e.Go Life
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Elektroautos: Brauchen wir mehr Lang- oder Kurzstrecke?

Wenn die meisten Autowege sowieso nur Kurzstrecken fahren, warum planen dann die Hersteller für Elektrofahrzeuge mit 500 km Reichweite?

von Robert Basic am 17. August 2018

Das deutsche Startup e.Go dürfte bekannt sein? Es produziert seit August 2018 in Aachen Kleinstwagen namens „e.Go Life“, die ab 15.900 Euro aufwärts kosten. Zur Auswahl stehen drei Akku-Pakete mit 14,9, 17,9 und 23,9 kWh. Das reicht für 120 – 180 km Reichweite. An Vorbestellungen sollen 3.000 Stück aufgelaufen sein. Aachen ist übrigens keine Zufallswahl, da dieser Ort zugleich den Brutkasten für den Streetscooter (der mittlerweile der Deutschen Post gehört und an die Börse gehen soll) darstellt. Beide Konzepte wurden unter der Obhut von Prof. Günther Schuh an der RWTH Aachen entwickelt. Die Uni ist als eine der besten Ingenieurs-Schulen überhaupt bekannt. Nicht nur in Deutschland.

Und, es gibt ein weiteres Elektro-Startup in Deutschland für Kleinwagen, das unter der Flagge „Sono Motors“ segelt. Der Einstiegspreis des „Sion“ beläuft sich auf 16.000 Euro, ohne Akku! Die Reichweite soll bei 250 km liegen. Der geplante Produktionsstandort ist noch unbekannt, aber es wird sich um eine Auftragsfertigung handeln. So wird beispielsweise der Jaguar i-Pace von Magna Steyr in Graz gefertigt. An Vorbestellungen will man die 7.000er-Marke gerissen haben.

Bliebe nur noch der smart EQ als Kleinwagen aus Deutschland zu erwähnen, der ab 22.000 Euro startet und eine Reichweite von rund 140 km bietet. Der Daimler-Winzling läuft seit 2017 vom Band und wurde im ersten Baujahr rund 3.000x verkauft. Hinweis: Klar gab es bereits frühere Smart Elektromodelle, die unter dem Label „ed“ für „electric drive“ liefen.

500 Millionen Investitionskosten für 30.000 Stück

Das sind jetzt keine riesigen Stückzahlen, oder? Sowohl Sono Motors als auch e.Go betonen, man ziele nicht auf gigantische Stückzahlen ab. Logischerweise, da man kaufmännisch-deutsch kalkuliert. Die Kosten für den Aufbau einer nicht einmal hochvolumigeren Serienfertigung sind exorbitant hoch.

Die schlüsselt auch prompt Prof. Schuh (auch Chef von e.Go) in einem taz-Interview auf:

Alle Hersteller bauen beispielsweise seit über 30 Jahren selbsttragende Karosserien. Schon allein für einen VW Polo kostet der entsprechende Werkzeugsatz um die 120 Millionen Euro. Anschließend muss das Fahrzeug mit einer teuren Lackieranlage lackiert, müssen die ganzen Teile mit einer Robotikanlage zusammengeschweißt werden. Das alles führt dazu, dass sie für eine kleine Serienproduktion von 30.000 Fahrzeugen eine Investition von 400 bis 500 Millionen Euro benötigen – die Entwicklungskosten nicht dazugerechnet. Und wenn man von einem Absatz von 30.000 Fahrzeugen pro Jahr ausgeht, dann wird das Fahrzeug so teuer, dass es sich für den Kunden nicht mehr lohnt.

Und etwas zu den Montagekosten des e.Go Life, die man wie folgt weiter herunterdrücken kann:

Wir können die 50 bis 70 Mil­lio­nen Euro teure Lackieranlage ebenfalls ganz weglassen. Die Außenhaut wird aus Thermoplasten, die erwärmt umgeformt werden, hergestellt“.

Generell sind die etablierten Hersteller auf hohe Stückzahlen eingestellt und es fällt ihnen schwer, unter ökonomischen Gesichtspunkten kleinere Brötchen zu backen. Einerseits verständlich andererseits ist das mit die zentralste Erklärung überhaupt, warum weltweit gesehen die Hersteller solange gezögert haben. Erst mit dem Tesla 3 und dessen gigantischen Vorbestellzahlen (~400.000 Stück zu Beginn) ging ein Erdbeben durch die Branche. Prinzipiell heißt es, dass ein Hersteller ab 250.000 verkauften Einheiten auf Basis eines Grundkonzepts schwarze Zahlen schreibt. Das ist die magische Plangrenze, wenn wir vom Volumengeschäft reden.

Aber diese winzige Reichweite? Na und? Rund 74 Millionen Fahrten pro Tag sind nicht weiter als 7 Kilometer.

Klar, Batterie-Reichweiten von 100 – 200 km sind jetzt nicht die Welt, decken aber den Großteil der Autofahrwege in Deutschland völlig hinreichend und mehr als ausreichend luxuriös ab.

Schauen wir uns eine der besten Studien dazu an, die regelmäßig wiederholt wird, Mobilität in Deutschland genannt. Im Oktober 2018 gibt es einen Haufen Detailauswertungen mitsamt Unterscheid zwischen Lang- und Kurzwegen (was bis dato nicht erfasst wurde!). Soweit haben wir aber einen exzellenten Indikator für die Häufigkeit von Kurzwegen, die mit dem PKW zurückgelegt werden:

Kurzwege Häufigkeit

Täglich wurden 112 Millionen PKW-Fahrten (plus 36 Millionen mit Mitfahrern) unternommen. Der entscheidende Indikator ist der Median (Prinzip: von 100 sortierten Zahlen exakt die 50ste). Der beträgt lumpige 6.700 Meter beim MIV („motorisierter Individualverkehr“) und 5.700 Meter bei Fahrten mit über einer Person. Thats it! Das bedeutet, das 50% bzw. mindestens 74 Millionen PKW-Fahrten deutlich unter 10 Kilometern ausfallen. Statistisch gesehen nutzt eine Person in Deutschland rund drei bis vier Wege pro Tag. Das würde bei den typischen Kurzstrecken bedeuten, dass der Inhaber eines E-Kleinwagens ein- bis zweimal die Woche das Ladekabel zücken muss.

Und die Langfahrten? Wie sich der Kilometer-Bedarf in einer gedachten Verlaufskurve nach rechts verteilt, erfahren wir genauer ab Oktober 2018.

Ok, und jetzt ihr. Warum fokussieren sich die bekannten Hersteller auf big e-cars, die 500 Kilometer auf die Waage bringen? Für die Mitdenker: derartige Zahlenspiele haben große Auswirkungen auf Stadt- und Verkehrsplaner. Ebenso auf künftige Flottenbetreiber (Ride Hailing / Ride Sharing) von halb-/vollautonomen Fahrzeugen. Gesamtheitlich sprechen wir hierbei von der Weiterentwicklung der Mobilitätskonzepte. Die vom kleinsten, regionalen Umfeld bis auf Staatsebene zu betrachten sind. Regionale Nutzungsunterschiede sind von Region zu Region und von Staat zu Staat teils erheblich, sprich, es gibt keine einzige Standardlösung,die überall greift. Auf die werde ich Stück für Stück im Einzelnen eingehen, Gemach.