Audi 80 GTE

Don Dahlmann
Eine Welt ohne Oldtimer – Moderne Autos werden verschwinden

Was wäre die Welt ohne historische Fahrzeuge? Eine schlechtere Welt wäre das. Wir erfreuen uns an alten Bentley oder auch mal einem Ford Taunus. Doch ob moderne Autos von heute in 30 Jahren noch unterwegs sein werden, ist eher ungewiss.

Meinen alten VW Käfer Schrauber konnte nichts schrecken. Egal, was angerostet, durchgerostet, verbogen oder sonst wie beschädigt war – drei Zigaretten und ein paar Flüche später ging es wieder. Es sei denn, es war was mit der Elektronik. Erwähnte man, dass bei Benutzung des Blinkers die Tachobeleuchtung ausging, wurde er aschgrau im Gesicht und murmelte „Malsehenscheisselektrik“. Die Überraschungen, die ich in meinen diversen Käfern erlebte, war aber noch nichts gegen die Freuden, die ein Bekannter in seinem Alfa 33 erlebte. Der stellte bei einer Fahrt über die Autobahn fest, dass die Betätigung des Scheibenwischers dazu führte, dass gleichzeitig alle vier elektrischen Fensterheber aktiviert wurden. Aber genau deswegen lieben wir ja alle alte Alfas.

Mal abgesehen von derartigen Kleinigkeiten, ist die Elektronik der meisten Autos bis Ende der 90er Jahre halbwegs überschaubar geblieben. Doch mit dem Einzug von immer mehr Rechnern, Prozessoren und Elektrik wird die Sache komplizierter. In einem Auto sind heute mehr Prozessoren verbaut, als in einem Flugzeug. 70 Stück können es gerne mal in einem gut ausgestatteten Mittelklasse Auto sein und weniger werden es auch nicht. Das schafft Probleme.

Intel Pentium 4 640 PrescottDie Lebensdauer eines Prozessors und seiner Perepherie ist endlich, was mit der Elektromigration zu tun hat. Sie sorgt, grob zusammengefasst, dafür, dass Leiterbahnen je nach Leistungs- und Stromdichte nach und nach zerstört werden. Das Phänomen ist lange bekannt, allerdings gibt es noch relativ wenig Wissen darum, wie moderne Prozessoren und ihre Umgebung auf die Elektromigration reagierten. Vor 30 Jahren baute man im 120 nm Bereich, heute sind 14 nm. Allein dieser Wert verändert die Lebensdauer. 30 Jahre sind aber für ein gut gepflegtes Auto normalweise relativ leicht zu überstehen, wie man zum Beispiel an den vielen Golf 2 sehen kann, die noch unterwegs sind.

Das Problem ist nicht mal, dass sich ein Steuergerät mit einer kaputten Leiterbahn verabschiedet. Viel mehr ist die Frage, wie lang man noch dafür Ersatz bekommt. Wer heute versucht, einen alten x86er Prozessor aus den 80er Jahren aufzutreiben, muss bei ebay schon mal länger suchen. Die in den meisten Systemen verbauten Prozessoren sind auch nicht gerade taufrisch. Viele Hersteller greifen auf ältere Modelle zurück, weil deren Prozessorleistung ausreicht und vor allem ohne zusätzliche Lüftung klar kommt. Andere Hersteller haben aber auf der Basis bekannter Modelle eigene Varianten eines Prozessors von Zulieferern bauen lassen.

Wie schnell Prozessoren altern, kann jeder an seinem eigenen Smartphone, Laptop oder Tablet sehen. Was vor zwei Jahren noch die Spitze der Technologie darstellte, ist heute eher ein aus der Mode gekommener Rechner. Natürlich benötigt man nicht in allen Bereichen eines Fahrzeugs Hochleistungsprozessoren. Doch vor allem für die Steuerung der Sicherheitssysteme wird viel Leistung benötigt. Ebenso ressourcenfressend sind die Entertainmentsysteme. Mittlerweile nutzt man aktuelle Intel Atom CPUs, Nvidia setzt für die großen Displays ebenfalls Prozessoren der neueren Generation ein.

OldtimerlenkradDas ist alles ok, so lange man eben nicht dauernd Updates ziehen muss. Da sich die Leistungsanforderungen an die Hardware aber mit jeder neuen Software erhöht, kann man sich ausrechnen, dass man im Auto irgendwann an die Grenzen der verbauten Hardware stossen wird. Das gilt nicht nur für die Entertainmentsysteme.

Theoretisch muss man heute Steuergeräte so konzipieren, dass sie komplett abwärtskompatibel sind. Wenn Opel also einen neuen Astra auf den Markt bringt, müssten die wichtigsten Steuergeräte auch in die alte Version des Astra passen. Und in die der Generation davor.

Doch einfach ist so was nicht. Zum einen weiß man ja, das man nicht ewig alte Codezeilen mit sich rumschleppen will, weil das eine Software anfälliger machen kann. Zum anderen kann es passieren, dass ein Hersteller das Design so verändert, dass das neue Gerät einfach nicht mehr passt.

Die Alternative ist, dass man die Steuergeräte und deren Prozessoren im Lagerbestand lässt. Das ist aber nicht wirtschaftlich. Selbst Mercedes, die ja sogar alte Pressformen von Blechen aufbewahren, muss an dem Punkt aufgeben. 10 Jahre, so die Aussage, wolle man die Elektronik vorhalten, danach müsse man dann sehen.

Die Probleme betreffen vor allem die fest verbauten Entertainmentsysteme. Ich hatte mal ein 14 Jahre altes Saab 900 Cabrio, für das ich eine Radioeinheit gesucht habe. Das dauerte Monate und war am Ende erstaunlich teuer. Bei einem Bekannten verabschiedete sich die Wegfahrsperre in seinem knapp 12 Jahre alten Citroen Xantia. Ersatz gab es nicht, nur durch ein Forum bekam er heraus, dass sich die Sperre relativ simpel abklemmen ließ. Dabei handelte es sich um Autos aus den 90ern. Wie wird es wohl Fahrzeugen der heutigen Baujahre ergehen, wenn sie in das Alter kommen?

Sind moderne Autos also nach 15 Jahren schrottreif, weil es keine Ersatzteile mehr gibt? Wird ein Auto zum Wegwerfobjekt nach 10 oder 12 Jahren? Werden all die schönen Mercedes S-Klasse Coupés, der BMW M6 oder ein A7 in 30 oder 40 Jahren niemanden mehr bei einer Oldtimer Rallye erfreuen?

Es kann passieren. Eine Hoffnung ruht auf der Billig-Zulieferindustrie aus Asien. Wenn die Hersteller Schaltpläne und andere Dinge in Lizenz abgeben, könnte jemand die durchaus lukrative Marktlücke ausfüllen und Ersatzgeräte in Lizenz bauen. Ein andere Alternative ist die Lagerung. Gerüchteweise kauft ein deutscher Unternehmer seit 12 Jahren alle Elektronik-Restbestände deutscher Hersteller auf und lagert sie irgendwo in der Nähe von Köln. Der Profit scheint ihm jetzt schon sicher.