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Elektroautos: Die Hitliste und Marktanteile je Segment 2018

Die Hitliste der meistverkauften Elektroautos in Deutschland im ersten Halbjahr 2018. Und eine Gegenüberstellung mit den Topsellern je PKW-Segment.

von Robert Basic am 19. August 2018

Alter Hut: Die Elektromobilität entwickelt sich zäh wie Brei. Auch wenn auf niedrigen Niveaus die Steigerungen von Jahr zu Jahr prozentual deutlich zu sehen sind. Hoffnungsschimmer? Dennoch reichte es im ersten Halbjahr 2018 nicht, um wenigstens die 1%-Marke am Zulassungskuchen auf dem Deutschen Markt zu überspringen. Wait, wait, nicht so schnell, kein Grund gleich zu weinen. Wir steigern die fiese 1% auf die magische 5%-Marke. Sonst sind die empfindsamen Seelen der Early Adopter verdunkelt, wenn wir keinen Hoffnungsschimmer aufzeigen.

Schauen wir uns das Stück für an. Erstmal nur die Hitliste der reinen Stromer.

Die meistzugelassenen Elektroautos im ersten Halbjahr in Deutschland

Ich habe eigens den Monat Juli mit reingezogen, so dass wir die aktuellsten Daten haben. Die Datengrundlage wird natürlich vom Kraftfahrtbundesamt gestemmt. Fragen direkt an die Behörde.

Der Topseller ist der Renault Zoe vor dem VW e-Golf und dem Smart ForTwo EQ. Ehemals war der Hyundai Kona als Nr. 1 gelistet, das war aber falsch.

Topseller der Eleketroautos in Deutschland Halbjahr 2018
Topseller der Elektroautos in Deutschland Halbjahr 2018

Linkerhand sind die absoluten Zulassungszahlen (Verbrennervariante + Hybride + BEV) zu sehen und rechterhand nur die reinen Elektrovarianten in den grünen Spalten. In Klammer ganz rechts wird der Anteil der Stromer angegeben. Beim Golf-e dominiert natürlich der Verbrenner-Bruder mit 98% (von 138.299 zugelassenen Golf waren 2% = 2.872 Stromer darunter). Beim BMW i3 wurden 800 Stück bzw. 28% einem mit Range-Extender zugelassen.

Wie wir sehen: Der gesamte Marktanteil an allen Neu-Zulassungen beträgt 0,916%. Also noch ein kleines Stückchen bis zum ersten, winzigen Milestone.

Vergleich mit Topsellern je Segment

Das Kraftfahrtbundesamt unterteilt die diversen Modelle in Segmente. Die nach Größe. Leistung und Preis grobe Raster ergeben. In Deutschland dominieren die Segmente der Kompaktklassenfahrzeuge (22%), der SUVs (18%) und die Kleinwagen (14%). Über die Hälfte aller Fahrzeuge wird aus diesen Segmenten bevorzugt.

Ordnen wir die Elektroautos den Segmenten zu und vergleichen deren Marktanteil je Segment. So wird deutlich, dass in den Segmenten der Mini-Vans (4,76%), Oberklasse (4,41%),  bei den Minis (2,43%) und den Kleinwagen (2,22%) die 1%-Marke schon längst geknackt ist. Das ist doch ein Yeah? Yeah!

Die eigentlichen Topseller wie z.B. den Dominator VW Golf (mit 138.299 Zulassungen erneut das erfolgreichste Auto in D) habe ich stets in beige als letzte Zeile je Segment gegenübergestellt.

Topseller Elektroautos Halbjahr 2018 in Deutschland nach Segment

Logisch, die Abstände sind in jedem Segment zu den jeweiligen Topsellern mehr als deutlich. Jetzt können wir abschalten und abwinken. Preis, logo, Reichweite, ey yo. Moment!

Ist der Preis wirklich so viel höher?

Ganz spannend wird es, wenn man die deutlich höheren Preis der E-Autos oben um die Förderung in Höhe von 4.000 Euro reduziert (ihr packt das schon im Kopf). Und da sowieso 3/4 aller Neuzulassungen gewerblich sind (1/4 sind Privatkäufer), kommen noch weitere Förderungen hinzu, die die Zusatzkosten deutlich drücken:
1. die anstehende 0,5% Dienstwagenregelung ab 2019,
2. der Wegfall der KfZ Steuer und
3. die Reduktion des Bruttolistenpreises wie hier in dieser Chart dargestellt:

Nachteilsausgleich für Dienstwagen

Da kommen erhebliche Sümmchen zustande, wenn man noch die Befreieung von der Vorteilsbesteuerung dazurechnet, da man die Kisten beim Arbeitgeber steuerfrei laden darf. Wer sich für die konkreten Summen interessiert, sollte jemand mit einem Dienstwagen planen: Neue Dienstwagenregelung für Elektrofahrzeuge und Plugin-Hybride. Ist furztrocken, aber easy. Ich habe darin die neueste 0,5% Regelung zu Grunde gelegt.

Privatkäufer vs Gewerbliche

Im Schaufenster-Programm Elektromobilität / Abschlussbericht der Begleit- und Wirkungsforschung 2017 (Link), wo ihr auch die obige Förderchart finden könnt, finden sich folgende, sehr spannende Aussagen:

Es besteht überwiegend keine oder eine nur sehr geringe Bereitschaft, für die Anschaffung eines Elektroautos einen Aufpreis zu zahlen. Das geht aus den bisherigen Umfragen und Studien hervor, welche die entsprechende Zahlungsbereitschaft potenzieller Nutzer adressierten. … In der Nutzerbefragung der BuW, bei der unter anderem elektromobilitätsinteressierte Personen befragt wurden, die kein Elektroauto besitzen, zeigte sich, dass die Wirtschaftlichkeit (Definition als Gesamtkosten) für 46 Prozent dieser Personen der Haupthinderungsgrund für die Anschaffung eines Elektrofahrzeuges ist.

Der grundlegende Unterschied zwischen privaten und gewerblichen Nutzerinnen und Nutzern besteht darin, dass letztere meist einen bestimmten Einsatzzweck für ihr Fahrzeug haben (z.B. Außendienst, Personenbeför-derung, Paketservice; vgl. Leitfrage 4.2.7). Im privaten Bereich zählen demgegenüber vor allem die Allroundfähigkeiten eines Fahrzeuges, da es vom Alltagsbetrieb im Berufspendeln über das Familienfahrzeug am Wochenende und den Lastenträger beim Einkauf bis hin zum Imageträger und Urlaubsfahrzeug vieles abdecken muss.

Das deckt sich absolut mit meinen Beobachtungen in zahlreichen Diskussionen, wo die eine Seite die andere partout ZERO verstehen WILL. Und es wird nicht selten in Rambo-Manier der Überzeugsflammenwerfer gezückt und gezündet:) Es kommt eben auf die Perspektive an. Und die Bereitschaft, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen.

Der Private denkt so (und er versteht darunter fast nur den höheren Anschaffungspreis!):

Anschaffungspreis = Killer
Anschaffungspreis = Killer

Gewerbliche und Dienstwagenfahrer juckt der Anschaffungspreis deutlich weniger. Welch Wunder aber auch. Sie legen dafür Wert auf die TCO (toal cost of ownership = Gesamtkosten über Betriebsdauer eines Fahrzeugs), die Zuverlässigkeit, schnelles Laden im Wesentlichen und wünschen sich natürlich  auch:

Auffallend ist das exzessive Fahrverhalten, sobald einmal ein Elektrowagen vor der Tür steht. Das passt auch wunderbar in die Erzählmuster von Elektrofahrern:

Zitat zur Chart: „Dabei zeigte das – etwas überraschende – Ergebnis, dass in der Nutzergruppe der Early Adopter geringe Reichweite nicht die Relevanz hat, die ihr immer zugesprochen ist. So urteilten diese Fahrer durchweg, dass sie mit dem Elektroauto eine höhere Laufleistung realisieren als mit Verbrennerfahrzeugen. In Interviews und Gesprächen mit Elektroautonutzern bestätigt sich oft, dass sie ein Elektroauto zunächst zwar als Zweitwagen angeschafft hatten, daran aber so viel Freude hatten, dass sie es recht schnell zu ihrem Erstwagen machten und ihren Verbrenner vorwiegend als Zweitwagen für längere Fahrten (Urlaub, Transport etc.) nutzten. Einige Elektroautofahrer berichteten, dass sie als nächsten Schritt ihren Verbrenner sogar ganz abgeschafft hatten, nachdem sie ihn wochenlang nicht mehr bewegt hatten.

Heißt, alles wird gut?

Wir fassen zusammen: Auf den Preis kommt es gar nicht so sehr an. Ohne, dass ich euch jetzt mit durchschnittlichen Neuwagen- und Gebrauchtwagenpreisen erschlagen will, wieso Senioren deutlich mehr ausgeben, warum Dienstwagenfahrer hochpreisige Schlitten und Flottenmanager günstige Wagen mit no frills lieben, wo selbst der Radioknopf bei der Einkaufsverhandlung viel zu teuer ist.

Die Preise konnten ohne Weiteres wie im reichen Norwegen künstlich derart subventioniert aka gesenkt werden, dass man dort auf einen 50% Elektroanteil zurast. Das ging aber nicht gleich los. Hierzu die markante Chart mit dem erst schneckenartigen und dann explosivem Anstieg, trotzdem die Maßnahmen schon längst in Kraft waren:

Norwegen: E-Mob Förderung
Norwegen: E-Mob Förderung

Volkswirte winken gähnen ab und wissen, um was es geht: Time-Lags. Größere, komplexe Systeme reagieren immer in einem erheblichen Zeitverzug.

Zitat: „In Norwegen nahmen trotz starker Anreizmechanismen die Verkaufszahlen von Elektrofahrzeugen in den Jahren von 1990 bis 2010 nur schleppend zu. Erst als eine gewisse Modellvielfalt bei Elektroautos erreicht war, stiegen die Absatzzahlen exponentiell an (BuW 2016b: 15). Monetäre Anreize sind oftmals nicht sichtbar. Sie werden von den Autofahrern nur durch eine mediale Berichterstattung wahrgenommen. Nicht-monetäre Anreize sind hingegen im Stadtbild häufig erkennbar. Bodenmarkierungen für E-Parkplätze und Elektroautos, welche die Busspuren nutzen, sind auffällig und werden von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen.

Das führt dummerweise bei weniger smarten Politikern, bei smarten Populisten mit Dummkopfantworten und dem üblich ungeduldigem Wahlvolk zu Anti-Reaktionen. Bevor überhaupt Maßnahmen fruchten, wird herumgerudert. Mit das dämlichste was man tun kann. Aber so ist die Welt: Wieso ging das nicht gestern? Was ist das los? Wir werden untergehen! Ja, auch das ist eine typische Reaktion von Elektro-Fans, die es nicht abwarten können und die Welt sofort mit einem 2-Tonnen-Elektropanzer retten möchten.

Geduld, Gemach, Skywalkers! You cannot escape your destiny!