Kommentare
Kommentar

Ein Jahr Klimastreik: Von Elefanten und Schmetterlingen

Auf den Tag genau vor einem Jahr trat in Schweden Greta Thunberg in den Klimastreik. Der Rest ist Geschichte! Ein Blick auf den Klimastreik und was sich seitdem getan hat.

von Carsten Drees am 20. August 2019

Die Sommerferien waren in Schweden gerade vorbei, als ein 15-jähriges Mädchen beschloss, am Freitag einfach nicht in die Schule zu gehen und sich streikend vors Parlament zu setzen mit einem Schild, welches mittlerweile die ganze Welt kennt.

Würde ich jetzt dazu schreiben, dass dieses Mädchen Greta Thunberg heißt, würde es vermutlich wie eine Farce wirken. Aus dem streikenden Mädchen ist mittlerweile nämlich einer der populärsten Menschen auf diesem Planeten geworden und da bedarf es natürlich keiner Vorstellung.

Der Schmetterling

Greta ist seit exakt einem Jahr mit ihrem Kampf für die Umwelt und gegen die Erderwärmung unermüdlich im Einsatz. Sie wird in den Medien mittlerweile zur Ikone hochstilisiert, gilt als Favoritin bei der Frage, wer den nächsten Friedensnobelpreis gewinnt und besitzt mehr Hater als die Grünen, Schalke 04, Luke Mockridge und Helene Fischer zusammen.

Das ist mit Sicherheit alles ein wenig befremdlich, manches davon auch erschreckend, aber vor allem finde ich, ist es unfassbar ungewöhnlich, dass ein Mensch binnen 365 Tagen so populär werden kann. Überlegt euch mal kurz, wer die bekanntesten Personen sind, die ihr auf dem Planeten kennt. Donald Trump oder Angela Merkel? Lionel Messi oder Ronaldo? Madonna oder Ed Sheeran? Kim Kardashian oder Kylie Jenner? Mark Zuckerberg oder Elon Musk? Vermutlich könnte man noch haufenweise Promis aufzählen und alle müssten anerkennen, dass es niemand von denen binnen 365 Tagen zu so einer Berühmtheit gebracht haben, wie dieses kleine Mädchen aus Schweden.

Dabei war das natürlich niemals ihre Absicht. Aber zweifellos hat sie eine unglaubliche Welle los getreten, einen Nerv getroffen und viele, viele Menschen wachgerüttelt mit ihrer Entschlossenheit, ihrer Beharrlichkeit. Kennt ihr den Schmetterlingseffekt? Wir haben es hier mit einem dynamischen Phänomen zu tun, bei dem eine einzige, winzige Aktion sich innerhalb einer Kettenreaktion um ein Vielfaches verstärkt und damit einen großen Effekt erzielt. Der Mathematiker und Meteorologe  Edward N. Lorenz veranschaulichte dieses Phänomen, indem er die Frage stellte, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen könne.

Der Schmetterling in der mittlerweile einjährigen Geschichte des Klimastreiks ist unbestritten Greta Thunberg. Es war erst nicht mehr als ein Mädchen mit einem Pappschild, welches einmal in der Woche gestreikt hat. Es folgte die Bewegung #FridaysForFuture, die alleine in Deutschland mittlerweile über 500 Ortsgruppen zählt und weltweit aktiv ist und — im positiven Sinne — zu einem wahren Orkan erwachsen ist, der derzeit den ganzen Planeten durcheinanderwirbelt. Greta sprach mittlerweile vor den Mächtigsten der Welt und diese können es sich schon lange nicht mehr erlauben, die Stimme Gretas und ihrer Bewegung zu ignorieren. Hier ist ein Video von ihrer Rede bei der UN-Klimakonferenz, die im Dezember 2018 in Katowice (Polen) stattfand:

Ganz ehrlich: Selbst, wenn sie dort den größten Quatsch erzählt hätte, hat sie schon allein dafür Respekt verdient, dass sie sich für ihre Sache vor dieses große Fachpublikum stellt und ungeachtet ihres Alters so vehement an diejenigen appelliert, die es ihrer Meinung nach in der Hand haben, die Welt zu verändern. Dasselbe gilt auch für spätere Reden, beispielsweise beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Schweiz).

Der Elefant

Damit kommen wir jetzt zu dem anderen tierischen Protagonisten meines Beitrags — dem Elefanten. Kennt ihr die Redensart vom “Elefanten im Raum“? Der Elefant im Raum beschreibt ein Problem, welches so offensichtlich ist — wie eben ein solcher Elefant im Raum — und welches dennoch totgeschwiegen und ignoriert wird. Dieser Elefant ist die Erderwärmung. Der Elefant ist die Ignoranz, mit der wir anderen Kontinenten die Bodenschätze rauben. Er ist die viele Jahre bekannte Tatsache, dass wir weg müssen von Kohlekraftwerken, weg müssen vom Ausrotten vieler Tierarten, weg müssen vom Roden riesigster Waldflächen und weg müssen von tonnenschweren Gerätschaften, welche — von einem Verbrennungsmotor angetrieben — Einzelpersonen durch die Innenstädte bewegen.

Deutschland wird seine Vorreiterrolle beim internationalen Klimaschutz weiter offensiv wahrnehmen. Wir werden vorschlagen, dass die EU sich im Rahmen der internationalen  Klimaschutzverhandlungen für die zweite Verpflichtungsperiode des KyotoProtokolls bereit erklärt, ihre Treibhausgase bis zum Jahr 2020 um 30 % (gegenüber dem Basisjahr 1990) zu reduzieren. Unter dieser Voraussetzung wird Deutschland einen Beitrag von minus 40 % anstreben.

Wisst ihr, aus welchem Text der Auszug oben stammt? Aus dem rot-grünen Koalitionsvertrag 2002! Das ist also schon mal stolze 17 Jahre her. Nach dieser Koalition folgte dann die Merkel-Ära mit einer Frau an der Spitze, die lange sogar als “Klima-Kanzlerin” bezeichnet wurde. Jetzt nähert sich die Merkel-Ära langsam ihrem Ende und unterm Strich müssen wir konstatieren, dass wir viel zu lange auf der Stelle getreten haben.

Dennoch denke ich, dass Deutschland in dieser Hinsicht deutlich besser dasteht als viele andere Länder weltweit. Nicht, weil hier so unfassbar viel passiert, sondern weil sich andere Nationen noch langsamer bewegen und verändern. All das, obwohl wir mittlerweile seit Jahrzehnten (spätestens seit den frühen Neunzigern) wissen, was die Stunde geschlagen hat und dass wir uns arg strecken müssen, um den Klima-Karren nochmal aus dem menschengemachten Dreck ziehen zu können.

Mindestens seit 30 Jahren steht er da also, dieser Elefant. Und wir tanzen um ihn herum wie ums goldene Kalb, ohne ihn wirklich wahrzunehmen. Stattdessen gab es sehr viel “weiter so” und es wurden fleißig Lobbyisten befriedigt, die lediglich darauf bedacht sind, den jeweiligen Status Quo zu erhalten, egal ob in der Energiewirtschaft, der Autoindustrie oder sonst wo.

… und was soll uns das nun sagen?

Wohin ich mit meinen Ausführungen will? Ganz einfach: Jahrzehntelang haben sich Wissenschaftler weltweit zahlreich zu Wort gemeldet und gemahnt, haben sich Menschen um den Planeten gesorgt, haben Politiker viele Versprechungen gemacht und nicht gehalten. In all diesen Jahren war der Klimawandel nur ein Thema für ein paar “Ökos” und Klimapolitik ziemlich weit unten auf der Agenda.

Heute reden wir tagtäglich übers Klima, über die Auswirkungen unseres Tuns, über die Möglichkeiten, wie wir unseren ökologischen Fingerabdruck verbessern können und wie wir alle nachhaltiger werden können. Nicht, weil eine Kanzlerin oder ein US-Präsident ein Machtwort gesprochen hat. Nicht, weil eine Naturkatastrophe endlich die Mächtigen der Welt wachgerüttelt hat. Nicht, weil sich die großen Konzerne aus heiterem Himmel einsichtig zeigten. Nein, wir reden jeden Tag darüber, weil heute vor einem Jahr dieses Mädchen Platz genommen hat, bewaffnet mit nichts als ihrem Pappschild.

Während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich Bilder von Merkel, die in Island mit den Staatschefs der skandinavischen Länder übers Klima spricht. Kurz davor gab es Bilder von Minister Maas in der Arktis und Ministerpräsident Söder, der plötzlich auch die grüne Politik für sich entdeckt hat. Das sind Entwicklungen, die nur nochmal unterstreichen, dass dieses Mädchen faktisch die Welt verändert hat.

Das sage ich deswegen, weil ich abschließend noch einmal ein paar Worte an all diejenigen richten möchte, die sie hassen, sie beschimpfen und mit Häme und Spott überziehen.

An die Greta-Hater

Moin! Das Team von Boris Herrmann, unserem alten Bekannten aus Hamburg, der Greta Thunberg in die USA segelt, hat sich…

Gepostet von Ankerherz am Montag, 19. August 2019

Für euch ist sie eine zu junge, zu kranke (das Asperger-Syndrom ist übrigens nicht wirklich eine Krankheit) 16-Jährige, die nicht mehr ist als eine Schulschwänzerin. Ihr sprecht davon, dass sie wie eine Heilige verehrt wird und wir, die wir ihre Initiative begrüßen, nichts sind als Klima-Jünger, die wieder einmal die “Wahrheit” nicht sehen wollen. Diese Wahrheit ist für euch, dass sie eine fremdgesteuerte Person ist, hinter der eine mächtige Umwelt-Lobby dafür sorgt, dass irgendwer viel, viel Geld mit Greta verdienen kann.

Ja, ihr habt schon recht: Das Mädchen, dass da gerade mit vier weiteren Personen auf einem klimaneutralen Boot Richtung USA den Atlantik durchquert, hat eine mächtige und zahlungskräftige Lobby hinter sich. Ist ja bekannt, dass die mächtige Lobby von Umweltorganisationen seit vielen Jahren schon die winzigen Lobbies von Autoindustrie, Tabakindustrie, Energiewirtschaft, Rüstungsindustrie etc finanziell in die Enge treibt. Und falls ihr mir jetzt noch erzählen wollt, dass Greta nur ein PR-Püppchen ist, welches von Anfang an gezielt zur Umwelt-Ikone aufgebaut werden sollte: Lest diesen Beitrag bei den Kollegen von Mimikama.

Weiter zum Thema:

Dass dieses Mädchen mittlerweile in den Medien so präsent ist, dass Live-Ticker eingerichtet werden, in denen u.a. darüber berichtet wird, wie gut oder schlecht sie geschlafen hat, dafür kann sie nichts. Das ist sicher nicht die Art Aufmerksamkeit, die sie gesucht hat.

Auf der anderen Seite möchte sie natürlich Aufmerksamkeit erregen und zwar für ihre Thema, für das sie streikt und streitet. Das ist nicht nur legitim, sondern absolut logisch und nachvollziehbar. Wenn man sieht, dass die Hütte brennt, darf man ruhig darauf hinweisen, dass jetzt mal die Feuerwehr kommen dürfte — erst recht, wenn man selbst in dieser Hütte sitzt.

Aber selbst, wenn sie fremdgesteuert wäre und selbst, wenn der Klimawandel gar nicht so schlimm wie prognostiziert wäre und selbst, wenn sie mit einem Schweröl-versifften, fetten Dampfer nach Amerika unterwegs wäre, auf dem nur aus Jux und Dollerei ununterbrochen 400 Traktoren mit laufendem Motor stünden, während an der Reling Hunderte Greta-Jünger säckeweise Plastikmüll ins Meer kippten. Selbst dann hättet ihr Greta-Hasser nicht annähernd das Recht dazu, eine minderjährige Person an den Pranger zu stellen, ihr den Tod zu wünschen, sie mit Spott zu überziehen, euch über ihr Aussehen und/oder ihre Gesundheit zu amüsieren und darüber hinaus jeden Menschen im Internet anzupöbeln, der es begrüsst, dass mittlerweile die Themen Umweltschutz, Klima und Nachhaltigkeit täglich besprochen werden.

Es läuft jede Menge verkehrt in dieser Welt und auch so manches in unserem Land. Wenn ihr empört sein wollt, dann sprecht doch über die CumEx-Nummer, bei der uns Steuerzahlern viele Milliarden Euro geraubt wurden. Regt euch darüber auf, wieso es Menschen gibt, die Tausende Wohnungen besitzen, während überall in den Städten bezahlbarer Wohnraum knapp wird. Vielleicht denkt ihr auch darüber nach, dass ihr angesichts von vielen Geflüchteten in unserem Land so gerne darauf verweist, dass wir niemanden aufnehmen sollten, solange deutsche Rentner Flaschen sammeln müssen — und fragt euch dann, wieso ihr vor 2015 nicht so betroffen wart angesichts Flaschen-sammelnder, verarmter Senioren, die es da auch längst gab. Es gibt so unendlich viel, was es verdient, dass man kritisch hinterfragt und Finger in Wunden legt. Aber lasst doch bitte ein Mädchen in Ruhe, welches nichts anderes im Sinn hat, als dass auch ihre Kinder irgendwann noch diesen Planeten so genießen können, wie es für uns selbstverständlich ist.