden Unternehmen in Aussicht. Entsprechend schillernd gestalten sich die Träume in manchen Startups. Eine Vision, der auch bei Investoren und Wirtschaftsförderern ein Funkeln in den Augen auslöst. Es gilt dem Valley eine deutsche oder zumindest europäische disruptive Geschäftsidee gegenüber zu stellen.

Konsens: Wir brauchen mehr Disruption

Disruption ist eine Methode, die auf drei wesentlichen Faktoren aufbaut: Zerstörung, Neuaufbau und Konzentration. Daran ist nichts Verwerfliches zu finden. Der Wandel gehört seit jeher zum Geschäftsleben. Geschäftsmodelle verändern sich. Manche sterben aus, andere haben eine glänzende Zukunft. So ergeht es uns auch mit der Digitalisierung. Die beschreibt schon heute viel weniger einen technologischen, denn einen kulturellen Wandel. Obwohl man das manchmal gar nicht so genau sagen kann. Wann hatten Sie das letzte Mal keinen Film in der Kamera? Diese technische Frage stellt heute fast niemand mehr. Kulturell hat sie die Anzahl der Fotografien aber erst mit digitalen Speichermedien explosionsartig vervielfacht.

Digitale Technologie ermöglicht große Vorteile bei Effizienz, Vernetzung und der Verfügbarkeit von Informationen. Wir können heute mit hohen Nutzungsanreizen und immer besseren Sensoren immer mehr Informationen sammeln und intelligent miteinander verknüpfen. Darum heißt es auch, Daten sind das Erdöl der Zukunft.

Automatisierung ist eines dieser Zauberworte, dass uns seit dem Beginn der Industrialisierung treibt – sie ist auch heute weiterhin von großer Bedeutung. Menschen werden durch Maschinen ersetzt, wo immer es geht. Es wird automatisiert, was sich automatisieren lässt. Maschinen sind schneller, präziser und können Prozesse ermüdungsfrei wiederholen. Uns fallen auf Anhieb viele Orte ein, an denen diese Art der Automatisierung längst der Standard ist. Mit der Digitalisierung kommen viele neue Disziplinen der Automatisierung dazu – beispielsweise lässt sich Sprache heute recht effektiv in maschinenlesbare Informationen verwandeln.

Daten konzentrieren und automatisiert verwerten

Mit der Digitalisierung greift der Prozess der Automatisierung stärker in Prozesse der Datenkommunikation ein. Big Data wird zu Smart Data indem unwichtige Informationen herausgefiltert werden. Algorithmen, die mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten, machen das heute. Wer es auf die Spitze treiben will nutzt außerdem künstliche Intelligenz, die selbstlernend herausfindet, wo in den Datenbergen die wertvollen Extrakte zu finden sind.

Nichts Anderes machen Facebook, Google und viele andere Unternehmen. Sie bringen uns dazu freiwillig Daten zu erfassen und diese dem Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Das Unternehmen wird so befähigt anhand dieser Daten Geld mit uns zu verdienen.

Es ist schon eine verrückte Welt, wenn Plattformen uns viel besser kennen, als unsere Lebenspartner es vielleicht tun. Das funktioniert, weil diese Services uns so präzise beobachten dürfen. So weiß Facebook wirklich viel über uns, auch dank der Nutzung von moderner Technologie, wie dem Smart Phone:

  • Welche Nachrichten und Informationen interessieren uns?
  • Mit wem kommunizieren wir und über was?
  • Welche Geisteshaltung liegt dem zugrunde?
  • Welche Leute kennen wir (gut/besser als wir sollten)?
  • Wo treffen wir diese Leute und wie lang?
  • Welche Interessensgleichheiten bestehen mit diesen Menschen?
  • Was bedeutet das vielleicht für andere Aktivitäten, für unser Berufsleben, unsere Hobbies und unser Privatleben?

Würden wir wirklich wollen, dass andere Menschen Einblick in all diese Informationen haben? Eine spannende Frage!

Die Idee der Disruption ist wettbewerbsfeindlich

Wow, fette Überschrift, aber der Typ hat sie wohl nicht alle. Disruption ist voll cool. IST SIE NICHT!

Warum nicht? Disruption bedroht grundsätzliche Werte freiheitlicher Gesellschaften. Im Valley ist man da nicht so kritisch. Auch nicht unbedingt bei den Valley-Touristen, die dort nach Glück und Inspiration für Geschäftsentwicklung und neue Ökosysteme suchen. Die Menschen schauen sich an, wie man Märkte zerstört, um ebenfalls Märkte zu zerstören. Rock’n’Roll. Wenn wir es nicht machen, dann machen DIE es! Es ist wie wilde Tiere im Zoo zu betrachten. Wir wissen nicht so genau, wie oft diese über die Freiheit nachdenken.

Aus politischer Sicht ist Disruption eine Kriegserklärung an die Märkte. Wir merken wie schwer sich beispielsweise Kanzlerin Merkel damit tut, diese neuen Spielregeln zu akzeptieren. Es widerstrebt ihr und es ist vielleicht auch nicht so schlecht, dass es so ist.

Wir haben in Deutschland eine Schlüsselindustrie mit über 800.000 direkten Beschäftigten, die steckt hart in der Krise. Rund ein Drittel aller Jobs in Deutschland haben irgendwie einen Bezug zur Automobilindustrie, sagt man. Damit wird deutlich, dass Disruption eine unmittelbare Verbindung zum Thema Arbeit hat. Eben nicht nur auf der Ebene von Automatisierung, die in deutschen Autofabriken schon immer vorangetrieben wird.

Es geht jetzt um neue Konzepte. Echte Digitalisierung würde vermutlich digitales Reisen bedeuten: Beamen. Wäre toll, ist aber noch geringfügig unmöglich. Aus diesem Grund wird das gesamte Konzept der Mobilität zum Ziel moderner Geschäftsmodelle. Daimler wandelt sich laut CEO Dieter Zetsche vom Automobilhersteller zum vernetzten Mobilitätsdienstleister. Das bedeutet, künftig möchte Daimler ebenfalls mit Daten sein Geschäft machen. Hierbei macht das Unternehmen etwas, dass ich selbst vor zwei Jahren genauso gepredigt habe, es kannibalisiert sein eigenes Geschäftsmodell, den Bau von Fahrzeugen, um zum neuen Geschäftsmodell zu kommen.

Daimler wird deshalb in Zukunft vermutlich weniger Fahrzeuge bauen. Die können dafür mehr, selbst fahren zum Beispiel. Natürlich samt intelligenter Stauvermeidung und mit einer Playlist meiner Lieblingsinhalte: Musik, Filme, Bücher. Alles skalierbar auf jedes beliebige Fahrzeug aus der Daimlerwelt. VW und BMW machen das genauso.

Wenn es weniger Fahrzeuge gibt verändern sich die Orte, der Bedarf an Verkehrsinfrastruktur. Wenn ich kein Auto mehr habe, weil ich bei Bedarf einfach eins rufe, dann brauche ich keine Garage mehr. Das hat Folgen für die beteiligten Branchen, vermutlich werden Garagentorhersteller darunter stark leiden. Auch dort wird ein Verdrängungswettbewerb einsetzen in dem nur die starken überleben. Die Folge: Weniger Auswahl und eine Zunahme an Uniformität.

Was kommt nach der Arbeit?

Algorithmen und Roboter als Arbeitsplatz-Killer

Diese Entwicklungen betreffen die Arbeit vieler Menschen. Zunächst all jene, die Autos, Garagen und Garagentore gefertigt haben und nun arbeitslos werden. Dem stehen die gegenüber die bei der Programmierung vernetzter Technologien neue Arbeitsplätze finden. Es entstehen zwei sich gegenläufig entwickelnde Arbeitsmärkte, einer der Verlierer, die in den Fabriken nicht mehr benötigt werden. Daneben ein Arbeitsmarkt der Gewinner, in dem sich Spezialisten an immer komplexeren Aufgaben verdingen. Davon benötigen wir aber vergleichsweise deutlich weniger und die müssen auch ganz andere Fähigkeiten besitzen.

Was macht man mit dieser Prognose? Bis zu 50% aller jetzt bekannten Jobs sind durch die Digitalisierung bedroht. Die neuen Berufe reichen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht aus, diese Verluste zu kompensieren. Wir haben also große Mengen an Opfern der Disruption. Taxifahrer, LKW-Fahrer und Chauffeure als beispielhafte Berufsgruppen, die ab dem selbstfahrenden Auto wirklich niemand mehr benötigt. Dazu viele, viele andere Menschen, die aus anderen Branchen in die Arbeitslosigkeit gespült werden. Wir können uns die politische Dimension solch einer Massenarbeitslosigkeit vorstellen. Durch politisch rechte Strömungen wird das Bild noch unsympathischer.

Wir brauchen also politische Rahmen, die all diesen Menschen eine Sinnstiftung ermöglicht und ihnen eine Daseinsberechtigung gibt. Das ist gar nicht so einfach. Arbeit und vergleichbare Lebensinhalte gehören zu unseren Grundbedürfnissen. Müßiggang erfreut uns nur eine Weile und das auch nur im Falle einer Wohlstandslösung. Zugleich tragen unwahrscheinlich viele Menschen eine Idee in sich, was genau sie mit ihrer Zeit anstellen könnten, wenn sie denn nicht arbeiten müssten (um ihren Lebensunterhalt zu verdienen).

Ich persönlich werfe an dieser Stelle gerne das Grundeinkommen in den Ring. Ein spannender Gedankenraum, der vielleicht Antworten auf diese Fragen anbietet. Zugleich verbieten sich viele Menschen diesen Gedankenraum zu betreten. Hier braucht es aus meiner Sicht eine viel offensivere Diskussion, die auch ein Scheitern des Konzepts beinhalten kann.

Freiheit und Privatsphäre

In die Diskussion zu Disruption gehören auch Freiheit und Privatsphäre. Schon heute wissen die allermeisten Menschen nicht mehr an welchen Stellen sie überall Daten erzeugen und was mit diesen Daten gemacht wird. Es sind ja nicht nur Facebook oder Google, die im großen Stil Daten von uns sammeln. Es sind auch Banken und Versicherungen oder sogenannte Scoringdienstleister, die unter Umständen darauf Einfluss darauf haben, wie gut es das Leben künftig mit uns meint. Das setzt sich fort bei der Idee, dass Nutzer eines teuren Smartphones beispielsweise mehr Geld für Leistungen bezahlen können als Nutzer eines billigen Gerätes. Dahinter steckt eine einleuchtende Logik. Wer ein teures Gerät besitzt, der hat mehr Geld und kann deshalb auch mehr bezahlen.

Spätestens bei den letztgenannten Beispielen beginnen wir unsere Sozialsysteme zu hacken – irgendwie auch nur ein anderes Wort für Disruption. Die Folgen dieser Entwicklungen sind heute nicht absehbar. Klar wird bei einer kritischen Betrachtung, dass wir damit die Spielregeln unserer Gesellschaft massiv verändern. Ich persönlich habe Zweifel, ob es nur gute Veränderungen sind. Die modernen Services, Apps und Angebote stiften gleichermaßen einen großen individuellen Nutzen. Genau der ist aber politisch noch auszubalancieren und die Freiheit des Marktes immer wieder sorgsam gegen die Freiheit der Gesellschaft zu spiegeln.

Disruption steht für Konzentration und Monopolisierung

Wir erleben heute bereits, dass die Marktmacht der Unternehmen mit disruptiven Geschäftsmodellen gravierende Nebenwirkungen hat. Sei es, dass Städte die AirBnB-Wohnungen verbieten, weil damit der lokale Mietspiegel ins unermessliche steigt. Oder sei es, das Branchen in denen bislang gute Gehälter gezahlt werden plötzlich vor dem Aus stehen, weil sie einfach überflüssig wurden. So haben Verkehrspolizisten mit der Einführung der elektrischen Ampel auch einen Teil ihrer Bedeutung eingebüßt.

Wir werden diese Entwicklungen nicht mehr aufhalten können. Allerdings können wir die Rahmenbedingungen politisch beeinflussen. Das sollten wir möglichst auf einem globalen Level tun, um zu verhindern, dass die Länder sich gegenseitig ausspielen.

Wir müssen dafür sorgen, dass Steuern dort entrichtet werden, wo die Umsätze erwirtschaftet werden. Wir sollten zugleich dafür sorgen, dass die Allgemeinkosten von jenen mitgetragen werden, die unter Ausnutzung bestehender öffentlicher Infrastrukturen ihre Gewinne einfahren. Spätestens an dieser Stelle verliert diese starke Konzentration ein wenig ihren Reiz für globale Anbieter.

Wenn sich beispielsweise Lagerhaltung immer stärker auf die Straße konzentriert, dann müssen diese rollenden Lager auch in die Kosten dieser Infrastruktur einzahlen. Wenn wir Städte veröden und Gewerbesteuereinnahmen wegbrechen, dann brauchen wir ausgleichende Zahlungsströme von den internationalen Unternehmen, die hier jetzt online ihr Geschäft machen.

Wir brauchen aber auch eine Handhabe im Umgang mit Unternehmen, die mit vermeintlich sensationellen Innovationen unsere Lebensbedingungen zerstören. Wenn beispielsweise die Gewinnabsichten der Agro-Konzerne unsere Natur disruptieren und offenbar einen massiven Rückgang der Artenvielfalt auslösen. Diese Allgemeinkosten sind eben nicht zu verallgemeinern. Vielmehr sollten wir uns überlegen, wie wir die bewusst konzentrierten Gewinne dieser Unternehmen eben auch für die lokalen und regionalen Nebenwirkungen in die Verantwortung nehmen.

Disruptive Geschäftsmodelle erfordern Regulierung

Das war bis hierher ein ziemlicher Ritt durch verschiedene Faktoren disruptiver Geschäftsmodelle. Es zeichnet sich aber ab, eine wesentliche Aufgabe im Rahmen der Digitalisierung ist die gesellschaftsorientierte Regulierung. Im politischen Deutschland verspüren wir trotz einer digital eher sehr zaghaften Kanzlerin in den vergangenen Jahren eine wirtschaftsorientierte Politik. Diese sollte sich nun wieder stärker um die Belange der Bevölkerung kümmern. Dazu braucht es:

 

  • 1. Steuergerechtigkeit: Die Besteuerung von Umsätzen und Gewinnen am Ort des „Deals“. Dazu zählt in meinen Augen auch die steuerliche Berücksichtigung der Allgemeinkosten auf die jeweiligen Geschäftsmodelle. Das inkludiert den Klimaschutz.
  • 2. Postarbeitsgesellschaft: Einführen kultureller Veränderungen hinsichtlich der Akzeptanz, dass nur noch ein Teil der Bevölkerung rein von der eigenen Arbeitsleistung leben können wird. Daneben sind Flexibilisierung und Individualisierung von Arbeitsmodellen sicher Themen der Zukunft, hier können sich Gewerkschaften interessanten Perspektiven aufbauen, allerdings jenseits des Arbeitskampfes nach Schema F.
  • 3. Bürgerschutz: Wie stellen wir als Staat sicher, dass die Daten eines Bürgers nicht gegen ihn verwendet werden können. Hierfür braucht es nachhaltige Ansätze, die insbesondere den Datenschutz stärken. Stoßrichtung sollte sein Privacy by design. Hierbei geht es um den Schutz von Freiheit und Privatheit.
  • 4. Globale Gesetzgebung: Staaten müssen sich auf globale Rahmengesetzgebungen einigen. Das ist mit Sicherheit ein Mammutprojekt, dem die Wirtschaft gerade enteilt, indem sie einfach Fakten schafft. Staatliche Übergriffigkeit, wie sie im NSA-Spähskandal aufgedeckt wurde sollte in die Geschichtsbücher verdammt werden.
  • 5. Organisation von Macht: Streng zyklische Machtbestimmungen erscheinen mir in Zeiten emotional geprägter Wahlen und katastrophaler Fehlbesetzungen relevanter Machtpositionen hinterfragungswürdig. Wie kann man repräsentative Demokratie und direkte Demokratie in Einklang bringen? Wie ist die dazu notwendige Wissensvermittlung abzubilden?

 

Wir alle – Zivilgesellschaft, Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft – sind gefragt die richtige Entwicklung für die jeweiligen Gesellschaften in den Ländern dieser Welt zu finden. Ich setze mich aus diesem Grund dafür ein eine zukunftsoptimistische, ermöglichende und zugleich folgenabschätzende Diskussion darüber zu führen, ob und wie weit wir unser Leben in die Verantwortung von disruptiven Marktmonopolen legen wollen.