Einfach mal mehr Helmut Schmidt wagen

Ein ganz persoenlicher Nachruf auf einen der wohl beeindruckendsten Staatsmaenner der letzten Jahrzehnte.

Jetzt ist es also passiert. Der Unsterbliche ist von uns gegangen und in den naechsten Tagen werden wir alle uns kaum den umfangreichen Rueckblicken, Statements und Highlights aus dem Leben Helmut Schmidts verschliessen koennen. Aber was hat das denn bitte auf einem Techblog zu suchen? Billige Trittbrettfahrerei, Klickfaengerei oder aber einfach eine Bruecke, die viele so noch gar nicht gesehen haben?

Ich versuche das einfach mal ganz rational zu erklaeren und das obwohl ich noch unter dem Eindruck der gestrigen Ereignisse stehe. Aber vielleicht ist genau dies die richtige Stimmung, um einen sehr persoenlichen Text zu schreiben.

Schmidt-Schnauze and me…

Auch wenn die Gnade der spaeten Geburt mich eher in die Aera Helmut Kohls gespuelt hat, so war es doch Helmut Schmidt, der mich nicht nur politisch tief beeinflusste. Als Kind des Ruhrpotts ist es sicherlich alles andere als aussergewoehnlich, wenn man aus einer sozialdemokratischen Familie kommt. Der naechste, ja logische Schritt waere dann, dass es da noch eine Verbindung zum Bergbau gibt. Auch dies ist gegeben und damit habe ich dann auch direkt die Bruecke zu meinem Mentor und politischen Gewissen geschlagen, meinem Grossvater.

Ich teile die Menschheit in drei Kategorien: Wir normale Menschen, die irgendwann in ihrer Jugend mal Aepfel geklaut haben, die zweite hat eine kleine kriminelle Ader, und die dritte besteht aus Investmentbankern. Helmut Schmidt

Ich kann die Stunden nicht zaehlen, die ich mit ihm vor dem Fernseher verbracht habe und in denen wir uns zusaammen Debatten aus dem Bundestag anschauten. Brandt,Schmidt, Wehner, Strauss, Kohl, Genscher… ich konnte mir in der damaligen Zeiten Rededuelle anschauen, welche die heutigen wie einen Streit um eine Juniortuete auf einer McDonalds-Geburtstagsparty erscheinen lassen. Unvergessen sind fuer mich da die Catfights zwischen Strauss und Wehner, die es sich wirklich wie die Kesselflicker gegeben haben. Zumindest rethorisch. Was dabei nicht unerwaehnt bleiben darf… der ein oder andere Ausdruck hat einen bleibenden EIndruck auf mein kindliches Gemuet hinterlassen. Ohne dies nun einordnen oder gar bewerten zu wollen.

Und dann war da dieser emotionale Ruhepol, der zwar hier und da einen ordentlichen Spruch raushauen konnte, aber rein intellektuell die zuvor genannten Persoenlichkeiten locker in die Tasche steckte. Jetzt mag man meinen, dass dies hier und da arrogant rueberkam… ich habe es nie so empfunden. Souveraen waere das Adjektiv, welches Schmidts Eindruck auf mich am besten beschreibt. Intelligent, rational und realistisch. Und hier und da vielleicht auch ein wenig dickkoepfig. Wenn er von einer Strategie ueberzeugt war, dann hat er diese auch durchgezogen. Mit allen Konsequenzen und das bedeutete vor allen Dingen, nicht nur in der Verantwortung zu stehen, sondern diese auch zu uebernehmen.

Von Entscheidungen und Rueckgrat

Was Schmidt waehrend der RAF-Krise auszeichnete, das war vor allen Dingen Geradlinigkeit und eine „klare Kante“. Der Befehl zur Erstuermung der Landshut in Mogadishu war nicht nur die richtige Entscheidung, sie hat Deutschland ueber die naechsten Jahrzehnte aus der Schusslinie derartiger Verbrecher genommen. Die Maxime, dass sich ein Staat nicht erpressbar machen darf, war, ist und wird hoffentlich immer ein Fundament einer offenen Gesellschaft sein. Ein Eckpfeiler der demokratischen Grundordnung.

schmidt carter

Nur was waere denn gewesen, wenn all dies schief gegangen waere? Schmidt hatte seine Ruecktrittserklaerung bereits geschrieben, bevor er den Befehl fuer die Operation in Somalia gab. Er haette danach seinen Hut genommen oder in diesem Falle dann seine „Prinz Heinrich Muetze“.

Die Glaubwuerdigkeit der Politiker war noch nie so gering wie heute. Das liegt nicht zuletzt an einer Gesellschaft, die in die Glotze guckt. Die Politiker reden nur oberflaechliches Zeug in Talkshows, weil sie meinen, es sei die Hauptsache, man praege sich ihr Gesicht ein. Helmut Schmidt

Ich glaube das nennt man Rueckgrat, also genau diese Eigenschaft, die ich bei vielen heutigen Politikern und Funktionaeren vermisse. Eine Kaste, die zum Teil an ihren Stuehlen klebt, auch wenn rechts und links die Atombombeneinschlaege von Korruption und Vetternwirtschaft immer naeher kommen. Bitte, ich moechte hier nicht pauschalisieren, aber es gibt leider viel zu viele Beispiele hierfuer.

Mehr Schmidt wagen

Und genau hier bekomme ich die Kurve zu meiner eigentlichen Intention dieses Artikels. Schmidts fundamentale Einstellung ist eine, die ich in der Welt von heute so sehr vermisse. Dieses „Ich musste doch meinen Dienst leisten“, die Attituede des „Anpackens“ und die Flexibilitaet das grosse Ganze zu betrachten und hierfuer auch mal rechtliche Grenzen auszuloten (Einsatz der Bundeswehr waehrend der Sturmflut in Hamburg), das wuensche ich mir.

Nicht nur im taeglichen Miteinander, sondern ebenso in der Industrie und natuerlich auch in den Medien.

Blogging ist fuer mich kein Mittel zum Zweck um unendlich viel Geld zu verdienen. Das Mantra „wir muessen doch auch unsere Rechnungen bezahlen“, welches all die Mietblogger da draussen singen, die ihr Faehnlein in den Wind der Meinungen und Geldquellen haengen, das hat nichts mit dem zuvor beschriebenen Rueckgrat des Alt-Bundeskanzlers zu tun.

Wenn man einen Fehler gemacht hat, muß man sich als erstes fragen, ob man ihn nicht sofort zugeben soll. Leider wird einem das als Schwaeche angekreidet. Helmut Schmidt

Blogging ist eine Einstellung und eine Aufgabe. Naemlich seine Leser nach besten Wissen und Gewissen zu informieren. Klar, transparent und vor allen Dingen ehrlich. Diese Einstellung hat man, oder man hat sie nicht. Einem grossen Teil der professionellen Blogger in Deutschland spreche ich diese pauschal ab. Zu austauschbar und belanglos ist das taegliche Geseiere, was da in die WordPress-Backends gehauen wird und zu schnell scheinen sich deren ethisch/moralischen Grundsaetze zu verbiegen.

Schmidt SmokingHier und da anecken, das koennte heute jeder… wir sind alle irgendwo Sender geworden. Jedoch fuerchten sich die meissten vor den Konsequenzen und haben letztendlich nicht die Groesse Verantwortung zu uebernehmen, wenn die Kopfgeburt in den Brunnen der sozialen Netzwerke faellt und sich von dort ein entsprechender Shitstorm aufmacht. Genau dem will sich heute keiner mehr stellen. Die Angst des Versagens, die Furcht vor umfangreicher Kritik durch die Oeffentlichkeit ist viel zu gross, als dass sie ueber den Schatten ihres eigenen, begrenzten Horizonts springen koennen.

In der Krise beweist sich der Charakter Helmut Schmidt

Und genau dies beeinflusst auch die Ehrlichkeit dieser Gesellen. Nein, man muss sich nicht in einer Nichtraucherzone die Menthol-Fluppe anzuenden und man muss sich auch nicht auf die Suche nach der naechsten Katastrophe machen, um sich dort als Krisenmanager zu beweisen.

Aber man muss Verantwortung uebernehmen. Fuer sich und vor allen Dingen fuer sein Umfeld. Das gilt fuer Politiker, Buerger, Journalisten und selbstverstaendlich auch Blogger.

Wer sich versteckt und bewusst Verantwortungen entzieht, der ist letztendlich nicht mehr und nicht weniger als ein Feigling.

Genau das war Helmut Schmidt Zeit seines Lebens nie!