Kommentar
Das Beispiel Ed Sheeran zeigt: Streaming macht die Musik kaputt

Charts-Wahnsinn in England: Ed Sheeran bringt ein neues Album heraus und steht plötzlich mit 16 (!) Songs in den britischen Top 20 - Streaming sei Dank. Machen Spotify und Co die Musik kaputt?

Thema Pop-Musik: Wen würdet ihr spontan nennen, wenn ihr gefragt würdet, welcher Künstler in den Charts erfolgreicher ist als Michael Jackson? Falls eure Antwort Ed Sheeran lautet, dann habt ihr richtig geraten. Ich erinnere mich noch daran, wie er vor sechs Jahren im Morgenmagazin auf der Bühne gestanden und seinen Song  „A Team“ gesungen hat – heute ist er nicht weniger als ein absolute Pop-Phänomen.

Inwiefern kann Sheeran jemanden wie Michael Jackson hinter sich lassen? Zum Beispiel, wenn es um Charts-Positionen geht. Michael Jackson war nach seinem Tod gleich mal mit fünf Songs in den deutschen Top-20 vertreten, außerdem acht mal in den Top-30 und insgesamt elf mal in den Top-50. Das hat außer Jacko niemand hinbekommen und auch ihm ist es schließlich „nur“ posthum gelungen.

Zerstört Streaming die Musik?

Jetzt kommt aber der junge Mann von der Insel und steckt diesen Rekord locker in die Tasche – nämlich mit sechs Top-20-Hits. In den Top 30 finden sich seine Songs zehn mal, in den Top 50 sogar 14 mal. Er ist natürlich nicht verstorben, so dass es einen anderen Grund geben muss, dass er so durchstartet. Dieser Grund nennt sich Musik-Streaming und der sorgt dafür, dass Künstler wie Ed Sheeran, die eh schon sagenhaft viele Fans und entsprechenden kommerziellen Erfolg haben, noch dominanter in den Charts auftauchen.

Apropos dominant: In Großbritannien läuft es noch besser für den Sänger und Songwriter, denn dort befinden sich sage und schreibe alle 16 Lieder seines aktuellen Albums in den Top-20!

Beeindruckend, oder? Aber wieso schiebe ich es auf das Streaming? Will ich euch erklären. Vielleicht muss man das Charts-Radio noch als Mitschuldigen nennen, denn dort hat es eigentlich angefangen, dass nur noch seichter und massentauglicher Allerwelts-Pop gespielt wird. Eine Folge-Erscheinung ist, dass gerade bei Dance-orientierten Projekten ein Album nur noch ein Vehikel ist, um drei, vier radiotaugliche Nummern zu pushen – der Rest ist mehr oder weniger Füllmaterial.

Natürlich gibt es sie, die Bands, die wirklich mit Leidenschaft und Akribie Longplayer schaffen, bei denen es sich lohnt, sie von vorne bis hinten zu hören. Aber unsere Hörgewohnheiten haben sich über die letzten Jahre deutlich verändert: Weniger Leute hören komplette Alben, mehr Leute picken sich einfach die Lieder heraus, auf die sie gerade Lust haben.

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Mittlerweile ist Streaming nicht nur eine Randerscheinung, sondern ein Massenmarkt und ja – auch ich höre sehr viel Musik über Spotify und Co. Das Problem unserer Zeit ist dabei, dass die tatsächlichen Verkäufe – physische Tonträger als auch Downloads zurückgehen. Das bedeutet, dass ihr auch nur weniger große Zahlen braucht, um heutzutage in die Charts einzusteigen. Dadurch, dass immer mehr gestreamt wird und auch diese Werte mit in die Charts einfließen, wird es populären Künstlern – eben wie Ed Sheeran – noch leichter gemacht, prominent in den Hitparaden aufzutauchen.

Dabei geht es natürlich nicht um die Güte der Songs und Sheeran muss sich nicht einmal die Mühe machen, einzelne Songs auszukoppeln. Auch, wenn er natürlich mit Liedern wie „Shape of You“ klassische Singles veröffentlicht, stürzen sich seine Fans auf alles, was sie kriegen können. Und wenn Ed Sheeran ein Album mit 16 Tracks herausbringt, dann stürzen sie sich eben auf diese 16 Tracks. Das Resultat ist ein Charts-Überblick, wie ihr ihn oben sehen könnt.

Versteht mich nicht falsch: Ich hab nichts gegen Ed Sheeran und mag sogar seine Musik. Aber die Musikwelt ist nun mal nicht Sheeran, Beyoncé und noch eine Handvoll Weltstars, sondern eine Milliarde Kapellen rund um den Globus, die sich alle um die raren Hitparaden-Plätze kloppen. Durch die Entwicklung wird es immer schwieriger, als No-Name-Künstler irgendwie einen Fuß in die Tür zu bekommen und in diese Phalanx einzudringen. Was schade ist, denn grundsätzlich war es – zumindest technisch betrachtet – noch nie so leicht für Künstler, ihre Musik zu produzieren und auch mit geringstem Aufwand einer größeren Menge Menschen zugänglich zu machen.

Ich persönlich hab ein bisschen Angst, dass die Musik-Perlentaucher langsam aussterben. Die Leute, die wirklich versuchen, über Spotify und Co neue Musik zu entdecken (was übrigens fabelhaft funktioniert) scheinen immer deutlicher in der Minderheit zu sein gegenüber den Menschen, die einfach nur die Charts-Häppchen verschlingen, die ihnen überall vorgesetzt werden. Diesen Trend gibt es schon lange und gerade im Radio lässt sich das ja bestens feststellen, wie seicht die Gefilde sind, in denen wir uns musikalisch bewegen.

Beim Tonspion nimmt man sich ebenfalls sehr ausführlich dieser Thematik an, sagt gleichzeitig aber auch, dass die Charts noch nie ein Indikator für die Qualität einer musikalischen Ära war und auch die Achtziger nicht hochwertigeres Charts-Radio bieten konnte als es heute der Fall ist. Sehe ich ein wenig anders, was aber vielleicht auch damit zu tun hat, welchen Musikgeschmack man selbst hat. Natürlich gab es auch wirkliche Graupen, die damals Ohrenkrebs verursachten, aber dort fanden eben auch Depeche Mode, U2, The Cure, OMD, Tears for Fears und so viele mehr statt. Bands aus alternativen Musikwelten ebenso wie wundervolle Pop- oder Dance-Acts.

Heute scheinen sich da nur noch mäßige Dance-Nummern mit unerträglichem Schmusi-Busi-Deutsch-House und fragwürdigen deutschen Rap-Tracks abzuwechseln. Nur gelegentlich unterbrochen von anspruchsvolleren Künstlern, bei denen man das Gefühl haben muss, dass sie versehentlich zwischen den ganzen Schrott geraten sind. Ihr könnt mir natürlich sagen, wenn ihr das komplett anders wahrnehmt und mit der aktuellen Charts-Musik glücklich seid.

Ein anderes Thema, welches man aber wohl auch noch dem Streaming ankreiden muss: Die Künstler verdienen nichts, zumindest nicht, wenn man eben nicht eh schon zu den Top-Verdienern der Branche zählt. Wenn ein Ed Sheeran eine Doppel-A-Single veröffentlicht und beide Songs binnen 24 Stunden gleich 13 Millionen mal gestreamt werden, klingelt es natürlich dennoch in der Kasse. Die kleinen Acts jedoch, die sich darüber freuen, dass ihre Songs Streaming-Zahlen im vier- oder fünfstelligen Bereich vorweisen können, werden davon nicht existieren können – nicht, wenn gleichzeitig niemand die physischen Tonträger oder Downloads kauft oder die Konzerte besucht.

Der Guardian fragt meiner Meinung nach völlig zu recht, ob die Pop-Musik kaputt ist. Das mag – ebenso wie in der Headline zu diesem Artikel – vielleicht ein wenig zu dystopisch klingen, aber im Moment sieht es für mich so aus, als fahren wir das alle zusammen gerade mächtig an die Wand. Die erfolgreichen Charts-Künstler erdrücken alles andere mit ihrer Dominanz, die seit Sheeran ganz neue Ausmaße angenommen hat und die kleinen Bands bekommen zusehends mehr Schwierigkeiten, sich über Wasser zu halten. Mir sind persönlich genügend Künstler bekannt, die von ihrer Kunst leben konnten und die nun die Instrumente in die Ecke stellen, weil sich das alles einfach nicht mehr trägt.

Und was kann man tun?

Gute Frage – ich glaube, wir als kleine Musikhörer können da nur bedingt was tun. Ich weiß für mich persönlich, dass ich auch weiterhin meine Lieblings-Künstler finanziell unterstütze. Durch CD-Käufe, durch Download-Käufe, durch Konzertbesuche und mit Abstrichen auch durch Streaming. Aber gerade junge Musikfans sind komplett anders aufgewachsen, konsumieren Musik ganz anders und ja – sehen einen Song vermutlich wirklich eher als Konsumprodukt und nicht als ein Stück Kunst.

Dazu kommt noch das Problem, dass Spotify, Deezer und alle anderen Dienste nicht so viel Prämien ausschütten an die Künstler, dass die Nummer langfristig für alle Parteien befriedigend läuft. Wir brauchen also nicht nur Menschen, die sich wieder mehr für Musik interessieren, sondern auch eine Industrie, die das honoriert, was da geschaffen wird. Klar – heutzutage hat ein Musiker nun mal kein Anrecht darauf, von der Musik leben zu können. Aber wenn ich sehe, dass Bands, die auf ihren Touren mitunter vor tausenden Menschen auftreten, noch ganz normalen zivilen Jobs nachgehen müssen, um existieren zu können, dann stimmt für mein Empfinden was nicht. An welchen Stellschrauben gedreht werden muss, kann ich euch nicht sagen – da wird die Industrie experimentieren müssen. Vielleicht verschiedene Tarif-Modelle mit exklusiven Inhalten, vielleicht kein kostenloses Streaming mehr und vielleicht auch einfach nur monatliche Beträge, die höher liegen als 10 Euro.

Während ich darüber nachdenke, wie musikalisch scheinbar alles den Bach runtergeht, höre ich zum x-ten Mal das soeben erschienen neue Depeche Mode-Album „Spirit“ und frage mich, wie vielen Menschen geht es noch so, dass sie wirklich einen Release-Tag herbeisehnen, und sich dann mit Booklet und Kopfhörern vor die Anlage hocken und das bewusst erleben, was sich auf dem Silberling befindet. Ich sträube mich davor, in einen weinerlichen „Früher war alles besser“-Singsang zu verfallen – schlicht, weil früher eben beileibe nicht alles besser war und wir heute unglaubliche Möglichkeiten haben. Aber wenn ich über Musik nachdenke und hinterfrage, was der Erfolg des Musikstreamings gerade der Musik antun könnte, kommt man schon ins Grübeln, wie die Musikwelt in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird.

Lasst mich in den Comments wissen, ob euch das auch beschäftigt, ob es euch egal ist, oder ob ihr einfach nur eine ganz andere Meinung habt als ich. Ich werde derweil duschen gehen und mich darauf vorbereiten, meine Helden Depeche Mode live zu sehen heute Abend. Und wenn ihr fertig seid mit Kommentieren und mit Überlegen, wann ihr das letzte Mal bewusst ein Album von vorne bis hinten gehört habt und euch vielleicht auch noch gefragt habt bei jeder Textzeile, was der Künstler damit gemeint haben könnte, dann schaut, was für Bands in der Stadt sind. Es müssen nicht Depeche Mode, Metallica oder Coldplay sein – im Gegenteil: Supportet die kleinen, lokalen Bands. Hört bei ’nem Bier zu, was sie zu bieten haben, sprecht mit euren Leuten über die Musik, kauft ihnen die Merch-Bude leer und sorgt dafür, dass wir nicht nur noch Charts sehen, in denen zwei, drei Ausnahmekünstler mit ihren aktuellen Alben auftauchen.

via Watson.ch