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Warum „Don’t feed the troll“ völliger Bullshit ist

Trolle und Hater sind der Tod jeder Community. Mit Binsenweisheiten wie "Don't feed the troll!" lässt sich das Problem nicht mehr lösen, ganz im Gegenteil.

Auch im noch vergleichsweise jungen Internet gibt es Binsenweisheiten, die sich bereits wie die Laus im Pelz im Bewusstsein vieler Nutzer festgesetzt haben. Sie werden immer dann hervorgeholt, wenn man nicht mehr weiter weiß, wenn es offenbar keine wirklich funktionierende Lösung für ein Problem gibt, wenn man sich aus unterschiedlichen Gründen gar nicht mit etwas oder jemandem auseinandersetzen will oder wenn man den Eindruck erwecken will, man selbst sei unglaublich erfahren und gewandt im Umgang mit dem Medium.

Eine dieser Binsenweisheiten ist z.B. „If you’re not paying for the product, you are the product.“ – sehr beliebt bei allen Datenschützern oder Kritikern von kostenlosen Internetdiensten aller Art. Völliger Bullshit, hält sich aber hartnäckig. Eine andere, mindestens ebenso verbreitete Binsenweisheit lautet

„Don’t feed the troll (DNFTT)“.

Bullshit.

Es mag durchaus Zeiten gegeben haben, in denen diese Verhaltensregel einen Sinn hatte. Denken wir uns ein paar Jahre zurück: damals bestand das Internet hauptsächlich aus mehr oder weniger statischen Internetseiten, auf denen es nur in ganz wenigen Fällen eine Kommentarfunktion gab. An Soziale Medien wie Facebook, Twitter oder Google+ war nicht zu denken. Facebook wurde 2004 gegründet, YouTube 2005. Die einzige Möglichkeiten, einer mehr oder weniger großen Öffentlichkeit seine „Meinung“ mitzuteilen waren … richtig: Foren und Boards, in einem meist thematisch sehr begrenzten Rahmen (das Usenet und Mailinglisten überspringen wir jetzt mal, weil es sich dabei genaugenommen nicht um Teile des WWW handelt).

Die heutzutage existierenden Kommentar-Möglichkeiten sind damit nicht mehr vergleichbar. Fast jedes größere und kleinere Online-Medium bietet seinen Lesern die Möglichkeit, zu jedem nur erdenklichen Thema einen Kommentar zu hinterlassen. Facebook und andere Soziale Plattformen potenzieren diese Gelegenheiten ins Unermessliche. Das Netz ist zum feuchten Traum für alle gelangweilten, nach Aufmerksamkeit suchenden und gelegentlich mit sadistisch-psychopathischen Charaktereigenschaften behafteten Menschen geworden, die ihren Rotz ohne jede Konsequenz verbreiten wollen.

Viele ehemals als „Trolle“ klassifizierten Gesellen sind längst zu „Hatern“ geworden, die ohne Rücksicht auf Anstand oder Moral wild um sich schlagen. Das bevorzugte Ziel der Attacken sind Minderheiten, Frauen, potentiell gesellschaftlich akzeptierte Feindbilder. Dicke, Arbeitslose, Hundebesitzer, Raucher, Veganer, geistig oder körperlich Behinderte, Politiker, Autofahrer, Fahrradfahrer, sogar Kinder – völlig egal.

Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. (Matthäus 5,39 Bergpredigt)

Hinter „Don’t feed the troll“ verbirgt sich die Annahme bzw. Hoffnung, dass ein typischer Troll bei ausbleibender Reaktion das Interesse an seinem ursprünglichen Ziel oder Opfer verliert. Bekommen er (oder gelegentlich auch sie) nicht die erhoffte Aufmerksamkeit, werden sie gelangweilt weiterziehen und sich anderswo austoben – so die These. Für den Betreiber einer Internetseite und die normalen Kommentatoren ist die Sache damit erledigt – aus den Augen, aus dem Sinn.

Das erste Problem an der Fütter-Regel für Trolle ist, dass diese Regel automatisch die Schuldfrage umkehrt. „Don’t feed the troll“ impliziert wie viele andere vermeintlich allgemeingültige Regeln, dass man selbst etwas falsch macht, wenn man gegen diese anscheinend logische und offenbar allgemein akzeptierte Regel verstößt. Das ursprünglich falsche Verhalten des Trolls, die gezielte Provokation anderer, das Schüren von Zwietracht, das Verbreiten von Unwahrheiten – all‘ das rückt in den Hintergrund. Den Fehler hat plötzlich derjenige begangen, der sich provozieren ließ.

Diese Regel und die daraus resultierende Umkehr der Schuldfrage ist ein Paradebeispiel für das, was wir in anderen Lebensbereichen als z.B. mangelnde Zivilcourage wahrnehmen. Wer in der U-Bahn zusammengeschlagen wird, weil er einem Fremden bei einem Übergriff beistehen wollte, sieht sich nicht selten mit der Frage konfrontiert, warum er „sich denn da eingemischt hat“. Wer auf dem nächtlichen Weg nach Hause um seine Portemonnaie und sein Smartphone erleichtert wird muss sich plötzlich dafür rechtfertigen, warum er zu dieser Uhrzeit ausgerechnet diesen Weg genommen hat. Greift Dir als Frau jemand unter den Rock, ist der Rock ganz offensichtlich zu kurz. Und überhaupt, warum benutzt Du im Internet Deinen echten Namen? Und wieso mögen Dich die anderen Kinder in der Schule eigentlich nicht?

„Don’t feed the troll“ bedeutet also nur, dass derjenige, der einem Troll etwas entgegensetzt, für das weitere Verhalten des Trolls verantwortlich ist.

Das zweite Problem an dieser Binsenweisheit ist, dass Trolle heutzutage längst nicht nur Aufmerksamkeit suchen oder Zwietracht säen wollen. Vielmehr sucht ein erheblicher Teil der Spezies nach Bestätigung. Im Idealfall erhalten Trolle diese, wenn ein besonders provokanter Kommentar möglichst viel wortlose Zustimmung erhält, gerne in Form von „Likes“ bei Facebook, Herzchen bei Twitter oder Upvotes in den Kommentarsystemen. Professionelle Trolle vom Schlage eines Uwe Ostertag wählen deshalb für ihre Attacken zwar sehr gerne sehr provozierende Sätze und Thesen, die eigentlich Widerspruch hervorrufen sollten. Da der Troll aber eigentlich nur (besonders drastisch) das niederschreibt, was viele andere insgeheim denken, glüht der Like-Button.

Besonders gut funktioniert das überraschenderweise auch, wenn man statt plumper Provokation seinem Schwachsinn einen pseudo-intellektuellen, pseudo-wissenschaftlichen, pseudo-aufklärerischen, pseudo-protestierenden Touch verleiht. Richtig „gute“ Trolle sind in der Lage, den abstrusesten Theorien durch völlig nichtssagendes Geschwurbel, herbei fabuliertes Zahlen- und Bildmaterial, den Griff in die Mottenkiste der Menschheitsgeschichte u.ä. Taktiken einen seriösen Anstrich zu geben. Die Königsklasse des Trollens im Jahr 2016 ist, wenn man sich zum selbsternannten Sprachrohr „Vieler“ erhebt, basierend auf einer meist nur vorgegebenen Qualifikation. Und wenn gar nichts mehr hilft, kann man immer noch die ultimative Joker-Karte ziehen.

Wenn ich einen Vogel sehe, der wie eine Ente geht und wie eine Ente schwimmt und wie eine Ente quakt, nenne ich diesen Vogel eine Ente. James Whitcomb Riley (1849–1916)

Halten sich nun andere Kommentatoren an die Prämisse „Don’t feed the troll!“ gibt es niemanden, der diesem geistigen Dünnpfiff etwas entgegensetzt. Mit jedem Like und jedem Upvote wächst nicht nur die individuelle Bestätigung und Befriedigung für den Troll. Dieser virtuelle Beifall führt vielmehr dazu, dass ein Schneeballeffekt einsetzt und andere, bisher unschlüssige Mitleser den Eindruck bekommen, dieser Kommentar sei allgemein akzeptiert und somit zwangsläufig wahr. Das wiederum führt dazu, dass auch zuvor eigentlich zurückhaltende Diskussionsteilnehmer zu Trittbrettfahrer werden und sich mit dem „Meinungsmacher“ oder der „Meinungsmehrheit“ solidarisieren.

Das dritte Problem an der „Don’t feed the troll“ Regel ist, dass ausgerechnet die Nutzer, die etwas Sinnvolles zu einer Diskussion beitragen könnten, im doppelten Sinne davon abgehalten werden. Auf der einen Seite sollen sie den Troll nicht füttern, eine unmittelbare Antwort auf seinen Kommentar ist also angeblich tabu. Auf der anderen Seite möchten viele Nutzer gar nicht an einer überwiegend trollverseuchten Diskussion teilnehmen, weil sie sich den damit zusammenhängenden Stress oder das damit einhergehende Diskussions-Niveau nicht antun wollen. Prangt also ein solcher Troll-Kommentar prominent und ohne Widerrede unter einem eigentlich diskussionswürdigen Artikel, bleiben ausgerechnet jene fern, die korrigierend eingreifen könnten.

Eine Alternative zu „Don’t feed the troll“

Sofern ihr euch und eurer Sache sicher seid, haltet dagegen, unbedingt. Kaum ein Troll oder Hater ist in der Lage, die simpelsten Fragen zu seiner vermeintlich wahren These auch nur ansatzweise logisch zu beantworten. Jedes unbeantwortete „Warum?“ unter einem Troll-Kommentar sorgt bei Dritten zumindest für Zweifel, ob das, was da wie in Stein gemeißelt verbreitet wird, wirklich richtig ist. Jedes scharfe „Ich finde Deinen Tonfall völlig unangemessen.“ lenkt einen Teil der ach so begehrten Aufmerksamkeit vom Troll auf euch und zeigt im Idealfall einer vom Troll attackierten Person oder Gruppe, dass sie nicht alleine ist. Schlagt die Trolle und Hater mit ihren eigenen Waffen und legt euch meinetwegen einen separaten, anonymen Account an. Lasst euch nicht provozieren – aber räumt auch nicht ständig kampflos das Feld.

Falls ihr selbst ein Forum, ein Board, ein Blog oder einen Social Media Account betreut, sollten euch die unterschiedlichen Möglichkeiten bekannt sein. Schaltet euch sofern ihr die Zeit, die Nerven und/oder das Team dafür habt in die Diskussionen ein – oder blockt, rigoros und mit Mittelfinger. Überlasst auf gar keinen Fall den Trollen und Hatern das Feld, das ist tödlich für jede Community. Ermuntert jeden normalen Kommentator zur Widerrede und honoriert das, öffentlich.

Nichts ist schlimmer als eine schweigende Mehrheit. Auch im Netz.