Kommentare

E-Scooter: Haltet euch an die Regeln, verdammt!

Es gibt immer mehr Kritik an den E-Scootern und deren Fahrern. Es trifft mich, aber ich muss es dennoch sagen: Oft ist die Kritik berechtigt. Ein Kommentar.

von Carsten Drees am 22. Juli 2019

E-Scooter auf deutschen Straßen haben — bildlich gesprochen — einen weiten Weg hinter sich bringen müssen, bis es soweit war. Das zeigte sich im letzten Jahr sehr deutlich: Während die Dinger auf anderen europäischen Straßen bereits längst reglementiert zum Stadtbild gehörten, wurden hier von deutschen Politikern merkwürdige Regeln diskutiert, anstatt sich einfach in anderen Ländern anzuschauen, wie es funktioniert — und wie nicht.

In der Folge waren es Fußgänger- und Radfahrer-Verbände, die gegen die E-Scooter auf die Barrikaden gingen. Ja, ausgerechnet die. Bereits letzten Monat fragte ich danach, ob die E-Scooter bereits auf dem Weg zum Feindbild sind, nur um dann vor wenigen Tagen diesbezüglich traurig Vollzug melden zu müssen. Ich schrieb einen Kommentar mit der ironischen Forderung, die Teile sofort wieder zu verbieten.

So eine Forderung ist natürlich Quatsch, sollte aber im Grunde auch nur diese aufgehitzte Stimmung widerspiegeln, die derzeit herrscht, wenn es um das Thema Mikromobilität im Allgemeinen und E-Scoote rim Speziellen geht. Das Gewohnheitstier, welches augenscheinlich gerade dem durchschnittlichen Deutschen besonders gerne innewohnt, hat so seine Probleme mit den Rollern, die wahlweise gefährlich sind, dumm aussehen, im Weg rumstehen oder alles gleichzeitig.

Im verlinkten Artikel schreibe ich dazu auch, dass von vielen Seiten nachgebessert werden muss. Wir brauchen mehr Platz im Straßenverkehr für jedes Verkehrsmittel, das kein Auto ist. Wir brauchen pfiffigere Verleihsysteme, verfeinerte Regeln für den Gebrauch der Roller — und eben auch Fahrer, die sich an die Verkehrsregeln halten. Passiert all das, dann wird die Akzeptanz der Bürger in den Städten automatisch steigen.

Sascha Lobo hat sich des Themas auch vor wenigen Tagen angenommen und er nimmt dabei ganz bewusst das oben angesprochene “Gewohnheitstier” ins Visier. Viel zu oft sind hierzulande viel zu schnell viel zu viele Menschen gegen irgend etwas, ohne sich tatsächlich Kenntnis zur Sachlage zu verschaffen. Das macht mich je nach Thema mal wütend und mal desillusioniert. Sascha findet dafür wie so oft passende Worte und er zeigt auf, dass da gerade mal wieder ganz entschlossen am Kern es Problems vorbeidiskutiert wird, weil es ja immer so schön einfach ist, wenn alles so bleibt, wie wir es kennen. In seinem Spiegel-Kommentar schreibt er:

Es wird in Deutschland ernsthaft über die Gefährlichkeit von E-Scootern diskutiert unter kompletter Aussparung jenes Geräts, das die Gefahr wirklich verursacht – des Autos. Das ist ungefähr so, als würde man Menschen zwingen, Kreuzworträtsel im Tigerkäfig zu lösen, und wenn sie sterben, eine Diskussion über die Gefährlichkeit von Kreuzworträtseln anzetteln. Sascha Lobo

Ich möchte euch, falls ihr es nicht eh schon gelesen habt, seine Kolumne ausdrücklich ans Herz legen. Gleichzeitig möchte ich aber auch was dazu sagen, wieso sein Gleichnis mit dem Tigerkäfig zwar ein Problem treffend beschreibt, ein anderes aber außen vor lässt: Im Bild mit dem Kreuzworträtsel und dem Tiger geht Sascha davon aus, dass der Mensch im Käfig mit  besagtem Kreuzworträtsel ein ungefährliches Instrument in Händen hält. Hier hinkt der Vergleich. Ein E-Scooter-Fahrer schafft es mitunter auch, sich oder andere auch ohne Beteiligung von Autos zu verletzen. Der Rätselfreund hingegen dürfte einem ziemlich ungefährlichen Hobby nachgehen, solange er nicht in Raubtierkäfigen diesem Hobby frönt — oder alternativ mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung einer Großstadt.

Lieber E-Scooter-Fahrer: Das Problem bist (auch) Du!

Worauf ich hinaus will: Ja, mit Sicherheit ist es so, dass es weniger Unfälle (E-Scooter, Fahrrad, Fußgänger) gäbe, wenn wir weniger Autos in den Städten hätten. Die derzeitige Berichterstattung verzerrt derzeit ziemlich kolossal, wie gefährlich bzw ungefährlich E-Scooter tatsächlich sind. 2018 sind bei etwa 2,6 Millionen polizeilich erfassten Unfällen 3.275 Menschen ums Leben gekommen. Das sind ungefähr neun Menschenleben pro Tag! Allein auf dem Fahrrad starben dabei 445 Menschen — das macht ein bis zwei Fahrrad-Tote täglich.

Aber selbst, wenn die Summe der tatsächlichen E-Scooter-Unfälle dagegen vernichtend gering ist (selbst, wenn man es aufs Jahr hochrechnet), dann ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Karren von einer Vielzahl der E-Scooter-Fahrer einfach nicht richtig genutzt werden. Hier in Dortmund sehe ich mittlerweile auch oft Roller-Fahrer auf den Straßen. Noch öfter sehe ich sie ehrlich gesagt aber in der Fußgängerzone. Ich sehe Betrunkene damit fahren und ich sehe auch, dass sie kreuz und quer geparkt werden und dass mehrere Personen gleichzeitig auf dem Roller unterwegs sind.

Auch, wenn wir uns an die Regeln halten — fahren ab 14 Jahren, nur auf dem Radweg (falls nicht vorhanden, auf der Straße), nur nüchtern fahren — werden auch weiterhin Unfälle passieren. Das ist ebenso traurig wie unvermeidbar. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass die Zahl dieser Unfälle deutlich minimiert werden kann, wenn sich alle an das halten würden, was gesetzlich erlaubt ist.

Wir dürfen gar nicht erst dahin kommen, dass man beim Gedanken an E-Scooter automatisch an Stolperfallen auf dem Gehweg, an betrunkene Party-Raser und an umgefahrene Senioren auf dem Bürgersteig denken muss. Natürlich muss mehr Platz geschaffen werden für einspurige Fahrzeuge, egal ob Scooter oder Fahrrad. Aber bis es so weit ist, müssen wir uns eine andere Disziplin antrainieren. Wir dürfen die Dinger eben nur so nutzen, wie es vorgesehen ist, dürfen sie nicht wild auf den Bürgersteigen der Stadt abstellen oder -legen und ganz sicher sollte man sie auch nicht aus bloßem Vergnügen in nahe gelegene Flüsse oder Kanäle schmeißen.

Ich hab keine Ahnung, wie man das am besten erreichen kann. Vielleicht sind hier auch die Verleiher gefragt, die — vielleicht innerhalb der App — erst ein Tutorial absolvieren lassen, bevor tatsächlich gefahren werden kann. Wir selbst sollten zusehen, dass wir uns nicht sofort beim ersten Selbstversuch in den dichten Verkehr wagen, sondern stattdessen erst einmal eine Testrunde drehen, wo es ungefährlich ist — vielleicht auf einem Parkplatz oder ähnliches. Aber wenn wir fahren, dann eben so, wie es das Gesetz vorsieht:

  • Allein und nicht etwa zu zweit.
  • Nüchtern und nicht etwa knüppelvoll.
  • Auf der Straße/dem Radweg und nicht etwa auf Bürgersteigen und in Fußgängerzonen.

Eine schnelle Runde durch die Innenstadt klingt nach einem Kavaliersdelikt — aber nur so lange, bis man sich oder einem entgegenkommenden Menschen den Hals gebrochen hat. Wir dürfen wohl darauf hoffen, dass sich mit der Zeit bestimmte Dinge einspielen. So glaube ich, dass wir jetzt auf den E-Scootern auch nicht das typische Klientel sehen, für das diese Roller tatsächlich gedacht sind. Sie sind neu und werden daher erst mal von jedermann ausprobiert — ich wette, dass sich das binnen weniger Monate eingroovt auf ein normales Niveau.

Außerdem werden wir feststellen, dass sich die Regeln, aber auch die Innenstädte mit der Zeit verändern werden. Aber bis dahin können wir genau eine Sache tun, die nicht verhandelbar ist: Wir halten die Regeln ein und fahren auf den E-Scootern so, wie es vorgeschrieben ist. Das gilt natürlich für jeden anderen Verkehrsteilnehmer ebenso, aber speziell bei den kleinen E-Flitzern habe ich das Gefühl, dass man das aktuell besonders betonen müsste. Es gibt genügend Menschen, die schon jetzt völlig grundlos gegen die E-Scooter sind — lasst uns diesen Leuten nicht auch noch unnötig Munition liefern!